Die Frage nach der Identität hinter dem Namen Banksy beschäftigt die Welt der Kunst und die breite Öffentlichkeit nun schon seit mehr als zwei Jahrzehnten. Handelt es sich um einen einzelnen Mann oder eine Frau? Steckt vielleicht eine ganze Gruppe von kreativen Köpfen hinter diesem Pseudonym das heute zu den wertvollsten Marken des globalen Kunstmarktes zählt? Wer oder was sich hinter diesem Phantom verbirgt bleibt ein streng gehütetes Geheimnis das die Faszination nur noch weiter befeuert. Banksy hat es geschafft eine Form der Prominenz zu erlangen die allein auf der Abwesenheit der Person und der unübersehbaren Präsenz der Botschaften basiert. Die Werke des Künstlers oder der Künstlerin gehören mittlerweile zu den teuersten Objekten die bei Auktionen unter den Hammer kommen doch der kommerzielle Erfolg ist nur eine Facette eines Phänomens das die Regeln der Kunstwelt immer wieder aufs Neue bricht. Banksy nutzt die Anonymität nicht nur als Schutz vor rechtlicher Verfolgung wegen Sachbeschädigung sondern als wirkungsvolles Werkzeug der Kritik an einem System das Kunst oft nur noch als Spekulationsobjekt begreift.
Die Geburt einer Legende im Schatten von Bristol
Wann und wo Banksy genau zur Welt kam lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen da keine offiziellen Dokumente oder biografischen Daten vorliegen. Die gängige Vermutung besagt dass die Geburt zwischen den Jahren neunzehnhundertdreiundsiebzig und neunzehnhundertvierundsiebzig in oder in der Nähe der britischen Stadt Bristol stattfand. Der Name Banksy und die damit verbundenen Werke traten erstmals im Jahr neunzehnhundertneunundneunzig deutlich in Erscheinung. Schon damals zeigte sich der rebellische Geist des Unbekannten denn Banksy organisierte die erste Schau der eigenen Arbeiten komplett in Eigenregie. Galerien und die etablierten Institutionen des Kunstbetriebs passten schlichtweg nicht zur Überzeugung des Phantoms das die Straße als sein eigentliches Atelier und als demokratische Galerie begriff. Auch Maurizio Cattelan hat die Kunstwelt als Autodidakt ohne formale Ausbildung von außen infiltriert und mit seiner gefälschten FlashArt-Ausgabe bewiesen dass man die Mechanismen des Betriebs durchschauen und unterwandern kann ohne ihnen anzugehören doch während Cattelan selbst zur Kunstfigur wurde und den Aufstieg vom Außenseiter zum gefeierten Insider vollzog hat Banksy die Anonymität zur permanenten Methode erhoben und bewiesen dass die stärkste Marke der Kunstwelt ein Gesicht sein kann das niemand kennt.
Kurz darauf entstand eines der eindringlichsten und aufrüttelndsten Werke mit dem Titel Napalm. Das Bild zeigt das berühmte Motiv des brennenden Mädchens aus dem Foto The Terror of War das während des Vietnamkriegs entstand. Banksy platzierte das schreiende Kind zwischen die lachenden Konsumikonen Mickey Mouse und Ronald McDonald wodurch er eine vernichtende Kritik am amerikanischen Imperialismus und an der Gleichgültigkeit der westlichen Unterhaltungskultur formulierte.
Museale Unterwanderung und der humorvolle Angriff auf die Hochkultur
Banksy beschränkte sich nicht nur auf die Straße sondern suchte die direkte Auseinandersetzung mit den Tempeln der Hochkultur. In einer Serie von spektakulären Aktionen infiltrierte das Phantom einige der berühmtesten Museen der Welt. Ohne Erlaubnis platzierte Banksy eigene Werke in den Ausstellungsräumen der Tate Gallery in London des Museum of Modern Art in New York und sogar im Pariser Louvre. Oft handelte es sich um klassisch gerahmte Ölgemälde die bei genauerem Hinsehen moderne Störelemente enthielten. Dass diese Werke oft erst nach Tagen von den Kuratoren entdeckt wurden war eine tiefe Demütigung für den Sicherheitsapparat und gleichzeitig ein humorvoller Beweis für die Starrheit des musealen Betriebs. Im Jahr zweitausendneun erreichte dieser Hype einen vorläufigen Höhepunkt als eine Ausstellung in der Stadt Bristol innerhalb kürzester Zeit fast dreihundertneuntausend Besucher anlockte.
Beschädigung und Vernichtung als Teil der Banksy Rezeption
Das Werk des Phantoms fand jedoch nicht nur begeisterte Anhänger. Etliche Werke von Banksy wurden im Laufe der Jahre vorsätzlich vernichtet oder übermalt. Die Kommerzialisierung der Street Art führte dazu dass Wände aus Häusern herausgeschnitten wurden um die Werke bei Auktionen zu verkaufen was Banksy selbst oft scharf kritisierte. Der wohl spektakulärste Fall ereignete sich bei dem berühmten Motiv Girl with Balloon. Im Oktober zweitausendachtzehn wurde ein gerahmtes Sprühgemälde dieses Motivs bei Sotheby’s für die Rekordsumme von eins komma achtzehn Millionen Euro versteigert. Unmittelbar nach dem Zuschlag löste ein im Rahmen versteckter Mechanismus einen Schredder aus der die untere Hälfte des Bildes vor den Augen der entsetzten Bieter in Streifen schnitt. Banksy wollte damit den absurden Charakter des Kunstmarktes demonstrieren der bereit ist Millionen für ein Symbol der Unschuld zu zahlen während die echte Welt in Flammen steht. Das halb zerstörte Werk erhielt später den Titel Love is in the Bin und wurde ironischerweise durch die Zerstörung nur noch wertvoller.
Mehr als Graffiti die soziale Verantwortung des Phantoms
Hinter der Fassade des Provokateurs verbirgt sich bei Banksy eine tiefgreifende soziale Verantwortung und ein ausgeprägter Sinn für globale Gerechtigkeit. Auch Ai Weiwei hat die Kunst als Instrument des politischen Widerstands und der humanitären Intervention eingesetzt und mit Projekten zur Flüchtlingskrise die Grenze zwischen ästhetischer Praxis und politischem Handeln aufgehoben doch während Weiwei den offenen Konflikt mit dem Staat sucht und seinen eigenen Körper als Schauplatz des Widerstands einsetzt operiert Banksy aus der Anonymität heraus und nutzt sein Kapital um ein Seenotrettungsschiff im Mittelmeer zu finanzieren — eine direkte humanitäre Aktion die zeigt dass die Kunst nicht nur Fragen stellen sondern Leben retten kann. Im Jahr zweitausendzwanzig sorgte Banksy erneut für Schlagzeilen als bekannt wurde dass ein Teil der Erlöse aus den Kunstverkäufen zur Unterhaltung des Seenotrettungsschiffs Louise Michel dient. Das Schiff das nach einer französischen Anarchistin benannt ist kreuzt im Mittelmeer um Flüchtlinge in Not zu retten. Die Themen die Banksy behandelt haben sich über die Jahre erweitert und umfassen heute globale Krisen wie den Klimawandel die Überwachung durch den Staat und die sozialen Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt und Gesellschaft.
Die ungelöste Frage der Identität und die Zukunft des Phantoms
Bis heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig bleibt die Identität von Banksy ein Rätsel das die Fantasie der Menschen beflügelt. Banksy hat bewiesen dass Kunst keine Galerie braucht um die Welt zu verändern und dass eine starke Botschaft keine physische Präsenz des Autors benötigt. Das Phantom bleibt wie ein Geist der durch die Städte der Welt wandert und uns an die Risse in unserer Gesellschaft erinnert. Die Tiefgründigkeit der Arbeiten liegt oft in ihrer Einfachheit begriffen in der Fähigkeit komplexe Sachverhalte in ein einziges prägnantes Bild zu übersetzen das jeder verstehen kann.
Das Girl with Balloon bleibt ein Symbol der Hoffnung das trotz des Schredders und trotz der Kommerzialisierung seine Reinheit bewahrt hat. Banksy ist kein gewöhnlicher zeitgenössischer Künstler sondern ein kulturelles Korrektiv das uns den Spiegel vorhält. Solange Banksy anonym bleibt gehört die Kunst uns allen und nicht einer einzelnen Person. Banksy hat die Street Art aus der Nische des Vandalismus in das Zentrum der globalen Debatte geführt und damit die Kunstgeschichte des einundzwanzigsten Jahrhunderts bereits jetzt nachhaltig geprägt.
Mehr Informationen unter: http://www.banksy.co.uk
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Kraft der Subversion und die Demokratisierung der Kunst feiern — von Helden der Popkultur bis Handle als wäre Rettung möglich.
