In der heutigen Kunstwelt steht Luc Tuymans als eine monumentale Säule der zeitgenössischen Malerei fest verankert im Kanon der Moderne. Der im Jahr 1958 in Mortsel bei Antwerpen geborene Belgier hat das Medium der Malerei in einer Zeit wiederbelebt als viele es bereits für tot oder zumindest für erschöpft erklärt hatten. Tuymans ist weit mehr als ein bloßer Bildermacher; er ist ein Analyst der Wahrnehmung und ein Seismograf der historischen Traumata. Sein Werk zeichnet sich durch eine eigentümliche Blässe und eine bewusst gewählte Unschärfe aus die den Betrachter oft in einen Zustand der Unsicherheit versetzt. Wer vor einem seiner Gemälde steht begegnet nicht der lauten Farbgewalt des Expressionismus sondern einer gedämpften fast geisterhaften Ästhetik die das Sichtbare eher entzieht als es preiszugeben. Tuymans nutzt die Malerei um die Lücken im kollektiven Gedächtnis und die Unzulänglichkeiten der medialen Repräsentation zu untersuchen.
Die biografischen Wurzeln in Flandern und der Schatten der Geschichte
Die Kindheit von Luc Tuymans in der Nähe von Antwerpen war von einer Atmosphäre geprägt die er selbst oft als eigenwillig beschreibt. Der entscheidende Einfluss auf sein Werk kam aus der familiären Geschichte. Die Erlebnisse seiner Eltern im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust legten den Grundstein für seine lebenslange Beschäftigung mit den düsteren Themen der europäischen Geschichte. Er startete seine akademische Ausbildung am Sint-Lukas-Institut in Brüssel in den Jahren von 1976 bis 1979. Es folgte eine weitere Station an der École Nationale Supérieure des Arts Visuels de la Cambre.
Die filmische Zäsur und die Entdeckung des Mediums Film
Nachdem er für etwa zwei Jahre das Interesse an der Malerei verloren hatte wandte sich Luc Tuymans dem Filmemachen zu. Diese Phase der filmischen Arbeit veränderte seinen Blick auf das stehende Bild grundlegend. Tuymans begann die Malerei durch die Linse der Kamera zu begreifen. Er interessierte sich für abgeschnittene Winkel sowie für extreme Nahaufnahmen und die spezifische Körnigkeit von Filmmaterial. Als er schließlich zur Malerei zurückkehrte trug er diese filmische Ästhetik in seine Bilder hinein. Er malte nun Werke die wie Standbilder aus einem verlorenen Film wirkten. In dieser Verschmelzung von Malerei und filmischer Ästhetik steht Tuymans neben Jeff Wall, der ebenfalls die Errungenschaften des Kinos in ein stilles Bildmedium übersetzt — wenn auch in die Fotografie statt in die Malerei, und mit der Monumentalität des Leuchtkastens wo Tuymans die Blässe des Ölgemäldes bevorzugt.
Gas Chamber und die Darstellbarkeit des Unsagbaren
Im Jahr 1986 markierte das Gemälde Gas Chamber einen Wendepunkt. Das Bild das eine Gaskammer im Konzentrationslager Dachau darstellt ist von einer erschreckenden Nüchternheit. Tuymans verzichtet auf jede Form der emotionalen Überwältigung. Stattdessen zeigt er einen leeren kargen Raum in blassen Tönen der durch seine schiere Gewöhnlichkeit umso entsetzlicher wirkt. Dieses Werk verdeutlicht seine Überzeugung dass das Grauen der Geschichte oft in der Banalität der Architektur und der Verwaltung lauert. In dieser Thematisierung der Unfassbarkeit historischer Gewalt durch scheinbar harmlose Bilder steht Tuymans neben Doris Salcedo, deren mit Zement gefüllte Möbel ebenfalls die Banalität der Objekte nutzen um die Ungeheuerlichkeit der Gewalt spürbar zu machen — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren.
Die Technik der Blässe und die Macht der Unschärfe
Tuymans malt oft nach Fotografien die er selbst aufgenommen hat oder die er in Massenmedien findet. Er übersetzt diese Vorlagen in eine malerische Sprache die das Unwichtige betont und das Eigentliche oft im Verborgenen lässt. Die Unschärfe dient ihm dabei als Mittel um die Fragilität der Erinnerung und die Manipulation der Wahrnehmung darzustellen. In dieser Methode der malerischen Transformation fotografischer Vorlagen steht Tuymans neben Gerhard Richter, der die Technik der Unschärfe in der Malerei überhaupt erst etablierte, und neben Marlene Dumas, die ebenfalls Pressefotos und Schnappschüsse als Ausgangsmaterial nutzt — wenn auch mit der expressiven Flüssigkeit der Tusche wo Tuymans die kühle Blässe des Öls bevorzugt.
Marlene Dumas und die Kinder von Gerhard Richter
Oft werden die Arbeiten von Luc Tuymans zusammen mit denen von Marlene Dumas ausgestellt. Beide werden gelegentlich als die Kinder von Gerhard Richter bezeichnet da sie dessen Erbe der fotorealistischen Unschärfe auf ganz eigene Weise weiterentwickelt haben. Während Richter oft die Grenze zwischen Abstraktion und Figuration auslotete konzentrieren sich Tuymans und Dumas stärker auf die psychologischen und historischen Dimensionen der Darstellung. Dumas befasst sich intensiver mit dem Körper und dem Porträt während Tuymans oft die Architektur und die Symbole der Macht in den Mittelpunkt stellt. Die Gegenüberstellung ihrer Werke zeigt die Vielfalt der Möglichkeiten die die moderne figurative Malerei heute bietet.
Der Kurator und der interkulturelle Dialog
Luc Tuymans hat sich zudem als bedeutender Kurator einen Namen gemacht. Besonders sein Interesse an interkulturellen Ausstellungen die belgische und chinesische Kunst zusammenbringen hat für Aufmerksamkeit gesorgt. In der Zusammenarbeit mit Philippe Pirotte am Belgischen Pavillon der Biennale von Venedig 2001 zeigte sich bereits diese Fähigkeit komplexe kuratorische Positionen zu formulieren. Als Kurator agiert er mit derselben Präzision wie als Maler und schafft Räume die den Betrachter zum Nachdenken über die Strukturen des Sehens anregen.
Präsenz in den großen Sammlungen der Welt
Der internationale Status von Luc Tuymans wird durch die Präsenz seiner Werke in den bedeutendsten Museen der Welt dokumentiert. Seine Arbeiten befinden sich in den Sammlungen des Guggenheim Museum und des Museum of Modern Art in New York sowie im Centre Pompidou in Paris und in der Tate Gallery in London. Tuymans hat die Malerei aus der Falle der reinen Ästhetik befreit und sie zu einem Werkzeug der kulturellen Analyse gemacht. Er bleibt ein Künstler der uns dazu auffordert genau hinzusehen und die Bilder niemals ungeprüft zu lassen.
Mehr Informationen unter: http://www.artnet.com/artists/luc-tuymans/biography
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Fragilität der Erinnerung untersuchen — von Dark Ages bis Faces III.
