Wenn man im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf die Landkarte der zeitgenössischen Kunst blickt wird deutlich dass kaum ein Name so beständig und leuchtend über dem Horizont steht wie der von David Hockney. Der im Jahr neunzehnhundertsiebenunddreißig im englischen Bradford geborene Künstler hat eine Karriere geformt die sich über mehr als sechs Jahrzehnte erstreckt und dabei niemals an Relevanz oder Experimentierfreude verloren hat. Hockney ist weit mehr als nur ein Maler des britischen Bürgertums oder ein Chronist kalifornischer Lebensfreude. Er ist ein intellektueller Grenzgänger der die Grenzen der visuellen Wahrnehmung mit einer fast schon kindlichen Neugier und einer zugleich tiefgreifenden technischen Präzision immer wieder neu vermisst. Erkannt wurde sein Talent bereits in seiner Kindheit in den rauen aber herzlichen Straßen von West Yorkshire wo ihn seine Eltern Laura und Kenneth schon früh förderten. Sein Vater Kenneth selbst ein leidenschaftlicher Hobbymaler legte den Grundstein für Davids ästhetisches Empfinden wobei damals natürlich niemand ahnen konnte dass dieser schmächtige Junge aus Bradford einmal zu den einflussreichsten und teuersten Künstlern des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts aufsteigen würde. Hockneys Weg war dabei stets von einer stillen Rebellion und einer unerschütterlichen Arbeitsmoral geprägt die ihn von den grauen Fassaden Nordenglands bis in die lichtdurchfluteten Villen von Los Angeles und schließlich in die blühenden Landschaften der Normandie führen sollte.
Die frühen Jahre in Bradford und der Weg zum Royal College
Die Biografie von David Hockney beginnt in einer Zeit des Umbruchs. Als er nach dem Schulabschluss und seinem Zivildienst im Jahr neunzehnhundertneunundfünfzig sein Kunststudium am renommierten Royal College of Art in London aufnahm brachte er eine Weltsicht mit die durch die pazifistische Haltung seines Vaters geprägt war. Kenneth Hockney hatte bereits im Zweiten Weltkrieg den Wehrdienst verweigert und David trat in diese Fußstapfen indem er den Zivildienst wählte anstatt die Waffe zu ziehen. In London angekommen fand er sich in einer illustren Gesellschaft wieder denn unter seinen Kommilitonen befand sich kein Geringerer als der spätere Filmregisseur Ridley Scott. Diese Atmosphäre des kreativen Aufbruchs in der britischen Hauptstadt der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre war der ideale Nährboden für Hockneys erste künstlerische Gehversuche. Bereits im Jahr neunzehnhundertsechzig stellte er Werke in der Ausstellungsreihe Young Contemporaries aus einer Schau die heute als die Geburtsstunde der Pop Art in Europa gefeiert wird. Gemeinsam mit Künstlern wie Peter Blake forderte Hockney die etablierten Strukturen der Kunstwelt heraus und brachte eine neue Farbigkeit sowie eine ironische Distanz in die Malerei die man in London so bisher nicht gekannt hatte. Er war Teil einer Bewegung die den Alltag und die Populärkultur in den Rang der Hochkunst erhob wobei er stets eine ganz eigene poetische Note bewahrte.
Rebellion am Royal College und die Entstehung der Pop Art
Hockneys Zeit am Royal College war jedoch nicht frei von Konflikten was seinen eigenwilligen Charakter und seinen Stolz als Künstler unterstreicht. Im Jahr neunzehnhundertzweiundsechzig drohte das College ihm den Abschluss zu verwehren da er sich weigerte einen klassischen weiblichen Akt zu malen. Für Hockney war diese akademische Anforderung ein Relikt einer vergangenen Ära das seinem Verständnis von moderner Kunst widersprach. In einer Geste des kreativen Widerstands gab er schließlich nach und lieferte den verlangten Akt ab taufte das Bild jedoch demonstrativ Life Painting for a Diploma. Dieses Werk ist heute weit mehr als nur eine Studienarbeit; es ist ein Dokument der Selbstbehauptung eines jungen Mannes der bereits damals wusste dass er seinen eigenen Weg gehen musste. Mit dem Diplom in der Tasche unternahm er Reisen durch Italien und Deutschland die seinen Horizont erweiterten bevor er eine kurze Phase als Lehrer am Maidstone College of Art in Kent begann. Doch der Ruf der Vereinigten Staaten war lauter und so zog es ihn Mitte der sechziger Jahre über den Atlantik wo er an verschiedenen Universitäten wie der University of Iowa oder der University of Colorado unterrichtete. Eine Soloausstellung in der Kasmin’s Gallery in New York im Jahr neunzehnhundertdreiundsechzig die ein überwältigender Erfolg war gab ihm schließlich die Sicherheit der Lehrtätigkeit den Rücken zu kehren und sich ganz auf seine eigene Kunst zu konzentrieren.
Kalifornische Träume und die Entdeckung des Lichts
In Kalifornien fand David Hockney jene visuelle Befreiung die sein Werk für immer prägen sollte. Das grelle Licht der Westküste die klaren Linien der modernen Architektur und natürlich die allgegenwärtigen Swimmingpools wurden zu seinen zentralen Motiven. In Los Angeles konnte er seine Vorliebe für die Darstellung von Wasser und Licht voll ausleben. Er entwickelte eine Technik die das Glitzern der Wasseroberfläche und die Brechung der Sonnenstrahlen auf eine Weise einfing die fast schon hyperrealistisch und zugleich traumartig wirkte. In dieser Zeit entstanden Ikonen wie A Bigger Splash oder das berühmte Portrait of an Artist (Pool with Two Figures). Letzteres sollte Jahrzehnte später Geschichte schreiben als es im Jahr zweitausendachtzehn für neunzig Millionen Dollar versteigert wurde was Hockney vorübergehend zum teuersten lebenden Künstler der Welt machte. Kalifornien war für den Jungen aus dem regenverhangenen Bradford ein Paradies der Farben und der persönlichen Freiheit in dem er seine homosexuelle Identität und sein Verlangen nach einer neuen Ästhetik offen ausleben konnte. Die Poolbilder sind weit mehr als nur Abbildungen von Luxus; sie sind Studien über die Zeit und die Flüchtigkeit des Augenblicks sowie über die Einsamkeit im strahlenden Sonnenschein.
Der Künstler als nimmermüder Erfinder neuer Techniken
David Hockney hat sich zeit seines Lebens geweigert sich auf einen Stil oder ein Medium festlegen zu lassen. Er sieht sich selbst als einen Kunstarbeiter der ständig getrieben ist neue Ausdrucksformen zu finden. Kein Künstler kann ein Hedonist sein sagte er einmal über sich selbst und betonte damit seine tiefe Verwurzelung in der Arbeit. Sein Werk umfasst Malerei und Zeichnung sowie Grafik und Fotografie. Besonders seine Experimente mit der Fotografie die er in den achtziger Jahren in Form seiner berühmten Joiners oder Fotocollagen durchführte zeigten sein Bestreben die Perspektive und die zeitliche Dimension des Bildes aufzubrechen. Er setzte hunderte von Polaroids oder Einzelaufnahmen zu einem großen Ganzen zusammen um die Bewegung des Auges und die Komplexität der Wahrnehmung zu imitieren. Auch vor der digitalen Revolution machte er nicht halt. In den letzten Jahren hat er das iPad als vollwertiges künstlerisches Werkzeug für sich entdeckt. Er schätzt die Unmittelbarkeit und die leuchtende Farbkraft des Bildschirms die es ihm ermöglichen Landschaften und Stillleben in Echtzeit festzuhalten. Seine iPad Zeichnungen von den blühenden Gärten der Normandie sind ein spätes Meisterwerk der Lebensfreude und zeigen dass wahre Kreativität keine Angst vor technologischen Neuerungen hat sondern diese als Erweiterung des eigenen Pinsels begreift.
Bühnenwelten und die Rückkehr zum Porträt
Neben der Leinwand und dem Bildschirm hat Hockney auch die Bretter die die Welt bedeuten für sich erobert. Seine Entwürfe für Opern und Theaterstücke wie etwa für Mozarts Zauberflöte oder Strawinskys The Rake’s Progress sind legendär und brachten seine farbgewaltige Ästhetik in den Raum der Musik und des Dramas. Hier konnte er seine Liebe zur Inszenierung und zur räumlichen Tiefe in einem völlig neuen Maßstab ausleben. Doch trotz all dieser Ausflüge in die Welt des Spektakels kehrt er immer wieder zu zwei klassischen Motiven zurück: der Landschaft und dem Porträt. Hockneys Porträts seiner Freunde und Liebhaber sowie seiner Familie sind psychologische Studien von großer Zärtlichkeit und Präzision. Er fängt nicht nur das äußere Erscheinungsbild ein sondern die Essenz der Beziehung zwischen dem Maler und dem Modell. Seine Landschaftsdarstellungen wiederum sind Liebeserklärungen an die Natur ob es nun die Canyons in den USA oder die Wälder von East Yorkshire sind. Die Farbenfreude die all diese Werke verbindet ist Hockneys Antwort auf die Tristesse der Welt und ein Plädruck für die Schönheit des bloßen Sehens.
Soziale Verantwortung und das Erbe der David Hockney Foundation
David Hockney ist nicht nur ein Schöpfer von Bildern sondern auch ein engagierter Förderer der Kunstkultur. Er begriff schon früh dass Erfolg auch die Verpflichtung mit sich bringt der Gesellschaft etwas zurückzugeben. So war er im Jahr neunzehnhundertneunundsiebzig Mitgründer des Museum of Contemporary Art in Los Angeles einer Institution die heute aus der globalen Kunstlandschaft nicht mehr wegzudenken ist. Um sein eigenes Erbe zu sichern und das Verständnis für Kunst weltweit zu fördern rief er im Jahr zweitausendacht die David Hockney Foundation ins Leben. Diese Stiftung verwaltet heute einen Schatz von mehr als achttausend Arbeiten aller Art sowie über zweihundert Skizzenbücher und Fotoalben aus seiner produktivsten Zeit zwischen neunzehnhunderteinundsechzig und neunzehnhundertneunzig. Die Foundation arbeitet mit Museen weltweit zusammen und sorgt dafür dass Hockneys Werk für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt anstatt hinter den verschlossenen Türen privater Sammler zu verschwinden. Diese Großzügigkeit zeigt dass es Hockney nie um den bloßen finanziellen Gewinn ging sondern um die kommunikative Kraft der Kunst die Menschen verbinden und bilden kann.
Rekordwerte am Kunstmarkt und die Bedeutung der Farbe
Die Preise die Hockneys Werke auf Auktionen erzielen sind mittlerweile astronomisch und spiegeln seinen Status als lebende Legende wider. Dass sein Porträt eines Künstlers im Jahr zweitausendachtzehn für neunzig Millionen Dollar versteigert wurde war ein Paukenschlag der die gesamte Kunstwelt erschütterte. Zwar holte sich Jeff Koons diesen Rekordtitel ein Jahr später zurück doch für Hockney war dies ohnehin nur eine Randnotiz in einem Leben das der täglichen Produktion gewidmet ist. Für ihn zählt nicht der Marktwert sondern die Intensität der Farbe und die Qualität der Linie. Seine Arbeiten finden sich heute in den bedeutendsten öffentlichen Sammlungen weltweit von der Tate Gallery in London bis zum Metropolitan Museum of Art in New York. Ein besonderer Ort für seine Bewunderer ist zudem die achtzehnhundertdreiundfünfzig Gallery in Saltaire in der Nähe seines Heimatortes Bradford wo viele seiner Werke dauerhaft zu sehen sind. Hier schließt sich der Kreis eines Lebens das in der Arbeiterklasse Nordenglands begann und das durch Fleiß und Vision zu einer globalen Erfolgsgeschichte wurde. Hockney hat bewiesen dass man mit einer positiven Weltsicht und einer unermüdlichen Arbeitsmoral die Welt ein Stück weit bunter und verständlicher machen kann.
Heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig blicken wir auf einen Mann der immer noch jeden Tag aufsteht um zu arbeiten weil er nicht anders kann. David Hockney ist der lebende Beweis dafür dass das Alter nur eine Zahl ist wenn man den Geist eines Suchenden bewahrt. Seine Werke sind Fenster in eine Welt in der die Farbe triumphiert und in der der Blick auf das Alltägliche zu einer heiligen Handlung wird. Er bleibt der Kunstarbeiter der uns lehrt dass man die Welt immer wieder neu betrachten muss um sie wirklich zu verstehen. Ob er nun mit Ölfarben auf Leinwand malt oder mit dem Eingabestift auf dem iPad Hockney bleibt seiner Mission treu die Schönheit des Lebens in all ihrer komplexen Einfachheit festzuhalten. Er ist ein Meister des Lichts der uns daran erinnert dass die Kunst der beste Weg ist um der Vergänglichkeit der Zeit etwas Bleibendes entgegenzusetzen.
Mehr Informationen unter: www.hockney.com
Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.
