Paul McCarthy und die schamlose Dekonstruktion der amerikanischen Mythen

In der weiten und oft verstörenden Landschaft der zeitgenössischen Kunst gibt es wohl kaum einen Namen der so zuverlässig für Schnappatmung in konservativen Kreisen sorgt wie der von Paul McCarthy. Wer heute im März zweitausendsechsundzwanzig auf das Lebenswerk dieses Mannes blickt der am vierten August neunzehnhundertfünfundvierzig im konservativen Salt Lake City geboren wurde erkennt schnell dass hier jemand am Werk ist der die glatten Fassaden der amerikanischen Gesellschaft nicht nur anritzt sondern sie mit brachialer Gewalt und einer gehörigen Portion Ketchup zum Einsturz bringt. Paul McCarthy ist kein Künstler der nach Gefälligkeit strebt; er ist ein Sezierer menschlicher Abgründe der die heile Welt von Disney und das bürgerliche Idyll in einen Sumpf aus Körperflüssigkeiten und grotesken Maskeraden verwandelt. Dass er als Sohn eines Fleischers aufwuchs ist dabei weit mehr als eine biografische Randnotiz. Die frühe Vertrautheit mit Blut und Innereien sowie der rohen Materialität des Fleisches legte den Grundstein für eine Ästhetik die das Physische in all seiner Unappetitlichkeit feiert. McCarthy hat keine Scheu vor dem was andere Abscheu nennen. Er nutzt das Fleischliche als Metapher für eine Gesellschaft die ihren eigenen Verfall hinter bunten Comicfiguren und sauber gestutzten Vorgärten zu verbergen versucht. Sein Weg führte ihn von der University of Utah über das San Francisco Art Institute bis zur UCLA in Los Angeles wo er nicht nur seinen Master of Fine Arts machte sondern als Professor für Performance und Video sowie Installationen die nächste Generation von Rebellen prägte. Er ist der Großvater der Provokation der uns zeigt dass hinter jedem Lächeln ein Abgrund lauert.

Die Transformation der Malerei durch Schwerkraft und Exzess

Zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn in den späten sechziger Jahren war Paul McCarthy noch stark in der Tradition der Malerei verwurzelt doch er suchte bereits damals nach Wegen diese starre Form aufzubrechen. Anstatt sich auf Leinwand und Ölfarbe zu beschränken begann er mit der physischen Präsenz des Körpers und der Wirkung der Schwerkraft zu experimentieren. Seine frühen Aktionen waren oft einfache aber kraftvolle Untersuchungen über das Fallen und das Gewicht. Doch die eigentliche Revolution in seinem Schaffen ereignete sich in der Mitte der siebziger Jahre. Ab neunzehnhundertvierundsiebzig wandelte sich seine Kunst radikal. Die Arbeiten wurden aggressiver und sexuell weitaus provokativer wobei er begann Lebensmittel wie Mayonnaise oder Schokolade und Ketchup als Surrogate für Körperflüssigkeiten zu verwenden. In diesen exzessiven Performances suhlte er sich in der Materie und dekonstruierte die heroische Geste des Malers. Er verwandelte das Atelier in einen Ort der rituellen Selbstzerstörung und der rücksichtslosen Brutalität. Der Mensch war in diesen Arbeiten immer der zentrale Bezugspunkt mal als leidende Hauptfigur und mal als Teil eines absurden Nebenwerkes. McCarthy nutzte die Groteske um die tiefe Verunsicherung und die gewalttätigen Untertöne der amerikanischen Kultur nach dem Vietnamkrieg sichtbar zu machen. Es war eine Kunst des Ekels die gleichzeitig eine tiefe existentielle Wahrheit über die Zerbrechlichkeit der menschlichen Würde transportierte. In dieser Radikalität steht er in einer Linie mit Marina Abramović, die den eigenen Körper ebenfalls als Material einsetzt — allerdings mit einer Intensität die eher auf Ausdauer und Schmerz zielt während McCarthy das Körperliche ins Groteske und Karnevaleske wendet.

Painter und die ironische Abrechnung mit dem Genie-Kult

Eines seiner wohl einflussreichsten und zugleich amüsantesten Werke ist die Video-Performance mit dem schlichten Titel Painter aus dem Jahr neunzehnhundertfünfundneunzig. In diesem Stück nimmt Paul McCarthy den Mythos des männlichen Geniekünstlers aufs Korn der sich in seinem eigenen Narzissmus verliert. Er selbst schlüpft in die Rolle der Hauptperson und trägt dabei eine absurde blonde Perücke sowie eine riesige Knollennase die ihn wie eine entstellte Comicfigur wirken lässt. Mit überdimensionalen Pinseln bewaffnet torkelt er hilflos durch ein provisorisches Studio und jammert in einer Tour über sich selbst und seine künstlerische Unzulänglichkeit. Er füllt riesige Tuben mit Farbe und hantiert so ungeschickt damit dass das gesamte Set in einem Chaos aus bunten Flecken versinkt. Diese Arbeit ist eine meisterhafte Parodie auf Künstlerfiguren wie Jackson Pollock oder Willem de Kooning. McCarthy entlarvt den heroischen Akt der Malerei als eine lächerliche und kindische Handlung die mehr mit Fäkalfixierung als mit spiritueller Erleuchtung zu tun hat. Die Ironie liegt darin dass McCarthy selbst ein virtuoser Techniker ist der genau weiß wie er die Mechanismen der Kunstwelt manipulieren können um deren eigene Eitelkeit bloßzustellen. Painter ist ein Meilenstein der Institutionskritik der uns lehrt dass wir die Kunst am besten verstehen wenn wir über ihre eigenen Ansprüche lachen können. Martin Kippenberger verfolgte in Deutschland einen verwandten Ansatz — auch er nutzte Ironie und Selbstinszenierung als Waffe gegen den Kunstbetrieb, wenn auch mit einer Verzweiflung die bei McCarthy eher in Slapstick mündet.

Die gemütliche Schnecke und die Ironie der globalen Beschleunigung

Ein bemerkenswertes Kapitel in McCarthys Karriere ist seine Zusammenarbeit mit dem Künstler Jason Rhoades mit dem ihn eine tiefe Freundschaft und eine gemeinsame Studienzeit verband. Als Rhoades den Auftrag erhielt ein Kunstwerk für den Platz vor dem Verkehrszentrum des Deutschen Museums in München zu entwerfen entschieden sich die beiden für eine Aktion die den Zeitgeist auf den Kopf stellte. Anstatt ein Denkmal für die Geschwindigkeit oder die technische Effizienz zu bauen schufen sie eine gigantische Schnecke aus Fiberglas. Diese Schnecke die von beiden Künstlern eigenhändig bemalt wurde wirkte durch ihre Größe monumental und zugleich durch ihre Gestaltung seltsam niedlich. Die Wahl dieses Tieres war ein bewusster Kommentar zum relevanten Thema der globalen Geschwindigkeit. In einer Welt die immer schneller zu werden scheint und in der Mobilität als höchstes Gut gilt setzten McCarthy und Rhoades ein Zeichen der radikalen Langsamkeit. Es ist gut vorstellbar wie sich die beiden Männer beim Entwurf dieser Arbeit ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen konnten. Die Schnecke im Schatten des Verkehrszentrums war eine humorvolle Provokation die die Besucher dazu einlud über den Sinn des ständigen Unterwegsseins nachzudenken. Es war ein Werk das die Schwere der Theorie durch die Leichtigkeit des Humors ersetzte und bewies dass Paul McCarthy auch die leisen Töne der Ironie perfekt beherrscht.

Santa Claus und das kontroverse Symbol des Konsums in Rotterdam

Im Jahr zweitausendacht sorgte Paul McCarthy für einen internationalen Skandal der die Gemüter bis heute erhitzt. Seine Skulptur von Santa Claus wurde auf dem Rotterdamer Eendrachtsplein aufgestellt und löste sofort eine Welle der Entrüstung aus. Die riesige dunkle Figur des Weihnachtsmannes hielt ein Objekt in der Hand das der Künstler offiziell als Tannenbaum deklarierte das aber für jeden Betrachter unmissverständlich die Form eines Butt Plugs hatte. Diese bewusste Doppeldeutigkeit ist typisch für McCarthys Vorgehen. Er verknüpft das unschuldige Symbol des Schenkens und der christlichen Tradition mit einem Objekt aus der Welt der Pornografie und des analogen Fetischismus. Damit erzielte er eine enorme Aufmerksamkeit und zwang die Stadtgesellschaft zu einer Debatte über den öffentlichen Raum und die Grenzen der Kunst. Für McCarthy ist Santa Claus ein Symbol des entfesselten Konsums und die sexuelle Konnotation des Objekts in seiner Hand ist ein Kommentar zur Gier und zur versteckten Triebhaftigkeit unserer Warenwelt. Die Skulptur wurde im Volksmund schnell als Kabouter Buttplug bekannt und hat sich trotz aller Proteste zu einem heimlichen Wahrzeichen der Stadt entwickelt. Hier wird die künstlerische Veränderung von Paul McCarthy deutlich sichtbar: Er verlässt den geschützten Raum der Galerie und konfrontiert die Menschen direkt in ihrem Alltag mit ihren eigenen Tabus.

White Snow und die Demontage der Disney-Idylle

Ein weiteres zentrales Projekt in seinem Spätwerk ist die Auseinandersetzung mit dem Erbe von Walt Disney die im Jahr zweitausendneun unter dem Titel White Snow in New York ihren ersten Höhepunkt fand. In dieser umfangreichen Ausstellung beschäftigte sich McCarthy intensiv mit den Charakteren aus dem Märchen Schneewittchen und die sieben Zwerge. Die Schau bestand aus einer beeindruckenden Reihe von Zeichnungen und Skulpturen die das bekannte Märchen in einen Albtraum aus Perversion und Gewalt verwandelten. White Snow ist für McCarthy eine Metapher für die verlorene Unschuld Amerikas. Er zeigt die Zwerge nicht als lustige Helfer sondern als entstellte und triebgesteuerte Wesen die in einer düsteren Welt aus Schmutz und Exzess leben. Durch die Deformierung dieser ikonischen Figuren greift er die kulturelle Hegemonie von Disney an und hinterfragt die Art und Weise wie uns diese Geschichten von Kindheit an prägen. Er nutzt die Ästhetik des Zeichentrickfilms um die dunklen Untertöne der Originalmärchen der Gebrüder Grimm wieder freizulegen die in der weichgespülten Version von Hollywood verloren gegangen sind. Die Zeichnungen sind von einer nervösen Energie geprägt und zeigen dass McCarthy auch als Grafiker ein Meister darin ist Unruhe zu stiften. In dieser obsessiven Dekonstruktion von Populärkultur berührt sich McCarthys Arbeit mit Jeff Koons, der die Ikonografie des Kitsches ebenfalls zum Material seiner Kunst macht — allerdings mit einer Hochglanzästhetik die McCarthys dreckiger Gegenposition diametral entgegensteht. Auch Takashi Murakami operiert an der Grenze zwischen Popkultur und Hochkunst, aber wo Murakami die Oberfläche feiert, zertrümmert McCarthy sie.

Der Weihnachtsbaum von Paris und der Sturm auf der Place Vendôme

Einer der wohl heftigsten Skandale seiner gesamten Laufbahn ereignete sich am sechzehnten Oktober zweitausendvierzehn in Paris. Auf der ehrwürdigen Place Vendôme ließ Paul McCarthy eine riesige grüne Skulptur installieren die er selbst schlicht als Weihnachtsbaum charakterisierte. Doch wie schon in Rotterdam war die Ähnlichkeit mit einem Sexspielzeug so frappierend dass es innerhalb kürzester Zeit zu gewalttätigen Protesten kam. Der Künstler wurde auf offener Straße von einem Passanten geohrfeigt und die Skulptur wurde schließlich von Vandalen schwer beschädigt und musste abgebaut werden. Das Aufsehen war global und die Diskussion über die Respektlosigkeit der Kunst gegenüber historischen Orten wurde mit großer Leidenschaft geführt. McCarthy hatte mit diesem Werk genau jenen Nerv getroffen der die bürgerliche Ordnung und den guten Geschmack schützt. Indem er ein Objekt des privaten Vergnügens in einen monumentalen Maßstab skalierte und es in das Herz der französischen Hauptstadt stellte machte er die Unsichtbarkeit von Sexualität und Scham im öffentlichen Raum zum Thema. Die Kritik war laut und unversöhnlich doch für McCarthy war es ein Beweis für die Kraft der Kunst Emotionen zu wecken und gesellschaftliche Verkrustungen aufzubrechen. Es war ein Moment in dem die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft nicht mehr theoretisch diskutiert wurde sondern sich physisch auf der Straße entlud.

Das monumentale Erbe eines unermüdlichen Provokateurs

Wenn wir die Zahlen betrachten wird die enorme Produktivität und Relevanz von Paul McCarthy erst richtig greifbar. Zwischen neunzehnhundertdreiundsiebzig und heute nahm der Künstler an stolzen sechshundert Gruppenausstellungen und einhundert Einzelausstellungen teil. Das ist ein Pensum das nur wenige seiner Zeitgenossen erreichen. Er hat das Verständnis von dem was Performance und Skulptur im einundzwanzigsten Jahrhundert sein können massiv erweitert. Sein Einfluss auf Künstler wie Mike Kelley oder die nachfolgenden Generationen der Young British Artists ist unbestreitbar. Die Chapman Brothers mit ihren verstörenden Skulpturen und Sarah Lucas mit ihrer rohen Materialästhetik wären ohne McCarthys Vorarbeit kaum denkbar. McCarthy hat uns gezeigt dass man die Welt nur dann wirklich verstehen kann wenn man bereit ist sie in ihre ekelhaften und lächerlichen Einzelteile zu zerlegen. Er bleibt der unermüdliche Arbeiter am Fleisch der Gesellschaft der uns mit Ketchup und Schokolade den Spiegel vorhält. Sein Werk ist ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst die auch dort hingucken darf wo es wehtut oder wo es uns peinlich ist. Er ist und bleibt einer der einflussreichsten amerikanischen Künstler überhaupt weil er sich niemals hat korrumpieren lassen und bis heute seinem Credo der kompromisslosen Ehrlichkeit treu geblieben ist.

Paul McCarthys Bedeutung liegt in der Unbeugsamkeit mit der er die heiligen Kühe der westlichen Kultur schlachtet. Ob es sich um den Weihnachtsmann oder Disney-Prinzessinnen oder den heroischen Maler handelt; nichts ist vor seinem sezierenden Blick sicher. Er erinnert uns daran dass wir biologische Wesen sind die aus Blut und Fleisch bestehen egal wie sehr wir uns hinter glatten digitalen Oberflächen und moralischen Masken verstecken. In einer Welt die immer steriler und kontrollierter wird ist seine Kunst ein notwendiger Ausbruch von Wildheit und Chaos. Er hat die Kunstwelt gelehrt dass Provokation kein Selbstzweck ist sondern ein Mittel um zur Wahrheit vorzudringen. Wer vor einem seiner Werke steht spürt die Energie eines Mannes der sein ganzes Leben dem Widerstand gegen das Offensichtliche gewidmet hat. Er ist der Fleischersohn der die Kunst zum blutigen Handwerk gemacht hat und dafür gebührt ihm ein fester Platz in den Annalen der Moderne.

In seinem aktuellen Schaffen konzentriert er sich weiterhin auf die Verbindung von Video und Skulptur wobei seine Installationen immer komplexer und raumgreifender werden. Er nutzt die neuesten Technologien um seine grotesken Welten noch immersiver zu gestalten. Doch im Kern bleibt er der Junge aus Salt Lake City der keine Angst davor hat sich die Hände schmutzig zu machen. Sein Vermächtnis ist die Erkenntnis dass die Kunst der einzige Ort ist an dem wir unsere tiefsten Ängste und absurdesten Wünsche ausleben können ohne dabei den Verstand zu verlieren. Paul McCarthy ist die Stimme die uns zuruft dass wir nicht vergessen dürfen zu lachen besonders dann wenn es am dunkelsten ist. Er hat die Grenzen des Sagbaren verschoben und uns damit ein Stück Freiheit geschenkt die wir ohne seine mutige Arbeit niemals gefunden hätten.

Mehr Informationen unter: https://www.hauserwirth.com/artists/2796-paul-mccarthy/

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens — und zeigen in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die keine Scheu vor dem Unbequemen haben, von Auf Teufel komm raus bis Demons.