Gerhard Richter nimmt innerhalb der globalen Kunstlandschaft eine Position ein die weit über die bloße Rolle eines erfolgreichen Malers hinausgeht. Er ist vielmehr ein philosophischer Forscher der das Medium Malerei in einer Ära gerettet hat in der es durch die Fotografie und die digitalen Medien bereits für obsolet erklärt wurde. Sein Weg begann mit einer soliden handwerklichen Basis als er von eintausendneunhundertneunundvierzig bis eintausendneunhunderteinundfünfzig eine Ausbildung zum Werbemaler absolvierte. Diese frühen Erfahrungen mit der Gestaltung von Schriften und Plakaten sowie der präzisen Bearbeitung von Oberflächen sollten seinen späteren Blick auf die Reproduzierbarkeit von Bildern maßgeblich beeinflussen. In jenen Jahren lernte er dass Bilder oft nur Schichten sind die eine tiefere Wahrheit verbergen oder eine oberflächliche Botschaft transportieren können. Sein folgendes Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden stand noch ganz im Zeichen des Sozialistischen Realismus der offiziellen Staatskunst der DDR. Ein bleibendes Zeugnis dieser Zeit ist das Wandbild für das Dresdner Hygienemuseum das er im Jahr eintausendneunhundertsechsundfünfzig im Rahmen seiner Diplomarbeit schuf. Doch die ideologische Enge des Ostens und die Verpflichtung zur heroischen Darstellung der Gesellschaft wurden für den jungen Künstler bald unerträglich da er bereits damals eine tiefere Skepsis gegenüber jeder Form von politischer Vereinnahmung verspürte.
Die Flucht und der radikale Neuanfang in der rheinischen Avantgarde
Das Jahr eintausendneunhunderteinundsechzig markierte eine existenzielle Wende in Richters Leben und Schaffen. Kurz vor dem Bau der Berliner Mauer gelang ihm gemeinsam mit seiner Frau die Flucht in die Bundesrepublik Deutschland. Dieser biografische Bruch bedeutete auch einen künstlerischen Nullpunkt da er seine gesamte bisherige Produktion zurücklassen musste. Richter begann ein erneutes Studium an der Kunstakademie Düsseldorf wo er bis eintausendneunhundertvierundsechzig unter anderem bei Karl Otto Götz lernte. In Düsseldorf kam er in Kontakt mit den radikalen Strömungen der Zeit insbesondere mit der Pop Art und der Fluxus Bewegung die den traditionellen Kunstbegriff in Frage stellten. Die Akademie wurde später auch sein berufliches Zuhause als er dort von eintausendneunhunderteinundsiebzig bis eintausendneunhundertdreiundneunzig eine Professur für Malerei innehatte und Generationen von Künstlern prägte. Seit eintausendneunhundertdreiundachtzig lebt und arbeitet der Maler in Köln von wo aus er sein weltweites Werk steuert das heute in den bedeutendsten Sammlungen der Welt als Inbegriff der zeitgenössischen deutschen Kunst gilt. Er hat es geschafft sich von der Enge der ideologischen Systeme zu befreien um stattdessen ein System des Zweifels zu etablieren das keine einfachen Antworten mehr zulässt.
Kapitalistischer Realismus und die methodische Kraft der Unschärfe
Richters Werk entzieht sich bis heute einer einfachen Kategorisierung oder einer linearen stilistischen Einordnung. In seinen Anfängen im Westen prägte er gemeinsam mit Künstlern wie Sigmar Polke den Begriff des Kapitalistischen Realismus. Ihre legendäre Ausstellung im Jahr eintausendneunhundertdreiundsechzig unter dem Titel Leben mit Pop eine Demonstration für den kapitalistischen Realismus war eine ironische Antwort auf den Sozialistischen Realismus des Ostens und die aufkeimende Konsumkultur des Westens zugleich. In dieser Performance präsentierten sie sich in einem Möbelhaus als lebende Exponate und machten deutlich dass Kunst in der Moderne untrennbar mit den Warenströmen und den medialen Bildern verbunden ist. Bekannt wurde Richter vor allem durch seine Fotomalereien die einen völlig neuen Umgang mit der Repräsentation ermöglichten. Er übertrug Amateuraufnahmen sowie Zeitungsbilder oder private Familienfotos mit akribischer Genauigkeit auf die Leinwand nur um die noch feuchte Farbe anschließend mit einem Wischer oder Pinsel zu verwischen. Diese typische Richter Unschärfe erzeugt eine Distanz zum Motiv und stellt die fundamentale Frage nach der Wahrheit des Mediums Fotografie. Das Bild wird zu einem Schleier der gleichzeitig zeigt und verbirgt was wir als Realität wahrzunehmen glauben. Es ist eine Malerei die nicht mehr das Wesen der Dinge abbildet sondern die Mechanismen unserer Wahrnehmung seziert.
Zwischen radikaler Abstraktion und der Präzision des Augenblicks
Die Vielseitigkeit von Gerhard Richter ist sein markantestes Merkmal und zugleich seine größte Provokation für die Kunstkritik. Er beherrscht den fotorealistischen Akt ebenso wie das rein abstrakte Experiment ohne dass sich diese Pole in seinem Werk widersprechen würden. Seine abstrakten Bilder die oft mit einer riesigen Rakel entstehen wirken wie geologische Schichten aus Farbe die übereinandergelegt und wieder aufgerissen werden. Hier dominiert der Zufall den Richter jedoch mit einer fast schon wissenschaftlichen Strenge kontrolliert einsetzt. Diese Werke erzielen heute auf dem internationalen Kunstmarkt schwindelerregende Preise die den Status des Künstlers als globale Ikone untermauern. Ein Abstraktes Bild wurde im Jahr zweitausendfünfzehn für zweiundvierzig Millionen Euro versteigert was ihn zu einem der teuersten lebenden Künstler der Welt machte. Sein Erfolg auf der documenta in Kassel wo er insgesamt acht Mal vertreten war zementierte seinen Status als wichtigster deutscher Maler der Gegenwart. Richter nutzt den Markt nicht als Selbstzweck sondern als Resonanzraum für seine Untersuchungen über den Wert und die Flüchtigkeit von Bildern in einer überreizten Gesellschaft. Jedes seiner Werke ist ein stiller Protest gegen die schnelle Konsumierbarkeit der Kunst.
Das Richter Fenster im Kölner Dom als monumentale Lichtstudie
Ein monumentales Beispiel für seine Arbeit mit Licht und Farbe ist das sogenannte Richter Fenster im Südquerhaus des Kölner Doms das im Jahr zweitausendsieben fertiggestellt wurde. Auf einer Fläche von über einhundert Quadratmetern arrangierte er elftausendfünfhundert kleine Quadrate aus mundgeblasenem Echtantikglas in zweiundsiebzig verschiedenen Farben. Die Anordnung basiert teilweise auf einem Zufallsgenerator was in der sakralen Umgebung des Doms für hitzige Diskussionen und einen tiefen Riss innerhalb der kirchlichen Gemeinde sorgte. Während Kritiker wie der damalige Kardinal Meisner eine fehlende christliche Ikonografie bemängelten lobten andere das faszinierende Spiel des Lichts das den sakralen Raum je nach Sonnenstand in ein immer neues Farbenmeer taucht. Es ist ein Werk das die Grenzen zwischen moderner Abstraktion und mittelalterlicher Tradition auflöst und zeigt dass die Kraft der Farbe an sich eine spirituelle Dimension besitzen kann. Richter verzichtete hier bewusst auf figürliche Darstellungen um stattdessen die reine Präsenz des Lichts wirken zu lassen. Damit schuf er einen Ort der Stille und der Meditation der sich den dogmatischen Bildvorgaben entzieht.
Der Zyklus Birkenau und die ethischen Grenzen der malerischen Darstellung
Zu seinen bedeutendsten und zugleich umstrittensten Spätwerken gehört zweifellos der Zyklus Birkenau aus dem Jahr zweitausendvierzehn. In vier großformatigen Bildern setzt sich Richter mit dem Holocaust und der Vernichtung der europäischen Juden auseinander. Die Basis bilden vier heimliche Fotografien die im Jahr eintausendneunhundertvierundvierzig von Häftlingen des Sonderkommandos im Vernichtungslager Birkenau aufgenommen wurden. Richter übertrug diese erschütternden Motive zunächst auf die Leinwand übermalte sie dann jedoch Schicht um Schicht mit abstrakten Farben bis die ursprünglichen Schrecken für das Auge nicht mehr erkennbar waren. Diese Radikalität in der Abstraktion stieß auf heftige Kritik in der Fachwelt. Kunsthistoriker warfen ihm vor das Grauen hinter einer ästhetischen Oberfläche zu verstecken und eine Beliebigkeit zu erzeugen die dem Ernst des Themas nicht gerecht werde. Doch es gibt auch gewichtige Stimmen die diesen Ansatz verteidigen. Überlebende finden gerade in dieser Verweigerung der direkten Abbildung eine tiefe Wahrheit über das Unaussprechliche. Da der Holocaust das menschliche Vorstellungsvermögen übersteigt scheint eine direkte malerische Darstellung oft unmöglich oder gar unangemessen. Richter nutzt die Abstraktion hier nicht als Dekoration sondern als Form der Trauerarbeit und als Eingeständnis der totalen Sprachlosigkeit gegenüber dem Unbeschreiblichen. Die Bilder sind ein Palimpsest der Geschichte bei dem das Grauen unter der Oberfläche weiterlebt auch wenn es unsichtbar geworden ist.
Familiengeschichte und die Aufarbeitung politischer Traumata auf der Leinwand
Die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und den eigenen familiären Verstrickungen zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Leben von Gerhard Richter. Ein frühes Schlüsselwerk ist das Bild Tante Marianne aus dem Jahr eintausendneunhundertfünfundsechzig. Das Doppelporträt basiert auf einem Foto das Richter als Kleinkind mit seiner Tante zeigt. Erst Jahrzehnte später wurde die tragische Dimension des Bildes vollends klar als die Forschung ergab dass seine Tante ein Opfer des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten wurde während sein damaliger Schwiegervater als hochrangiger Arzt an eben jenen Programmen beteiligt war. Diese persönliche Verstrickung in die Täter und Opferbiografien der NS Zeit spiegelt sich in der kühlen fast schon klinischen Distanz seiner Malweise wider. Richter nutzt die Malerei um das Unerträgliche festzuhalten ohne es zu dramatisieren. Auch der Zyklus achtzehnter Oktober eintausendneunhundertsiebenundsiebzig der die Mitglieder der RAF in ihren Gefängniszellen zeigt löste bei seinem Erscheinen im Jahr eintausendneunhundertachtundachtzig einen Skandal aus. Richter malte die Terroristen nicht als Helden oder Monster sondern als gescheiterte tote Individuen in einem grauen nebligen Licht. Er verweigerte jede politische Stellungnahme und zwang den Betrachter stattdessen zur reinen Beobachtung des Endes einer zerstörerischen Ideologie.
Die Ästhetik des Schweigens und die Skepsis gegenüber der Macht der Bilder
Richters Werk ist insgesamt geprägt von einer tiefen Skepsis gegenüber der Macht und der Zuverlässigkeit von Bildern. Er traut weder der politischen Ideologie noch der reinen fotografischen Abbildung. Seine Bilder wie Ema Akt auf einer Treppe oder Betty zeigen seine eigene Familie in intimen Momenten doch durch die Technik der Unschärfe entziehen sie sich dem direkten Zugriff des Betrachters. Betty das berühmte Porträt seiner Tochter die sich vom Publikum abwendet und eines seiner grauen abstrakten Bilder betrachtet ist ein Sinnbild für seine gesamte Kunstauffassung. Sie schaut weg von uns und hin zum Nichts oder zur reinen Farbe. Damit thematisiert Richter die Unmöglichkeit einer echten Begegnung im Bild. Gerhard Richter bleibt ein Künstler der großen Widersprüche die er niemals aufzulösen versucht. Er ist der wohlhabende Star des globalen Kunstmarkts der sich gleichzeitig in die absolute Stille seines Kölner Ateliers zurückzieht um dort Tag für Tag an der Leinwand zu arbeiten. Er ist der Maler der die Malerei oft für tot erklärt hat nur um sie dann mit jedem einzelnen Pinselstrich wiederzubeleben und ihre Relevanz zu beweisen. Seine Werke fordern uns heraus genau hinzusehen und gleichzeitig zu akzeptieren dass wir niemals die ganze Wahrheit sehen können. Er hat die Malerei in eine neue Ära geführt in der das Bild kein Fenster zur Welt mehr ist sondern ein Spiegel unserer eigenen Wahrnehmung und unseres produktiven Zweifels.
Die Beständigkeit mit der Richter seine Themen verfolgt macht ihn zu einer moralischen Instanz der Kunst die den Betrachter immer wieder auf sich selbst zurückwirft. In einer Welt die von digitalen Filtern und künstlichen Realitäten beherrscht wird wirkt seine Malerei wie ein Anker der uns an die physische Realität des Materials und die Grenzen unserer Erkenntnis erinnert. Die Stille die von seinen Bildern ausgeht ist eine Antwort auf den Lärm der Gegenwart. Richter hat uns gelehrt dass die Malerei dort beginnt wo die Worte enden und dass die wahre Meisterschaft darin liegt das Unsagbare in der Schwebe zu halten. Seine Werke sind Denkmäler der Ungewissheit die uns dazu einladen die Welt mit neuen Augen zu sehen und den Zweifel als eine Form der Freiheit zu begreifen. Damit bleibt er der Architekt einer Bildwelt die uns auch in Zukunft noch beschäftigen wird da sie den Kern unserer menschlichen Existenz berührt.
Mehr Informationen unter: https://www.gerhard-richter.com/de/
Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.
