Damien Hirst, der 1965 in Bristol geborene und heute wohl berühmteste sowie wohlhabendste britische Künstler der Gegenwart, bleibt eine Figur, die die Geister scheidet. Er ist der unbestrittene Anführer der sogenannten Young British Artists (YBA), einer Gruppe von Künstlern, die Ende der achtziger Jahre die Kunstwelt mit einer Mischung aus Schock, Kommerz und konzeptioneller Radikalität überrollte. Hirst wuchs in Leeds auf, bevor er nach London zog, um am Goldsmiths College Kunst zu studieren. Bereits während seines Studiums zeigte sich sein Talent für die Organisation und Kuration, was 1988 in der legendären Ausstellung Freeze gipfelte. In dieser Schau, die er in einem leerstehenden Lagerhaus im Londoner Hafengebiet organisierte, präsentierte er nicht nur eigene Werke, sondern schuf eine ganze Bewegung.
Hirsts künstlerisches Schaffen ist geprägt von einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit den existenziellen Themen des menschlichen Daseins: Leben, Tod, Glaube und die Wissenschaft. Er versteht es wie kaum ein anderer, die Grenzen zwischen hoher Kunst und massentauglichem Spektakel zu verwischen.
Der Provokateur und das Geschäft mit dem Staunen
Damien Hirst provoziert nicht nur mit seinen Inhalten, sondern auch mit der Art und Weise, wie er den Kunstmarkt bespielt. Er hat das Rollenbild des Künstlers dahingehend verändert, dass er sich selbst als Marke und Unternehmer versteht. Seine Kundschaft rekrutiert sich aus der globalen Elite. Diese Nähe zum großen Geld hat ihm den Vorwurf eingebracht, seine Kunst habe bis auf den Preis keinen eigentlichen Wert.
Hirst kontert diese Kritik oft mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit über die Mechanismen des Marktes. Seine Versteigerung Beautiful Inside My Head Forever im Jahr 2008, bei der er seine Werke direkt über ein Auktionshaus verkaufte und damit seine Galeristen umging, war ein Geniestreich, der den Markt für immer veränderte. Dass er dabei hunderte Millionen Dollar umsetzte, festigte seinen Status als reichster Künstler der Welt.
Die Unmöglichkeit des Todes im Glaskasten
Internationalen Ruhm erlangte Hirst vor allem durch seine Serie Natural History, in der er Tiere in Formaldehyd konservierte. Das wohl bekannteste Werk dieser Reihe ist The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living aus dem Jahr 1991. Ein riesiger Tigerhai schwebt in einer bläulichen Flüssigkeit, gefangen in einem Glaskasten mit Stahlrahmen. Die Skulptur konfrontiert den Betrachter unmittelbar mit der Präsenz des Todes.
1996 präsentierte er die Arbeit Mother and Child Divided, für die er eine Kuh und ein Kalb der Länge nach halbierte und in getrennten Vitrinen ausstellte. Hirst nutzt die kalte Ästhetik der Wissenschaft und der Chirurgie, um die Zerbrechlichkeit des Lebens zu betonen. Die Tiere in seinen Kästen wirken lebendig und tot zugleich, eine konservierte Momentaufnahme des Verfalls, die durch die Chemie aufgehalten wurde.
Treasures from the Wreck of the Unbelievable: Ein gigantisches Märchen
Zur 57. Biennale in Venedig 2017 bespielte Hirst gleich zwei Museen der Pinault Collection: den Palazzo Grassi und die Punta della Dogana. Die Ausstellung Treasures from the Wreck of the Unbelievable war eine gigantische Inszenierung, die auf einer erfundenen Geschichte basierte. Hirst behauptete, dass 2008 vor der Küste Ostafrikas ein gesunkenes Schiff namens Apistos (Unglaublich) entdeckt wurde. Die Fracht gehörte dem befreiten Sklaven Cif Amotan II — ein Anagramm für I am a fiction.
Die Ausstellung zeigte hunderte von Objekten, die scheinbar nach zwei Jahrtausenden vom Meeresgrund geborgen worden waren. Im Atrium des Palazzo Grassi thronte die fast 20 Meter hohe Resin-Skulptur Demon with Bowl. Die Kritik war gespalten. Viele warfen ihm vor, mit purem Protz zu blenden. Andere sahen darin eine brillante Reflexion über Wahrheit, Fiktion und den Wert von Objekten in einer Fake-Welt. Hirst verschmolz mythologische Figuren mit Popkultur-Ikonen wie Mickey Mouse, die ebenfalls korallenüberzogen aus dem Meer geborgen worden war.
The Currency und die Welt der NFTs
Dass Damien Hirst auch im digitalen Zeitalter die Regeln bestimmt, bewies er mit seinem Projekt The Currency im Jahr 2021. Er schuf 10.000 einzigartige Punktbilder (Spot Paintings), die jeweils mit einem entsprechenden NFT (Non-Fungible Token) verknüpft waren. Die Käufer mussten sich nach einem Jahr entscheiden: Wollten sie das physische Kunstwerk auf Papier behalten oder den digitalen Token? Wenn sie sich für das NFT entschieden, wurde das Originalbild in einer medienwirksamen Aktion von Hirst selbst verbrannt.
Dieses Experiment war eine kluge Untersuchung über den Wert von Kunst im Zeitalter der Digitalisierung. Über die Hälfte der Besitzer entschied sich für das NFT, was dazu führte, dass Hirst tausende seiner eigenen Werke vernichtete. Er zeigte damit, dass er auch mit über 50 Jahren noch immer in der Lage ist, die Trends der Kunstwelt nicht nur aufzugreifen, sondern sie aktiv zu gestalten.
Aktuelle Projekte und The Civilisation Paintings
Zuletzt sorgte er mit der Serie The Civilisation Paintings für Aufsehen. In diesen großformatigen Gemälden setzt er sich mit dem Schicksal unserer Zivilisation auseinander. Parallel dazu experimentiert er in seinen Robot Paintings mit Maschinen, die er so programmiert hat, dass sie Bilder nach seinen Vorgaben malen. Damit hinterfragt er den Begriff der künstlerischen Handschrift und des Genies in einer Zeit der künstlichen Intelligenz. Seine Werke sind heute in den bedeutendsten Museen der Welt vertreten, vom MoMA in New York bis zur Tate Modern in London.
Ein Erbe aus Glanz und Schatten
Damien Hirst bleibt der ultimative Alchemist der Kunstwelt. Er verwandelt einfache Materialien wie Blei, Glas, Medikamente oder tote Tiere in glänzende Symbole unserer Sehnsüchte und Ängste. Seine Kunst ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, die besessen ist von Reichtum, Jugend und der Verdrängung des Todes. Ob es die glitzernden Totenschädel aus Diamanten sind oder die bunten Punktbilder, die weltweit kopiert werden: Hirst hat die visuelle Sprache unserer Zeit maßgeblich geprägt. Er erinnert uns daran, dass Kunst immer auch ein Spiel mit der Wahrheit ist. Er bleibt der unumstrittene Meister der Inszenierung, der uns immer wieder dazu zwingt, unsere Vorstellung davon, was Kunst sein kann und was sie kosten darf, zu revidieren.
Mehr Informationen unter: damienhirst.com
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Grenzen zwischen Leben und Tod, zwischen Lüge und Wahrheit ausloten.
