In der globalen Kunstlandschaft gibt es nur wenige Persönlichkeiten die eine so elegante Brücke zwischen der europäischen Denkschule und der pulsierenden Energie Südamerikas schlagen wie Jochen Volz. Wer heute die Pinacoteca de São Paulo besucht spürt sofort die Handschrift eines Mannes der Kunst nicht als statisches Objekt sondern als ein lebendiges und oft unvorhersehbares System begreift. Geboren im Jahr 1971 in Braunschweig hat Volz einen Weg zurückgelegt der ihn von den klassischen Museen Süddeutschlands bis an die Spitze einer der bedeutendsten Kulturinstitutionen Brasiliens geführt hat. Er ist ein Kurator der die Stille des Ateliers ebenso schätzt wie den diskursiven Lärm einer internationalen Biennale. Sein Wirken ist geprägt von einer tiefen intellektuellen Neugier die sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden gibt sondern die Widersprüche und Mehrdeutigkeiten unserer Zeit als eigentliches Material der Kunst versteht. Jochen Volz hat bewiesen dass ein Kurator mehr sein kann als ein bloßer Verwalter von Werken nämlich ein Moderator von Prozessen der die Kunst als eine spekulative Disziplin nutzt um Strategien für ein Leben in einem Zeitalter der totalen Ungewissheit zu entwerfen.
Die prägenden Jahre zwischen Stuttgart und den Metropolen der Theorie
Die Initialzündung für seine lebenslange Leidenschaft für die visuelle Kultur fand in Stuttgart statt wo Jochen Volz aufwuchs. Der tägliche Schulweg führte ihn an der Staatsgalerie vorbei einem Ort der für ihn bald weit mehr als nur ein Gebäude wurde. Besonders die Sammlung der originalen Kostüme von Oskar Schlemmer hinterließ einen bleibenden Eindruck bei dem jungen Schüler. Diese Begegnung mit der fabelhaften Welt der Kunst die Körper und Raum sowie Bewegung in Einklang brachte war der erste Kontakt mit einer Ästhetik die das Leben als Gesamtkunstwerk begreift. Es ist nur folgerichtig dass er sich später für ein Studium der Kunstgeschichte entschied das ihn an die renommierten Universitäten in München und Berlin führte. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München und der Humboldt-Universität in Berlin legte er das theoretische Fundament für seine spätere Karriere. Im Jahr 1999 schloss er sein Studium mit einem Magisterabschluss ab wobei er sich in seiner Abschlussarbeit bereits mit einem Thema befasste das die zeitgenössische Kunst bis heute umtreibt: Das Porträt und seine Transformation durch Künstler wie Elizabeth Peyton oder Wolfgang Tillmans sowie Marlene Dumas und Thomas Ruff.
Frankfurt und der Portikus als Laboratorium des zeitgenössischen Denkens
Die ersten großen Schritte als Kurator unternahm Jochen Volz in der hessischen Metropole Frankfurt am Main. Von zweitausendeins bis zweitausendvier leitete er den Portikus eine Institution die weltweit für ihre kompromisslose Ausrichtung auf experimentelle und zeitgenössische Positionen bekannt ist. In dieser Zeit arbeitete Volz mit einer Reihe von Künstlern zusammen die heute zur absoluten Weltspitze gehören. Namen wie Michael Elmgreen und Ingar Dragset oder Rirkrit Tiravanija und Dominique Gonzalez-Foerster tauchen in seinen Programmen auf. Er schuf einen Raum in dem das Denken keine Grenzen kannte und in dem die Kunst oft die Form von sozialen Interventionen annahm. Ein besonderer Höhepunkt dieser Phase war die Koordinierung der Gasthof-Veranstaltung im Jahr zweitausendzwei. Hier brachte Volz rund dreihundertfünfzig Kunststudenten zusammen um über Themen wie Gastfreundschaft und Essen sowie die soziale Funktion der Kunst zu diskutieren. Diese Verbindung von intellektuellem Austausch und physischer Erfahrung ist typisch für seinen Ansatz. Er begreift den Ausstellungsraum nicht als isolierte White Box sondern als einen Ort der Begegnung an dem die Grenzen zwischen Künstler und Publikum sowie Theorie und Praxis verschwimmen.
Die brasilianische Verwandlung und das Wunder von Inhotim
Der wohl radikalste und folgenreichste Wechsel in seiner Karriere erfolgte im Jahr zweitausendfünf als Jochen Volz dem Ruf nach Brasilien folgte. Er übernahm die künstlerische Leitung des Inhotim Instituts in Minas Gerais einer Institution die unter seiner Führung zu einem der spektakulärsten Kunstorte der Welt aufstieg. Inmitten eines botanischen Gartens schuf Volz einen Ort an dem die monumentale Architektur und die zeitgenössische Kunst eine Symbiose mit der tropischen Natur eingingen. Inhotim wurde unter seiner Ägide zu einem Pilgerort für Kunstliebhaber aus aller Welt da er dort Werke von Künstlern wie Cildo Meireles oder Hélio Oiticica in einer Dimension präsentieren konnte die in herkömmlichen Museen undenkbar wäre. Diese Jahre in Brasilien prägten sein Verständnis für die Kraft der Dezentralisierung und für die Bedeutung lokaler Kontexte in einer globalisierten Kunstwelt — ein Ansatz der sich mit dem Konzept des Also Space von Reinaart Vanhoe berührt, der ebenfalls nach Modellen sucht in denen Kunst organisch in ihre Umgebung eingebettet ist statt sich als Alternative zu positionieren. Diese tiefe Verwurzelung in der brasilianischen Szene führte schließlich dazu dass er im Jahr zweitausendsechzehn zum Chefkurator der zweiunddreißigsten Biennale von São Paulo berufen wurde einer Aufgabe die er mit Bravour meisterte und die seinen Ruf als internationaler Top-Kurator endgültig festigte.
London und die globale Bühne der Serpentine Galleries
Zwischen seinen Engagements in Südamerika kehrte Jochen Volz immer wieder nach Europa zurück um dort zentrale Positionen zu besetzen. Von zweitausendzwölf bis zweitausendfünfzehn fungierte er als Programmdirektor der Serpentine Galleries in London einem der wichtigsten Zentren für zeitgenössische Kunst weltweit. In London war er dafür verantwortlich die visionären Programme der Galerie weiterzuentwickeln und den Dialog zwischen verschiedenen Disziplinen zu fördern. Er war Co-Kurator der dreiundfünfzigsten Biennale von Venedig im Jahr zweitausendneun unter dem programmatischen Titel Making Worlds was seine Überzeugung widerspiegelt dass Kunst aktiv an der Gestaltung unserer Realität teilnimmt. Auch die Beteiligung an der ersten Aichi Triennale in Nagoya im Jahr zweitausendzehn zeigt seine Fähigkeit sich in völlig unterschiedliche kulturelle Kontexte einzuarbeiten und dort relevante künstlerische Diskurse anzustoßen. Volz ist ein Netzwerker im besten Sinne des Wortes der die Fäden der internationalen Kunstszene geschickt zusammenführt ohne dabei die individuelle Stimme der Künstler aus dem Blick zu verlieren.
Entropie und Unbestimmtheit als kuratorische Leitfäden
Was die Arbeit von Jochen Volz so besonders macht ist die theoretische Tiefe die hinter seinen Projekten steht. Er lässt sich von wissenschaftlichen Disziplinen inspirieren die weit über die klassische Kunstgeschichte hinausgehen. Begriffe wie Entropie und Unbestimmtheit spielen in seinem Denken eine zentrale Rolle. Inspiriert von der Thermodynamik und der Informationstheorie betrachtet Volz Kunstwerke und Ausstellungen als Systeme die sich in einem ständigen Zustand zwischen Ordnung und Unordnung befinden — eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft die sein gesamtes kuratorisches Denken durchzieht. Für ihn ist die Kunst die einzige Disziplin die in der Lage ist auf die Unordnung im System hinzuweisen ohne sie sofort beseitigen zu wollen. Er schätzt die Mehrdeutigkeit und die Widersprüchlichkeit als wesentliche Qualitäten der künstlerischen Produktion. In einer Welt die oft nach absoluten Wahrheiten und klaren Strukturen verlangt bietet er durch die Kunst einen Raum der Spekulation an. Er ist davon überzeugt dass uns genau diese spekulativen Strategien dabei helfen können in einem Zeitalter der totalen Ungewissheit zu überleben und neue Wege des Miteinanders zu finden.
Generaldirektor der Pinacoteca de São Paulo und der Blick in die Zukunft
Seit Mai zweitausendsiebzehn ist Jochen Volz Generaldirektor der Pinacoteca de São Paulo und trägt damit die Verantwortung für eines der wichtigsten Museen Lateinamerikas. Zusammen mit seinem Team gestaltet er ein Programm das die reiche Geschichte der brasilianischen Kunst mit den drängenden Fragen der Gegenwart verknüpft. Unter seiner Leitung hat sich die Pinacoteca weiter geöffnet und ist zu einem Ort geworden der die Diversität der Gesellschaft widerspiegelt — ein Ansatz der auch die Frage berührt, wie sich Museen im Wandel neu positionieren können. Jochen Volz hat es geschafft die Pinacoteca als einen Ort der Exzellenz zu positionieren der gleichzeitig nah am Puls der Zeit bleibt. Sein unermüdlicher Einsatz für die Kunst als eine Form des Wissens und der Erkenntnis macht ihn zu einer der einflussreichsten Stimmen im aktuellen Kulturbetrieb. Auch im Jahr zweitausendsechsundzwanzig bleibt er ein Visionär der uns zeigt dass die Kunst kein Luxusgut ist sondern eine lebensnotwendige Ressource um die Komplexität unserer Welt zu begreifen und zu gestalten.
Jochen Volz bleibt ein Wanderer zwischen den Welten der die Kunst als eine universelle Sprache nutzt um Brücken zu bauen und Horizonte zu erweitern. Sein Wirken ist eine Einladung an uns alle die Unbestimmtheit nicht als Bedrohung sondern als Chance zu begreifen. Er hat bewiesen dass die wahre Macht der Kunst darin liegt die Unordnung sichtbar zu machen und uns damit zu befähigen die Welt mit neuen Augen zu sehen. Seine Karriere ist ein beeindruckendes Zeugnis dafür wie Leidenschaft und Intellekt sowie eine tiefe Liebe zur Menschlichkeit zusammenwirken können um Räume der Freiheit und der Inspiration zu schaffen die weit über die Grenzen eines Museums hinausstrahlen.
Mehr Informationen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Jochen_Volz
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Stimmen der Gegenwartskunst vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der wichtigsten Kuratoren und Museumsdirektoren, die Porträts der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler und unsere eigenen Ausstellungen in Berlin.
