Georg Baselitz der mit bürgerlichem Namen Hans-Georg Kern heißt ist eine der streitbarsten und zugleich einflussreichsten Figuren der zeitgenössischen Kunst. Seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat er die moderne Kunstwelt geprägt wie kaum ein anderer deutscher Maler und Bildhauer. Sein Weg war von Beginn an von Widerstand und bewusster Grenzverschreitung gezeichnet. Baselitz ist ein Künstler der das Unbequeme sucht und die Betrachter durch anstößige Darstellungen und polemische Äußerungen herausfordert. Heute gehört er zu den wenigen lebenden Weltstars aus Deutschland dessen Werke auf dem globalen Markt Höchstpreise erzielen und in den bedeutendsten Museen der Welt vertreten sind. Seine Kunst ist ein Monument des Eigensinns das sich jeder einfachen Einordnung entzieht und stattdessen eine tiefe Auseinandersetzung mit der Geschichte der Form und der Last der Vergangenheit einfordert. Er ist ein Solitär der die Malerei nicht als harmonisches Abbild sondern als existenzielles Schlachtfeld begreift auf dem um die Wahrheit des Ausdrucks gerungen wird.
Der Aufbruch aus der ideologischen Enge von Deutschbaselitz
Die Karriere von Hans-Georg Kern begann mit einem Eklat der bereits den Kern seiner späteren künstlerischen Identität vorwegnahm. Geboren im sächsischen Deutschbaselitz suchte er früh seinen eigenen Weg in einer Kunstwelt die zwischen den Fronten des Kalten Krieges zerrissen war. Doch schon nach zwei Semestern an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Ostberlin wurde er wegen gesellschaftspolitischer Unreife exmatrikuliert. Dieser frühe Rauswurf sollte bezeichnend für seinen weiteren Werdegang sein da er sich weigerte die Doktrin des sozialistischen Realismus als das einzige Maß der Dinge zu akzeptieren. Die Flucht in den westlichen Teil Berlins markierte nicht nur einen geografischen Wechsel sondern den Beginn einer lebenslangen Suche nach einer künstlerischen Freiheit die sich gegen jede Form der Bevormundung zur Wehr setzt. Auch Gerhard Richter floh wenige Jahre später aus der DDR nach Düsseldorf und rang dort mit der Frage, wie die Malerei nach dem Krieg und nach dem Sozialistischen Realismus überhaupt noch möglich sei — doch während Richter die Malerei durch das Prinzip der Unschärfe und der analytischen Distanz rettete, wählte Baselitz den diametralen Weg: Er setzte auf rohe expressive Gewalt und die frontale Konfrontation mit dem Betrachter.
Die pandämonische Manifestation des Unbehagens
Seit dem Jahr 1961 nannte sich der Künstler nach seinem Geburtsort Baselitz und begann mit seinen pandämonischen Manifesten die Schlagzeilen zu erobern. Gemeinsam mit seinem Weggefährten Eugen Schönebeck formulierte er eine Absage an die Harmonie und den guten Geschmack. Seine halluzinatorischen Bilder jener Jahre waren geprägt von einer deformierten Körperlichkeit die tief in der menschlichen Psyche grabte. Die erste Einzelausstellung in der Galerie Werner und Katz im Jahr 1963 führte zu einem polizeilichen Eingriff und zur Beschlagnahmung von Werken wie Die große Nacht im Eimer. Die Darstellung eines masturbierenden Knaben wurde als pornografisch und jugendgefährdend eingestuft doch für Baselitz war es der notwendige Bruch mit der bürgerlichen Moral um zur Essenz der menschlichen Existenz vorzudringen. Diese Phase seines Schaffens war eine radikale Untersuchung des Schmutzigen des Abseitigen und des Hässlichen. Damit gab er der deutschen Kunst eine Stimme die den Schmerz der jüngsten Geschichte nicht weglächelte sondern ihn in seiner ganzen Hässlichkeit auf die Leinwand wuchtete.
Die Erschaffung des neuen Helden als gebrochenes Monument
Blickt man auf das umfangreiche Lebenswerk von Georg Baselitz lässt es sich in deutlich voneinander abgrenzbare Kapitel unterteilen die jeweils eine Phase der radikalen Neuerfindung markieren. In der Mitte der sechziger Jahre trat sein Typus des neuen Helden in Erscheinung. Diese Helden waren jedoch keine strahlenden Sieger sondern tragische Figuren die oft aufgeblasen deformiert und seltsam verloren in einer verwüsteten Landschaft wirkten. In zerschlissenen Uniformen und mit überdimensionalen Gliedmaßen schienen sie die Last einer Schuld zu tragen die sie kaum aufrecht halten konnten. Diese Arbeiten verarbeiteten das Trauma der deutschen Vergangenheit auf eine Weise die viele Zeitgenossen zutiefst verstörte. Auch Anselm Kiefer hat die Wunden der deutschen Geschichte zum zentralen Sujet seiner Kunst gemacht — doch während Kiefer die Schuld in monumentalen Materiallandschaften aus Blei Stroh und Asche beschwört und ihr eine fast mythische Schwere verleiht, malt Baselitz seine gebrochenen Helden als deformierte Figuren die unter der Last einer Schuld taumeln die sie weder benennen noch abwerfen können. Wenig später begann er seine Bildmotive zu zerstückeln und in sogenannten Frakturbildern neu zusammenzusetzen. Dieser Prozess der formalen Zersplitterung war die Vorstufe zu seiner bedeutendsten künstlerischen Entdeckung.
Die radikale Befreiung der Malerei durch das Prinzip der Umkehrung
Im Jahr 1969 gelang Georg Baselitz sein wohl bekanntester Geniestreich der die Kunsttheorie der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts maßgeblich beeinflussen sollte: das Umdrehen der Motive. Mit dem Bild Der Wald auf dem Kopf brach er endgültig mit der konventionellen Sehweise. Indem Baselitz seine Motive auf den Kopf stellt zwingt er den Betrachter sich von der abgebildeten Realität zu lösen und das Werk rein als Malerei als ein Gefüge aus Farbe Form und Struktur wahrzunehmen. Dies war kein billiger Trick zur Erzeugung von Aufmerksamkeit sondern eine tiefgreifende philosophische Entscheidung. Er wollte die Figur erhalten aber ihre erzählerische Last abwerfen. Das Motiv wird durch die Umkehrung neutralisiert ohne verschwinden zu müssen. Die Malerei befreite sich dadurch von der Pflicht der Illustration und wurde zu einem autonomen Ereignis auf der Leinwand. Es war die Geburtsstunde einer neuen Ästhetik die das Bild als physisches Objekt ernst nahm und die Hierarchie zwischen Oben und Unten für immer auflöste.
Die archaische Urkraft der bildhauerischen Arbeit am Holz
Ein Überblick über das Schaffen von Georg Baselitz wäre unvollständig ohne die Betrachtung seiner massiven Holzskulpturen. Hier zeigt sich die physische Gewalt seines Schaffensprozesses am deutlichsten. Baselitz bearbeitet das Material nicht mit der feinen Klinge sondern mit der Axt und der Kettensäge. Der enorme Körpereinsatz des Künstlers ist in jeder Kerbe und jedem Splitter physisch spürbar. Bei seinem Debüt als Bildhauer auf der Biennale von Venedig im Jahr 1980 löste er erneut einen Skandal aus da die monumentale Holzfigur mit erhobenem Arm als Nazi-Gruß missverstanden wurde. Doch Baselitz ging es um die archaische Kraft der Form und um die Verbindung zur afrikanischen Plastik sowie zum deutschen Expressionismus. Diese Skulpturen sind wie seine Bilder Solitäre die den Raum besetzen und den Betrachter mit einer rohen ungeschminkten Realität konfrontieren die keine Kompromisse eingeht.
Der Remix-Zyklus: Dialog mit der eigenen Ikonografie
In seinen jüngeren Werkphasen hat sich Georg Baselitz erneut gewandelt und bewiesen dass er nicht bereit ist in der eigenen Legende zu erstarren. Er begann seine eigenen ikonischen Motive der Vergangenheit in einer Serie von Remix-Bildern neu zu interpretieren. Diese Arbeiten sind jedoch keine Kopien sondern radikale Neuschöpfungen. Der Farbauftrag wurde dünner fast schon transparent und der Duktus gewann an Schnelligkeit und Leichtigkeit. Es ist als ob Baselitz seine eigenen Entdeckungen durch die Brille der Erfahrung und einer gewissen Altersweisheit betrachtet. Dieser Prozess des Remixens ist eine Form der Selbstbefragung und eine Untersuchung der Beständigkeit von Bildern in der Zeit.
Die finale Auseinandersetzung mit der Schwärze der Endlichkeit
Aktuell dominieren dunkle fast schon monochrome Töne das Schaffen des Meisters. Er übermalt bunte Kompositionen mit tiefem Schwarz oder konzentriert sich auf die Darstellung von Körperteilen die im dunklen Raum zu verschwinden scheinen. Diese Reduktion wirkt wie eine letzte ernste Auseinandersetzung mit der Endlichkeit und der Essenz der Malerei an sich. Die Beine und Füße die oft als einsame Fragmente im Bildraum hängen werden zu Symbolen für das Gehen und das Verlassen der Welt. Baselitz reflektiert über den eigenen Verfall und die Vergänglichkeit des Fleisches während er gleichzeitig die Unsterblichkeit der künstlerischen Geste behauptet.
Georg Baselitz als ewiger Außenseiter an der Weltspitze
Baselitz hat es geschafft sich als Quereinsteiger und ewiger Außenseiter an die absolute Spitze des globalen Kunstmarktes zu kämpfen. Sein Selbstbewusstsein war dabei stets unerschütterlich. Er hat sich nie einer Gruppe oder einer modischen Strömung untergeordnet sondern blieb ein Solitär der die Reibung mit der Gesellschaft als lebensnotwendigen Treibstoff für seine Kreativität nutzt. Die Radikalität mit der er die Welt bildlich auf den Kopf gestellt hat sicherte ihm einen dauerhaften Platz im Olymp der Kunstgeschichte.
Die globale Wertschätzung die Georg Baselitz heute erfährt ist das Ergebnis einer lebenslangen Verweigerung gegenüber dem Einfachen. Seine Bilder hängen in der Tate Modern in London im Museum of Modern Art in New York und im Centre Pompidou in Paris. Baselitz erinnert uns daran dass Kunst wehtun darf und dass sie eine Aufgabe hat die über die reine Dekoration hinausgeht. Er hat die deutsche Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg wieder international konkurrenzfähig gemacht indem er ihr eine eigene unverwechselbare Identität gab die tief in der europäischen Kulturgeschichte verwurzelt ist.
In der Gesamtschau seines Lebenswerkes wird deutlich dass Georg Baselitz die Malerei gerettet hat indem er sie zerstörte und neu zusammensetzte. Er hat uns gelehrt dass man die Perspektive wechseln muss um die Wahrheit zu sehen. Sein Vermächtnis liegt nicht in der Schönheit seiner Motive sondern in der Radikalität seines Denkens. Die Welt steht bei ihm Kopf weil sie nur so erträglich wird und weil nur so die malerische Qualität rein und unverfälscht zum Vorschein kommen kann. Baselitz ist ein Beweis dafür dass man durch Eigensinn Weltgeltung erlangen kann wenn man bereit ist den Preis der Einsamkeit und der ständigen Auseinandersetzung zu zahlen.
Mehr Informationen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Baselitz
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Malerei als existenzielles Schlachtfeld begreifen.
