Reinaart Vanhoe und die Neudefinition des sozialen Kunstraums

In der heutigen Zeit in der die Kunst oft als ein isoliertes Produkt des individuellen Genies oder als eine Ware auf einem globalen Markt wahrgenommen wird erscheint das Wirken von Reinaart Vanhoe als ein notwendiges Korrektiv. Der im Jahr einundsiebzig in Belgien geborene Künstler und Schriftsteller sowie Lehrer hat einen Weg eingeschlagen der die traditionellen Grenzen der Kunstproduktion radikal hinterfragt. Vanhoe ist kein Schöpfer von Objekten die in der Stille einer Galerie bewundert werden sollen; er ist ein Akteur der die Kunst als ein lebendiges und tief verwurzeltes soziales Gefüge begreift. Sein Studium führte ihn durch die bedeutendsten Institutionen Belgiens und der Niederlande bis hin zur renommierten Rijksakademie in Amsterdam wo er seine multidisziplinäre Praxis verfeinerte. Er nutzt Zeichnungen und Fotografien sowie Videoarbeiten und komplexe Installationen nicht um symbolische Werte zu schaffen sondern um direkte Erfahrungen zu ermöglichen. Für Vanhoe ist die Kunst ein Spiegelbild unseres zeitlichen Verhaltens und ein Werkzeug um die Art und Weise wie wir als Gemeinschaft zusammenleben und produzieren neu zu bewerten. Sein Ansatz ist dabei zutiefst geprägt von einem kritischen Blick auf die neoliberalen Strukturen der westlichen Welt und einer tiefen Bewunderung für die kollektiven Praktiken die er in Indonesien studiert und miterlebt hat.

Die akademische Prägung und der Bruch mit der Autonomie

Die künstlerische Ausbildung von Reinaart Vanhoe begann in einem Umfeld das stark von den westlichen Idealen der künstlerischen Autonomie und des individuellen Erfolgs geprägt war. An der Rijksakademie in Amsterdam einer Bastion der zeitgenössischen Forschung lernte er die Werkzeuge kennen mit denen Künstler ihre eigene Handschrift entwickeln und sich im globalen Diskurs positionieren. Doch schon früh entwickelte Vanhoe ein Unbehagen gegenüber dieser Sichtweise die den Künstler oft als eine einsame Figur darstellt die außerhalb oder sogar im Gegensatz zur Gesellschaft steht. Er begann die Konzepte von Individualität und Selbstbestimmung zu hinterfragen die in der westlichen Kunsttheorie so zentral sind. Für ihn war klar dass diese Perspektive oft blind für die lokalen Netzwerke und die kontextbezogenen Denkweisen ist die das eigentliche Leben der Menschen ausmachen. Diese intellektuelle Unruhe führte ihn dazu seine eigene Rolle als Künstler und als Lehrer an der Willem de Kooning Academy in Rotterdam neu zu definieren. Er sieht seine pädagogische Tätigkeit nicht als eine Nebenbeschäftigung an sondern als eine Erweiterung seiner künstlerischen Praxis bei der es darum geht Wissen zu teilen und neue Formen der kollektiven Produktion zu erforschen.

Also Space als radikaler Gegenentwurf zum alternativen Raum

Eines der zentralen Konzepte im Denken von Reinaart Vanhoe ist die Ersetzung des Begriffs des alternativen Raums durch den Begriff des Also Space oder auf Deutsch des Auch-Raums. In der westlichen Kunsttradition wurde der alternative Raum oft als ein Ort definiert an dem Künstler versuchen sich den Zwängen des Marktes oder des Establishments zu entziehen. Vanhoe kritisiert jedoch dass dieser Begriff impliziert dass die Kunst immer noch in Opposition zu einer Mehrheitsgesellschaft steht und somit von den sozialen Realitäten ausgeschlossen bleibt. Der Also Space hingegen ist ein Konzept das die Produktion und die Position von Künstlern innerhalb ihrer Gemeinschaften völlig neu überdenkt. Ein Also Space ist kein Ort der Flucht sondern ein integraler Bestandteil der Umgebung in der er existiert. Es ist ein Raum der einfach auch da ist neben den Bäckereien und den Schulen sowie den Werkstätten einer Nachbarschaft. Hier ist der Künstler kein privilegierter Beobachter sondern ein Mitbürger der seine kreativen Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft stellt. In seinem wegweisenden Buch Also Space: from Hot to Something Else das im Jahr zweitausendsechzehn erschien untersucht Vanhoe diese Idee anhand indonesischer Kunstpraktiken und zeigt auf wie eine Kunstpraxis aussehen kann die sich organisch aus ihrem Kontext heraus entwickelt.

Die indonesische Lektion — Gemeinschaft contra Individualismus

Die Reisen und Forschungen von Reinaart Vanhoe in Indonesien waren für seine künstlerische Entwicklung von unschätzbarem Wert. Er beobachtete dort dass die zeitgenössische Kunst zwar vollständig in den globalen Diskurs integriert ist der soziale Kontext sich jedoch fundamental von dem im Westen unterscheidet. Während westliche Künstler oft aus einer individualistischen Position heraus aktiv nach Netzwerken suchen denen sie sich anschließen können arbeiten indonesische Künstlerinitiativen aus einem tiefen Verständnis heraus dass sie bereits organisch und zwangsläufig mit verschiedenen Netzwerken verbunden sind. In Indonesien ist die Kunst oft untrennbar mit dem Leben der Gemeinschaft verbunden was Vanhoe dazu veranlasste den westlichen Begriff der Gemeinschaftskunst kritisch zu hinterfragen. In dieser Überzeugung dass Kunst eine gemeinschaftliche Praxis ist steht Vanhoe in einer Tradition die auf Joseph Beuys‘ Begriff der „sozialen Plastik“ zurückgeht und die Rirkrit Tiravanija mit seinen Koch-Performances weitergeführt hat — doch wo Beuys und Tiravanija noch innerhalb des westlichen Kunstsystems operieren, sucht Vanhoe den Ausweg in nicht-westlichen Modellen kollektiver Produktion. Diese Einsicht führte Vanhoe zur Formulierung seines Konzepts der gLocal Embedded Art Practice oder kurz gLEAP. Dabei geht es darum eine künstlerische Praxis zu entwickeln die global vernetzt und lokal tief eingebettet ist ohne sich in abstrakten konzeptionellen Denkweisen zu verlieren.

Die Ablehnung des Symbols und die Suche nach der Erfahrung

In seinen visuellen Arbeiten wie den Zeichnungen und Fotografien verfolgt Reinaart Vanhoe einen Ansatz der jegliche symbolische Überhöhung ablehnt. Er ist misstrauisch gegenüber der Art und Weise wie die Kunstgeschichte oft versucht jedem Pinselstrich und jeder Komposition eine tiefere metaphysische Bedeutung zuzuschreiben. Stattdessen verlässt er sich auf die Kraft der direkten Erfahrung. Seine Installationen und Videoarbeiten sind oft Spiegelungen unseres täglichen Verhaltens und zeigen die kleinen unscheinbaren Momente die unsere Realität formen. Er interessiert sich für die Materialität der Welt und für die physische Präsenz der Dinge im Raum. Diese Haltung spiegelt sich auch in seinem Engagement für die Ausstellungsplattform Also Space und seine Mitwirkung bei Projekten wie DEPLAYER wider. Hier geht es nicht darum prestigeträchtige Objekte zu präsentieren sondern Räume für Begegnungen und für den Austausch von Ideen zu schaffen. Vanhoe nutzt das Medium Buch nicht nur als Informationsträger sondern als eine Form der Ausstellung in gedruckter Form bei der die Betrachtung selbst zu einem zeitlichen Erlebnis wird.

Documenta fünfzehn und die globale Relevanz des Kollektiven

Ein bedeutender Moment in der Karriere von Reinaart Vanhoe war seine Beteiligung an der Documenta fünfzehn in Kassel im Jahr zweitausendzweiundzwanzig. Diese Weltausstellung der Kunst die unter der Leitung des indonesischen Kollektivs Ruangrupa stand stellte das Konzept des lumbung in den Mittelpunkt einer gemeinschaftlich genutzten Ressource. Vanhoe passte mit seinen Theorien über den Also Space und seine jahrelange Arbeit mit indonesischen Künstlergruppen perfekt in dieses Umfeld. Er wurde als ein Künstler vorgestellt der die Brücke zwischen den Denkweisen schlägt und der zeigt wie kollektive Arbeit auch im westlichen Kontext funktionieren kann. In Kassel konnte er seine Vision einer Kunst präsentieren die sich nicht als Alternative oder in Opposition zur Gesellschaft definiert sondern als ein wichtiger und integraler Teil der Gemeinschaften in denen der Künstler arbeitet und produziert. Diese Erfahrung bestätigte seine Überzeugung dass die Zukunft der Kunst in einer Abkehr vom neoliberalen Individualismus und in einer Rückbesinnung auf lokale Verbundenheit und globale Solidarität liegt — eine Verbindung von Kunst und Gesellschaft die sein gesamtes Schaffen durchzieht.

Der Künstler als Lehrer an der Willem de Kooning Academy

Neben seiner Arbeit in Ateliers und auf internationalen Ausstellungen spielt die Lehre eine zentrale Rolle im Leben von Reinaart Vanhoe. Als Dozent an der Willem de Kooning Academy in Rotterdam vermittelt er seinen Studenten nicht nur technische Fähigkeiten sondern vor allem eine kritische Haltung gegenüber der eigenen Rolle in der Gesellschaft. Er fordert die junge Generation von Künstlern dazu auf ihre Position innerhalb ihrer Gemeinschaften neu zu überdenken und nach Wegen zu suchen wie Kunst eine wirkliche soziale Relevanz entfalten kann. Vanhoe unterrichtet aus der Überzeugung heraus dass die Ausbildung eines Künstlers untrennbar mit der Entwicklung eines Bewusstseins für die sozialen und politischen Realitäten verbunden sein muss. Er nutzt seine eigenen Erfahrungen aus Projekten wie der Jatiwangi Art Factory in Indonesien um zu zeigen dass Kunstproduktion auch jenseits der etablierten Galeriewelt möglich und notwendig ist. Sein Einfluss auf die nächste Generation von Kulturschaffenden in den Niederlanden und darüber hinaus ist daher von großer Bedeutung für eine Neuausrichtung des Kunstbegriffs im einundzwanzigsten Jahrhundert.

Von Jatiwangi bis Krakau — die internationale Präsenz

Die Ausstellungsbiografie von Reinaart Vanhoe zeigt die Vielfalt seiner Interessen und die globale Reichweite seines Denkens. Er stellt regelmäßig sowohl innerhalb als auch außerhalb der klassischen Kunstwelt aus was seine Ablehnung von elitärer Ausgrenzung unterstreicht. In Projekten wie Speakeraktif in der Jatiwangi Art Factory arbeitete er direkt mit den Menschen vor Ort zusammen um neue Formen der Kommunikation und des Ausdrucks zu finden. In Krakau setzte er sich in der Ausstellung The Problem with Value kritisch mit dem Begriff des Wertes in der zeitgenössischen Kunst auseinander. Seine Arbeit im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam unter dem Titel Zo stel ik het me voor verdeutlicht seine Fähigkeit komplexe theoretische Konzepte in anschauliche und erfahrbare Installationen zu übersetzen. Auch Projekte in lokalen Gemeinschaften wie Speeltuin Tarwewijk in Rotterdam zeigen dass für ihn kein Ort zu klein oder zu unbedeutend ist um dort künstlerisch tätig zu sein. Vanhoe beweist dass eine gLocal Embedded Art Practice überall dort entstehen kann wo Menschen bereit sind sich auf einen echten Dialog und auf eine gemeinsame Produktion einzulassen.

Eine neue Sichtweise auf die Kunstpraxis

Zusammenfassend lässt sich sagen dass Reinaart Vanhoe ein Visionär ist der die Kunst aus ihrem elfenbeinernen Turm befreit und sie dorthin zurückbringt wo sie hingehört: Mitten in das Leben der Menschen. Durch seine radikale Ablehnung von neoliberalen Erfolgsidealen und seine Hinwendung zu kollektiven und kontextbezogenen Arbeitsweisen bietet er eine echte Perspektive für die Zukunft der Kunst. Er zeigt uns dass wir keine alternativen Räume brauchen wenn wir bereit sind den gesamten Raum als einen Auch-Raum zu begreifen in dem wir alle gemeinsam produzieren und leben. Sein Werk ist ein Plädoyer für eine Kunstpraxis die sich nicht über Abgrenzung sondern über Teilhabe und über die organische Verbindung zu sozialen Netzwerken definiert. Vanhoe bleibt ein wichtiger Denker und Akteur der uns dazu einlädt die Welt und die Kunst mit neuen Augen zu sehen und der uns zeigt dass die wahre Freiheit des Künstlers in seiner Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft liegt. Seine Reise von Belgien über Amsterdam bis nach Indonesien und zurück ist eine Inspiration für alle die daran glauben dass Kunst die Kraft hat die Gesellschaft von innen heraus zu verändern.

Mehr Informationen unter: http://vanhoe.org

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Gemeinschaft und Teilhabe ins Zentrum stellen — von Mainichi — Alltagswelt in Japan bis Dramaturgien des Zwischenraums.