Es gibt Künstler die den Raum mit monumentalen Skulpturen füllen und es gibt jene die den Raum mit einem einfachen Stift erobern. Dan Perjovschi gehört zweifellos zur zweiten Kategorie und hat sich als einer der schärfsten Beobachter unserer Zeit etabliert. Er ist weit mehr als ein Zeichner; er ist ein visueller Journalist und ein Chronist der Paradoxien des globalen Lebens. Geboren im Jahr 1961 im rumänischen Sibiu wuchs er in einer Zeit auf in der die Sprache oft kontrolliert und die Wahrheit hinter Metaphern verborgen wurde. Perjovschi hat eine Form des künstlerischen Ausdrucks perfektioniert die so minimalistisch wie schlagkräftig ist. Mit nur wenigen Strichen fasst er komplexe politische Themen zusammen. Seine Zeichnungen die oft direkt auf die Wände von Museen oder in den öffentlichen Raum platziert werden sind flüchtige Kommentare zu einer Welt die sich immer schneller dreht.
Die frühen Jahre und der Bruch mit der Leinwand
Die künstlerische Laufbahn begann in Sibiu. Im Jahr 1985 schloss er seinen Master of Fine Arts am George Enescu Conservatoire in Iași ab. Unter der autokratischen Herrschaft von Nicolae Ceaușescu wurde der Raum für freien Ausdruck immer enger und Perjovschi spürte dass die Leinwand nicht mehr ausreichte. Er suchte nach einem Medium das schneller und direkter war. So widmete er sich verstärkt dem Zeichnen einer Disziplin die er als eine Form des unmittelbaren Denkens begriff. In dieser Verwandlung der Zeichnung von einer vorbereitenden Skizze zum eigenständigen politischen Medium steht Perjovschi neben Barbara Kruger, die ebenfalls die visuelle Sprache der Massenmedien als Waffe der politischen Subversion nutzt — wenn auch mit der Methode der fotografischen Collage wo Perjovschi die Methode des minimalen Strichs bevorzugt.
Red Apples und der Widerstand gegen die Zensur
Im Jahr 1988 wickelte Perjovschi seine gesamte Wohnungseinrichtung in weißes Papier ein das er mit unzähligen Zeichnungen bedeckte. Diese Installation Red Apples war ein Zeichen gegen die Zensur und die Einmischung des Staates in das Privatleben. Indem er seinen persönlichen Raum in ein begehbares Kunstwerk verwandelte schuf er eine Oase der Wahrheit inmitten einer Wüste aus Propaganda. In dieser Verwandlung des eigenen Wohnraums zum Gesamtkunstwerk berührt sich Perjovschis Aktion mit der Arbeit von Gregor Schneider, dessen Haus u r in Rheydt ebenfalls den privaten Wohnraum zum obsessiven Kunstwerk verdichtet — wenn auch mit der klaustrophobischen Schwere des Einmauerns wo Perjovschi die befreiende Leichtigkeit der Zeichnung bevorzugt.
Der Boden von Venedig und die Aktion rEST
Ein absoluter Höhepunkt war die Teilnahme an der Biennale in Venedig im Jahr 1999. In der Aktion rEST bedeckte Perjovschi den gesamten Boden des rumänischen Pavillons mit seinen Zeichnungen. Die Besucher waren gezwungen über das Kunstwerk zu laufen wodurch die Zeichnungen im Laufe der Zeit verschmutzten und teilweise ausgelöscht wurden. Der Titel spielte mit den Begriffen East für den Osten und Rest für das was übrig bleibt. Perjovschi thematisierte die Marginalisierung Osteuropas — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren. Er machte die haptische Erfahrung des Gehens zum Teil der künstlerischen Botschaft.
Von Essen über Kassel bis zum MoMA
Im Jahr 2003 realisierte er in Essen das Projekt White Chalks Dark Issues in einer ehemaligen Koksfabrik. Mit weißer Kreide übertrug er seine Zeichnungen auf die modrigen Wände. Ebenfalls 2003 sorgten seine Urban Drawings in Kassel für Aufsehen — Zeichnungen direkt im öffentlichen Raum die von einigen Kritikern als Graffiti tituliert wurden. Perjovschi wehrte sich gegen diese Einordnung: Für ihn sind seine Zeichnungen bewusste künstlerische Interventionen die in einem Dialog mit der Architektur stehen. In dieser Besetzung des urbanen Raums als Erweiterung des Museums steht er neben Jenny Holzer, deren LED-Textinstallationen ebenfalls die Sprache direkt in den öffentlichen Raum tragen — wenn auch mit der technologischen Monumentalität des Leuchttexts wo Perjovschi die anarchische Flüchtigkeit der Kreide bevorzugt. Im Jahr 2007 folgte eine prestigeträchtige Einzelausstellung im Museum of Modern Art in New York wo er die riesigen Fensterfronten mit seinen Kommentaren zur globalen Lage bemalte.
Der Künstler als Seismograf der Weltlage
Dan Perjovschi bleibt ein Künstler der niemals stillsteht und der die Welt als sein Skizzenbuch begreift. Im Jahr 2016 wurde sein Lebenswerk durch die Verleihung des renommierten Rosa-Schapire-Kunstpreises gewürdigt. Seine Zeichnungen sind wie Seismografen die die kleinsten Erschütterungen unserer Gesellschaft registrieren. Er hat bewiesen dass man keine teuren Materialien benötigt um eine globale Wirkung zu erzielen. Sein Erbe liegt in der Befreiung der Zeichnung aus dem Skizzenblock und ihrer Überführung in den öffentlichen und musealen Raum als ein eigenständiges Instrument der Wahrheitssuche. Die flüchtige Natur seiner Werke die oft nach einer Ausstellung wieder übermalt werden mahnt uns die Gegenwart ernst zu nehmen. Perjovschi ist der Chronist der kurzen Dauer dessen Bilder uns den Spiegel vorhalten ohne uns dabei zu belehren.
Mehr Informationen unter: https://www.perjovschi.ro
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das Politische und das Poetische verbinden — von Handle als wäre Rettung möglich bis Cataclysmic Change.
