Wenn man im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf die Landkarte der zeitgenössischen Kunst blickt wird deutlich dass kaum ein Name so beständig und leuchtend über dem Horizont steht wie der von David Hockney. Der im Jahr neunzehnhundertsiebenunddreißig im englischen Bradford geborene Künstler hat eine Karriere geformt die sich über mehr als sechs Jahrzehnte erstreckt und dabei niemals an Relevanz oder Experimentierfreude verloren hat. Hockney ist weit mehr als nur ein Maler des britischen Bürgertums oder ein Chronist kalifornischer Lebensfreude. Er ist ein intellektueller Grenzgänger der die Grenzen der visuellen Wahrnehmung mit einer fast schon kindlichen Neugier und einer zugleich tiefgreifenden technischen Präzision immer wieder neu vermisst. Hockneys Weg war dabei stets von einer stillen Rebellion und einer unerschütterlichen Arbeitsmoral geprägt die ihn von den grauen Fassaden Nordenglands bis in die lichtdurchfluteten Villen von Los Angeles und schließlich in die blühenden Landschaften der Normandie führen sollte.
Die frühen Jahre in Bradford und der Weg zum Royal College
Die Biografie von David Hockney beginnt in einer Zeit des Umbruchs. Als er nach dem Schulabschluss und seinem Zivildienst im Jahr neunzehnhundertneunundfünfzig sein Kunststudium am renommierten Royal College of Art in London aufnahm brachte er eine Weltsicht mit die durch die pazifistische Haltung seines Vaters geprägt war. In London angekommen fand er sich in einer illustren Gesellschaft wieder. Bereits im Jahr neunzehnhundertsechzig stellte er Werke in der Ausstellungsreihe Young Contemporaries aus einer Schau die heute als die Geburtsstunde der Pop Art in Europa gefeiert wird. Gemeinsam mit Künstlern wie Peter Blake forderte Hockney die etablierten Strukturen der Kunstwelt heraus und brachte eine neue Farbigkeit sowie eine ironische Distanz in die Malerei die man in London so bisher nicht gekannt hatte.
Rebellion am Royal College und die Entstehung der Pop Art
Hockneys Zeit am Royal College war jedoch nicht frei von Konflikten was seinen eigenwilligen Charakter und seinen Stolz als Künstler unterstreicht. Im Jahr neunzehnhundertzweiundsechzig drohte das College ihm den Abschluss zu verwehren da er sich weigerte einen klassischen weiblichen Akt zu malen. In einer Geste des kreativen Widerstands gab er schließlich nach und lieferte den verlangten Akt ab taufte das Bild jedoch demonstrativ Life Painting for a Diploma. Dieses Werk ist heute weit mehr als nur eine Studienarbeit; es ist ein Dokument der Selbstbehauptung eines jungen Mannes der bereits damals wusste dass er seinen eigenen Weg gehen musste. Eine Soloausstellung in der Kasmin’s Gallery in New York im Jahr neunzehnhundertdreiundsechzig die ein überwältigender Erfolg war gab ihm schließlich die Sicherheit sich ganz auf seine eigene Kunst zu konzentrieren.
Kalifornische Träume und die Entdeckung des Lichts
In Kalifornien fand David Hockney jene visuelle Befreiung die sein Werk für immer prägen sollte. Das grelle Licht der Westküste die klaren Linien der modernen Architektur und natürlich die allgegenwärtigen Swimmingpools wurden zu seinen zentralen Motiven. Er entwickelte eine Technik die das Glitzern der Wasseroberfläche und die Brechung der Sonnenstrahlen auf eine Weise einfing die fast schon hyperrealistisch und zugleich traumartig wirkte. In dieser Zeit entstanden Ikonen wie A Bigger Splash oder das berühmte Portrait of an Artist (Pool with Two Figures). Letzteres sollte Jahrzehnte später Geschichte schreiben als es im Jahr zweitausendachtzehn für neunzig Millionen Dollar versteigert wurde was Hockney vorübergehend zum teuersten lebenden Künstler der Welt machte. Auch Lucian Freud der als Chronist der hinfälligen Materie den menschlichen Körper mit unbestechlicher Ehrlichkeit malte teilte mit Hockney die kompromisslose Hingabe an die figurative Malerei doch während Freud den Leib in der klaustrophobischen Enge seines Londoner Ateliers unter hartem Oberlicht sezierte und die Haut als Schlachtfeld des Verfalls begriff feierte Hockney den Körper im kalifornischen Sonnenlicht als einen Ort der Freiheit und der Lust und verwandelte das Swimmingpool-Porträt in eine Ikone der Lebensfreude. Kalifornien war für den Jungen aus dem regenverhangenen Bradford ein Paradies der Farben und der persönlichen Freiheit in dem er seine homosexuelle Identität und sein Verlangen nach einer neuen Ästhetik offen ausleben konnte.
Der Künstler als nimmermüder Erfinder neuer Techniken
David Hockney hat sich zeit seines Lebens geweigert sich auf einen Stil oder ein Medium festlegen zu lassen. Er sieht sich selbst als einen Kunstarbeiter der ständig getrieben ist neue Ausdrucksformen zu finden. Sein Werk umfasst Malerei und Zeichnung sowie Grafik und Fotografie. Besonders seine Experimente mit der Fotografie die er in den achtziger Jahren in Form seiner berühmten Joiners oder Fotocollagen durchführte zeigten sein Bestreben die Perspektive und die zeitliche Dimension des Bildes aufzubrechen. Auch Peter Doig hat die Fotografie als Ausgangsmaterial für die Malerei genutzt und Schnappschüsse sowie Filmstills in traumverlorene Landschaften verwandelt doch während Doig die fotografische Vorlage in eine halluzinatorische Intensität steigert in der die Farben glühen und die Realität verschwimmt nutzt Hockney die Fotografie als analytisches Werkzeug um die Perspektive selbst aufzubrechen und in seinen Joiners hunderte von Einzelaufnahmen zu einem kubistischen Gesamtbild zusammenzusetzen das die Bewegung des Auges sichtbar macht. Auch vor der digitalen Revolution machte er nicht halt. In den letzten Jahren hat er das iPad als vollwertiges künstlerisches Werkzeug für sich entdeckt. Seine iPad Zeichnungen von den blühenden Gärten der Normandie sind ein spätes Meisterwerk der Lebensfreude und zeigen dass wahre Kreativität keine Angst vor technologischen Neuerungen hat.
Rekordwerte am Kunstmarkt und die Bedeutung der Farbe
Die Preise die Hockneys Werke auf Auktionen erzielen sind mittlerweile astronomisch und spiegeln seinen Status als lebende Legende wider. Dass sein Porträt eines Künstlers im Jahr zweitausendachtzehn für neunzig Millionen Dollar versteigert wurde war ein Paukenschlag der die gesamte Kunstwelt erschütterte. Zwar holte sich Jeff Koons diesen Rekordtitel ein Jahr später mit seinem Rabbit zurück doch für Hockney war dies ohnehin nur eine Randnotiz in einem Leben das der täglichen Produktion gewidmet ist — und der Kontrast könnte größer nicht sein: Wo Koons den Kitsch in hochglanzpoliertem Edelstahl veredelt und die Kunstproduktion an hunderte von Assistenten delegiert steht Hockney jeden Morgen allein vor der Leinwand oder dem iPad und malt was er sieht mit der gleichen Hingabe wie als junger Student in Bradford. Seine Arbeiten finden sich heute in den bedeutendsten öffentlichen Sammlungen weltweit von der Tate Gallery in London bis zum Metropolitan Museum of Art in New York. Um sein eigenes Erbe zu sichern und das Verständnis für Kunst weltweit zu fördern rief er im Jahr zweitausendacht die David Hockney Foundation ins Leben. Diese Stiftung verwaltet heute einen Schatz von mehr als achttausend Arbeiten und sorgt dafür dass Hockneys Werk für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt.
Heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig blicken wir auf einen Mann der immer noch jeden Tag aufsteht um zu arbeiten weil er nicht anders kann. David Hockney ist der lebende Beweis dafür dass das Alter nur eine Zahl ist wenn man den Geist eines Suchenden bewahrt. Seine Werke sind Fenster in eine Welt in der die Farbe triumphiert und in der der Blick auf das Alltägliche zu einer heiligen Handlung wird. Ob er nun mit Ölfarben auf Leinwand malt oder mit dem Eingabestift auf dem iPad Hockney bleibt seiner Mission treu die Schönheit des Lebens in all ihrer komplexen Einfachheit festzuhalten. Er ist ein Meister des Lichts der uns daran erinnert dass die Kunst der beste Weg ist um der Vergänglichkeit der Zeit etwas Bleibendes entgegenzusetzen.
Mehr Informationen unter: http://www.hockney.com
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Kraft der Farbe und die Freude am Sehen feiern — von Light with no Sound bis Faces III.
