Die Berlinische Galerie als Epizentrum der urbanen Moderne und das visuelle Gedächtnis einer Metropole

Im Berliner Ortsteil Kreuzberg eingebettet in die geschichtsträchtige Umgebung der Alten Jakobstraße befindet sich die Berlinische Galerie. Als Stiftung öffentlichen Rechts fungiert sie nicht nur als Institution sondern als das offizielle Landesmuseum für moderne Kunst Architektur und Fotografie. Seit ihrer Gründung hat sie es sich zur Aufgabe gemacht die in Berlin entstandene Kunst in all ihren Facetten zu sammeln zu bewahren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dabei blickt das Haus auf einen beeindruckenden Bestand zurück dessen älteste Werke bis in das Jahr 1870 zurückreichen. Unter der Leitung des Kunsthistorikers Thomas Köhler der seit September 2010 als Direktor die Geschicke des Hauses lenkt hat sich das Museum zu einem Ort entwickelt der sowohl regionale Identität stiftet als auch internationale Strahlkraft besitzt. Es ist die spezifische Berliner Mischung aus politischer Zerrissenheit gesellschaftlichem Aufbruch und radikaler Ästhetik die hier eine museale Heimat gefunden hat. Die Berlinische Galerie versteht sich dabei keineswegs als statischer Verwahrungsort für Vergangenes sondern als ein lebendiger Organismus der den Diskurs über die Gegenwart aktiv mitgestaltet und die Grenzen zwischen den Disziplinen Malerei Fotografie und Architektur immer wieder neu auslotet.

Die Odyssee durch das geteilte Berlin: Von der privaten Initiative zum Landesmuseum

Die Geschichte der Berlinischen Galerie ist geprägt von einer langjährigen Suche nach einem festen Standort und einer eigenen institutionellen Identität. Im Jahr 1975 wurde sie zunächst als privater Verein ins Leben gerufen mit dem Ziel das Berliner Kunstschaffen jenseits der großen staatlichen Museen sichtbarer zu machen. In den Anfangsjahren verfügte die Galerie über keine eigenen Ausstellungsflächen und agierte von einem schlichten Büro in Charlottenburg aus. Die Präsentationen fanden damals als Gastspiele in renommierten Häusern wie der Neuen Nationalgalerie oder der Akademie der Künste statt was den nomadischen Charakter der frühen Phase unterstrich. Erst 1978 fand der Verein im Landwehr-Kasino in der Jebensstraße eine erste feste Bleibe bevor er 1986 in den Martin-Gropius-Bau umzog. Diese wechselvolle Geschichte spiegelt die prekäre Situation der Berliner Kulturszene in der Zeit der Teilung wider in der privates Engagement oft die Lücken füllen musste die durch die staatliche Kulturpolitik entstanden waren.

Die Symbiose aus industrieller Bausubstanz und dem Skulpturenpark Kunst Stadt Raum

Nach einer Phase ohne festes Domizil markierte der 22. Oktober 2004 den entscheidenden Wendepunkt in der Institutionsgeschichte. Mit der Eröffnung einer umgebauten Industriehalle in der Alten Jakobstraße erhielt die Berlinische Galerie endlich ein eigenes Haus das ihren Anforderungen an eine moderne Museumsarbeit gerecht wurde. Auf einer großzügigen Ausstellungsfläche von 4.600 Quadratmetern kann das Museum nun seinen vielschichtigen Sammlungscharakter voll entfalten. Schon vor dem Betreten des Gebäudes werden die Besucher von einer monumentalen Metallskulptur des Bildhauer-Ehepaars Matschinsky-Denninghoff empfangen deren verschlungene Formen als Sinnbild für die verwobene Geschichte der Stadt gelesen werden können. Da der Platz innerhalb des Gebäudes für die Fülle der Werke oft nicht ausreicht erstreckt sich die Kunst konsequent in den öffentlichen Raum. Unter dem Titel Kunst Stadt Raum bildet ein Skulpturenpark in den umliegenden Straßen eine organische Verbindung zwischen dem Museum und dem städtischen Leben Kreuzbergs. Dieser Dialog mit der Nachbarschaft unterstreicht den Anspruch der Galerie kein elitärer Elfenbeinturm zu sein sondern ein integraler Bestandteil des urbanen Gefüges Berlins.

Hannah Höch, Otto Dix und George Grosz als Seismographen der Berliner Moderne

Im Obergeschoss präsentiert das Museum eine chronologisch geordnete Auswahl seiner Meisterwerke die die radikalen Umbrüche des zwanzigsten Jahrhunderts in einer Dichte erfahrbar machen wie kaum ein anderer Ort. Ein zentrales Augenmerk liegt auf den Positionen des Berliner Dadaismus und der Neuen Sachlichkeit. Hannah Höch die einzige Frau im inneren Zirkel der Dadaisten ist mit ihren bahnbrechenden Montagen vertreten die die Identitätskonstruktionen der Weimarer Republik kritisch hinterfragen. Ebenso bilden die Werke von George Grosz und Otto Dix ein unbestechliches Archiv der sozialen Verwerfungen und der politischen Instabilität jener Jahre. Ihr scharfer oft zynischer Blick auf die Gesellschaft der Zwischenkriegszeit hat das Bild Berlins als Metropole der Sünde und des Elends weltweit geprägt. Die Berlinische Galerie leistet hier eine unverzichtbare Arbeit indem sie diese Werke nicht nur ästhetisch würdigt sondern sie als historische Dokumente einer krisenhaften Moderne kontextualisiert.

Max Liebermann, Lovis Corinth und die Berliner Secession

Die Bestände der bildenden Kunst reichen weit vor die radikalen Experimente des Dadaismus zurück. Die Ära der Berliner Secession ist mit Meistern wie Lovis Corinth Max Liebermann Hans Baluschek und Franz Skarbina prominent vertreten. Diese Künstler markierten den Übergang vom akademischen Historismus zur Moderne und erkämpften für die Kunst eine neue Autonomie. Max Liebermanns impressionistische Gartenansichten kontrastieren dabei reizvoll mit den sozialkritischen Darstellungen von Hans Baluschek der die industrielle Arbeitswelt und das Leben des Proletariats in den Fokus rückte. Die Berlinische Galerie bewahrt diese Werke als Fundament auf dem die späteren avantgardistischen Bewegungen aufbauen konnten.

Interdisziplinäres Archiv für Fotografie und die Baukunst der geteilten Stadt

Das Innere der Berlinischen Galerie ist weit mehr als eine reine Ausstellungsfläche es ist ein hochmoderner Kulturkomplex der auf zwei Ebenen Raum für unterschiedlichste Bedürfnisse bietet. Neben der bildenden Kunst beherbergt das Haus eine bedeutende Sammlung von Architekturmodellen und Fotografien was das Profil der Galerie als interdisziplinäres Landesmuseum schärft. Die Fotosammlung umfasst Dokumente die von den Anfängen des Mediums bis in die unmittelbare Gegenwart reichen und die Stadtentwicklung Berlins visuell dokumentieren. Ebenso einzigartig ist das Architekturarchiv das Entwürfe und Modelle beherbergt die die bauliche Transformation der geteilten und später wiedervereinten Stadt abbilden. Ein umfassendes Archiv sowie ein Studiensaal ermöglichen es Forschern und Interessierten direkt mit den Originalquellen zu arbeiten. Eine Fachbibliothek ein Vortragssaal sowie ein Museumsshop und ein Café ergänzen das Angebot und machen das Haus zu einem lebendigen Treffpunkt für die Berliner Stadtgesellschaft und internationale Gäste.

Georg Baselitz, Wolf Vostell und die Jungen Wilden

Den Brückenschlag in die jüngere Vergangenheit und Gegenwart bilden Arbeiten von Georg Baselitz Wolf Vostell und Ursula Sax sowie Gemälde der Jungen Wilden. Diese Positionen stehen für den Aufbruch der achtziger Jahre und die radikale Befragung der Malerei im geteilten Berlin. Georg Baselitz dessen Arbeiten die herkömmlichen Sehgewohnheiten durch die Umkehrung des Motivs herausfordern ist hier ebenso vertreten wie Wolf Vostell der als Pionier des Fluxus und der Videokunst die Grenzen des musealen Raumes immer wieder sprengte. Die Jungen Wilden wiederum brachten eine neue Expressivität und eine ungestüme Farbigkeit in die Galerien die als Reaktion auf die kühle Konzeptkunst der vorangegangenen Jahre gelesen werden kann. Die Berlinische Galerie fungiert hier als Chronist einer Zeit in der die Stadt als Experimentierfeld für alternative Lebensentwürfe und künstlerische Radikalität diente.

Gesellschaftlicher Bildungsauftrag zwischen Kunstschule und GASAG Kunstpreis

Das Erdgeschoss der Galerie ist dem dynamischen Sonderausstellungsprogramm vorbehalten das den Bogen von den Klassikern der Moderne bis hin zu radikalen zeitgenössischen Positionen spannt. Ein Highlight der Förderung aktueller Kunst ist der GASAG Kunstpreis der seit 2010 in Kooperation mit der Berlinischen Galerie verliehen wird. Dieser Preis ehrt regelmäßig herausragende künstlerische Positionen an der Schnittstelle von Kunst und Technik und ermöglicht es jungen Talenten ihre Werke in einem institutionellen Rahmen von internationalem Rang zu präsentieren. Flankiert werden diese Ausstellungen durch ein dichtes Netz an Veranstaltungen wie Konzerten Filmvorführungen Kuratorenführungen und Künstlergesprächen die den Austausch zwischen Künstlern und Publikum fördern. Besonders hervorzuheben ist die Kunstschule für Erwachsene und Kinder die aktiv die kreative Auseinandersetzung mit den gezeigten Inhalten fördert.

Die grafische Sammlung und die Dokumentation der flüchtigen Moderne

Ein oft unterschätzter aber qualitativ herausragender Bestandteil der Berlinischen Galerie ist die grafische Sammlung mit rund 15.000 Arbeiten auf Papier. Diese Werke die aufgrund ihrer Lichtempfindlichkeit nur selten dauerhaft gezeigt werden können offenbaren die zeichnerische Präzision und die experimentelle Freude der Berliner Künstler über eineinhalb Jahrhunderte hinweg. Von den feinen Skizzen der Impressionisten bis hin zu den wütenden Federzeichnungen der Expressionisten dokumentiert die grafische Sammlung die unmittelbare Ideenfindung im künstlerischen Prozess. Im Studiensaal haben Besucher die Möglichkeit diese Schätze nach Voranmeldung aus nächster Nähe zu betrachten.

In der Gesamtschau ihrer Bestände und ihrer Aktivitäten wird deutlich dass die Berlinische Galerie weit mehr ist als ein klassisches Kunstmuseum. Sie ist ein lebendiges Gedächtnis der Stadt Berlin das die Vergangenheit bewahrt und die Zukunft der Kunst aktiv mitgestaltet. Die Berlinische Galerie erzählt die Geschichte einer Stadt die wie kaum eine andere durch Brüche Katastrophen und Neuanfänge geprägt wurde und zeigt wie die Kunst diese Erfahrungen in eine universelle Sprache übersetzt hat. Wer Berlin verstehen will muss die Werke von Grosz Dix Höch und Baselitz in diesem Haus gesehen haben da sie die DNA dieser Metropole in sich tragen. Die Beständigkeit mit der die Galerie ihre Sammlung pflegt und erweitert ist ein Versprechen an die kommenden Generationen dass die kreative Energie Berlins auch in Zukunft einen festen und würdigen Ort der Sichtbarkeit haben wird.

Berlinische Galerie

Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin
Telefon: +49 30 789 02 600
Öffnungszeiten: Mi–Mo; 10–18 Uhr, Dienstag geschlossen
E-Mail: bg@berlinischegalerie.de
Webseite: www.berlinischegalerie.de

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die wichtigsten Galerien und Institutionen in Berlin vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen Positionen, die die radikale Berliner Tradition zwischen Figuration und Abstraktion fortführen.