In den weiten Hallen der zeitgenössischen Kunstwelt gibt es nur wenige Stimmen die eine so tiefgreifende und nachhaltige Wirkung auf die Art und Weise wie wir Kunst betrachten ausgeübt haben wie Frances Morris. Als langjährige Direktorin der Tate Modern und als eine der angesehensten Expertinnen ihrer Generation hat sie ihren Einfluss konsequent genutzt um verkrustete Strukturen aufzubrechen und für eine gerechtere Vertretung von Künstlerinnen zu kämpfen. Geboren im Jahr neunzehnhundertneunundfünfzig wuchs sie im Südosten von London auf. Frances Morris ist weit mehr als eine Verwalterin von Sammlungen; sie ist eine Visionärin die das Museum als einen lebendigen Ort des Diskurses und der sozialen Transformation begreift — eine Haltung die auch unser Artikel zum Museumsmarketing im Wandel aufgreift.
Ein Leben für die Kunstgeschichte und die ersten Schritte in London
Die intellektuelle Reise von Frances Morris begann mit einer beeindruckenden akademischen Ausbildung. Sie erhielt ein Stipendium für das Studium der Kunstgeschichte an der Universität Cambridge. Danach vertiefte sie ihr Wissen am Courtauld Institute of Art. In den achtziger Jahren begann sie ihre Karriere als Kuratorin in der Arnolfini Gallery in Bristol einem Ort der für seine Experimentierfreude und seine Offenheit für zeitgenössische Tendenzen bekannt war.
Der Eintritt in die Tate und die Ära des Existentialismus
Im Jahr neunzehnhundertsiebenundachtzig vollzog Frances Morris einen entscheidenden Schritt als sie als Kuratorin zur Tate Gallery kam. Im Jahr neunzehnhundertdreiundneunzig kuratierte sie die Ausstellung Paris Post War: Art and Existentialism. Nur zwei Jahre später arbeitete sie an der Ausstellung Rites of Passage die sich mit den Übergängen im menschlichen Leben befasste. Ihre Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Größen wie Paul McCarthy oder Sophie Calle und Chris Burden zeigt ihre Fähigkeit Brücken zwischen unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen zu schlagen.
Die Tate Modern und die Revolution der musealen Präsentation
Der vielleicht bedeutendste Moment in ihrer Karriere war ihre zentrale Rolle bei der Eröffnung der Tate Modern im Jahr zweitausend. Statt der traditionellen chronologischen Anordnung wählte Morris einen thematischen Ansatz der Werke aus unterschiedlichen Epochen und Regionen miteinander in Beziehung setzte. Diese radikale Entscheidung veränderte grundlegend die Art und Weise wie Museen die Geschichte der modernen Kunst präsentieren. In dieser thematischen Neuordnung der Sammlung steht Morris neben Charles Esche, der am Van Abbemuseum in Eindhoven eine verwandte Strategie der Dekonstruktion des chronologischen Kanons verfolgt — wenn auch mit einer stärkeren Betonung der postkolonialen Perspektive wo Morris die feministische Dimension in den Vordergrund stellt. Diese Neuausrichtung machte die Tate Modern zu einem der erfolgreichsten Museen der Welt.
Die Stimme der Frauen und der Kampf um Sichtbarkeit
Ein roter Faden der sich durch das gesamte Schaffen von Frances Morris zieht ist ihr unermüdlicher Einsatz für eine stärkere Repräsentation von Künstlerinnen. Besonders hervorzuheben ist die Ausstellung von Louise Bourgeois im Jahr zweitausendsieben. Es folgten gefeierte Schauen von Yayoi Kusama im Jahr zweitausendzwölf und Agnes Martin im Jahr zweitausendfünfzehn. Diese Ausstellungen waren nicht nur Publikumserfolge sondern auch wissenschaftliche Meilensteine. In diesem Kampf um die Sichtbarkeit von Künstlerinnen steht Morris neben Elvira Dyangani Ose, die als Direktorin des MACBA in Barcelona ebenfalls die Dekolonisierung und die Diversifizierung des Kanons vorantreibt — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren. Morris hat gezeigt dass Exzellenz keine Frage des Geschlechts ist und dass ein Museum die moralische Pflicht hat die Vielfalt der künstlerischen Produktion abzubilden.
Globale Horizonte und die Diversifizierung der internationalen Sammlung
Unter der Leitung von Frances Morris hat die Tate ihre internationale Reichweite strategisch erweitert. Sie erkannte dass die Geschichte der Moderne nicht allein in den Metropolen Europas und Nordamerikas geschrieben wurde. Daher forcierte sie den Ankauf von Werken aus Lateinamerika und Afrika sowie aus Asien. Diese strategische Neuausrichtung führte dazu dass die Sammlung der Tate heute zu den vielfältigsten und globalsten der Welt gehört. Morris förderte zudem die Sammlung von Live-Kunst und Performance-Medien. Ihre Arbeit an der Umgestaltung der Internationalen Sammlung war ein Akt der kulturellen Demokratisierung — eine Öffnung die sich mit der Arbeit von Jochen Volz an der Pinacoteca de São Paulo berührt, der ebenfalls die Brücke zwischen europäischer und nicht-europäischer Kunst schlägt.
Führung und internationale Vernetzung
Im April zweitausendsechzehn wurde Frances Morris zur Direktorin der Tate Modern ernannt. Ihre Expertise ist auch außerhalb der Tate sehr gefragt. Sie ist Mitglied im Vorstand der Fruitmarket Gallery in Edinburgh und des Mori Art Museum in Tokio. Im März zweitausendachtzehn wurde sie zur Distinguished Professor der Shanghai Academy of Fine Arts ernannt. Morris versteht es diplomatisches Geschick mit kuratorischer Leidenschaft zu verbinden.
Das Erbe der sanften Rebellion
Frances Morris hat im Laufe ihrer beeindruckenden Karriere bewiesen dass man mit Leidenschaft und Fachkenntnis die Welt verändern kann. Ihr Kampf für die Sichtbarkeit von Frauen und für die Anerkennung globaler Kunst hat die Landkarte der Moderne dauerhaft verändert. Morris bleibt eine zentrale Figur der internationalen Kunstszene. Sie hat die Tate Modern geprägt und dabei selbst Geschichte geschrieben. Frances Morris ist die Architektin einer Museumslandschaft die gerechter und vielfältiger sowie lebendiger ist als je zuvor.
Mehr Informationen unter: http://francesmorris.com
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Stimmen der Gegenwartskunst vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der wichtigsten Kuratoren und Museumsdirektoren, die Porträts der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler und unsere eigenen Ausstellungen in Berlin.
