Georg Pierdsa – das unsichtbare Mysterium

Date : 6. Dezember 2021

1953 bat der 28-jährige Robert Rauschenberg Willem de Kooning, den damals wichtigsten Künstler der Moderne, um eine Zeichnung, die er anschließend komplett ausradierte. Durch diesen Akt zelebrierte er das Konzept der Auslöschung, die Kunst als Abwesenheit der Dinge. Das beinahe leere Blatt symbolisierte die bloße Anwesenheit einer Idee – und verwies damit den Künstler auf seinen Platz.

Werkschau des Künstler Georg Pierdsa im Kontext seines Demon-ZyklusDer Künstler Georg Pierdsa verfolgte Zeit seines Lebens ein ähnliches Konzept, und zwar in beeindruckender Konsequenz. Er schuf Kunst durch seine eigene Unsichtbarkeit als Künstler. Er zerstörte zwar nicht seine Werke, aber seine Urheberschaft; damit wurde er zum berühmtesten unbekannten Künstler in Europa. Bis zu seinem Tod 2019 vermied der Maler jegliche Ausstellungen und wollte auch keine Interviews und Berichte. Es gab zwar Galerien, die seine Werke ausstellten und verkauften, allerdings nur im Hinterzimmer. Kunden wurden beim Kauf seiner Bilder mit einem Vertrag zur Verschwiegenheit verpflichtet. Außerdem behielt sich Pierdsa ein Vorkaufsrecht vor, sofern die Käufer seine Werke weiterveräußern wollten. Bis heute ist der Künstler nur wenigen, ausgewählten Sammlern ein Begriff. Seine Exklusivität spiegelt sich in den heutigen Preisen seiner Werke wider.

 

Werdegang und Arbeit

In Breslau geboren, flüchtete er als Kind nach dem Krieg mit seiner Familie in den Schwarzwald. Er wuchs in armen Verhältnissen auf. In Freiburg im Breisgau begann er ein Lehrerstudium. Doch nach nur wenigen Semestern wechselte er an die Kunstakademie in Düsseldorf, wo er sich unter falschem Namen immatrikulierte. Kunst war für Pierdsa immer Privat- und zugleich Geheimsache. Er wollte seinen Werken Publikum verschaffen, aber nicht seiner Person. Schon während des Studiums fiel er ersten Sammlern und Galeristen auf, die ihn darin bestärkten, sein einzigartiges malerisches Talent auszubauen.

Nach seinem Kunststudium nahm Georg Pierdsa sein Lehrerstudium wieder auf und lebte nach dessen Abschluss ein Doppelleben: Tagsüber arbeitete er als Lehrer, später wurde er sogar Schulrektor und Schulrat in Freiburg im Breisgau. Nachts aber ging er in sein Atelier. Mit einer bemerkenswerten Energie und Schaffenskraft schuf er ausdrucksstarke Gemälde in ganz unterschiedlichen Stilrichtungen. Besonders faszinierend sind die vielen abstrakten Werke, lassen sie dem Betrachter doch zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten.

Pierdsa beschäftigte sich mit Meditation, Spiritualität und Philosophie, all das floss in seine Kunst ein und fand visuellen Ausdruck in seinen Arbeiten. Besonders bemerkenswert ist sein Werkzyklus über den chinesischen Philosophen Meister Zhuang, der in dreijähriger Arbeit mit zahlreichen Begleittexten entstand.

 

Kann Kunst ohne Autor bestehen?

Nur einer kleinen Gruppe von Sammlern und Galeristen war Georg Pierdsa bekannt. An Ausstellungen nahm er namentlich nicht teil. Unter Künstlern hatte er jedoch viele Freunde, die ihn als Phantom schätzten und auch schützten. Briefwechsel mit Joseph Beuys und Martin Kippenberger sind überliefert. Gerüchte besagen, dass einige der bekanntesten deutschen Künstler Pierdsas Werke als ihre eigenen ausstellten. Aus Freundschaft aber vor allem als kollaborativen Akt konzeptioneller Kunst. Wie oft das passiert ist und wie viele Werke Pierdsas unter anderem Namen ein öffentliches Publikum erreicht haben, ist nicht bekannt. Aber man geht davon aus, dass mindestens zweimal Werke von ihm unter falscher Flagge auf der documenta gezeigt wurden, sowie einmal auf der Biennale in Venedig.

Georg Pierdsa lebte als Pensionär am süddeutschen Kaiserstuhl. Viel Zeit verbrachte er in seinem Lieblingscafé in der Elisabethenkirche der nahe gelegenen Stadt Basel. Hier traf er Galeristen und Sammler.

Kann Kunst ohne Autor bestehen? Oder ist sie untrennbar mit dem Künstler verbunden, auch wenn der Betrachter nichts über den Künstler weiß? Pierdsa hat eine Antwort für sich gefunden. Noch kurz vor seinem Tod ließ er per einstweiliger Verfügung den Wikipedia-Eintrag zu seiner Person löschen mit der Begründung, er sei keine Person öffentlichen Interesses.

Seine Werke wurden geschätzt und gesammelt. Ihn selbst kennt man nicht.

 

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