Felix Gonzalez Torres und die Poesie der verschwindenden Materie

In der Geschichte der zeitgenössischen Kunst gibt es Positionen die durch ihre schiere Lautstärke beeindrucken und es gibt jene die durch ihre leise und fast schon zerbrechliche Präsenz eine viel tiefere Spur hinterlassen. Félix González-Torres gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Er war ein Meister darin die kühlen und oft abweisenden Formen des Minimalismus und der Konzeptkunst mit einer brennenden menschlichen Emotionalität und einem scharfen politischen Bewusstsein aufzuladen. Wer heute vor seinen Arbeiten steht begegnet keinem abgeschlossenen Objekt das zur bloßen Bewunderung einlädt; man begegnet vielmehr einer Einladung zur Interaktion und einem Angebot zur Teilhabe. Sein Werk ist geprägt von einer tiefen Großzügigkeit die den Betrachter nicht als passiven Konsumenten sondern als aktiven Mitgestalter begreift. Geboren im Jahr neunzehnhundertsiebenundfünfzig in Guáimaro auf Kuba verbrachte González-Torres seine Jugend in Spanien und Puerto Rico bevor er neunzehnhundertneunundsiebzig nach New York City zog. In dieser Metropole die damals am Abgrund zwischen kreativem Aufbruch und der verheerenden AIDS-Krise stand fand er seine künstlerische Stimme. Sein Schaffen ist ein fortwährender Dialog über die Liebe und den Tod sowie über das Private und das Öffentliche wobei er es verstand das Politische im Intimen zu finden und das Intime zum Politikum zu machen.

Von Kuba in den Big Apple — die prägenden Jahre der Ausbildung

Die Biografie von Félix González-Torres ist eine Geschichte der Migration und der ständigen Neuerfindung. Als drittes von vier Kindern erlebte er schon früh die Instabilität von Heimat und Zugehörigkeit. Der Umzug in ein Waisenhaus in Madrid und die spätere Ansiedlung bei seinem Onkel in Puerto Rico schärften seinen Sinn für die Fragilität menschlicher Bindungen. Seine formale Ausbildung begann er an der Universität von Puerto Rico bevor ihn der Drang nach künstlerischer Innovation nach New York führte. Am Pratt Institute und später beim Whitney Independent Study Program verfeinerte er sein Verständnis für die Fotografie und die Theorie der zeitgenössischen Kunst. Besonders das Whitney-Programm sollte seine Praxis nachhaltig prägen da es ihn dazu ermutigte die sozialen und politischen Implikationen der Kunstproduktion radikal zu hinterfragen. González-Torres begriff früh dass ein Kunstwerk niemals in einem luftleeren Raum existiert sondern immer mit den Machtstrukturen und den gesellschaftlichen Realitäten seiner Zeit verknüpft ist.

Group Material und die Kunst als kollektiver Protest

Ein wesentlicher Teil seines Weges war die Mitgliedschaft im Künstlerkollektiv Group Material dem er von neunzehnhundertsiebenundachtzig bis neunzehnhunderteinundneunzig angehörte. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern suchte er nach Wegen die Ausstellung selbst als Medium des Protests zu nutzen. Group Material war davon überzeugt dass Kunst eine direkte Rolle bei der Bewältigung sozialer Probleme spielen muss. Sie thematisierten die Obdachlosigkeit und die Interventionen der USA in Lateinamerika sowie die Ungleichheit der Geschlechter und die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität. Für González-Torres war diese kollektive Arbeit eine wichtige Schule der politischen Wachsamkeit. In dieser Verbindung von Kunst und Gesellschaft — der Überzeugung dass Kunst direkt in soziale Prozesse eingreifen muss — stand er neben Künstlern wie Jenny Holzer, die mit ihren anonymen Plakaten und LED-Installationen ebenfalls die Grenze zwischen Kunstraum und Stadtraum aufhob, und Barbara Kruger, deren Bild-Text-Kombinationen die Mechanismen der Macht in der Ästhetik der Massenmedien offenlegten. Er wollte Kunst schaffen die nicht nur für eine kleine Elite in geschlossenen Galerien zugänglich war sondern die sich in den öffentlichen Raum ausbreitete und die Menschen dort abholte wo sie lebten und litten.

Der Zucker des Lebens — die Bonbonhaufen als Metaphern der Liebe

Zu den berühmtesten und am tiefsten berührenden Werken von Félix González-Torres gehören seine Installationen aus Süßigkeiten. Ein prominentes Beispiel ist das Porträt seines Geliebten Ross Laycock der an den Folgen von AIDS verstarb. Die Arbeit besteht aus einem Haufen von einzeln in glänzende Folie gewickelten Bonbons deren Gesamtgewicht exakt dem idealen Körpergewicht von Ross entsprach. Die Besucher der Ausstellung werden ausdrücklich dazu aufgefordert sich ein Bonbon zu nehmen und es zu essen. Diese Geste der Großzügigkeit hat jedoch eine schmerzhafte Kehrseite: Mit jedem Bonbon das weggenommen wird schwindet der Haufen und symbolisiert so den körperlichen Verfall und das langsame Verschwinden des geliebten Menschen während der Krankheit. Doch González-Torres integrierte auch den Gedanken der Erneuerung in das Werk. Die Galerie ist angewiesen den Haufen regelmäßig wieder auf das ursprüngliche Gewicht aufzufüllen. Damit schuf er ein Denkmal das nicht statisch und unveränderlich ist sondern das den Kreislauf von Verlust und Wiederkehr sowie von Tod und ewigem Leben in sich trägt. In dieser Verbindung von minimalem Material und maximaler emotionaler Wucht steht González-Torres neben Doris Salcedo, deren mit Zement gefüllte Möbel ebenfalls Abwesenheit in physische Form übersetzen — wenn auch mit der Schwere des Steins wo González-Torres die Leichtigkeit des Zuckers wählt.

Stapel der Erinnerung — die demokratische Verteilung der Kunst

Ein ähnliches Prinzip der Teilhabe verfolgte González-Torres mit seinen Papierstapeln. Diese Werke bestehen aus hohen Türmen von identisch bedruckten Papierbögen die auf dem Boden der Galerie liegen. Auch hier darf und soll sich jeder Besucher ein Blatt nehmen und es mit nach Hause nehmen. Die Motive auf den Bögen sind oft minimalistisch und geheimnisvoll wie etwa das Bild einer weiten Wolkenlandschaft oder ein monochromer Farbraum. Durch die Mitnahme des Blattes wird der Betrachter zum Besitzer eines Teils des Kunstwerks und trägt dessen Botschaft in seine eigene private Welt hinaus. Diese Stapel hinterfragen radikal den Begriff des Unikats und des exklusiven Kunstmarktes. Ein Werk das unendlich oft reproduziert werden kann und das sich selbst durch die Mitnahme der Besucher auflöst stellt die Macht des Museums in Frage. González-Torres schuf eine demokratische Kunstform die keine Barrieren kennt und die sich durch die Verteilung vervielfältigt anstatt zu schrumpfen.

Das Bett in der Stadt — öffentliche Intimität auf Werbetafeln

In seinen Billboard-Projekten weitete Félix González-Torres seinen Aktionsradius auf den gesamten Stadtraum aus. Eines seiner eindringlichsten Bilder ist die Fotografie eines leeren ungemachten Bettes auf dem noch die Abdrücke von zwei Köpfen in den Kissen zu sehen sind. Dieses zutiefst private Bild der Abwesenheit wurde auf riesigen Werbetafeln mitten im geschäftigen New York präsentiert. In einer Zeit in der die AIDS-Krise viele schwule Männer aus der Öffentlichkeit drängte und sie in die Anonymität der Krankenhäuser zwang war die Darstellung dieser intimen Leere ein hochpolitischer Akt. Das leere Bett sprach von der Liebe und vom Verlust sowie von der Stille die bleibt wenn ein Partner stirbt. In dieser dokumentarischen Zeugenschaft der AIDS-Krise steht González-Torres neben Nan Goldin, die ihre sterbenden Freunde bis zum letzten Atemzug fotografierte — doch wo Goldin die Nähe des Schnappschusses wählt, nutzt González-Torres die Distanz des monumentalen Billboards. Indem er die Intimität des Schlafzimmers auf die Ebene der Außenwerbung hob durchbrach González-Torres die Mauer des Schweigens und forderte Mitgefühl und Sichtbarkeit für eine stigmatisierte Gemeinschaft ein.

Perfect Lovers — die Synchronität von Zeit und Vergänglichkeit

Ein weiteres Werk das durch seine schlichte Schönheit besticht ist die Arbeit Untitled (Perfect Lovers). Sie besteht aus zwei identischen handelsüblichen Wanduhren die nebeneinander an der Wand hängen und im exakten Gleichklang ticken. Zu Beginn der Ausstellung werden die Uhren auf dieselbe Zeit eingestellt doch im Laufe der Zeit werden sie unweigerlich aus dem Rhythmus geraten oder eine Uhr wird früher stehen bleiben als die andere. Dieses Werk ist eine meisterhafte Metapher für eine Liebesbeziehung und für die gemeinsame Zeit die zwei Menschen miteinander verbringen. Es thematisiert die Angst vor dem Moment in dem einer der Partner den Takt verliert oder ganz aufhört zu schlagen während der andere noch weitermacht. González-Torres schuf mit diesem Werk ein Bild der vollkommenen Harmonie das bereits den Keim der tragischen Trennung in sich trägt.

Ein Erbe das wächst — die Biennale und die neue Generation

Nach seinem frühen Tod im Jahr sechsundneunzig im Alter von nur achtunddreißig Jahren ist der Ruf von Félix González-Torres stetig gewachsen. Die im Jahr zweitausendzwei gegründete Stiftung sorgt dafür dass sein Werk in seinem Sinne weiterlebt und immer wieder neu interpretiert wird. Die posthume Nominierung als Vertreter der Vereinigten Staaten für die Biennale in Venedig im Jahr zweitausendsieben war eine späte aber bedeutende Anerkennung seines Einflusses auf die Weltkunst. Sein Werk findet heute bei einer neuen Generation von Künstlern großen Anklang die nach Wegen suchen Kunst interaktiv und gleichzeitig politisch radikal zu gestalten. Der Einfluss seiner minimalistischen Formen gepaart mit persönlicher Tiefe zeigt sich in der Arbeit von Künstlern wie Doris Salcedo. Auch die Beteiligungsaspekte in den Praktiken von Rirkrit Tiravanija wären ohne die Vorarbeit von González-Torres kaum denkbar. Er hat die Kunstwelt gelehrt dass man die Welt verändern kann indem man den Menschen ein Bonbon schenkt oder sie einlädt ein Blatt Papier mitzunehmen. Sein Vermächtnis ist eine Kunst der Empathie und der Großzügigkeit die uns daran erinnert dass die Liebe die einzige Kraft ist die über den Tod hinaus Bestand hat.

Félix González-Torres bleibt der Poet der verschwindenden Materie dessen Werke uns zeigen dass das Ephemere oft dauerhafter ist als das Massive. Er hat die Stille genutzt um die lautesten Wahrheiten über unser Leben auszusprechen und er hat uns einen Weg gewiesen wie wir durch die Kunst miteinander in Kontakt treten können. Seine Bonbons werden weiterhin gegessen und seine Papierstapel werden weiterhin kleiner werden doch seine Ideen werden sich dadurch nur noch weiter in der Welt verbreiten. Er war und ist ein Leuchtturm der Menschlichkeit in einer oft kalten Kunstwelt und seine Stimme wird auch in Zukunft eine unverzichtbare Orientierung für alle Suchenden bleiben.

Mehr Informationen unter: https://www.felixgonzalez-torresfoundation.org

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das Ephemere und das Politische verbinden — von Miniatures bis Light with no Sound.