Jonathan Meese der am dreiundzwanzigsten Januar eintausendneunhundertsiebzig in Tokio geboren wurde stellt eine der schillerndsten und zugleich kontroversesten Persönlichkeiten innerhalb der zeitgenössischen Kunst dar. Mit seinem radikalen und oft missverstandenen Konzept der Diktatur der Kunst hat er die Grenzen des ästhetisch Zumutbaren immer wieder herausgefordert und konsequent erweitert. Sein immenses Werk das Malerei Skulptur Installation Videokunst sowie tiefgreifende Theaterarbeiten umfasst ist heute in den bedeutendsten Sammlungen und Museen weltweit vertreten. Meese agiert dabei weniger als klassischer Bildproduzent sondern vielmehr als ein Medium einer urwüchsigen Energie die den Betrachter in einen Zustand zwischen Ekstase und Irritation versetzt. Er verweigert sich jeder bürgerlichen Kategorisierung und stellt stattdessen die absolute Autonomie des künstlerischen Schaffensprozesses ins Zentrum seiner Existenz. In einer Welt die zunehmend von moralischen Diskursen und politischer Korrektheit geprägt ist fungiert Meese als ein dionysischer Störfaktor der die Kunst als einen rechtsfreien Raum der totalen Freiheit beansprucht.
Jonathan Meese und die Genese eines Erzkünstlers zwischen Tokio und Ahrensburg
Die biografische Grundierung von Jonathan Meese ist geprägt von einer kosmopolitischen Herkunft die bereits früh die Weichen für seine spätere exzentrische Entwicklung stellte. Geboren wurde er als drittes Kind des britischen Geschäftsmannes Reginald Selby Meese und der deutschen Künstlerin Brigitte Renate Meese. Diese binationale Konstellation verlieh ihm von Beginn an eine Außenseiterrolle die er später produktiv für seine Kunst nutzte. Obwohl Tokio der Ort seiner Geburt war verbrachte er seine Kindheit und Jugend im beschaulichen Ahrensburg bei Hamburg. Diese Diskrepanz zwischen der fernöstlichen Metropole und der norddeutschen Provinz mag den Drang zur Erschaffung eigener Welten befeuert haben. Nach dem Abitur begann Meese im Jahr eintausendneunhundertfünfundneunzig ein Studium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. In dieser Phase des akademischen Suchens begann er seinen unverkennbaren Stil zu entwickeln der tief in der deutschen Mythologie in Urmythen und den großen Heldensagen verwurzelt ist. Doch das starre System der Kunsthochschule bot nicht genug Raum für seine expansive Energie weshalb er das Studium nach drei Jahren ohne einen formalen Abschluss abhach um sich ganz der praktischen Arbeit zu widmen. Die Trennung von der Institution war kein Akt des Scheiterns sondern vielmehr der notwendige Befreiungsschlag für einen Geist der sich keiner Lehrmeinung unterordnen konnte.
Jonathan Meese als Seismograph einer neuen mythologischen Ordnung in der Kölner Galerie Buchholz
Der eigentliche Durchbruch auf dem professionellen Kunstmarkt gelang Jonathan Meese im Jahr eintausendneunhundertachtundneunzig mit seiner ersten Einzelausstellung in der renommierten Galerie Buchholz in Köln. Diese Schau markierte den Beginn einer beispiellosen Karriere und legte das Fundament für alle zukünftigen Großprojekte. Köln war zu dieser Zeit das Epizentrum einer neuen malerischen Wildheit und Meese passte perfekt in dieses Klima des Aufbruchs. Früh in seiner Laufbahn suchte er den intensiven Austausch mit anderen bedeutenden Akteuren der Szene wie Daniel Richter und Albert Oehlen. Diese Kollaborationen beeinflussten seine künstlerische Entwicklung maßgeblich da sie ihm zeigten dass Malerei auch in einem postkonzeptionellen Zeitalter eine radikale Kraft besitzen kann. Meese entwickelte eine Form der Malerei die sich durch einen heftigen Farbauftrag und eine obsessive Anhäufung von Symbolen auszeichnet. Er nutzt die Leinwand als Schlachtfeld auf dem historische Persönlichkeiten von Richard Wagner bis hin zu fiktiven Helden der Popkultur aufeinandertreffen. Die Galerie Buchholz wurde so zum Ausgangspunkt für eine weltweite Eroberung der Museen wobei Meese stets darauf achtete seine Wurzeln im subversiven Untergrund nicht zu verleugnen.
Jonathan Meese und die Diktatur der Kunst als Befreiungsschlag gegen die Ideologien
Ein zentrales und oft provokativ zugespitztes Thema im Schaffen von Jonathan Meese ist die Diktatur der Kunst. In zahlreichen Manifesten und oft stundenlangen flammenden Plädoyers hat er dieses Konzept erläutert das auf den ersten Blick erschrecken mag. Doch für Meese bedeutet Diktatur in diesem Kontext keineswegs politische Unterdrückung sondern die absolute und alternativlose Herrschaft der Sache selbst. Die Kunst ist für ihn die einzig wahre und zugleich liebevollste Herrschaft da sie keine menschlichen Machtansprüche verfolgt sondern die Machtfantasien von Selbstverwirklichern und politischen Systemen transzendiert. In der Diktatur der Kunst gibt es keine Demokratie da die Qualität des Werkes nicht zur Abstimmung steht. Meese fordert die totale Sachlichkeit ein bei der das Ich des Künstlers hinter die Notwendigkeit des Werkes zurücktritt. Diese radikale Haltung hat ihn oft in Konflikt mit der breiten Öffentlichkeit gebracht da er Begriffe verwendet die historisch schwer belastet sind. Doch genau diese Reibung ist von ihm gewollt um die Kunst aus der Umklammerung durch die Moral zu befreien. Für Meese ist das Atelier der einzige Ort an dem die totale Freiheit herrscht weil dort die Gesetze der Logik und der Ethik außer Kraft gesetzt sind zugunsten einer höheren ästhetischen Notwendigkeit.
Jonathan Meese im Dialog mit der Bühnenkunst der Berliner Volksbühne und Frank Castorf
Neben seiner Tätigkeit als Maler und Bildhauer hat Jonathan Meese bedeutende und bahnbrechende Beiträge zur Welt des Theaters geleistet. Besonders hervorzuheben ist seine langjährige Zusammenarbeit mit dem Regisseur Frank Castorf an der Berliner Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz. Meese entwarf Bühnenbilder die weniger als Dekoration sondern vielmehr als begehbare Installationen und skulpturale Ereignisse zu verstehen sind. Seine Arbeiten für das Theater sind oft ebenso provokativ und intensiv wie seine bildende Kunst und spiegeln seine radikale Vision eines Gesamtkunstwerkes wider. In den Inszenierungen von Castorf fand Meese einen kongenialen Partner der ebenso wie er auf die Kraft der Überforderung und die Dekonstruktion klassischer Erzählmuster setzte. Die Bühne wurde für Meese zu einem Raum in dem er seine Obsessionen live vor Publikum ausleben konnte wobei er oft selbst als Darsteller in Erscheinung trat. Diese Ausflüge in die darstellende Kunst haben dazu beigetragen sein Werk einem breiteren Publikum jenseits der Galerien zugänglich zu machen und seine Position als einer der vielseitigsten Künstler seiner Generation zu festigen. Die Zusammenarbeit mit Persönlichkeiten wie Nina Hagen oder Alexander Kluge unterstreicht zudem seine Fähigkeit verschiedene kulturelle Sphären miteinander zu verknüpfen und zu einem neuen energetischen Ganzen zu verschmelzen.
Jonathan Meese und die Provokation als ästhetische Notwendigkeit vor den Schranken der Justiz
Die kompromisslose Art mit der Jonathan Meese seine Kunst praktiziert führte zwangsläufig zu juristischen Auseinandersetzungen die bundesweit für Schlagzeilen sorgten. Besonders kontrovers diskutiert wurden seine wiederholten Verwendungen des Hitlergrußes innerhalb seiner Performances und öffentlichen Auftritte. Was von vielen als geschmacklose Provokation oder gar als Verherrlichung des Nationalsozialismus missverstanden wurde war in Meeses Logik ein Akt der Neutralisierung des Bösen durch die Kunst. Er behauptete dass durch die Verwendung solcher Symbole im geschützten Raum der Kunst deren politische Macht gebrochen und sie in den Dienst der ästhetischen Diktatur gestellt würden. Diese Haltung führte zu mehreren Gerichtsverfahren in denen es um die grundlegende Frage der Kunstfreiheit ging. Letztlich sprachen ihn die Gerichte frei mit der Begründung dass seine Aktionen eindeutig als satirische und künstlerische Auseinandersetzung erkennbar seien. Diese Urteile waren ein wichtiger Sieg für die Freiheit der Kunst in Deutschland und bestätigten Meeses Position dass die Kunst ein Raum sein muss in dem alles gedacht und getan werden darf um die Mechanismen der Macht zu entlarven. Trotz dieser rechtlichen Belastungen blieb Meese seinem Weg treu und verweigerte sich jeder Form der Selbstzensur.
Jonathan Meese als Solitär in den internationalen Sammlungen des Centre Pompidou und des Städel Museums
Die internationale Anerkennung von Jonathan Meese lässt sich an seiner stetigen Präsenz in den bedeutendsten Museen der Welt ablesen. Seine Werke wurden im Pariser Centre Pompidou ebenso ausgestellt wie im Städel Museum in Frankfurt am Main oder in der Saatchi Gallery in London. Auch auf den großen Biennalen von Berlin bis Venedig war er ein gefragter Teilnehmer der mit seinen raumgreifenden Installationen oft die Aufmerksamkeit auf sich zog. Besonders beeindruckend sind seine Arbeiten in der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Sein Werk De Large Urmensch ist ein exemplarisches Beispiel für seine Fähigkeit verschiedenste Medien zu einer überwältigenden Einheit zu verbinden. Hier zeigt sich seine Faszination für das Archaische und seine Ablehnung jeder Form von Nostalgie. Meese nutzt die Vergangenheit nicht um sie zu verklären sondern um aus ihr die Kraft für eine radikale Gegenwart zu ziehen. In den Deichtorhallen in Hamburg hinterließ er mit der Installation Ahoi der Angst ein monumentales Zeugnis seines Schaffens das Malerei Skulptur und Video zu einer dichten Atmosphäre der Intensität verdichtete. Sein Platz im Kanon der Kunstgeschichte ist somit bereits zu Lebzeiten gesichert da er eine Lücke füllt die zwischen dem deutschen Expressionismus und einer neuen globalen Konzeptkunst klaffte.
Jonathan Meese und die unermüdliche Produktion des Urmenschlichen in seinem Berliner Atelier
Heute lebt und arbeitet Jonathan Meese vornehmlich in Berlin einer Stadt die seinem Drang nach ständiger Produktion und Bewegung entgegenkommt. Sein Atelier ist kein Ort der stillen Kontemplation sondern eine Fabrik der Bilder in der unaufhörlich an neuen Manifesten Skulpturen und Gemälden gearbeitet wird. Meese produziert in einer Geschwindigkeit die viele seiner Zeitgenossen überfordert was er jedoch als Teil seiner künstlerischen Pflicht begreift. Für ihn ist Stillstand der Tod der Kunst. Er sieht sich selbst in einer Linie mit großen Radikalen der Kunstgeschichte wie Joseph Beuys oder Franz Erhard Walther wobei letzterer ihn als einen der einflussreichsten Künstler seiner Generation würdigte. Die Rezeption seines Werkes durch die Fachwelt bleibt jedoch gespalten während die einen in ihm ein Genie des dionysischen Rausches sehen betrachten andere seine Aktionen als reine Selbstdarstellung. Doch genau diese Polarität macht seine Bedeutung aus. Meese zwingt uns zur Stellungnahme. Er lässt niemanden gleichgültig und genau das ist das Ziel seiner Diktatur der Kunst: die totale Aktivierung des Betrachters und die Zertrümmerung jeglicher Gleichgültigkeit gegenüber der Welt und der Ästhetik.
In der Betrachtung seines umfangreichen Œuvres wird deutlich dass Jonathan Meese eine einzigartige Position einnimmt die sich jedem schnellen Zugriff entzieht. Er ist der ewige Jugendliche der Kunstwelt der mit der Ernsthaftigkeit eines Kindes spielt und dabei die Fundamente unserer Gesellschaft befragt. Seine Beschäftigung mit Urmythen ist kein Rückzug in die Romantik sondern eine Suche nach jenen Kräften die den Menschen seit jeher antreiben. Wenn Meese malt dann tut er dies mit einer Intensität die physisch spürbar ist. Die Farbe wird bei ihm zu einer klebrigen Materie die die Leinwand nicht nur bedeckt sondern sie regelrecht besetzt. Seine Skulpturen aus Bronze oder Gips wirken oft wie Artefakte einer fremden Zivilisation die gleichzeitig vertraut und vollkommen fremd erscheinen. Diese Ambivalenz macht die Begegnung mit seinem Werk zu einer Herausforderung die den Betrachter auf sich selbst zurückwirft.
Die Rolle seiner Mutter Brigitte Renate Meese verdient in diesem Zusammenhang eine besondere Erwähnung da sie nicht nur seine engste Vertraute sondern oft auch Teil seiner künstlerischen Inszenierungen war. Die Symbiose zwischen Mutter und Sohn war ein zentrales Element in seinem Leben das ihm die notwendige Sicherheit gab um seine radikalen Ausbrüche überhaupt erst möglich zu machen. In vielen seiner Videos und Performances ist die Mutter präsent als eine Art ordnende Kraft im Hintergrund die dem Chaos des Sohnes eine Struktur verleiht. Dies zeigt dass selbst ein Radikaler wie Meese eine Verankerung benötigt um seine Flüge in die Diktatur der Kunst antreten zu können. Nach ihrem Tod im Jahr zweitausendsiebenundzwanzig wird es spannend sein zu beobachten wie sich diese neue Einsamkeit auf sein Werk auswirken wird. Doch es steht außer Frage dass die Maschine Meese weiterlaufen wird da die Kunst für ihn keine Wahl sondern eine biologische Notwendigkeit ist.
Die Frage ob man Jonathan Meese kaufen sollte stellt sich für ernsthafte Sammler zeitgenössischer Kunst eigentlich nicht. Seine Werke sind längst zu festen Werten im globalen Marktumfeld geworden. Doch wer ein Werk von Meese erwirbt der kauft nicht nur eine Leinwand oder eine Skulptur sondern er holt sich ein Stück dieser unbändigen Energie ins Haus die keinen Kompromiss kennt. Ein Meese an der Wand ist eine ständige Mahnung zur Freiheit und ein Protest gegen jede Form von intellektueller Faulheit. In einer Zeit in der die Kunst oft zur reinen Wertanlage verkommt beharrt Meese auf dem Eigenwert der Schöpfung. Seine Arbeiten fordern Platz sie fordern Aufmerksamkeit und sie verlangen nach einem Gegenüber das bereit ist sich auf die Radikalität des Spiels einzulassen. Die Diktatur der Kunst ist am Ende eine Einladung an uns alle die Macht der eigenen Vorstellungskraft wieder zu entdecken und die Welt durch die Linse der Kunst neu zu bewerten.
Jonathan Meese wird auch in Zukunft eine unverzichtbare Quelle der Provokation und der Inspiration bleiben. Seine Fähigkeit die Grenzen der Kunst ständig neu zu definieren macht ihn zu einem Motor der Erneuerung in einer oft statisch wirkenden Kunstlandschaft. Er erinnert uns daran dass die Kunst nicht dazu da ist uns zu gefallen sondern uns aufzurütteln. Sein Weg von Tokio über Ahrensburg nach Berlin ist eine Reise der permanenten Selbstüberwindung und der totalen Hingabe an eine Idee die größer ist als das Individuum selbst. Wer die zeitgenössische Kunst verstehen will kommt an Meese nicht vorbei da er wie kaum ein anderer die Widersprüche und die Energien unserer Zeit in sich vereint und bildhaft nach außen kehrt. Seine Diktatur der Kunst ist das Versprechen einer Welt in der die Kreativität die oberste Instanz ist und in der das Spiel der einzige ernstzunehmende Modus des Seins darstellt. In diesem Sinne bleibt Jonathan Meese der unermüdliche Hohepriester einer Kunst die keine Götter neben sich duldet und die uns gerade deshalb so fasziniert.
Mehr Informationen unter: http://jonathanmeese.com
Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.
