In der weitläufigen Geschichte der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts gibt es kaum eine Gestalt die eine so tiefe und zugleich erschütternde Spur hinterlassen hat wie Louise Bourgeois. Wenn wir heute im März zweitausendsechsundzwanzig auf ihr Lebenswerk blicken wird deutlich dass sie weit mehr war als nur eine Bildhauerin oder eine Malerin. Sie war eine Psychologin der Materie die es verstand den Schmerz und die Angst sowie die komplexen Geflechte der menschlichen Existenz in Stein und Bronze sowie in Stoff und Latex zu gießen. Ihr Werk ist eine einzige große Exhumierung der eigenen Vergangenheit eine mutige Auseinandersetzung mit den Geistern der Kindheit die sie bis ins hohe Alter begleiteten. Bourgeois war eine Pionierin die den räumlichen Kontext der Kunst neu definierte indem sie ihre Skulpturen in einen dialogischen Zustand versetzte und so die Gattung der Installation maßgeblich mitbegründete. Geboren am fünfundzwanzigsten Dezember neunzehnhundertelf in Paris trug sie den Geist der französischen Moderne in sich doch ihr Wirken entfaltete sich erst in der rauen und freien Atmosphäre von New York City zu jener monumentalen Kraft die wir heute bewundern.
Die Pariser Wurzeln zwischen Seidenfäden und mathematischer Präzision
Die Kindheit von Louise Bourgeois war geprägt von der Welt der Textilien und der feinen Handarbeit. Ihre Eltern betrieben in Paris eine Galerie für antike Stoffe und eine Werkstatt in der alte Tapisserien restauriert wurden. In diesem Umfeld in dem das Reparieren und das neu Verknüpfen von Fäden zum Alltag gehörte verbrachte Louise viel Zeit mit dem Zeichnen. Sie half in der Werkstatt aus und lernte schon früh dass man Fragmente wieder zu einem Ganzen zusammenfügen kann eine Metapher die später in ihren textilen Skulpturen eine zentrale Rolle spielen sollte. Trotz dieses offensichtlichen künstlerischen Talents entschied sie sich nach dem Abschluss der Schule zunächst für ein Studium der Mathematik an der Sorbonne. Doch der Tod ihrer Mutter im Jahr neunzehnhundertzweiunddreißig erschütterte dieses mathematische Weltbild zutiefst und führte sie zurück zur Kunst. Sie erkannte dass die Logik allein nicht ausreichte um den Verlust und die Trauer zu bewältigen.
Die Architektur des Traumas und die Rebellion am Esstisch
In den Werken von Louise Bourgeois spiegeln sich die dunklen Facetten der menschlichen Psyche wider. Angst und Schmerz sowie der Tod sind ständige Begleiter ihrer Kreationen. Doch diese Themen waren für sie keine abstrakten Konzepte sondern das Ergebnis einer tief empfundenen Vernachlässigung in ihrer Kindheit. Auch Tracey Emin hat die eigene Biografie zum alleinigen Material ihrer Kunst gemacht und die Grenze zwischen privater Existenz und öffentlicher Präsentation vollständig aufgelöst doch während Emin das zerwühlte Bett und den Schwangerschaftstest als unbearbeitete Readymades der Verzweiflung ausstellt verwandelt Bourgeois die traumatische Erinnerung in skulpturale Formen von solcher formaler Strenge dass der autobiografische Schmerz erst durch die Materialität von Bronze und Marmor und Latex zu einer universellen Sprache wird. Besonders die Beziehung zu ihrem Vater Louis war von Konflikten und Unterdrückung geprägt. Er war ein herrischer und uneinfühlsamer Mann der Louise am Esstisch demütigte und sie oft nicht zu Wort kommen ließ. Schon als Kind fand Louise ein Ventil für ihre Wut indem sie aus Brotresten kleine Figuren formte die ihren Vater darstellten um sie anschließend rituell zu zerstören. Diese frühen plastischen Versuche waren Akte des symbolischen Widerstands gegen eine Übermacht der sie sich im wirklichen Leben nicht entgegenzustellen wagte.
Maman als Monument der schützenden Weberin
Eines der berühmtesten Motive im Werk von Louise Bourgeois ist die Spinne die sie in gewaltigen Dimensionen aus Bronze und Stahl schuf. Während viele Menschen beim Anblick einer Spinne Ekel oder Furcht empfinden war dieses Tier für Bourgeois ein Symbol des Schutzes und der mütterlichen Fürsorge. Sie setzte die Spinne mit ihrer eigenen Mutter gleich die sie als sanftmütig aber ungemein mutig beschrieb. In der monumentalen Skulptur Maman die heute vor Museen weltweit wie dem Guggenheim in Bilbao oder der Tate Modern in London steht drückt Bourgeois die Ambivalenz der Mutterfigur aus. Die Spinne ist groß und furchteinflößend aber sie trägt ihre Eier in einem schützenden Kokon unter ihrem Körper. Bourgeois gelang es durch dieses Motiv die Sichtweise auf ein missverstandenes Tier radikal zu ändern und es zum Denkmal für die bedingungslose mütterliche Liebe zu erheben.
Zellen der Isolation und die Räumlichkeit des Schmerzes
Ein weiterer Meilenstein in ihrem Werk sind die sogenannten Zellen oder Cells die sie vor allem in ihrem Spätwerk schuf. Hierbei handelt es sich um begehbare Installationen die oft aus alten Türen oder Drahtgittern bestehen und in deren Inneren sich eine sorgfältig arrangierte Ansammlung von Objekten befindet. Auch Doris Salcedo hat den Alltagsgegenstand — den Stuhl, den Schrank, das Bett — zum Träger eines kollektiven Traumas gemacht und Möbel mit Beton und Menschenhaar verfüllt um die Abwesenheit der Opfer politischer Gewalt materiell spürbar zu machen doch während Salcedo die Objekte der kolumbianischen Bürgerkriegsopfer als stumme Zeugen einer politischen Realität inszeniert sind Bourgeois‘ Zellen zutiefst private Gefängnisse der eigenen Erinnerung in denen alte Kleidung der Mutter und eigene Skulpturen zu einer autobiografischen Archäologie werden die nicht politische sondern psychische Gewalt sichtbar macht. Diese Zellen sind wie kleine private Welten in denen Bourgeois persönliche Gegenstände platzierte. Der Betrachter wird zum Voyeur der durch die Gitterstäbe blickt und versucht die verborgenen Geschichten hinter den Objekten zu entschlüsseln. Auch Rachel Whiteread hat den häuslichen Raum zum Gegenstand einer Kunst der Abwesenheit gemacht und mit ihren Negativabgüssen die Leere sichtbar gemacht die zurückbleibt wenn die Menschen gegangen sind doch während Whiteread den Raum als anonyme Form konserviert und jede persönliche Spur tilgt füllt Bourgeois ihre Zellen mit den konkreten Relikten eines gelebten Lebens und macht die Erinnerung nicht abstrakt sondern schmerzhaft greifbar. Durch diese Arbeiten erweiterte Bourgeois den Begriff der Skulptur um die Dimension des Erlebens.
Das Vermächtnis einer Jahrhundertkünstlerin im Spiegel der Gegenwart
Louise Bourgeois starb am einunddreißigsten Mai zweitausendzehn im Stadtteil Chelsea in New York City nach einem langen und ungemein produktiven Leben. Sie hinterließ ein Werk das heute aktueller ist denn je da es universelle Fragen nach Identität und Geschlecht sowie nach der Macht der Vergangenheit stellt. Bourgeois hat uns gelehrt dass die Kunst ein notwendiges Werkzeug ist um die Dämonen der Geschichte zu bändigen. Sie hat bewiesen dass man aus Brotresten oder aus tonnenschwerem Marmor gleichermaßen Wahrheiten formen kann die das Herz berühren. Ihr Einfluss auf nachfolgende Generationen von zeitgenössischen Künstlerinnen ist unermesslich da sie den Weg für eine Kunst ebnete die radikal subjektiv und zugleich universell verständlich ist. Wenn wir heute vor einer ihrer riesigen Spinnen stehen spüren wir die Kraft einer Frau die sich niemals hat unterkriegen lassen und die ihre Schwäche in ihre größte Stärke verwandelt hat. Louise Bourgeois bleibt die Weberin unserer kollektiven Träume und Ängste die uns daran erinnert dass wir unsere Wunden nicht verstecken müssen sondern sie in Schönheit verwandeln können.
Mehr Informationen unter: https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/louise-bourgeois/
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das Verhältnis von Erinnerung, Trauma und skulpturaler Form befragen — von Dramaturgien des Zwischenraums bis Cave.
