In der zeitgenössischen Kunstwelt gibt es kaum einen Namen der so untrennbar mit der Neuerfindung der Fotografie als großformatiges Wandbild verbunden ist wie jener von Jeff Wall. Der im Jahr 1946 in Vancouver geborene Künstler hat einen Weg eingeschlagen der die Grenzen zwischen der klassischen Malerei und der modernen Fototechnik vollkommen aufgelöst hat. Wall ist nicht einfach ein Fotograf der den entscheidenden Augenblick einfängt; er ist ein Regisseur und ein Architekt von Bildern die mit einer Präzision konstruiert werden die man sonst nur aus dem Bereich des Kinos oder der Malerei der Renaissance kennt. Seine Arbeiten die oft in leuchtenden Leuchtkästen präsentiert werden haben das Medium aus der kleinen intimen Form der Dokumentation herausgeholt und ihm eine Monumentalität verliehen die es erlaubt in den großen Museen dieser Welt neben den Meisterwerken der Kunstgeschichte zu bestehen.
Die frühen Jahre und der Weg vom Pinsel zur Linse
Der Ursprung dieser außergewöhnlichen künstlerischen Kraft liegt in Vancouver wo Jeff Wall am 29. September 1946 zur Welt kam. Sein Vater erkannte sein Talent früh und errichtete für den sechzehn Jahre alten Jeff ein eigenes Atelier in einem Hinterhof. In dieser privaten Werkstatt begann Wall mit der Erschaffung großformatiger Gemälde was seinen Sinn für die Dimension und die räumliche Komposition schärfte. Nach seinem High-School-Abschluss entschied er sich für ein Studium der Kunstgeschichte an der University of British Columbia. In dieser Zeit vollzog sich ein radikaler Wandel: Wall hörte auf zu malen und zu zeichnen da er spürte dass die traditionellen Mittel nicht mehr ausreichten um die Komplexität der Gegenwart zu erfassen.
London und die intellektuelle Grundlegung am Courtauld Institute
Im Jahr 1970 nahm Jeff Wall eine Einladung an das renommierte Courtauld Institute of Art in London an. Unter der Anleitung des Sozialhistorikers T. J. Clark beschäftigte er sich intensiv mit den Bedingungen der Malerei des 19. Jahrhunderts. Er entwickelte ein tiefes Verständnis dafür wie Künstler wie Manet das moderne Leben ihrer Zeit in die Strukturen der klassischen Kunst integrierten. Diese intellektuelle Auseinandersetzung lieferte ihm das Rüstzeug um später die Fotografie als ein Medium zu begreifen das die Nachfolge der großen Historienmalerei antreten könnte.
Die Rückkehr nach Vancouver und der Durchbruch mit dem Leuchtkasten
Im Jahr 1973 kehrte Wall nach Vancouver zurück. Er entwickelte den Ansatz der kinematografischen Fotografie bei der Szenen aus dem täglichen Leben im Studio oder an Originalschauplätzen mit Schauspielern neu inszeniert wurden. Der Durchbruch gelang ihm im Jahr 1978 mit dem Werk The Destroyed Room. Dieses Foto zeigt ein verwüstetes Zimmer das an die Dramatik von Eugène Delacroix erinnert. Wall präsentierte das Bild als ein großes Dia in einem fluoreszierenden Leuchtkasten im Schaufenster der Nova Gallery in Vancouver. Die Wahl des Leuchtkastens war eine geniale Subversion da diese Technik bis dahin fast ausschließlich für die kommerzielle Werbung genutzt wurde. In dieser Überführung eines kommerziellen Mediums in die hohe Kunst steht Wall neben Barbara Kruger, die ebenfalls die visuelle Sprache der Werbung gegen sich selbst wendet — wenn auch mit der Aggression des Slogans wo Wall die stille Monumentalität des Leuchtkastens bevorzugt.
Das Bild für Frauen und der Dialog mit Édouard Manet
Eines der theoretisch und visuell komplexesten Werke entstand im Jahr 1979 unter dem Titel Picture for Women. Wall stellt hier einen direkten Bezug zu Édouard Manets Meisterwerk Un Bar aux Folies-Bergère aus dem Jahr 1882 her. Die Kamera die das Bild aufnimmt ist genau im Zentrum der Komposition platziert und thematisiert so den Akt des Sehens und des Gesehenwerdens selbst. In dieser Methode der fotografischen Reinszenierung eines klassischen Gemäldes steht Wall neben Cindy Sherman, deren Untitled Film Stills ebenfalls kunsthistorische und filmische Vorbilder in eine zeitgenössische fotografische Praxis übersetzen — wenn auch mit dem eigenen Körper als einzigem Requisit wo Wall den gesamten Apparat des Filmsets mobilisiert.
Die Vancouver School und die konzeptionelle Fotografie
Jeff Wall gilt als der führende Kopf der sogenannten Vancouver School einer losen Gruppierung von Künstlern die ab Ende der 1980er Jahre die internationale Kunstwelt eroberten. Zusammen mit Kollegen wie Rodney Graham oder Stan Douglas und Ian Wallace prägte er einen Ansatz der als objektbasierte Konzeptkunst bezeichnet werden kann. Die Vancouver School zeichnete sich durch eine kühle analytische Beobachtung der sozialen Umgebung aus die oft mit einer hohen handwerklichen Perfektion einherging. Walls Leuchtkästen wurden zum Markenzeichen dieser Bewegung die die Fotografie als ein intellektuelles Medium etablierte. Sein Einfluss als Lehrer an der University of British Columbia trug maßgeblich dazu bei dass Vancouver zu einem weltweit anerkannten Zentrum für zeitgenössische Fotografie wurde.
Digitale Montagen und fantastische Kompositionen
In seinen neueren Arbeiten hat Jeff Wall die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung genutzt. Ein bekanntes Beispiel ist das Werk Dead Troops Talk das eine Szene nach einem Gefecht in Afghanistan zeigt. Ein weiteres Meisterwerk ist A Sudden Gust of Wind das auf einem japanischen Druck des 19. Jahrhunderts von Katsushika Hokusai basiert. Wall versetzt die Szene in die kanadische Landschaft und lässt Papiere durch die Luft wirbeln die in einer präzisen Choreografie eingefroren sind. In dieser Verbindung von Kunst und Wissenschaft — der digitalen Technologie als Werkzeug für die Erweiterung der fotografischen Möglichkeiten — berührt sich Walls Arbeit mit der von Stan Douglas, der in seinen Videoinstallationen ebenfalls digitale Montage nutzt um historische Szenen zu reinszenieren, und mit Andreas Gursky, der die digitale Nachbearbeitung seiner Großformate zur Methode erhoben hat.
Der Theoretiker und der Einfluss auf die Kunstwelt
Jeff Wall ist nicht nur als bildender Künstler von Bedeutung sondern genießt auch als Kunsttheoretiker und Lehrer einen hervorragenden Ruf. Seine Fähigkeit komplexe theoretische Konzepte klar zu formulieren hat ihn zu einem gefragten Redner auf internationalen Symposien gemacht. Sein Einfluss reicht heute weit über die Welt der bildenden Kunst hinaus und hat das Verständnis davon wie Bilder in einer von Medien gesättigten Kultur funktionieren nachhaltig geprägt — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren. Wall hat der Fotografie die Möglichkeit eröffnet aus ihren traditionellen Grenzen auszubrechen und eine Rolle einzunehmen die sowohl dokumentarisch als auch hochgradig artifiziell ist.
Weltweite Anerkennung
Seine Arbeiten wurden im Museum of Modern Art in New York und in der Tate Modern in London sowie im Art Institute of Chicago präsentiert. Im Jahr 2006 erhielt er den Hasselblad Foundation International Award in Photography. Diese Preise sind ein Beweis für die dauerhafte Relevanz seiner Arbeit und für seine Rolle als Wegbereiter für neue Generationen von Künstlern die die Fotografie als ein Medium der tiefen Reflexion und der technischen Meisterschaft begreifen.
Jeff Wall hat uns gelehrt dass die Wahrheit eines Bildes nicht in seiner Entstehungsgeschwindigkeit liegt sondern in der Tiefe seiner Konstruktion. Er hat die Fotografie in den Adelsstand der hohen Kunst erhoben und ihr eine Präsenz verliehen die im Zeitalter der schnellen digitalen Bilderflut wichtiger denn je ist. Seine Leuchtkästen sind Fenster in eine Welt in der jedes Detail zählt und in der die Geschichte der Kunst in jedem Pixel weiterlebt. Jeff Wall ist ein Visionär der uns zeigt dass das Bild die stärkste Kraft ist um die Welt in ihrer ganzen Tiefe zu begreifen.
Mehr Informationen unter: http://www.artnet.com/artists/jeff-wall/biography
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das Bild als konstruierte Wahrheit begreifen — von Faces III bis Dramaturgien des Zwischenraums.
