Richard Bell und die Dekonstruktion der kolonialen Leinwand

Es gibt Künstler die betreten den Raum der Galerie mit einem Pinsel und es gibt Künstler die betreten ihn mit einer Fackel. Richard Bell gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Der im Jahr 1953 in Charleville in Queensland geborene Aktivist und Künstler hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht die Grundfesten dessen zu erschüttern was wir als zeitgenössische Kunst der Ureinwohner Australiens begreifen. Sein Werk ist eine hochspannende Mischung aus beißender Satire und tiefer politischer Analyse sowie einem Humor der oft erst im zweiten Moment schmerzt. Er nutzt Video und Malerei sowie Installation und Text um die westliche Welt mit ihren eigenen Vorurteilen zu konfrontieren. Wer sich auf das Schaffen von Richard Bell einlässt muss bereit sein die eigene Komfortzone zu verlassen denn er schont weder sein Publikum noch den Kunstmarkt noch die Geschichte der kolonialen Invasion Australiens.

Die Provokation als Methode und das Theorem des Richard Bell

Einer der radikalsten Momente in der Karriere von Richard Bell war die Veröffentlichung seines Textes Bell’s Theorem. Darin stellte er die Behauptung auf dass die Kunst der Aborigines eine Erfindung der Weißen sei. Er argumentiert dass die weiße Mehrheitsgesellschaft bestimmte ästhetische Formen vorschreibt die sie als authentisch anerkennt um sie als Ware zu absorbieren. Für Bell dient diese Etikettierung dazu andere radikalere Ausdrucksformen auszuschließen. Sein preisgekröntes Gemälde Scientia E Metaphysica aus dem Jahr 2003 ist die visuelle Manifestation dieser These. In dieser Dekonstruktion der Marktmechanismen die bestimmen was als „authentische“ Kunst gilt berührt sich Bells Arbeit mit der von Santiago Sierra, der in seinen Performances ebenfalls die ökonomischen Strukturen der Ausbeutung sichtbar macht — wenn auch mit der kalten Methode des bezahlten Körpers wo Bell die heiße Methode der satirischen Provokation bevorzugt.

Die Botschaft auf Reisen und das Projekt Embassy

Ein zentrales Werk ist die Installation Embassy die seit dem Jahr 2013 als wachsende Hommage an die ursprüngliche Aborigine-Botschaft in Canberra fungiert. Bell machte daraus eine mobile Plattform für den globalen Diskurs. In Großstädten wie New York und Moskau sowie Jakarta und Amsterdam hat er dieses Zelt aufgeschlagen. Im Jahr 2023 erreichte das Projekt die Tate Modern in London. Die Installation verknüpft die lokalen Kämpfe der Ureinwohner mit globalen Fragen von Ort und Identität. In dieser Strategie die Kunst als mobilen Ort des politischen Widerstands zu nutzen steht Bell neben Rirkrit Tiravanija, dessen Koch-Performances ebenfalls den Kunstraum in einen Ort der sozialen Begegnung verwandeln, und neben Reinaart Vanhoe, dessen Also Space ebenfalls nach Modellen sucht in denen Kunst organisch aus der Gemeinschaft heraus entsteht — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren.

ProppaNOW und die Rückeroberung der kulturellen Hoheit

Die Gründung des Kunstkollektivs proppaNOW im Jahr 2003 in Brisbane war eine direkte Antwort auf Bells philosophische Haltung. Als Mitglied der Muri-Gemeinschaft reflektiert Bell oft über den Verlust von Sprache und Land. ProppaNOW dient dazu die Stimmen derjenigen zu bündeln die in den Städten leben und deren Kunst oft als weniger authentisch herabgestuft wurde. Das Kollektiv ist ein Kraftzentrum des Widerstands das beweist dass indigene Identität im urbanen Raum hochgradig intellektuell ist.

Die Kritik am Erbe der europäischen Invasion

Das gesamte Werk von Richard Bell ist von einer scharfen Kritik am Erbe der europäischen Invasion Australiens durchdrungen. Er nutzt seine internationale Bekanntheit um diese Fakten auf Foren wie der Documenta 15 in Kassel zur Sprache zu bringen. Dort war er einer der australischen Künstler die den Fokus auf die globale Dimension indigener Kämpfe lenkten. In dieser postkolonialen Befragung der Institutionen steht Bell neben Jimmie Durham, der in seinen Skulpturen und Performances ebenfalls die Gewalt der kolonialen Landnahme thematisiert — wenn auch aus der Perspektive der Cherokee-Erfahrung in Nordamerika wo Bell die Aborigine-Erfahrung in Australien ins Zentrum stellt. Sein Werk erinnert uns daran dass die Geschichte nicht abgeschlossen ist sondern in den aktuellen Debatten über Identität weiterlebt.

Richard Bell als Visionär des sozialen Wandels

Richard Bell ist weit mehr als nur ein Maler oder Filmemacher. Er ist ein Visionär des sozialen Wandels der die Kunst als ein Schlachtfeld begreift. Durch seine Arbeit im Kollektiv proppaNOW und seine weltweiten Installationen hat er gezeigt dass indigene Künstler nicht länger nur die Objekte der Betrachtung sind sondern die Subjekte die den Diskurs bestimmen. Er lehrt uns dass Humor eine Form der Verteidigung sein kann und dass die Wahrheit oft nur durch die Dekonstruktion der Lüge ans Licht kommt. Er bleibt ein sanfter Rebell dessen Botschaft in den Zelten von London bis Brisbane unüberhörbar bleibt.

Mehr Informationen unter: http://www.rbellart.com

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die kulturelle Identität und politischen Widerstand verhandeln — von Handle als wäre Rettung möglich bis Cataclysmic Change.