Sophie Calle und die radikale Poetik der Grenzüberschreitung zwischen Intimität und Fiktion

Die im Jahr einundfünfzig geborene Sophie Calle gilt heute als eine der bedeutendsten und zugleich provokantesten Stimmen in der zeitgenössischen Kunstwelt Frankreichs. Ihr Schaffen das sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt entzieht sich einer einfachen Kategorisierung da sie mit einer spielerischen Leichtigkeit zwischen Fotografie und Literatur sowie Installation und Performance wechselt. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen die großen existenziellen Konstanten der menschlichen Erfahrung nämlich die Liebe und das Leben sowie der unvermeidliche Tod. Calle ist eine Meisterin darin die Grenze zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen nicht nur zu verwischen sondern sie gänzlich aufzuheben. Jedes ihrer Werke ist ein Wagnis das durch bewusste Tabubrüche und eine schonungslose Offenheit besticht wobei sie weder vor der Privatsphäre fremder Menschen noch vor der Entblößung ihrer eigenen intimsten Momente zurückschreckt. Diese Radikalität hat sie zu einer Ikone der Autofiktion gemacht einer Kunstform in der die eigene Biografie zum Material für eine ästhetische Konstruktion wird die irgendwo zwischen Wahrheit und Erfindung schwebt. Wer sich auf das Universum von Sophie Calle einlässt begibt sich auf eine Reise in die Tiefenschichten der menschlichen Neugier und des Voyeurismus.

Die Konstruktion des Selbst durch den Blick des Anderen

Als Tochter des einflussreichen Kunsthändlers Bob Calle kam Sophie bereits in frühesten Jahren mit den verschiedenen Ausdrucksformen der kreativen Welt in Berührung. Diese Herkunft prägte ihren Blick für die Ästhetik und die Macht des Bildes doch die junge Frau verspürte keinerlei Drang sich in das starre Korsett einer akademischen Ausbildung an einer Kunsthochschule zu zwängen. Stattdessen wählte sie nach ihrem Schulabschluss die Freiheit der Ferne und begab sich auf eine sieben Jahre andauernde Weltreise. Diese Zeit war ihre eigentliche Ausbildung in der sie das Leben in all seinen Facetten und in den ungewöhnlichsten Rollen kennenlernte. Sie arbeitete als Dompteuse für Hunde und als Bardame oder verdiente ihren Lebensunterhalt in einem Striptease Lokal was ihr ein tiefes Verständnis für die Mechanismen des Sehens und Gesehenwerdens vermittelte. Diese Erfahrungen fernab der bürgerlichen Konventionen bildeten das Fundament für ihre spätere Arbeit in der sie die Rolle der Beobachterin zur Perfektion treiben sollte.

Nach ihrer Rückkehr in die französische Metropole Paris fühlte sie sich zunächst fremd in der eigenen Stadt. Um sich wieder mit dem urbanen Raum zu verbinden und vielleicht auch um die Aufmerksamkeit ihres Vaters zu erlangen begann sie Fremde auf der Straße zu beschatten. Sie folgte ihnen heimlich durch die Gassen und dokumentierte ihre Wege mit der Kamera was sie später als einen Akt der Verführung oder der Annäherung beschrieb. Diese ersten heimlichen Schnappschüsse waren die Geburtsstunde einer neuen künstlerischen Praxis. In einer Zeit in der die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Datenschutz und das Recht am eigenen Bild noch kaum entwickelt waren agierte Calle ohne jegliche Hemmungen. Sie präsentierte die Ergebnisse ihrer privaten Observationen ungeniert in Zeitungen und Büchern sowie in Galerien wobei sie die Betroffenen oft vor vollendete Tatsachen stellte. Dieser frühe Voyeurismus war jedoch nur der Anfang einer immer komplexer werdenden Suche nach der Identität der Fremden die für sie zu einer Obsession wurde.

Die Schatten von Venedig und die Verletzung der privaten Sphäre

Eines ihrer bekanntesten und zugleich umstrittensten Projekte führte sie bis nach Italien. In der Arbeit Suite Vénitienne folgte sie einem Mann den sie auf einer Party flüchtig kennengelernt hatte bis nach Venedig. Sie tarnte sich und beobachtete ihn über Tage hinweg wie eine Privatdetektivin wobei sie jede seiner Bewegungen und jeden seiner Aufenthaltsorte akribisch protokollierte. Doch damit war ihre Neugier auf das Leben der Anderen noch nicht gesättigt. In dem Projekt L Hôtel ging sie noch einen Schritt weiter indem sie sich als Zimmermädchen in einem venezianischen Hotel anstellen ließ. Während die Gäste abwesend waren untersuchte sie deren Habseligkeiten und fotografierte die Inhalte ihrer Koffer sowie die Anordnung ihrer persönlichen Gegenstände auf den Nachttischen. Sie sammelte Fragmente fremder Existenzen um daraus eine Erzählung zu weben die die Grenzen der Intimsphäre radikal überschritt.

Die wohl provokanteste Handlung in diesem Kontext war jedoch die Veröffentlichung des Inhalts eines gefundenen Adressbuchs. Sophie Calle kontaktierte nacheinander alle darin verzeichneten Personen um sie über den ihr gänzlich unbekannten Besitzer des Buches auszufragen. Die so gewonnenen Informationen veröffentlichte sie in einer Serie für die Zeitung Libération was zu einem gewaltigen Skandal führte. Der Besitzer des Adressbuchs ein Mann namens Pierre Baudry fühlte sich in seiner Privatsphäre zutiefst verletzt und rächte sich indem er ein Nacktfoto der Künstlerin in derselben Zeitung abdrucken ließ. Doch für Sophie Calle war dies kein Grund zur Umkehr sondern lediglich eine weitere Reaktion in einem fortwährenden Spiel aus Aktion und Konfrontation. Für sie ist die Kunst ein Schlachtfeld auf dem die Regeln des Anstands oft dem Drang nach Erkenntnis und dem Sichtbarmachen des Verborgenen geopfert werden müssen.

Die Analyse des Schmerzes als kollektives Kunstwerk

Sophie Calle wendet ihre Methode der schonungslosen Beobachtung nicht nur auf Fremde an sondern macht sich selbst zum Objekt ihrer Untersuchungen. Ein faszinierendes Beispiel für diese Form des künstlerischen Exhibitionismus ist das Projekt La Filature für das sie ihre eigene Mutter bat einen Privatdetektiv zu engagieren. Dieser sollte sie über einen gewissen Zeitraum beobachten und einen detaillierten Bericht über ihre täglichen Aktivitäten verfassen. Parallel dazu führte Calle selbst ein Tagebuch über ihre Erlebnisse und Gedanken. In der späteren Präsentation stellte sie die nüchternen und oft fehlerhaften Aufzeichnungen des Detektivs ihren eigenen subjektiven Schilderungen gegenüber. Damit thematisierte sie die Diskrepanz zwischen der äußeren Wahrnehmung und der inneren Realität sowie die Unmöglichkeit eine Person jemals vollständig zu erfassen.

Ein weiteres monumentales Werk entstand aus einer tiefen persönlichen Verletzung heraus. Als sie eine Email erhielt in der ein langjähriger Liebhaber die Beziehung mit den Worten Prenez soin de vous beendete entschied sie sich diesen Schmerz in eine kollektive Analyse zu transformieren. Sie bat einhundertsieben Frauen aus den unterschiedlichsten Berufsfeldern diese Nachricht zu interpretieren. Eine Juristin prüfte den Text auf seine Rechtsgültigkeit und eine Lektorin untersuchte die Rechtschreibung während eine Sängerin die Worte vertonte und eine Choreografin sie in Tanzschritte übersetzte. Sogar eine Papageienexpertin wurde einbezogen um die Stimmung der Nachricht zu deuten. Durch diese Vervielfältigung der Perspektiven entzog Calle dem privaten Abschiedsbrief seine verletzende Einzigartigkeit und machte ihn zu einem universellen Studienobjekt. Es war ein Akt der Selbstheilung durch die Kunst bei dem die Emotion durch die rationale und künstlerische Dekonstruktion gezähmt wurde.

Das Paradoxon der Sichtbarkeit und das Geheimnis der Distanz

Trotz der scheinbaren Grenzenlosigkeit ihrer Offenheit bleibt Sophie Calle für ihr Publikum und für die Kritik ein Phantom. Wer ihre Ausstellungen besucht oder ihre Bücher liest hat oft das Gefühl alles über sie zu wissen doch bei genauerer Betrachtung stellt man fest dass sie ihre tiefsten Gefühle stets hinter einer Mauer aus Fiktion und Inszenierung verbirgt. Man kann sich nie sicher sein welche Träne echt ist und welche Geschichte lediglich einer klugen Dramaturgie folgt. Calle zeigt niemals ihr wahres Gesicht in seiner Gesamtheit sondern präsentiert uns lediglich Fragmente und Masken die sie nach Belieben wechselt. Sie ist eine Meisterin der Verschleierung durch Überbelichtung. Indem sie scheinbar alles preisgibt behält sie die Kontrolle über das was wirklich wichtig ist.

Diese Distanz pflegt sie auch in ihrem Privatleben auf eine Weise die viele Menschen befremdet. In einem Gespräch verriet sie dass sie und ihr langjähriger Partner mit dem sie seit siebzehn Jahren eine Beziehung führt sich konsequent siezen. Sie begründete dies damit dass sie nicht viel von zu viel Vertrautheit in der Liebe halte. Dieses Siezen ist eine sprachliche Barriere die den Raum für die eigene Autonomie bewahrt und die Sehnsucht nach dem Anderen aufrechterhält. Es ist das perfekte Gleichnis für ihre Kunst: Eine ständige Annäherung die niemals in einer vollständigen Vereinigung endet. Sophie Calle bleibt die Frau die uns einlädt ihr zu folgen während sie gleichzeitig im Nebel ihrer eigenen Erzählungen verschwindet. Sie erinnert uns daran dass die Wahrheit oft dort liegt wo wir sie am wenigsten vermuten nämlich im Spiel mit der Lüge und in der Bewahrung des Geheimnisses inmitten der totalen Sichtbarkeit.

Ihr Werk im Jahr zweitausendsechsundzwanzig wirkt aktueller denn je in einer Ära der ständigen digitalen Selbstentblößung in der wir alle zu Beobachtern und Beobachteten geworden sind. Sophie Calle hat diese Mechanismen bereits vor Jahrzehnten antizipiert und sie in eine poetische Form gegossen die uns immer wieder aufs Neue herausfordert. Sie zeigt uns dass das Leben selbst das größte Kunstwerk ist wenn man bereit ist die Kamera auf die Risse in der Fassade zu richten. Ihre Arbeit bleibt ein Plädoyer für die Neugier und für den Mut die Grenzen des Erlaubten immer wieder neu zu verhandeln um zum Kern der menschlichen Existenz vorzudringen. Ob sie nun Fremden folgt oder ihre eigenen Trennungen seziert sie tut dies mit einer Integrität die keine Kompromisse kennt. Sophie Calle ist die unsichtbare Regisseurin eines Lebens das wir alle mit ihr teilen dürfen ohne sie jemals wirklich zu kennen.

In ihren neueren Installationen beschäftigt sie sich zunehmend mit dem Thema des Verschwindens und des Todes was die melancholische Grundstimmung ihrer Arbeit vertieft. Sie sammelt letzte Worte und fotografiert Orte an denen Menschen geliebt haben um die Vergänglichkeit festzuhalten. Dabei bleibt sie stets die kühle Analytikerin die ihren eigenen Zerfall ebenso präzise dokumentiert wie den Schmerz über den Verlust ihrer Eltern. Die Kunst ist für sie ein Werkzeug um der Leere eine Form zu geben und um die Stille des Todes durch das Rauschen der Geschichten zu übertönen. Wir dürfen gespannt sein welche Tabus sie als nächstes brechen wird um uns daran zu erinnern dass wir alle Akteure in einem Stück sind dessen Ende wir zwar kennen dessen Verlauf wir aber täglich neu erfinden müssen.

Mehr Informationen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Sophie_Calle

Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.