Philippe Pirotte und die kuratorische Alchemie des Weltbürgertums

In der heutigen global vernetzten Kunstwelt gibt es Persönlichkeiten die nicht nur Ausstellungen organisieren sondern ganze intellektuelle Landschaften neu kartografieren. Philippe Pirotte ist zweifellos einer dieser Vordenker. Geboren am 14. April 1972 in Belgien hat er eine Karriere geformt die sich durch eine tiefe Verankerung in der Kunstgeschichte und eine gleichzeitig rastlose Neugier auf die globalen Ränder der Kunstproduktion auszeichnet. Er ist ein Kurator der das Museum nicht als statischen Ort der Aufbewahrung begreift sondern als ein dynamisches Laboratorium in dem soziale und politische sowie ästhetische Fragen in Echtzeit verhandelt werden. Pirotte hat bewiesen dass er sowohl die großen Institutionen Europas leiten als auch die aufstrebenden Szenen in Asien und Südamerika mit sensibler Präzision erschließen kann. Sein Wirken ist geprägt von einer intellektuellen Redlichkeit die den Diskurs über die Funktion der Kunst in einer postkolonialen Welt maßgeblich vorangetrieben hat.

Die akademischen Wurzeln und der Geist von Antwerpen

Die Reise von Philippe Pirotte begann in der historischen Stadt Gent wo er an der dortigen Universität Kunstgeschichte studierte. Zwischen 1996 und 2001 vertiefte er sein Wissen als Assistent am kunstgeschichtlichen Lehrstuhl. Doch Pirotte war kein Theoretiker für den Elfenbeinturm. Dies führte im Jahr 1999 zur Gründung von objectif_exhibitions in Antwerpen. In diesem Kunstraum schuf er eine Plattform für Experimente die weit über den traditionellen Galeriebetrieb hinausgingen. Er begriff früh dass ein Kurator auch ein Ermöglicher sein muss der Künstlern den Raum gibt Risiken einzugehen.

Der Pavillon in Venedig und die Zusammenarbeit mit Luc Tuymans

Ein bedeutender Meilenstein in seiner frühen Laufbahn war die Zusammenarbeit mit dem Maler Luc Tuymans im Jahr 2001. Pirotte war an der Gestaltung des Katalogs für die Ausstellung von Tuymans im Belgischen Pavillon der Biennale von Venedig beteiligt. Tuymans ist bekannt für seine bleichen und oft verstörenden Gemälde die sich mit der Geschichte und dem kollektiven Gedächtnis auseinandersetzen. Die Arbeit an diesem Projekt schärfte Pirottes Sinn für die politische Dimension der Malerei. Venedig war die große Bühne auf der er lernte die Komplexität einer künstlerischen Position für ein Weltpublikum aufzubereiten.

Die Kunsthalle Bern und das Erbe von Harald Szeemann

Im Jahr 2005 übernahm Philippe Pirotte eine der prestigeträchtigsten Positionen der europäischen Kunstwelt als er Direktor der Kunsthalle Bern wurde. Er trat damit die Nachfolge des legendären Harald Szeemann an einer Figur die den Begriff des Kurators als Autorenkünstler überhaupt erst erfunden hatte. In Bern bewies Pirotte dass er in der Lage war ein solch schweres Erbe nicht nur zu verwalten sondern es mit neuen Inhalten zu füllen. Ein Höhepunkt war die Ausstellung Art as Life über das Werk von Allan Kaprow dem Erfinder des Happenings. Pirotte zeigte hier wie man die flüchtigen Momente einer Aktionskunst in den musealen Raum übersetzt ohne ihre lebendige Energie zu ersticken.

Voids und die Ästhetik des Nichts

Eines der radikalsten Projekte seiner Berner Zeit war die Ausstellung Voids: A Retrospective of Empty Exhibitions. Hierbei handelte es sich um eine kühne Rekonstruktion historischer Ausstellungen die nichts als leere Räume gezeigt hatten. Von Yves Kleins berühmter Leere aus dem Jahr 1958 bis hin zu Arbeiten von Michael Asher oder Robert Irwin untersuchte Pirotte die Kraft des Nichts. In dieser Erforschung der Leere als künstlerisches Material berührt sich Pirottes kuratorischer Ansatz mit dem Werk von Anish Kapoor, dessen Descent into Limbo ebenfalls die Abwesenheit zum Gegenstand der Kunst erhebt, und mit Martin Creed, dessen The lights going on and off den leeren Galerieraum zum Kunstwerk erklärt. Voids war ein kuratorisches Meisterstück das zeigte dass Philippe Pirotte keine Angst vor dem Experiment hat. Er machte deutlich dass die Abwesenheit eines Objekts oft eine stärkere Präsenz erzeugen kann als seine Anwesenheit.

Der Durchbruch in Shanghai und die Entdeckung Asiens

Nach seinem Abschied aus Bern im Jahr 2011 zog es Pirotte in die chinesische Metropole Shanghai. Er verantwortete die Ausstellung Involved in der ShanghART Gallery und tauchte tief in die Dynamik einer Stadt ein die sich in einem permanenten Zustand der Transformation befand. Er erkannte die enorme Energie und die Innovationskraft der chinesischen Film- und Videokunst. Diese Jahre in China waren für seine Entwicklung als global agierender Kurator von unschätzbarem Wert. Er wurde zu einem Experten für die asiatische Gegenwartskunst und schaffte es diese Positionen in den westlichen Diskurs zu integrieren ohne sie zu exotisieren.

Yang Fudong und das entfremdete Paradies

Im Jahr 2012 leitete Philippe Pirotte für das Kunsthaus in Zürich die bedeutende Premierenausstellung des chinesischen Filmkünstlers Yang Fudong unter dem Titel Estranged Paradise. Fudong ist ein Meister der atmosphärischen Schwarzweißfilme die von der Sehnsucht und der Melancholie einer jungen Generation in China erzählen. Pirotte schuf eine Ausstellungsarchitektur die den meditativen Charakter der Filme unterstrich und den Besuchern erlaubte in die poetischen Welten des Künstlers einzutauchen. Im selben Jahr kuratierte er Fifty Days at Sea im Stadtpavillon der Shanghai Biennale wobei er sich mit den Themen der Migration und des maritimen Raums befasste.

Der Rektor der Städelschule und der Geist von Frankfurt

Im Jahr 2014 wurde Philippe Pirotte zum Rektor der renommierten Städelschule in Frankfurt am Main gewählt und übernahm gleichzeitig die Leitung der legendären Ausstellungshalle Neuer Portikus. Die Städelschule ist bekannt für ihre internationale Ausrichtung und für ihre flachen Hierarchien. Pirotte passte perfekt in dieses Umfeld da er den Geist der Freiheit und der kritischen Befragung schon in seiner gesamten Karriere vorgelebt hatte. In Frankfurt schuf er ein Klima der produktiven Unruhe und förderte den Austausch zwischen den verschiedenen Disziplinen. Er verstand die Schule als einen Ort der Produktion in dem das Denken und das Machen untrennbar miteinander verbunden sind.

Le Grand Balcon und die Biennale de Montréal

Ebenfalls im Jahr 2014 fungierte Philippe Pirotte als Chefkurator der La Biennale de Montréal die unter dem Titel Le Grand Balcon stattfand. In Montréal präsentierte Pirotte eine beeindruckende Auswahl internationaler Künstler wie Thomas Bayrle und Haegue Yang sowie die damals aufstrebende Anne Imhof. Die Biennale war ein großer Erfolg und unterstrich Pirottes Fähigkeit auch großformatige Events mit einer klaren intellektuellen Handschrift zu führen. Le Grand Balcon war eine Meditation über die Macht der Repräsentation und über die Rolle der Kunst als Zeugin unserer Zeit.

Philippe Pirotte und die Zukunft der Documenta

Aktuell ist Philippe Pirotte als Kurator bei der Documenta in Kassel tätig. Die Documenta gilt als die weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst und bietet Pirotte die ideale Bühne um seine globalen Perspektiven einem Millionenpublikum zu präsentieren. Es ist zu erwarten dass er erneut Fragen der kollektiven Autorschaft und der postkolonialen Realitäten in den Mittelpunkt stellen wird — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren. In dieser postkolonialen Sensibilität steht Pirotte neben Elvira Dyangani Ose, die als Direktorin des MACBA in Barcelona eine verwandte Agenda der Dekolonisierung verfolgt, und neben Jochen Volz, der als Generaldirektor der Pinacoteca de São Paulo ebenfalls die Brücke zwischen europäischem und nicht-europäischem Denken schlägt. Pirotte bleibt ein Seismograph für die Schwingungen unserer Gesellschaft der die Kunst als ein Medium nutzt um die Wunden der Geschichte zu heilen und um neue Visionen für die Zukunft zu entwerfen.

Mehr Informationen unter: https://staedelschule.de/en/information/teachers/philippe-pirotte

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Stimmen der Gegenwartskunst vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der wichtigsten Kuratoren und Museumsdirektoren, die Porträts der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler und unsere eigenen Ausstellungen in Berlin.