Wolfgang Tillmans und die Befreiung des fotografischen Blicks

In der weiten Landschaft der zeitgenössischen Kunst gibt es nur wenige Akteure die das Medium der Fotografie so grundlegend erschüttert und gleichzeitig erweitert haben wie Wolfgang Tillmans. Er ist weit mehr als ein bloßer Bildermacher; er ist ein Komponist von Sichtbarkeiten der die Grenze zwischen dem flüchtigen Schnappschuss und der monumentalen Abstraktion vollkommen aufgelöst hat. Geboren im Jahr neunzehnhundertachtundsechzig in der nordrheinwestfälischen Stadt Remscheid hat Tillmans einen Weg beschritten der ihn von den bescheidenen Anfängen im Bergischen Land bis in die bedeutendsten Museen der Welt führte. Sein Schaffen ist geprägt von einer tiefen Neugier auf die Beschaffenheit der Welt und einer unvoreingenommenen Liebe zum Detail die das Banale in das Besondere transformiert. Er lebt und arbeitet heute zwischen den Metropolen Berlin und London.

Der Aufbruch aus Remscheid und die Jahre der Ausbildung

In der Zeit von neunzehnhundertsiebenundachtzig bis neunzehnhundertneunzig absolvierte er seine künstlerische Ausbildung am Bournemouth and Poole College of Art and Design an der Südküste Englands. Doch sein Wissensdurst war damit nicht gestillt und so vertiefte er seine künstlerische Praxis zwischen zweitausenddrei und zweitausendsechs durch ein Studium an der renommierten Städelschule in Frankfurt am Main. Schon früh zeigte sich dass Tillmans ein besonderes Gespür dafür besaß den Geist seiner Zeit einzufangen ohne dabei in oberflächliche Moden zu verfallen.

Der Puls der neunziger Jahre und die Londoner Clubszene

In den frühen neunziger Jahren gelang Wolfgang Tillmans der große Durchbruch als er begann die pulsierende Energie der Londoner Clubszene mit seiner Kamera festzuhalten. Seine Fotografien wurden in einflussreichen Magazinen wie i-D und Spex veröffentlicht und machten ihn schlagartig zu einem Chronisten der Jugendkultur. Er fing das Lebensgefühl einer Generation ein die sich zwischen Ekstase und Melancholie bewegte. Diese Aufnahmen besaßen eine intime Qualität die den Betrachter direkt in das Geschehen hineinzog. In dieser Verbindung von dokumentarischer Unmittelbarkeit und intimer Empathie steht Tillmans neben Nan Goldin, deren Ballad of Sexual Dependency ebenfalls das Leben einer Gemeinschaft aus nächster Nähe festhält — wenn auch mit der rohen Dringlichkeit der analogen Diashow wo Tillmans die stille Aufmerksamkeit des Einzelbildes bevorzugt. Er gab einer Szene ein Gesicht die oft am Rande der Gesellschaft stand und erhob ihre Ästhetik in den Rang der Hochkultur.

Der Turner Prize und die Anerkennung der Fotografie als Kunstform

Ein absoluter Wendepunkt war die Verleihung des Turner Prize im Jahr zweitausend. Tillmans war der erste Fotograf und zugleich der erste Künstler der nicht aus Großbritannien stammte dem dieser renommierte Preis zuteil wurde. Tillmans hatte bewiesen dass die Fotografie in der Lage ist die gleichen komplexen Fragen zu stellen wie die Malerei oder die Konzeptkunst. In dieser Überzeugung dass die Fotografie ein vollwertiges Medium der hohen Kunst ist steht er neben Jeff Wall, der mit seinen Leuchtkästen die Fotografie ebenfalls in den Rang der Historienmalerei erhob — wenn auch mit der Methode der totalen Inszenierung wo Tillmans die Methode der offenen Beobachtung bevorzugt. Sein Werk umfasst seitdem ein beeindruckendes Spektrum das von spontanen Momentaufnahmen bis hin zu monumentalen Installationen reicht.

Jenseits der Kamera: die Alchemie des Fotopapiers

Besonders bekannt sind seine Serien mit den Titeln Blushes und Freischwimmer die durch ihre faszinierenden Muster und Farben bestechen. Das Besondere an diesen Werken ist dass sie oft vollkommen ohne den Einsatz einer Kamera entstehen. Tillmans arbeitet direkt in der Dunkelkammer auf lichtempfindlichem Fotopapier und nutzt Lichtquellen sowie Chemikalien um malerische Effekte zu erzielen. In dieser kameralosen Erforschung des Lichts als eigenständiges Material berührt sich Tillmans‘ Arbeit überraschend mit der von James Turrell, dessen Lichtinstallationen ebenfalls das Licht selbst zum Gegenstand der Kunst machen — wenn auch im dreidimensionalen Raum wo Tillmans die Fläche des Fotopapiers bevorzugt. Diese Abstraktionen wirken fast wie Gemälde besitzen aber die spezifische Tiefe die nur das Fotopapier bieten kann. In diesen Serien zeigt sich Tillmans als ein Alchemist des Bildes der die Chemie nutzt um die Magie des Sichtbaren zu erklären — eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft die sein gesamtes Werk durchzieht.

Die Wand als Spielfeld: immersive Installationen im Raum

Ein wesentliches Merkmal seiner künstlerischen Praxis ist die Art und Weise wie er seine Werke in Ausstellungen präsentiert. Tillmans arrangiert seine Fotografien in oft riesigen Installationen bei denen er einfache Fotokopien neben hochwertigen großformatigen Drucken platziert. Er nutzt Klebestreifen und einfache Clips um die Bilder direkt auf die Wand zu bringen wodurch die Hierarchie zwischen den verschiedenen Formaten aufgelöst wird. Diese Methode der Hängung ist stilbildend geworden. Doch für ihn ist es eine Form des demokratischen Zeigens bei dem jedes Bild seinen Platz im großen Gefüge der Welt behaupten darf — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren.

Die Intimität des Alltags

Trotz seines Hangs zur Abstraktion bleibt Wolfgang Tillmans im Kern ein Fotograf des Alltags. Seine Stillleben von Obstschalen oder Wäschestücken sowie der Blick aus dem Fenster besitzen eine Aufmerksamkeit die diese profanen Motive zu etwas Besonderem erhebt. In dieser Fähigkeit dem Alltäglichen eine poetische Würde zu verleihen steht Tillmans neben Gabriel Orozco, der in seinen Fotografien und Skulpturen ebenfalls die Poesie des Banalen feiert — wenn auch mit der konzeptuellen Methode des minimalen Eingriffs wo Tillmans die reine Beobachtung bevorzugt. Er lehrt uns dass es keine unbedeutenden Motive gibt sondern nur unbedeutende Arten des Hinsehens.

Wenn wir heute auf das bisherige Lebenswerk von Wolfgang Tillmans blicken erkennen wir einen Künstler der die Fotografie aus ihrem Korsett befreit hat. Er hat uns gezeigt dass ein Bild sowohl ein Dokument der Wirklichkeit als auch eine abstrakte Schöpfung des Geistes sein kann. Tillmans bleibt ein unverzichtbarer Bestandteil der zeitgenössischen Kunstszene. Er hat die Gabe das Große im Kleinen zu finden und die Politik im Privaten sichtbar zu machen. Wolfgang Tillmans ist der Architekt des Augenblicks dessen Vision uns auch in Zukunft dabei helfen wird die Welt mit wacheren Augen zu sehen.

Mehr Informationen unter: http://www.artnet.com/artists/wolfgang-tillmans/biography

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das Sehen selbst zum Thema machen — von Faces III bis Miniatures.