In der weiten und oft rätselhaften Welt der zeitgenössischen Ästhetik gibt es kaum eine Gestalt die den Betrachter so konsequent aus seiner Komfortzone reißt wie Bruce Nauman. Er ist der unangefochtene Architekt des Unbehagens und ein Pionier der zeigt dass Kunst nicht dazu da ist das Auge zu schmeicheln sondern den Geist zu erschüttern. Nauman der seit mehreren Jahrzehnten eine ganze Generation von Künstlern anführt interessiert sich weit weniger für rein ästhetische Belange als für die fundamentale Frage wie Kunst Bedeutung trägt und wie diese Bedeutung im rasanten Tempo verloren gehen oder gewonnen werden kann. Er hat die Fähigkeit seiner Disziplin erweitert dem Publikum ein multisensorisches Erlebnis zu bieten das oft an veränderliche Orte führt an denen die gewohnten Sicherheiten schwinden. Sein Werk ist eine ständige Herausforderung an unsere Wahrnehmung und eine Untersuchung der menschlichen Existenz in all ihrer Absurdität und körperlichen Schwere. Wer vor einer Arbeit von Nauman steht begegnet nicht nur einem Objekt sondern einer Situation die den Körper und den Verstand gleichermaßen fordert.
Mathematische Präzision und der Ruf der inneren Welt
Der Ursprung dieser tiefgründigen und oft kühlen Herangehensweise liegt im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Bruce Nauman wurde am 6. Dezember 1941 in Fort Wayne in Indiana geboren und wuchs als ein eher schüchterner und in sich gekehrter Junge auf. In seiner Kindheit hatte er nur sehr wenig Kontakt mit der bildenden Kunst was vielleicht erklärt warum er sich später den akademischen Konventionen so erfolgreich entziehen konnte. Er verbrachte viel Zeit mit dem Lesen und widmete sich der Musik wobei er Klavier und Gitarre sowie Kontrabass studierte. Diese musikalische Ausbildung ist in der Rhythmik und der zeitlichen Struktur seiner späteren Video- und Soundarbeiten deutlich spürbar. Sein Bildungsweg führte ihn zunächst an die University of Wisconsin in Madison wo er sich auf Mathematik und Physik konzentrierte — eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft die sein gesamtes Denken durchzieht. Doch nach seinem zweiten Jahr vollzog sich ein radikaler Wandel als er seinen Eltern mitteilte dass er Künstler werden würde. Im Jahr 1964 schloss er sein Studium mit einem Bachelor in Naturwissenschaften ab wobei er Malerei im Nebenfach belegte.
Die Jahre in Kalifornien und der Aufstieg im Studio
Nach seinem ersten Abschluss zog es Nauman weiter nach Westen an die University of California in Davis wo er im Jahr 1966 seinen Master of Fine Arts erwarb. Diese Zeit war prägend für seinen experimentellen Geist da er begann die Grenzen der traditionellen Medien zu überschreiten. Nach seinem Studium bezog er ein Studio in San Francisco und unterrichtete in den frühen Morgenstunden am Art Institute. Er führte dort ein eher isoliertes Leben was ihm den Raum gab seine ganz eigene visuelle Sprache zu entwickeln. In den späten 1960er Jahren entwickelte sich seine Karriere rasant. Er hatte seine erste Einzelausstellung im Jahr 1968 in der Galerie Leo Castelli in New York einer der wichtigsten Adressen der damaligen Kunstwelt. Schon früh wurden seine Arbeiten in internationalen Foren wie der Kunsthalle Bern und dem Stedelijk Museum in Amsterdam gezeigt. Nauman bewies bereits damals dass er ein Gespür für ungewöhnliche Materialien und bizarre Formen besitzt die den Betrachter unmittelbar in den Bann ziehen.
Das Scheitern der Kommunikation in Wachs und Geste
Eines der faszinierendsten Themen im Werk von Bruce Nauman ist die Unfähigkeit des Menschen sich wirklich mitzuteilen. In der Arbeit Ten Heads Circle / Up and Down aus dem Jahr 1990 nutzt er eine Serie von Köpfen aus Wachsguss die in Zweiergruppen unterteilt sind. Er richtet damit einen imaginären Gesprächskreis oder einen Philosophenzirkel ein. Doch während man als Betrachter durch diesen Kreis wandert entsteht der bleibende Eindruck dass die menschliche Kommunikationsfähigkeit irgendwie frustriert oder ausgebremst wurde. Die Köpfe hängen stumm und isoliert im Raum und zeigen die Einsamkeit des Individuums inmitten einer sozialen Struktur. In dieser Thematisierung der gescheiterten Kommunikation durch fragmentierte Körperteile steht Nauman neben Paul McCarthy, der in seinen verstörenden Performances und Skulpturen ebenfalls den menschlichen Körper zergliedert und grotesk verzerrt — wenn auch mit einer karnevalesken Brutalität die Naumans kühler Analytik entgegensteht.
Aggressives Neon und die Macht der Sprache
In den frühen 1980er Jahren vollzog sich eine weitere Wandlung in Naumans Schaffen als er begann textgesteuerte Installationen durch aggressive Neonlichtarbeiten und großformatige Skulpturen zu ersetzen. Er nutzte die grelle Ästhetik der Leuchtreklamen um politische Kommentare und sprachliche Paradoxien in den Raum zu werfen. Seine Verwendung von Sprache ist oft gewaltsam und fordernd wobei er Worte wie Leben oder Tod und Liebe oder Hass in schnellen Zyklen aufleuchten lässt. In dieser Nutzung von Neonlicht als aggressivem Medium der Sprache steht Nauman in einer direkten Linie zu Jenny Holzer, deren LED-Textinstallationen eine verwandte Verschmelzung von Wort und Licht praktizieren — wenn auch mit einer politischen Klarheit wo Nauman die semantische Verwirrung bevorzugt. Er nutzt die Sprache als ein plastisches Material das er formt und verzerrt bis der ursprüngliche Sinn verloren geht oder in einem neuen Licht erscheint. Die formale Radikalität seiner Leuchtstoffarbeiten wiederum ist ohne den Einfluss von Dan Flavin nicht denkbar, der das industrielle Licht zum eigenständigen Medium erhob.
Der Goldene Löwe und die Kraft des Klangs
Ein absoluter Höhepunkt in der langen Karriere von Bruce Nauman war das Jahr 2009 als er die Vereinigten Staaten auf der Biennale in Venedig repräsentierte. Er präsentierte dort unter anderem die beeindruckenden Soundinstallationen Days und Giorni in denen Stimmen im Raum verschiedene Wochentage rezitieren. Diese akustischen Arbeiten schaffen eine Umgebung die den Körper des Besuchers durchdringt und ein Gefühl von Zeitlosigkeit und zugleich von mechanischer Wiederholung erzeugt. Für diese Präsentation wurde Nauman mit dem Goldenen Löwen als bester Künstler ausgezeichnet was seine ungebrochene Relevanz in der internationalen Kunstwelt unterstrich. In der Verbindung von Klang und räumlicher Erfahrung berührt sich sein Werk mit dem von Christian Marclay, dessen The Clock ebenfalls die Zeit selbst zum Material der Kunst macht. Nauman zeigte in Venedig dass er auch in seinen späten Berufsjahren in der Lage ist mit minimalen Mitteln eine maximale Wirkung zu erzielen.
Einfluss auf die Young British Artists und das Erbe des Minimalismus
Bruce Nauman bleibt einer der einflussreichsten zeitgenössischen amerikanischen Künstler da er unzählige junge Talente geprägt hat. Besonders deutlich wird sein Einfluss in der Bewegung der Young British Artists die in den 1990er Jahren die Kunstwelt im Sturm eroberten. Künstler wie Damien Hirst oder Tracey Emin verdanken Naumans Bereitschaft soziale und politische Kommentare in eine krasse körperliche Form zu gießen sehr viel. Er hat dazu beigetragen den strengen und oft gefühlskalten Einfluss der Minimal Art zu lockern und der Kunst eine neue psychologische Tiefe zu geben. Nauman nutzt den physischen Körper und tierische sowie menschliche Körperteile um ungewöhnliche Themen zu erforschen die uns oft an unsere eigene Sterblichkeit und unsere animalischen Wurzeln erinnern. Seine innovativen Ideen kommen in einer Vielfalt von Materialien zum Ausdruck was es fast unmöglich macht sein Werk einem einzigen Stil zuzuordnen — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren. Er bleibt der große Experimentator der uns zeigt dass die Kunst eine soziale Praxis ist die uns hilft die Welt in ihrer ganzen Grausamkeit und Schönheit besser zu verstehen.
Bruce Nauman erinnert uns daran dass wir Wesen sind die ständig versuchen Sinn in einer Welt zu finden die oft keinen Sinn ergibt. Seine Gipsabdrücke und Neonröhren sowie seine Videoaufnahmen sind Werkzeuge einer archäologischen Untersuchung des Menschseins. Er hat die Kunst geheilt indem er ihr erlaubte ihre eigenen Brüche und ihr eigenes Scheitern zu zeigen. Wer sich auf das Werk von Nauman einlässt begegnet einer Welt voller Rätsel und tiefer Wahrheit die uns dazu auffordert die eigene Wahrnehmung immer wieder neu zu kalibrieren. Er bleibt der Architekt des flüchtigen Augenblicks dessen Spuren in der zeitgenössischen Kunst noch lange Zeit sichtbar bleiben werden.
Mehr Informationen unter: https://berlinartweek.de/event/bruce-nauman/
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler und ihre Vorläufer vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der Galerien in Berlin, unsere Porträts der wichtigsten Kuratoren und unsere eigenen Ausstellungen.
