Christo und Jeanne Claude: Die Monumentalität der Verhüllung und die Freiheit des Geistes

An einem schicksalhaften 13. Juni des Jahres 1935 ereignete sich etwas das man rückblickend fast schon als eine kosmische Fügung bezeichnen muss. An diesem Tag wurden zwei Menschen geboren die dazu bestimmt waren die Wahrnehmung der Welt und des öffentlichen Raumes grundlegend zu verändern. In Gabrowo im damaligen Bulgarien erblickte Christo Wladimirow Jawaschew das Licht der Welt während am exakt selben Tag in Casablanca in Marokko Jeanne Claude Denat de Guillebon zur Welt kam. Dass diese beiden Seelen einmal das Gesicht der modernen Kunst durch die Kraft von Stoff und Seil verwandeln würden war in jenen frühen Jahren noch nicht abzusehen doch die Weichen wurden bereits in der Kindheit gestellt. Christo wuchs in einer Umgebung auf die von der Akademie der schönen Künste in Sofia geprägt war da seine Mutter dort als Generalsekretärin eine zentrale Rolle im kulturellen Leben des Landes spielte. Besonders seine Vorliebe für große Stoffbahnen ließ bereits in seiner Jugend erahnen welche Wege er später beschreiten würde.

Der Weg zur Freiheit und die schicksalhafte Begegnung in Paris

Christos Jugend war von den politischen Umbrüchen Osteuropas geprägt. Er studierte von 1953 bis 1956 an der Akademie der Künste in Sofia und hängte noch ein entscheidendes Semester in Wien an das ihm den Blick nach Westen öffnete. Schließlich verschlug es ihn über Genf in die französische Metropole Paris. Um seine Existenz als freier Künstler zu sichern fertigte er dort Porträts an die er unter dem Namen Javacheff vertrieb. Es war genau diese Tätigkeit die ihn im Oktober 1958 zu Jeanne Claude führte. Er sollte ein Porträt ihrer Mutter Précilda de Guillebon anfertigen. Jeanne Claude die zu diesem Zeitpunkt bereits ihr Baccalauréat in Tunis absolviert hatte war eine junge Frau von scharfem Verstand und einer beeindruckenden Disziplin. Die Begegnung mit dem bulgarischen Emigranten Christo löste jedoch eine emotionale Erschütterung aus die alle bisherigen Lebensentwürfe hinfällig machte. Am 11. Mai 1960 wurde der gemeinsame Sohn Cyril geboren. Diese Entscheidung für die Liebe und die Kunst markierte den Beginn einer der produktivsten und radikalsten Künstlersymbiosen der Weltgeschichte.

Der Eiserne Vorhang in Paris und die Philosophie der Unabhängigkeit

Schon früh bewiesen Christo und Jeanne Claude dass sie bereit waren die Kunst als einen Akt der politischen Intervention zu nutzen. Im Jahr 1962 reagierten sie auf den Bau der Berliner Mauer mit einer spektakulären Aktion in der Rue de Visconti in Paris. Ohne jegliche behördliche Genehmigung errichteten sie eine Mauer aus 89 Ölfässern die die schmale Gasse komplett blockierte. Dieses Werk mit dem Titel Rideau de Fer oder Eiserner Vorhang war ein gewagtes Statement gegen die Teilung Europas. Auch Daniel Buren hat in derselben Epoche begonnen die Kunst aus den Museen in den öffentlichen Raum zu tragen und mit seinen Streifeninterventionen die Architektur der Städte sichtbar zu machen doch während Buren den Raum mit seinem visuellen System analytisch vermisst und die Streifen als neutrales Zeichen einsetzt das die Architektur offenlegt verhüllen Christo und Jeanne Claude den Raum vollständig und machen das Vertraute erst durch sein Verschwinden wieder sichtbar — zwei diametrale Strategien der ortsspezifischen Kunst die beide das Sehen radikal verändern. Christo und Jeanne Claude entschieden sich konsequent gegen Subventionen und lehnten Auftragsarbeiten ab um die absolute Kontrolle über ihre Visionen zu behalten. Ihre Projekte finanzierten sie fortan ausschließlich durch den Verkauf von Vorzeichnungen und Collagen sowie Modellen.

Das monumentale Meisterwerk der Reichstagsverhüllung

Eines der bedeutendsten Projekte für den deutschsprachigen Raum und ein Triumph der Beharrlichkeit war die Verhüllung des Reichstags in Berlin im Sommer 1995. Dieses Vorhaben war eine Lektion in Geduld da die Vorbereitungen und der Kampf um die Genehmigung über 23 Jahre in Anspruch nahmen. Es bedurfte hunderter Gespräche mit Abgeordneten und einer leidenschaftlichen Debatte im Deutschen Bundestag bis das Vorhaben schließlich am 24. Februar 1994 bewilligt wurde. Die Abstimmung bei der 292 Abgeordnete für das Vorhaben stimmten wurde von einer hochemotionalen Diskussion begleitet. Die eigentliche Verhüllung die zwischen dem 17. und 24. Juni 1995 stattfand wurde zu einem beispiellosen Fest der Kultur. Über fünf Millionen Menschen pilgerten nach Berlin um das Gebäude in seinem silbrig glänzenden Gewand zu bestaunen.

Die technischen Dimensionen waren gewaltig. Über 100.000 Quadratmeter feuerfestes Polypropylengewebe und 15.000 Meter Seil wurden verwendet um das Gebäude zu transformieren. Der Reichstag wirkte in dieser Zeit wie eine riesige Skulptur die sich im Wind bewegte und das Licht auf eine Weise reflektierte die das Schwere leicht erscheinen ließ. Am 7. Juli 1995 wurde die Verhüllung planmäßig wieder entfernt und alle Materialien wurden dem Recycling zugeführt. Dieses Werk bleibt bis heute als eines der bedeutendsten Kunstereignisse der Nachkriegszeit im Gedächtnis der Menschen verankert.

Die Ästhetik des Vorübergehenden und der Wert des Materials

Das Werk von Christo und Jeanne Claude zeichnete sich durch eine einzigartige Ästhetik aus die das Verbergen als einen Akt der neuen Sichtbarkeit begriff. Durch das Verhüllen eines Objekts oder einer Landschaft wurden die vertrauten Details entzogen wodurch der Betrachter gezwungen war sich auf die reine Form und das Volumen sowie auf die Proportionen zu konzentrieren. Auch Fujiko Nakaya hat mit ihren Nebelskulpturen eine Kunst des Verschwindens geschaffen die Architektur und Landschaft für Momente lang unkenntlich macht und sich danach rückstandslos auflöst doch während Nakayas Nebel immateriell ist und den Raum in eine atmosphärische Erfahrung verwandelt die den Körper umhüllt arbeiten Christo und Jeanne Claude mit der massiven Materialität von Stoff und Seil und verwandeln die Verhüllung selbst in eine monumentale Skulptur die zwar temporär aber von einer physischen Wucht ist die den Atem raubt. Diese Kunst war radikal demokratisch da sie für jeden zugänglich war der bereit war den Ort des Geschehens aufzusuchen. Es gab keine Eintrittskarten und keine Absperrungen die den Zugang erschwerten.

Globale Visionen von Japan bis Kalifornien

Neben der Reichstagsverhüllung realisierten Christo und Jeanne Claude Projekte auf der ganzen Welt die die Grenzen der Vorstellungskraft sprengten. Mit The Umbrellas schufen sie eine zeitgleiche Installation in Japan und Kalifornien bei der tausende von riesigen Schirmen die Landschaft in Blau und Gelb transformierten. In Florida umhüllten sie mit Surrounded Islands elf Inseln in der Biscayne Bay mit leuchtend pinkfarbenem Gewebe. In New York verwirklichten sie mit The Gates einen kilometerlangen Parcours aus safrangelben Stofftoren im Central Park. Jedes dieser Projekte war ein Geschenk an die Öffentlichkeit das nur für einen kurzen Moment existierte und gerade deshalb eine so enorme Kraft entfaltete. Sie zeigten dass man mit den einfachsten Materialien wie Stoff und Seil die Schwere der Geschichte und die Starrheit der Architektur für einen Moment aufheben kann.

Das Erbe der monumentalen Vergänglichkeit

Auch nach dem Tod von Jeanne Claude im Jahr 2009 und dem Ableben von Christo im Jahr 2020 bleibt ihr Werk eine ständige Inspirationsquelle für zeitgenössische Künstler und Architekten weltweit. Sie haben bewiesen dass Kunst keine festen Mauern braucht um wirkmächtig zu sein und dass man durch Ausdauer und eine klare Vision selbst die starrsten bürokratischen Apparate in Bewegung versetzen kann. Ihr letztes großes Projekt die Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris das postum im Jahr 2021 realisiert wurde bewies erneut die zeitlose Faszination ihrer Arbeit. Die Millionen von Menschen die weltweit ihre Installationen besuchten sind Zeugen einer Kunst geworden die nicht im Museum weggesperrt ist sondern die sich mitten im Leben abspielt. Christo und Jeanne Claude haben uns eine neue Art des Sehens geschenkt eine Wahrnehmung die das Schöne im Flüchtigen und das Monumentale im Einfachen findet.

Mehr Informationen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Christo_und_Jeanne-Claude

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das Verhältnis von Kunst, Raum und Vergänglichkeit befragen — von Dramaturgien des Zwischenraums bis Light with no Sound.