John Currin und die frivole Meisterschaft zwischen Renaissance und Hochglanz

In der schillernden Welt der zeitgenössischen Malerei gibt es nur wenige Akteure die eine so virtuose Brücke zwischen der ehrwürdigen Tradition der Alten Meister und der trivialen Ästhetik der modernen Massenmedien schlagen wie John Currin. Der im Jahr neunzehnhundertzweiundsechzig in Boulder im US Bundesstaat Colorado geborene Künstler hat sich einen Namen als einer der gewagtesten und zugleich technisch brillantesten Porträtisten unserer Zeit gemacht. Wenn wir heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf sein bisheriges Lebenswerk blicken wird deutlich dass er die figurative Malerei aus einer Sackgasse der Bedeutungslosigkeit befreit hat indem er sie mit einer gehörigen Portion Satire und einer fast schon unheimlichen Präzision auflud. Currin ist ein Maler der in New York lebt und arbeitet und dessen Werke oft sexuelle und soziale Tabus mit einer Leichtigkeit aufgreifen die den Betrachter gleichermaßen fasziniert und abstößt. Sein künstlerischer Kosmos speist sich aus den unterschiedlichsten Quellen: von der sakralen Erhabenheit der italienischen Renaissance und der erdigen Detailverliebtheit der flämischen Malerei bis hin zu den glatten Oberflächen von Hochglanzmagazinen und der naiven Konsumwelt der Werbung aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. In seinen Bildern verschmelzen diese gegensätzlichen Welten zu einer hybriden Realität die uns zwingt unsere Vorstellungen von Schönheit und Begehren sowie von gutem Geschmack radikal zu hinterfragen.

Die prägenden Jahre zwischen Physik und Klavierspiel

Die Biografie von John Currin beginnt in einer intellektuell anregenden Umgebung. Als drittes von vier Kindern eines Physikprofessors und einer Klavierlehrerin wuchs er in einer Atmosphäre auf die von analytischem Denken und künstlerischer Sensibilität geprägt war. Kurz nach seiner Geburt zog die Familie nach Nordkalifornien zunächst nach Palo Alto und später nach Santa Cruz bevor sie sich schließlich in Connecticut niederließ als John zehn Jahre alt war. Diese ständigen Ortswechsel in seiner Jugend mögen seinen Blick für soziale Strukturen und die Wandelbarkeit von Identitäten geschärft haben. Eine entscheidende Weiche für seine spätere Karriere wurde gestellt als er als Teenager in Stamford regelmäßigen Kunstunterricht bei Lev Meshberg nahm. Meshberg ein klassisch ausgebildeter russischer Maler vermittelte dem jungen Currin jene fundamentalen handwerklichen Fertigkeiten die heute die Basis für seine virtuose Maltechnik bilden. In einer Zeit in der viele Kunstschulen die Vermittlung klassischer Techniken zugunsten konzeptioneller Ansätze vernachlässigten erhielt Currin ein Rüstzeug das ihn von seinen Zeitgenossen abheben sollte. Diese fundierte Ausbildung setzte er an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh fort wo er neunzehnhundertvierundachtzig seinen Bachelor of Fine Arts erwarb bevor er für sein Masterstudium an die renommierte Yale University wechselte. In Yale knüpfte er lebenslange Freundschaften mit Künstlern wie Lisa Yuskavage und Sean Landers die heute wie er die zeitgenössische figurative Malerei maßgeblich prägen.

Der Aufbruch in New York und die Dekonstruktion der Highschool Idylle

Nachdem er neunzehnhundertsechsundachtzig seinen Abschluss an der Yale University in der Tasche hatte zog es John Currin in die Metropole New York City die bis heute der Mittelpunkt seines Schaffens geblieben ist. Seinen ersten großen Durchbruch feierte er im Jahr neunzehnhundertneunundachtzig mit einer Serie von Porträts heranwachsender Mädchen. Die Vorlagen für diese Werke suchte er sich nicht in der Realität sondern in den standardisierten Bildern von Highschool Jahrbüchern. Durch die malerische Bearbeitung verwandelte er diese unschuldigen Porträts in subtile Studien der Unsicherheit und der sozialen Maskerade. Schon hier zeigte sich sein Hang zu einem kitschigen aber technisch perfekten Stil der sich bald auf farbenfrohe Darstellungen von Frauen und Männern erweiterte. Seine Inspirationen suchte er sich dabei zunehmend in Medien wie dem Playboy oder der Cosmopolitan wobei er die dortigen Schönheitsideale durch Übersteigerung ins Lächerliche zog. In einer Ära in der die Kunstwelt von stark politisch aufgeladenen und oft spröden Konzepten dominiert wurde wirkten Currins Bilder wie ein provokanter Rückgriff auf die reine Malerei. Bis neunzehnhundertzweiundneunzig hatte er sich als sowohl kritischer als auch kommerzieller Erfolg etabliert was durch seine Zusammenarbeit mit der angesehenen Andrea Rosen Gallery unterstrichen wurde.

Technischer Manierismus als Spiegel der gesellschaftlichen Tabus

Ein zentrales Merkmal in der Kunst von John Currin ist der Einsatz klassischer Maltechniken um hochsensible Themen zu bearbeiten. Er nutzt die Lasurtechnik der Alten Meister und die kompositorische Strenge der Renaissance um Szenen darzustellen die oft an der Grenze zum Grotesken balancieren. Dieser bewusste Ellbogenstoß in die Rippen der Tradition verleiht dem ansonsten oft als staubig empfundenen historischen Genre eine ungeahnte Heiterkeit und Frische. Auch Jenny Saville hat die figurative Malerei mit einer technischen Brillanz wiederbelebt die an die Alten Meister erinnert und den menschlichen Körper ins Zentrum ihres Schaffens gestellt doch während Saville den weiblichen Körper in seiner rohen fleischlichen Materialität feiert und die Verletzlichkeit des Fleisches mit einer fast schon chirurgischen Ehrlichkeit freilegt nutzt Currin die klassische Technik als Falle: Er lockt den Betrachter mit handwerklicher Perfektion an nur um ihn dann mit der satirischen Verzerrung seiner Figuren zu konfrontieren. Besonders deutlich wird dies in seiner Auseinandersetzung mit Weiblichkeit und Schönheit. Er karikiert Stereotypen die in der visuellen Kultur unserer Gesellschaft allgegenwärtig sind und verfremdet sie durch die Ästhetik des Manierismus. In seinen späteren Werken finden sich Figuren mit unproportioniert verlängerten Gliedmaßen die an die Meisterwerke eines Parmigianino erinnern aber gleichzeitig aus Modezeitschriften oder gar Pornografie stammen könnten. Diese verzerrte Anatomie ist kein Unvermögen des Malers sondern ein präzises Werkzeug um die Künstlichkeit und den performativen Charakter von Geschlechterrollen offenzulegen.

Die Debatte um Sexismus und die Freiheit der Satire

In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts löste die explizite Sexualität in den Werken von John Currin heftige Debatten aus. Einige Kritiker sahen in seinen Darstellungen von Frauen einen tief verwurzelten Sexismus und warfen ihm Frauenfeindlichkeit vor. Ein besonders scharfzüngiger Kritiker der New Republic bezeichnete seine Arbeit sogar als giftig und als eine Verunreinigung der Kunst. Diese Vorwürfe trafen Currin jedoch nicht unvorbereitet. Er verteidigte sein Schaffen stets als eine humorvolle und zugleich scharfsinnige Reflexion über die gegenwärtige kulturelle Haltung gegenüber Frauen und dem menschlichen Körper im Allgemeinen. Für ihn ist die Überzeichnung ein Mittel der Erkenntnis und keine Form der Herabwürdigung. Currin nutzt das Klischee um es durch die Malerei zu entlarven und der Lächerlichkeit preiszugeben. Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Kontroversen wuchs sein Ruhm stetig an. Die Menschen waren fasziniert von der Spannung zwischen der moralischen Fragwürdigkeit der Motive und der unbestreitbaren Schönheit der Ausführung. Bis zum Jahr zweitausenddrei hatten seine Bilder Preise im hohen sechsstelligen Bereich erreicht was seinen Aufstieg in den kommerziellen Olymp der Kunstwelt besiegelte. Zur gleichen Zeit begann er in der prestigeträchtigen Galerie von Larry Gagosian in Chelsea auszustellen was seinen Status als einer der weltweit gefragtesten zeitgenössischen Maler untermauerte.

Einfluss auf Zeitgenossen und die Ästhetik der Verwirrung

Der Einfluss von John Currin auf die nachfolgende Generation von Künstlern kann kaum überschätzt werden. Seine mutige Entscheidung zur Figur zurückzukehren und gleichzeitig die dunklen Seiten der Populärkultur zu erforschen hat vielen anderen Kreativen neue Wege eröffnet. Besonders in der Fotokunst einer Cindy Sherman finden sich Parallelen zu Currins Interesse am performativen Charakter der Weiblichkeit im zeitgenössischen Amerika. Beide untersuchen wie wir uns durch Kleidung und Pose sowie durch mediale Vorbilder selbst erschaffen und dabei oft zu Karikaturen unserer eigenen Wünsche werden doch während Sherman sich selbst in endlosen Verwandlungen fotografiert und die Identität als Konstruktion im Medium der Fotografie entlarvt arbeitet Currin mit dem langsamen Medium der Ölmalerei und destilliert die Verzerrung nicht aus dem eigenen Körper sondern aus den Bilddatenbanken der Massenmedien. Er hat eine Form der Malerei etabliert die gleichzeitig intellektuell fordernd und visuell verführerisch ist. Seine Erkundungen der weiblichen Stereotypen sind keine einfachen Abbildungen sondern komplexe Untersuchungen über die Macht der Bilder und die Art wie wir uns im Spiegel der Medien wahrnehmen. Currin hat bewiesen dass die Malerei auch in einem digitalen Zeitalter eine unverzichtbare Kraft besitzt um die Absurditäten unseres sozialen Zusammenlebens festzuhalten.

Die zeitlose Relevanz der handwerklichen Perfektion

John Currin bleibt auch im Jahr zweitausendsechsundzwanzig eine der polarisierendsten Figuren der Kunstszene und Gesellschaft da er sich weigert seine Kunst einer moralischen Korrektheit unterzuordnen. Sein Werk ist ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst die auch das Unbequeme und das politisch Unkorrekte darstellen darf solange es mit einer solchen intellektuellen Tiefe und handwerklichen Meisterschaft geschieht. Die nackten Figuren in seinen Bildern sind keine bloßen Akte; sie sind Schlachtfelder auf denen gesellschaftliche Konventionen und individuelle Begierden aufeinanderprallen. Durch die Verwendung von Elementen aus kommerziellen Quellen wie der Werbung oder der Pornografie zeigt er uns wie sehr unser Blick durch diese Industrien bereits geprägt ist. Er hält uns den Spiegel vor und zeigt uns eine Welt die gleichermaßen hässlich und wunderschön ist. Die Heiterkeit die von seinen satirischen Porträts ausgeht ist oft eine bittere Freude die uns zum Lachen bringt während wir gleichzeitig über die Abgründe der menschlichen Natur erschrecken. Currin hat die Annalen der Tradition nicht nur gelesen sondern er hat sie umgeschrieben und mit seinem eigenen schamlosen Kapitel ergänzt.

In einer Ära der flüchtigen Bilder bietet die Malerei von John Currin einen Ort der Beständigkeit und der intensiven Betrachtung. Man kann seine Bilder nicht im Vorbeigehen konsumieren; sie fordern eine Auseinandersetzung mit jedem Pinselstrich und jedem bizarren Detail. Er bleibt der Meister des Manierismus der Neuzeit der uns zeigt dass die Vergangenheit der Kunst niemals abgeschlossen ist sondern in jeder neuen Verzerrung der Gegenwart wiedergeboren wird. Sein Erfolg bei Gagosian und die hohen Preise auf den Auktionen sind nur ein Indiz für die Kraft seiner Vision. Die wahre Bedeutung seines Werks liegt in der Unruhe die es in uns auslöst und in der Freude am malerischen Exzess die er mit uns teilt. John Currin hat das Porträt in die Freiheit entlassen indem er es zur Satire machte und damit eine Wahrheit über unsere Gesellschaft ausgesprochen die oft hinter den glatten Fassaden der Normalität verborgen bleibt. Er ist und bleibt ein Verunreiniger der Kunst im besten Sinne da er die starren Grenzen des Erlaubten immer wieder aufs Neue überschreitet um zu zeigen was Malerei wirklich leisten kann.

Mehr Informationen unter: https://gagosian.com/artists/john-currin/

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Kraft der figurativen Malerei und die Spannung zwischen Tradition und Subversion feiern.