Die Galerie KLEMM’S und die Dialektik der gesellschaftskritischen Ästhetik im Berliner Hinterhof

Die Gründung der Galerie KLEMM’S im Jahr 2007 markierte einen entscheidenden Moment in der Evolution der Berliner Kunstlandschaft die sich zu diesem Zeitpunkt in einem rasanten Transformationsprozess befand. Sebastian Klemm und Silvia Bonsiepe traten mit einer Vision an die Öffentlichkeit die weit über die bloße Etablierung eines kommerziellen Ausstellungsraumes hinausging. Ihr Ziel war die Schaffung einer Plattform die sich konsequent der Förderung zeitgenössischer Positionen widmet welche die Kunst nicht als dekoratives Element sondern als ein Instrument der kritischen Analyse begreifen. In einer Stadt die oft von flüchtigen Trends und einer oberflächlichen Eventkultur getrieben wird setzte KLEMM’S von Beginn an auf eine inhaltliche Tiefe die den Betrachter zur aktiven Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen unserer Zeit zwingt. Die Galerie versteht sich als ein intellektuelles Kraftzentrum in dem die Ästhetik stets in einem untrennbaren Dialog mit der gesellschaftspolitischen Realität steht. Dieser Anspruch hat KLEMM’S über die Jahre zu einer der profiliertesten Adressen für Kunstliebhaber und Institutionen gemacht die nach einer substanziellen Vermittlung suchen welche die Komplexität globaler Weltereignisse nicht scheut sondern sie zum Kern des künstlerischen Schaffens erhebt.

Der strategische Rückzug aus der touristischen Peripherie von Berlin Mitte

Die geografische Odyssee der Galerie spiegelt die soziokulturellen Verschiebungen innerhalb Berlins auf faszinierende Weise wider. Die Anfänge im Herbst 2007 in Berlin Mitte waren geprägt von dem Wunsch an einem zentralen Ort präsent zu sein der den Puls der Stadt unmittelbar spürbar machte. Doch im Laufe der ersten sechs Jahre veränderte sich das Gesicht von Mitte auf eine Weise die für eine Galerie mit einem so spezifischen und tiefgründigen Fokus zunehmend problematisch wurde. Die Flut von Touristenströmen und die zunehmende Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes verdrängten jene Ruhe und Konzentration die für einen ernsthaften intellektuellen Austausch unabdingbar sind. Sebastian Klemm und Silvia Bonsiepe erkannten dass ihr Programm ein Umfeld benötigt das weniger von der flüchtigen Passage als vielmehr von einer bewussten Hinwendung geprägt ist. Im März 2013 erfolgte daher der radikale Schritt nach Kreuzberg. Mit der Eröffnung am 16. März 2013 in der Prinzessinnenstraße direkt am Moritzplatz fand die Galerie KLEMM’S ein neues Zuhause das ihrem Geist entspricht. Die Lage im Hinterhof eines Gebäudes aus den sechziger Jahren bietet jene notwendige Zurückgezogenheit die es erlaubt die Kunst als ein Refugium der Reflexion zu begreifen. Die großzügigen und offen gestalteten Räumlichkeiten bewahrten sich einen einladenden Charakter der jedoch niemals von der Ernsthaftigkeit der präsentierten Werke ablenkt.

Laboratorium für die Dekonstruktion globaler Machtstrukturen

Das verbindende Element der bei KLEMM’S vertretenen Künstler ist ihr scharfer Blick auf die Mechanismen der modernen Gesellschaft. Obwohl die technischen Ansätze und die gewählten Medien stark divergieren eint sie das Bestreben unbequeme Fragen hervorzurufen und die vermeintlichen Gewissheiten unserer Welt zu erschüttern. Die Galerie fungiert hierbei als ein Laboratorium in dem die Künstler ihre Untersuchungen zu globalen Machtverhältnissen zu Fragen der Identität und zu den ökologischen Herausforderungen der Gegenwart präsentieren können. Es geht nicht um die Reproduktion des Sichtbaren sondern um die Sichtbarmachung der verborgenen Strukturen die unser Handeln und Denken bestimmen. Diese programmatische Ausrichtung verleiht der Galerie eine Identität die durch eine hohe moralische und künstlerische Integrität gekennzeichnet ist. Die Besucher werden nicht als passive Konsumenten empfunden sondern als Dialogpartner die eingeladen sind die Komplexität der Werke zu durchdringen.

Bernard Piffaretti und die malerische Untersuchung der Repetition

Ein bedeutender Meilenstein in der programmatischen Erweiterung der Galerie war die Aufnahme des französischen Malers Bernard Piffaretti in das Portfolio. Piffaretti dessen Werk weltweit in bedeutenden Sammlungen vertreten ist bringt eine Form der Malerei in die Galerie die sich durch eine strenge konzeptionelle Logik auszeichnet. Sein zentrales Verfahren ist die Duplikation: Er teilt die Leinwand durch eine vertikale Linie und malt auf einer Seite eine abstrakte Komposition die er anschließend auf der anderen Seite so exakt wie möglich wiederholt. In diesem Prozess der Wiederholung thematisiert Piffaretti die Unmöglichkeit der vollkommenen Identität und die Rolle des Zufalls innerhalb des künstlerischen Schaffens. Für die Galerie KLEMM’S markierte seine Vertretung eine bewusste Öffnung hin zur Malerei die jedoch den hohen konzeptionellen Standard des Hauses wahrt. Piffarettis Arbeiten fordern den Betrachter dazu auf den Akt des Sehens selbst zu hinterfragen und die Unterschiede im vermeintlich Gleichen zu entdecken.

Viktoria Binschtok und die phänomenologische Befragung des fotografischen Bildes

Viktoria Binschtok ist eine weitere zentrale Säule des Programms die sich intensiv mit der Ontologie der Fotografie im digitalen Zeitalter auseinandersetzt. Ihre Arbeiten untersuchen wie Bilder durch Algorithmen und Suchmaschinen verknüpft werden und welche neuen Sinnzusammenhänge dadurch entstehen. Binschtok nimmt oft digital gefundene Bilder als Ausgangspunkt und kombiniert sie mit eigenen fotografischen Aufnahmen wodurch sie die Grenzen zwischen virtueller Realität und physischer Präsenz verwischt. Sie dekonstruiert die Sehgewohnheiten des Publikums und zeigt auf wie die Fotografie als Medium der Kritik genutzt werden kann um die Manipulationen unserer visuellen Kultur offenzulegen. Ihre Werke sind keine bloßen Abbilder der Realität sondern komplexe Konstruktionen die uns dazu zwingen die Herkunft und die Bedeutung jedes Bildes neu zu bewerten.

Die transformative Kraft der kuratorischen Carte Blanche

Ein wesentliches Merkmal der Galeriearbeit von Sebastian Klemm und Silvia Bonsiepe ist der Mut zur Abgabe von Kontrolle zugunsten neuer Perspektiven. Dies manifestiert sich besonders in dem Format der Carte-blanche-Ausstellungen. Hierbei erhalten junge Kuratorinnen und Kuratoren die vollständige Freiheit die Räumlichkeiten der Galerie nach ihren eigenen Konzepten zu bespielen. Diese Praxis erlaubt es der Galerie KLEMM’S sich ständig neu zu erfinden und Impulse aufzunehmen die außerhalb des eigenen programmatischen Tellerrands liegen. Es ist eine Form der institutionellen Selbstbefragung die sicherstellt dass die Galerie ein lebendiger Ort des Experiments bleibt. Durch diese Öffnung entstehen oft Ausstellungen die durch eine radikale Frische und eine unkonventionelle Raumausnutzung bestechen. Diese Carte-blanche-Projekte fördern zudem die Vernetzung innerhalb der jungen Kunstszene und etablieren KLEMM’S als eine Institution die den künstlerischen Nachwuchs nicht nur vertritt sondern ihm auch gestalterische Macht einräumt.

Sven Johne und die narrative Verhandlung von politischer Identität und Landschaft

Sven Johne bringt eine stark narrative Komponente in das Programm von KLEMM’S ein. Seine Arbeiten die oft Fotografie Text und Video kombinieren beschäftigen sich häufig mit der Geschichte Ostdeutschlands und den damit verbundenen gesellschaftlichen Transformationen. Johne ist ein Meister der Beobachtung der es versteht das Große im Kleinen sichtbar zu machen. Seine Werke erzählen von gescheiterten Träumen von der Suche nach Heimat und von den Auswirkungen politischer Umbrüche auf die individuelle Biografie. Dabei nutzt er oft die Landschaft als Projektionsfläche für menschliche Emotionen und historische Ereignisse. In der Galerie KLEMM’S finden seine Arbeiten einen idealen Resonanzraum da sie die gesellschaftskritische Ausrichtung des Hauses perfekt verkörpern. Er ist ein Chronist der Gegenwart der uns daran erinnert dass die Geschichte nicht abgeschlossen ist sondern in unseren Köpfen und in unserer Umwelt fortwirkt.

Intellektuelles Refugium zwischen Publikationswesen und diskursivem Austausch

Der Erfolg von KLEMM’S basiert nicht allein auf der Qualität der Ausstellungen sondern auf der Schaffung einer ganzheitlichen kulturellen Erfahrung. Die Galerie hat sich als ein Ort der Begegnung etabliert an dem regelmäßig Dinner Lesungen und Buchpräsentationen stattfinden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt zudem auf dem Publikationswesen. Sebastian Klemm und Silvia Bonsiepe engagieren sich stark für die Herausgabe von hochwertigen Künstlerbüchern und Ausstellungskatalogen. Diese Publikationen sind weit mehr als bloße Dokumentationen sie sind eigenständige Kunstobjekte die die Arbeit der Künstler wissenschaftlich begleiten und für die Nachwelt sichern.

Alexej Meschtschanow und die skulpturale Artikulation von Zwang und Freiheit

Alexej Meschtschanow ist ein Künstler dessen skulpturale Arbeiten die physische Präsenz im Raum auf eine fast schon beklemmende Weise thematisieren. Er nutzt oft Möbelstücke oder industrielle Objekte und kombiniert sie mit Stahlkonstruktionen die wie Prothesen oder Fesseln wirken. In seinen Werken untersucht Meschtschanow das Verhältnis zwischen dem Individuum und den gesellschaftlichen Zwängen denen es unterworfen ist. Seine Arbeiten besitzen eine handwerkliche Präzision die im starken Kontrast zu der oft brutalen Bildsprache steht. Meschtschanow zeigt uns dass die Ordnung der Welt oft mit Gewalt erkauft wird und dass die Schönheit in der Auflehnung gegen diese Strukturen liegen kann.

KLEMM’S im globalen Gefüge der Kunstmessen

Die internationale Bedeutung der Galerie KLEMM’S wird durch ihre kontinuierliche Präsenz auf den wichtigsten Kunstmessen der Welt untermauert. Teilnahmen an der Art Basel Miami Beach der Arco Madrid der Paris Photo sowie der Art Cologne sichern den Künstlern der Galerie eine Sichtbarkeit in einem globalen Kontext. Sebastian Klemm versteht es die spezifische Berliner Energie seines Programms in die internationalen Messekojen zu tragen und dort ein Netzwerk aufzubauen das Sammler Kuratoren und Institutionen weltweit umfasst. Trotz dieser hohen Professionalität im Marktgeschehen verliert KLEMM’S niemals den inhaltlichen Fokus aus den Augen.

Die Galerie KLEMM’S hat bewiesen dass es möglich ist in einem hochkompetitiven Umfeld erfolgreich zu sein ohne die eigenen Ideale zu verraten. Der Umzug von Mitte nach Kreuzberg war ein Akt der Selbstbehauptung der die Integrität des Programms gestärkt hat. Heute atmet die Galerie in der Prinzessinnenstraße den Geist eines modernen Berlins das sich seiner Geschichte bewusst ist und gleichzeitig den Mut besitzt die globalen Herausforderungen der Zukunft ästhetisch zu verhandeln. Die mediale Vielfalt von der exquisiten Malerei eines Renaud Regnery bis hin zu den komplexen Installationen einer Émilie Pitoiset macht KLEMM’S zu einem Ort des ständigen Wandels und der Entdeckung. Die kontinuierliche Erweiterung des Portfolios und das Engagement für junge kuratorische Stimmen sorgen dafür dass KLEMM’S am Puls der Zeit bleibt. Die Galerie hat es geschafft eine Gemeinschaft aus Künstlern und Sammlern aufzubauen die den Wert des Diskurses über den rein ökonomischen Aspekt stellt. Die langjährige Zusammenarbeit mit Akteuren wie Falk Haberkorn oder Adrian Sauer bereichert das Programm seit Jahren mit konzeptioneller Strenge. KLEMM’S ist weit mehr als eine Galerie — sie ist ein Versprechen an die Freiheit der Kunst und an die Notwendigkeit des kritischen Geistes in unserer Zeit.

Galerie KLEMM’S Berlin

Prinzessinnenstraße 29, 10969 Berlin
Telefon: +49 30 40504953
E-Mail: info@klemms-berlin.com
Webseite: www.klemms-berlin.com

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die wichtigsten Galerien in Berlin vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen Positionen, die die Kunst als Instrument der kritischen Analyse und der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung begreifen.