Martin Kippenberger war weit mehr als nur ein Künstler im herkömmlichen Sinne. Er war ein Phänomen und ein Wirbelsturm sowie ein unermüdlicher Produzent von Bildern und Ideen und Skandalen. Sein Leben das im Jahr 1953 in Dortmund begann war kurz und intensiv sowie geographisch von einer Rastlosigkeit geprägt die ihn um den gesamten Globus trieb. Kippenberger gilt heute als einer der einflussreichsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit und das obwohl oder gerade weil er sich zeit seines Lebens gegen jede Form der akademischen Erstarrung und gegen die Konventionen des Kunstbetriebs wehrte. Er führte ein Dasein das von einer energischen Respektlosigkeit gezeichnet war was ihm oft das Etikett eines Neo-Dadaisten einbrachte. Doch hinter der Maske des Bad Boys und des ewigen Provokateurs verbarg sich ein hochintellektueller Geist der die Mechanismen der Kunstwelt mit chirurgischer Präzision sezierte. Sein Werk das von der Malerei über die Skulptur bis hin zur Plakatkunst und zum Buchdesign reichte ist ein monumentales Zeugnis für die Kraft der Ironie und die Unausweichlichkeit der Autobiografie in der Kunst.
Die frühen Jahre zwischen Rebellion und bürgerlicher Enge
Die Wurzeln von Martin Kippenberger lagen in der oberen Mittelschicht von Dortmund. Als drittes von insgesamt fünf Kindern wuchs er in einer Umgebung auf die ihm zwar alle Möglichkeiten bot die er aber schon früh als einengend empfand. Seine Schullaufbahn war dementsprechend turbulent. Schließlich landete er auf einem privaten Gymnasium in Essen welches er jedoch nach drei Fehlversuchen ohne einen formalen Abschluss verlassen musste. Diese frühen Niederlagen im Bildungssystem waren jedoch kein Zeichen mangelnder Intelligenz sondern vielmehr ein Beleg für seine Weigerung sich den normativen Vorstellungen einer bürgerlichen Karriere zu unterwerfen.
Hamburg und die Professionalisierung des Chaos
Im Jahr 1972 sicherte er sich einen Studienplatz an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg womit die Professionalisierung seines Talents begann. Hier begann er ein beeindruckendes Portfolio aufzubauen das die Lehrer und seine Mitschüler gleichermaßen faszinierte und irritierte. Er lernte die Techniken der Malerei und der Grafik von Grund auf kennen nur um sie sofort wieder zu dekonstruieren. Kippenberger begriff früh dass Kunst auch Kommunikation und Vernetzung bedeutet. Seine Arbeiten aus dieser Zeit zeigten bereits die Tendenz zur ironischen Kommentierung der Kunstwelt. Er hinterfragte was ein Bild wert ist und wer darüber entscheidet.
Die Berliner Jahre und das Büro Kippenberger
Nach seinem Studium zog es Martin Kippenberger nach Berlin das Ende der 1970er Jahre ein Schmelztiegel für Punks und Künstler sowie Lebenskünstler war. Im Jahr 1978 gründete er dort das legendäre Büro Kippenberger das als eine Art Agentur für seine eigenen Ideen und Projekte fungierte. Er übernahm zeitweise die Leitung des SO36 eines Zentrums für alternative Kultur in Kreuzberg und wurde so zu einem der wichtigsten Motoren der lokalen Szene. In dieser Verschmelzung von Kunstraum und Nachtleben, von Ausstellung und Party steht Kippenberger neben Tracey Emin, die ebenfalls ihr gesamtes Leben als Material begreift — wenn auch mit der intimen Verletzlichkeit des Tagebuchs wo Kippenberger den öffentlichen Exzess bevorzugte. Er malte Serien die er von Plakatmalern ausführen ließ um den Geniekult der Autorschaft zu unterwandern.
Neo-Dadaismus und die Kritik am Kanon
Man bezeichnete Martin Kippenberger oft als einen Neo-Dadaisten und dieser Begriff trifft den Kern seiner Arbeit sehr gut. Er nutzte den Humor und die Ironie als Waffen gegen die Arroganz des Kunstmarktes. Er malte Bilder die absichtlich schlecht oder fehlerhaft wirkten um die Frage zu provozieren was Qualität in der Kunst eigentlich bedeutet. In seiner Serie der Selbstporträts zeigte er sich in Unterhosen mit einem massiven Bauch was eine direkte Antwort auf die heroischen Akte der Vergangenheit war. Für Kippenberger war der Künstler kein heiliger Seher sondern ein Arbeiter im Weinberg der Bilder der auch scheitern darf und soll. In dieser radikalen Akzeptanz des Fehlers und des Scheiterns steht er neben Gavin Turk, der in seinen Wachsfiguren ebenfalls die Konstruktion des Künstler-Genies seziert, und neben den Chapman Brothers, die in ihren grotesken Skulpturen eine verwandte Respektlosigkeit gegenüber dem Kanon praktizieren.
Die Verbindung zu Jeff Koons und die Ästhetik des Kitsches
Auch in Amerika wurde Martin Kippenberger früh bewundert. Seine Vorliebe für das Fehlerhafte und sein tiefes Interesse am Kitsch übten eine besondere Faszination auf Künstler wie Jeff Koons aus. Während Koons den Kitsch perfektionierte und in den Adelsstand der Hochglanzkunst erhob nutzte Kippenberger ihn um die Wunden der bürgerlichen Gesellschaft offenzulegen. Im Jahr 1989 kam es zu einer bemerkenswerten Zusammenarbeit der beiden Giganten. Sie gestalteten gemeinsam die Vorderseite und die Rückseite des renommierten Kunstmagazins Parkett. Diese Kooperation war ein symbolischer Akt der die Verbindung zwischen der europäischen Ironie und dem amerikanischen Neo-Pop besiegelte. Kippenberger bewies hier dass er auf der internationalen Bühne absolut ebenbürtig war — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren.
Das Happy End von Franz Kafkas Amerika
Eines der gewaltigsten Projekte in seinem Spätwerk war die Installation mit dem Titel The Happy End of Franz Kafka’s Amerika die im Jahr 1994 zum ersten Mal gezeigt wurde. In dieser raumgreifenden Arbeit transformierte Kippenberger den unvollendeten Roman von Kafka in eine absurde Bürolandschaft. Er arrangierte hunderte von Tischen und Stühlen die er weltweit gesammelt hatte auf einer grünen Fläche die an ein Fußballfeld erinnerte. In dieser Fähigkeit Literatur in eine physische Rauminstallation zu übersetzen steht Kippenberger neben Mike Nelson, dessen labyrinthische Installationen ebenfalls ganze Welten aus Fundobjekten errichten — wenn auch mit der düsteren Atmosphäre des Film Noir wo Kippenberger die Absurdität Kafkas bevorzugt. Die Installation gilt heute als eines der wichtigsten Werke der 1990er Jahre.
Der tragische Abgang und das Erbe
Am 7. März 1997 starb Martin Kippenberger im Universitätsklinikum Wien im Alter von nur 43 Jahren an den Folgen von Leberkrebs. Sein Tod war ein Schock für die internationale Kunstwelt zumal er nur wenige Wochen vor der Eröffnung der Documenta X in Kassel verstarb auf der er als einer der Hauptkünstler präsentiert werden sollte. Er hinterließ ein Werk das in seiner Vielfalt und seinem Umfang kaum zu überblicken ist. Kippenberger war ein Künstler der niemals stillstand und der uns gelehrt hat dass die Kunst keine Angst vor dem Schmutz und vor der Lächerlichkeit haben darf. Er hat den Weg geebnet für eine Generation von Künstlern die heute ganz selbstverständlich mit ihrer eigenen Biografie arbeiten und die Ironie als legitimes Mittel der Welterkenntnis nutzen. Er bleibt die unangefochtene Ikone des Bad Boys der uns daran erinnert dass die Wahrheit oft dort zu finden ist wo es am meisten wehtut.
Mehr Informationen unter: http://www.artnet.com/artists/martin-kippenberger/biography
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler und ihre Vorläufer vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der Galerien in Berlin, unsere Porträts der wichtigsten Kuratoren und unsere eigenen Ausstellungen.
