In der Mitte Deutschlands geschieht alle fünf Jahre etwas das die kulturellen Koordinaten des gesamten Planeten neu ausrichtet und die beschauliche Stadt Kassel in das unangefochtene Zentrum der globalen Kunstwelt verwandelt. Die documenta ist weit mehr als eine einfache Ausstellung; sie ist eine pulsierende Institution der Gegenwart die sich als das weltweit bedeutendste Ereignis für zeitgenössische Kunst etabliert hat. Ihre Wirkung ist so tiefgreifend dass sie die Art und Weise wie wir über Ästhetik und Politik sowie über das Wesen der Gesellschaft nachdenken immer wieder aufs Neue herausfordert. Da die Dauer dieser Schau stets auf genau einhundert Tage begrenzt ist hat sich der poetische Begriff vom Museum der hundert Tage gefestigt. Die Interpretation dessen was die documenta eigentlich darstellt wandelt sich mit jeder neuen Ausgabe und ist stark von der jeweiligen Vision der künstlerischen Leitung abhängig. Es ist ein Ereignis das die Zeit für einen Sommer lang anhält während es gleichzeitig die drängendsten Fragen der Menschheit verhandelt und dabei auf eine stolze Geschichte zurückblickt die im Jahr neunzehnhundertfünfundfünfzig ihren Anfang nahm.
Arnold Bode und die Vision eines neuen Aufbruchs
Die Geburtsstunde dieser beispiellosen Erfolgsgeschichte ist untrennbar mit dem Namen Arnold Bode verbunden der als Gründungsvater und leidenschaftlicher Initiator gilt. In einer Zeit in der Deutschland noch tief von den Trümmern des Krieges und der kulturellen Isolation gezeichnet war suchte Bode nach einem Weg die Moderne zurück in das Land zu holen. Die erste documenta war somit ein Akt der Befreiung und eine Antwort auf die Jahre der Unterdrückung und der Diffamierung freier Kunst. Eine Besonderheit die bis heute den Charakter der Stadt prägt ist der Umstand dass viele Exponate aus dem Außenbereich nicht einfach wieder verschwinden sobald die einhundert Tage vorüber sind. Zahlreiche Werke wurden langfristig in das Stadtbild integriert — darunter die berühmten 7000 Eichen von Joseph Beuys, der mit dieser Aktion zur documenta 7 im Jahr 1982 das wohl dauerhafteste Zeichen im öffentlichen Raum Kassels setzte. Diese dauerhafte Präsenz von Kunstwerken sorgt dafür dass der Geist der documenta auch in den langen Zwischenjahren spürbar bleibt.
Das Fridericianum als der unverrückbare Ankerpunkt
Das Fridericianum am Friedrichsplatz ist der absolut feste Ausstellungsort der bei jeder einzelnen documenta genutzt wurde. Dieses historische Gebäude das einst als eines der ersten öffentlichen Museen auf dem europäischen Kontinent errichtet wurde dient heute als das Herzstück der gesamten Schau. Um dieses Zentrum herum variieren die Ausstellungsbereiche von Mal zu Mal erheblich wobei die Kuratoren immer wieder neue Räume erschließen. Es ist dieser Reiz des Neuen und das Spiel mit der urbanen Geographie die den Besuch der documenta zu einer Entdeckungsreise machen.
Die documenta als Seismograf der Erschütterungen
Die Geschichte dieser Ausstellungsreihe ist eine Erzählung von Zweifeln und Skandalen sowie von schmerzhaften Niederlagen die jedoch immer wieder in Akte der Erneuerung mündeten. Von Beuys‘ erweitertem Kunstbegriff in den 1970er und 80er Jahren über die postkoloniale Öffnung unter Okwui Enwezor bei der documenta 11 bis hin zum kollektiven Modell des lumbung bei der documenta 15 — jede Ausgabe spiegelt die drängenden Fragen ihrer Zeit. Künstler wie Marlene Dumas, die bei der documenta 7 ihren internationalen Durchbruch erlebte, oder On Kawara, der mit seinen Date Paintings bei drei aufeinanderfolgenden Ausgaben vertreten war, oder Amar Kanwar, der mit seinem Sovereign Forest bei vier Ausgaben in Folge teilnahm, zeigen die Bandbreite der Positionen die hier verhandelt werden. Auch Gabriel Orozco mit seinen Terrakotta-Arbeiten bei der documenta XI und Doris Salcedo mit ihrem spektakulären Riss im Boden der Turbine Hall haben die documenta als Bühne für ihre radikalsten Interventionen genutzt.
Die documenta als Motor der urbanen Transformation
Ein Besuch der documenta ist immer auch eine Erfahrung von Architektur und Stadtentwicklung. Die Kuratoren nutzen die einhundert Tage oft um vernachlässigte Teile der Stadt wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Durch die Einbeziehung des Außenbereichs wird ganz Kassel zu einer Bühne auf der die Interaktion zwischen den Bürgern und der Kunst stattfindet — eine Verbindung von Kunst und Gesellschaft die den Kern des Unternehmens ausmacht. Die documenta zeigt uns dass Kunst nicht nur in geschlossenen Räumen stattfindet sondern die Kraft hat das tägliche Leben zu infiltrieren und die Wahrnehmung der eigenen Umgebung zu verändern.
Die künstlerische Leitung als kuratorische Meisterleistung
Was die documenta von anderen Großausstellungen wie der Biennale von Venedig unterscheidet ist die Tatsache dass jede Ausgabe von einer einzigen künstlerischen Leitung verantwortet wird die eine kohärente Vision für die gesamte Schau entwickelt. Von Harald Szeemann über Okwui Enwezor bis zu den jüngsten Ausgaben — die Wahl der künstlerischen Leitung ist stets eine Grundsatzentscheidung über die Richtung der zeitgenössischen Kunst. Kuratoren wie Charles Esche, der in der Findungskommission der documenta 15 saß, oder Philippe Pirotte, der aktuell an der documenta mitwirkt, haben die Ausstellung als Plattform genutzt um Fragen der kollektiven Autorschaft und der postkolonialen Realitäten in den Mittelpunkt zu stellen. Das Museum der hundert Tage bleibt ein Laboratorium in dem die Zukunft der Kunst verhandelt wird.
Mehr Informationen unter: https://www.documenta.de
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler und Ausstellungen unserer Zeit vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der Galerien in Berlin, die Porträts der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler und unsere eigenen Ausstellungen.
