In der heutigen globalisierten Kunstwelt nimmt Laercio Redondo eine Position ein die ebenso leise wie kraftvoll ist. Der im Jahr 1967 in Paranavaí im Süden Brasiliens geborene Künstler hat sich als ein wahrhafter Archäologe des kollektiven Gedächtnisses etabliert. Wer sich mit seinem Werk befasst betritt eine Zone in der die Grenzen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart sowie zwischen der Architektur und der persönlichen Identität vollkommen verschwimmen. Redondo ist ein Wanderer zwischen den Welten der sein Leben abwechselnd in der pulsierenden Metropole Rio de Janeiro und dem kühlen skandinavischen Stockholm verbringt. Diese nomadische Existenz spiegelt sich in seiner Kunst wider die oft die Themen der Vertreibung und der Suche nach Inspiration thematisiert. Er ist ein freidenkender Kosmopolit der keine lauten Skandale benötigt um Aufmerksamkeit zu erregen da seine vielschichtigen Installationen eine eigene poetische Sprache sprechen die tief in der Geschichte seines Heimatlandes verwurzelt ist.
Der Weg des Kosmopoliten zwischen Rio und Stockholm
Die akademische Ausbildung von Laercio Redondo legte den Grundstein für seine internationale Karriere. Er erwarb seinen Master of Fine Arts an der Konstfack in Stockholm. Sein Talent wurde früh durch verschiedene Stipendien gewürdigt darunter das angesehene Stipendium der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart sowie das IASPIS Residenzprogramm in Stockholm. Diese Stationen erlaubten es ihm seine Sichtweise auf die brasilianische Kultur aus der Distanz zu schärfen und gleichzeitig europäische Einflüsse in sein Werk zu integrieren. Sein Lebensstil zwischen zwei Kontinenten erlaubt ihm einen privilegierten Blick auf die Mechanismen der Identitätsbildung die er in seinen Installationen immer wieder dekonstruiert.
Das Ausgraben der Geschichte durch die Architektur
Ein zentrales Merkmal im Schaffen von Laercio Redondo ist seine intensive Beschäftigung mit Bildern aus dem kollektiven Gedächtnis und den bewussten oder unbewussten Auslöschungen der brasilianischen Kultur. Er fungiert als ein Forscher der verborgene Schichten der Geschichte freilegt indem er die Architektur und ihre Schöpfer als Ausgangspunkt nimmt. Für Redondo ist ein Gebäude niemals nur eine physische Struktur aus Stein und Glas sondern ein Speicher für Identität und nationale Mythen. In dieser Methode der künstlerischen Archäologie — dem Freilegen verschütteter Geschichten durch die Erforschung von Architektur und Archiv — berührt sich Redondos Arbeit mit der von Do Ho Suh, der in seinen schwebenden Stoffarchitekturen ebenfalls die Verbindung von gebautem Raum und persönlicher Identität erforscht, und mit Walid Raad, dessen fiktive Archive der Atlas Group ebenfalls die Grenze zwischen historischer Dokumentation und poetischer Erzählung aufheben. Dabei geht es Redondo nicht um eine nostalgische Rückschau sondern um eine kritische Analyse dessen wie wir uns durch die Räume definieren die wir bewohnen.
Identität und die Poesie der Vertreibung
Ein weiteres wiederkehrendes Thema ist die Frage der Vertreibung und des nomadischen Lebens von Künstlern auf der Suche nach Inspiration. Da er selbst zwischen zwei Kontinenten pendelt kennt er das Gefühl der Entwurzelung aus eigener Erfahrung. In dieser Thematisierung des Exils und der zerrissenen Zugehörigkeit steht Redondo neben Mona Hatoum, deren Installationen ebenfalls die Erfahrung der Vertreibung in eine materielle Sprache übersetzen, und neben Doris Salcedo, die in ihren mit Zement gefüllten Möbeln die Erinnerung an die Gewalt der Vertreibung speichert — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren. Seine Installationen sind oft filigran und vielschichtig wobei er verschiedene Medien nutzt um die Fragilität der Erinnerung und die Beständigkeit der kulturellen Wurzeln gegenüberzustellen.
Die Erinnerung an Brasília und der modernistische Traum
In seinen Arbeiten Lembrança de Brasília und Fachada setzt sich Laercio Redondo intensiv mit dem Erbe des brasilianischen Modernismus auseinander. Brasília die Stadt die aus dem Nichts erschaffen wurde dient ihm als monumentales Beispiel für die Verbindung von Architektur und Utopie. Redondo untersucht wie die visionären Entwürfe von Oscar Niemeyer und Lúcio Costa heute im kollektiven Gedächtnis verankert sind und welche Aspekte dieses Traums im Laufe der Zeit ausgelöscht wurden. Er nutzt Fotografien und Filmaufnahmen sowie räumliche Interventionen um die Fassaden der Stadt als Zeugen einer vergangenen Zukunft darzustellen. Lembrança de Brasília ist eine Hommage an die ästhetische Kraft der Stadt und gleichzeitig eine Mahnung an die Vergänglichkeit politischer Versprechen. In dieser Auseinandersetzung mit dem brasilianischen Modernismus berührt sich Redondos Arbeit mit der kuratorischen Praxis von Jochen Volz, der als Generaldirektor der Pinacoteca de São Paulo ebenfalls die reiche Geschichte der brasilianischen Kunst mit den drängenden Fragen der Gegenwart verknüpft.
Ein globales Panorama der Ausstellungen
Die internationale Anerkennung von Laercio Redondo spiegelt sich in einer beeindruckenden Liste von Ausstellungen wider. Zu seinen bedeutendsten Einzelausstellungen gehören Projekte wie Past Projects for the Future oder Was jeden Tag endet im Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro. Darüber hinaus nahm er an bedeutenden Gruppenausstellungen teil darunter die Art Basel Miami Beach und die Bienal do Mercosul in Porto Alegre sowie Präsentationen im Stedelijk Museum Bureau Amsterdam und in der Kunsthalle Göppingen. Seine Werke sind heute fester Bestandteil internationaler Sammlungen.
Was Laercio Redondo besonders auszeichnet ist seine unerschütterliche künstlerische Integrität. Er zeigt dass wahre Innovation oft in der Stille und in der sorgfältigen Beobachtung der Details liegt. Redondo bleibt ein Visionär der uns lehrt dass die Architektur der Vergangenheit das Fundament für die Träume der Zukunft ist. In einer Ära in der die digitale Flut dazu neigt die Vergangenheit zu ertränken bietet seine Kunst einen notwendigen Ankerpunkt. Laercio Redondo bleibt der stille Chronist unserer Zeit dessen Werke uns noch lange begleiten werden weil sie den Kern dessen berühren was uns als Menschen ausmacht: unsere Fähigkeit uns zu erinnern und unsere Sehnsucht nach einem Ort den wir Heimat nennen können.
Mehr Informationen unter: https://www.laercioredondo.com
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Erinnerung und Architektur verschränken — von Dramaturgien des Zwischenraums bis Miniatures.
