Sheela Gowda und die Stofflichkeit der indischen Moderne

In der pulsierenden und oft widersprüchlichen Kunstwelt des Jahres 2026 nimmt Sheela Gowda eine Position ein die weit über die bloße Ästhetik hinausreicht. Wer ihre Arbeiten betrachtet begegnet einer Künstlerin die das Jetzt nicht als isolierten Moment begreift sondern als ein komplexes Geflecht aus vergangenen Traditionen und gegenwärtigen wirtschaftlichen Zwängen. Ihre Kunst ist eine tiefgreifende Untersuchung darüber wie lebende Traditionen in einem wachsenden Wirtschaftsdiktat der Gesellschaft bestehen können oder wie sie sich durch dieses verändern. Geboren wurde diese visionäre Gestalt im Jahr 1957 in Bhadravati einer Industriestadt im indischen Bundesstaat Karnataka. Bis heute ist sie ihrer Heimat treu geblieben und lebt überwiegend in Bengaluru der Hauptstadt dieses Bundesstaates. Gowda ist international bekannt für ihre raumgreifenden Installationen die aus alltäglichen und doch in ihrer Kombination höchst ungewöhnlichen Materialien bestehen. Altmetall sowie entsorgte Haushaltsgeräte oder menschliche Haare und Kuhdung bilden die Bausteine ihrer Werke. All diese Materialien verfügen bereits über eine eigene Geschichte bevor sie in die Hände der Künstlerin gelangen. In ihrer neuen Zusammensetzung und künstlerischen Verarbeitung erzählen sie eine weitere Geschichte die oft von der harten Realität des Alltags sowie von Religion und Politik handelt. Sheela Gowda versucht dabei nicht eine künstliche Harmonie herzustellen sondern sie möchte das Leben inmitten widerstreitender Elemente erfassen und für den Betrachter sinnlich erfahrbar machen.

Die Kindheit zwischen kolonialem Erbe und folkloristischer Musik

Die Wurzeln ihres künstlerischen Denkens liegen in einer Kindheit die Sheela Gowda selbst als glücklich und relativ privilegiert beschreibt. Da ihr Vater im Staatsdienst tätig war zog die Familie regelmäßig von einer Stadt in die nächste. Diese ständigen Ortswechsel führten dazu dass sie in prächtigen Häusern wohnte welche die britischen Kolonialherren nach ihrem Abzug hinterlassen hatten. Diese Architektur die eine fremde Geschichte atmete bildete den Rahmen für ihre frühen Jahre. Die Kultur wurde ihr quasi in die Wiege gelegt da ihr Vater ein leidenschaftlicher Sammler folkloristischer Musik sowie ein Museumsgründer und Schriftsteller war. In ihrem Elternhaus gingen Musiker und Intellektuelle ein und aus und die junge Sheela nahm ganz ungezwungen an diesem kulturellen Austausch teil. Interessanterweise spielte die Malerei in dieser Zeit noch eine eher untergeordnete Rolle im kulturellen Hintergrund ihrer Familie. Erst während ihrer Zeit an der Kunstschule Ken School of Art bis zum Jahr 1979 und ihrem anschließenden Studium an der Visva Bharati Universität in Ostindien bis 1982 entdeckte sie die Bildende Kunst als eine eigenständige Ausdrucksform. Sie erkannte dass Kunst weit mehr als ein Beruf ist; sie begriff sie als eine Sprache sowie als eine Form der Selbstfindung und Wegfindung die es ihr ermöglichte die Welt auf eine völlig neue Weise zu betrachten. Diese Erkenntnis war der Beginn einer Entwicklung die sie ein Leben lang begleiten und antreiben sollte.

Der Ausbruch aus der Zweidimensionalität der Malerei

Ein entscheidender Wendepunkt in ihrer Karriere war ein Stipendium das ihr einen zweijährigen Aufenthalt am Royal College of Art in London ermöglichte. Unter der Anleitung von Peter de Francia vertiefte sie ihr Verständnis für die Kunst und deren gesellschaftliche Relevanz. Ihr Weg führte sie weiter nach Paris in die Cité Internationale des Arts wo sie nicht nur ihre künstlerischen Fähigkeiten weiterentwickelte sondern auch ihren späteren Ehemann den Schweizer Konzeptkünstler Christoph Storz kennenlernte. In dieser Phase widmete sie sich noch drei Jahre lang intensiv der gegenständlichen Malerei. Ihre Bilder befassten sich vor allem mit den sozialen Strukturen Indiens und der oft marginalisierten Stellung der Frau in der Gesellschaft. Doch je tiefer sie in diese Themen eindrang desto stärker spürte sie die Grenzen des Mediums. Die Leinwandmalerei und deren Zweidimensionalität erschienen ihr bald als unzureichend um die gewaltigen gesellschaftlichen Spannungen und die rasanten Veränderungen die sie in Indien wahrnahm adäquat auszudrücken. Sie suchte nach einer Möglichkeit die Schwere und die Textur des Lebens direkter in ihre Arbeit zu integrieren. Dieser Drang nach Räumlichkeit und nach einer materiellen Wahrheit führte sie schließlich weg von der Farbe und hin zu den Stoffen des indischen Alltags die eine viel unmittelbarere Sprache sprachen als es die Ölmalerei jemals konnte. Dieser Schritt von der Malerei zur Installation vollzog sich bei Gowda radikal und endgültig — anders als bei Anselm Kiefer, der ebenfalls mit schweren, erdverbundenen Materialien wie Blei, Stroh und Asche arbeitet, aber die Malerei nie ganz verlassen hat.

Die Sprache der Materialien zwischen Kurkuma und Teer

Im Jahr 1998 schuf Sheela Gowda ein Werk das heute als Meilenstein ihres künstlerischen Durchbruchs gilt. Unter dem Titel Tell him of my pain oder zu Deutsch Erzähl ihm von meinem Schmerz präsentierte sie eine Installation die aus meterlangen Kordeln bestand. Diese Kordeln waren mit Kurkuma rot gefärbt und ineinander verschlungen im Raum ausgelegt. Kurkuma ist in Indien ein Material mit einer enormen symbolischen Aufladung da es unter anderem der Kennzeichnung verheirateter Frauen dient. Sowohl aus der Ferne als auch aus nächster Nähe betrachtet erzählen diese blutroten Stränge Geschichten von Abhängigkeit und Unfreiheit sowie von den unsichtbaren Fesseln die soziale Konventionen den Menschen anlegen können. Es geht in ihren Arbeiten immer um Spannungsfelder und um die Reibung zwischen Tradition und Moderne. Gowda nutzt Materialien nicht nur wegen ihrer Optik sondern wegen ihrer soziologischen Bedeutung. So setzt sie beispielsweise Kuhdung als ein kritisches Gestaltungsmittel ein. In Indien ist Kuhdung ein omnipräsentes Material das zum Heizen sowie als Baustoff oder zu rituellen Zwecken genutzt wird. Ihr Landsmann Subodh Gupta nutzt in seinen frühen Arbeiten dasselbe Material — doch wo Gupta den Kuhdung als Verbindung zum rituellen und spirituellen Indien einsetzt, verwendet Gowda ihn als kritischen Kommentar zu den politischen Instrumentalisierungen der Gegenwart. Indem sie dieses Material in den Kontext der hohen Kunst stellt schafft sie eine direkte Verbindung zum Leben der Massen und setzt gleichzeitig ein Zeichen gegen den seit den 1990er Jahren erstarkenden Nationalismus der Hindus der die Kuh oft für politische Zwecke instrumentalisiert.

Dunkle Räume und die Sehnsucht nach dem Licht

Ein weiteres zentrales Werk in ihrem Schaffen ist die Installation Dark Room aus dem Jahr 2006. Diese begehbare Konstruktion besteht aus alten und verrosteten Teerbehältern die wie Überreste einer industriellen Apokalypse wirken. Die Arbeit thematisiert die Enge und die oft verzweifelte Lage eines Landes das mit aller Macht versucht mit der Weltwirtschaft Schritt zu halten während große Teile der Bevölkerung in Armut verharren. Wenn der Besucher das Innere dieses Konstrukts betritt kann er sich in der Mitte aufrichten und blickt nach oben auf einen spärlichen Lichteinfall. Dieser entsteht durch winzige Löcher die in das Metall gestoßen wurden und die wie ein Sternenhimmel am Firmament leuchten. Diese Symbolik ist so einfach wie kraftvoll: Selbst in der tiefsten Dunkelheit und unter den härtesten Bedingungen der Existenz bleibt die Sehnsucht nach dem Licht und nach einer größeren Ordnung bestehen. In dieser Verbindung von industriellem Material und spiritueller Erfahrung berührt sich Gowdas Arbeit mit James Turrells Lichträumen, die ebenfalls die Grenze zwischen physischem Raum und metaphysischer Erfahrung auflösen — wenn auch mit gänzlich anderen Mitteln: wo Turrell reines Licht inszeniert, arbeitet Gowda mit seiner Abwesenheit. Für solche Arbeiten erhielt sie seit 1985 zahlreiche Auszeichnungen die ihren Rang als eine der führenden Künstlerinnen ihrer Generation unterstreichen. Besonders hervorzuheben ist der Maria Lassnig Preis den sie im Jahr 2019 erhielt und der vornehmlich an Kunstschaffende in der Mitte ihrer Karriere vergeben wird um deren weiteres Potenzial zu würdigen.

Die Alchemie des Alltags und die politische Dimension

Die Kunst von Sheela Gowda ist eine Form der Alchemie bei der die wertlosen Reste der Konsumgesellschaft in goldene Erzählungen verwandelt werden. Sie interessiert sich für die Abstraktion die jedoch immer auf eine sinnlich erfahrbare Wirklichkeit referiert. Wenn sie mit menschlichem Haar arbeitet dann nutzt sie die feinen Texturen um komplexe Netzwerke zu knüpfen die an die globalen Handelsströme oder an familiäre Bindungen erinnern können. In ihrer Installation Behold von 2009 nutzte sie kilometerlange Seile aus Haaren an denen schwere Autostoßstangen hingen. Dieses Bild der extremen Spannung zwischen dem organischen und dem industriellen Material ist bezeichnend für ihr gesamtes Schaffen. Sie thematisiert die Arbeit der Frauen die oft die Haare sammeln und verkaufen sowie die harten Bedingungen der industriellen Produktion. Ihre Kunst ist niemals rein dekorativ sondern sie ist immer tief in den politischen und sozialen Diskursen ihrer Heimat verwurzelt — eine Verbindung von Kunst und Gesellschaft die auch Künstler wie Doris Salcedo oder Mona Hatoum in ihren installationsbasierten Arbeiten herstellen, wenn auch aus anderen kulturellen und biografischen Kontexten. Sie dokumentiert den Wandel Indiens von einer agrarisch geprägten Gesellschaft hin zu einer globalen Wirtschaftsmacht und fragt dabei nach dem Preis den die Traditionen und die Individuen dafür zahlen müssen. Gowda bleibt dabei eine Beobachterin die keine einfachen Antworten liefert sondern die Fragen in den Raum stellt.

Das Erbe und die fortwährende Reise im Jahr 2026

Heute im Jahr 2026 blickt Sheela Gowda auf eine lange und erfolgreiche Reise zurück doch wie sie selbst sagt ist sie noch lange nicht am Ende ihres Weges angekommen. Ihre Neugier auf die Stofflichkeit der Welt und ihr Drang die Geschichten der Unterdrückten und Übersehenen zu erzählen sind ungebrochen. Sie hat die indische Kunstszene nachhaltig geprägt und einer neuen Generation von Künstlern den Weg geebnet die ebenfalls mit unkonventionellen Materialien und politischer Tiefe arbeiten. Ihre Werke finden sich in den bedeutendsten Museen der Welt von London bis New York und von Paris bis Tokio und werden regelmäßig auf den großen internationalen Kunstmessen und Biennalen gezeigt. Trotz dieses weltweiten Erfolges ist sie in ihrer Haltung bescheiden geblieben und sucht weiterhin die Inspiration in den Straßen von Bengaluru und in den Traditionen ihres Landes. Sheela Gowda zeigt uns dass wahre Kunst aus der Erde und dem Schweiß sowie aus den Tränen und den Träumen der Menschen erwächst. Sie ist eine Architektin der Erinnerung die uns lehrt dass wir die Vergangenheit nicht hinter uns lassen können sondern dass wir sie in unsere Zukunft integrieren müssen um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ihr Werk bleibt ein kraftvolles Plädoyer für die Menschlichkeit in einer Zeit die oft von kalten Algorithmen und wirtschaftlichen Kennzahlen dominiert wird.

Mehr Informationen unter: https://www.lenbachhaus.de/entdecken/ausstellungen/detail/sheela-gowda-it-matters

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Materialität und Bedeutung neu verhandeln — von Cataclysmic Change bis Handle als wäre Rettung möglich.