Wenn wir heute auf die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts blicken dann ragt eine Gestalt wie ein schamanischer Monolith aus der Masse hervor und das ist Joseph Beuys. Geboren am 12. Mai 1921 in Krefeld war er weit mehr als ein einfacher Bildhauer oder Zeichner; er war ein Visionär der die Grenzen dessen was wir als Kunst begreifen radikal und unwiderruflich sprengte. Beuys verstand die Kunst nicht als ein Objekt das man in einer Galerie betrachtet sondern als einen Prozess der die gesamte Gesellschaft transformieren sollte. Er war der Überzeugung dass jeder Mensch ein Künstler sei und meinte damit die schöpferische Kraft die in jedem Individuum steckt um die soziale Plastik der Welt zu formen. In seinen Arbeiten setzte er sich intensiv mit dem Humanismus und der Anthroposophie sowie der Sozialphilosophie auseinander und suchte stets nach Wegen um die Wunden der Zivilisation zu heilen. Er war ein Mann mit Filzhut und Anglerweste der die Kunst aus ihrem elitären Elfenbeinturm holte und sie mitten in den politischen und sozialen Diskurs warf.
Die Kindheit am Niederrhein und der Ruf der Mythologie
Die Wurzeln dieses außergewöhnlichen Geistes liegen im beschaulichen Kleve wo Joseph Beuys als Sohn eines Kaufmanns aufwuchs. Schon in diesen frühen Jahren wurde sein Zeichentalent bemerkt doch es war vor allem sein Interesse an der Natur und der Geschichte das ihn prägte. Ein Lehrer weckte in ihm die Begeisterung für die nordische Mythologie was später einen wesentlichen Einfluss auf seine symbolische Bildsprache haben sollte. Ein entscheidender Moment in seiner Jugend war die Begegnung mit Darstellungen der Plastiken von Wilhelm Lehmbruck. Diese schlanken und seelenvollen Figuren berührten Beuys so tief dass er den Entschluss fasste selbst Bildhauer zu werden. Die Landschaft des Niederrheins mit ihren weiten Feldern und Nebeln bot den idealen Hintergrund für die Entwicklung seiner poetischen Weltsicht die Natur und Geist als eine untrennbare Einheit begriff.
Der Aufbruch nach dem Krieg und die Jahre bei Ewald Mataré
Nach den dunklen Jahren des Zweiten Weltkriegs die Beuys als Funker und Pilot erlebte kehrte er mit einer tiefen inneren Erschütterung zurück. Im Sommer 1946 schrieb er sich an der Kunstakademie Düsseldorf ein um Monumentalbildhauerei zu studieren. Dort traf er auf Ewald Mataré der ihn im Jahr 1951 zu seinem Meisterschüler ernannte. Unter Mataré arbeitete Beuys an bedeutenden Projekten wie den Türen des Kölner Doms und dem Westfenster des Aachener Doms. Diese Arbeit an sakralen Orten schärfte seinen Sinn für die symbolische Kraft des Raumes und des Materials. Im März 1953 schloss er sein Studium erfolgreich ab und bezog im Jahr 1954 sein eigenes Atelier in Düsseldorf bereit die Kunstwelt mit seinen eigenen Ideen zu revolutionieren.
Die Professur in Düsseldorf und der erweiterte Kunstbegriff
Das Jahr 1961 markiert einen Wendepunkt in der Karriere von Joseph Beuys als er zum Professor für monumentale Bildhauerei an die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf berufen wurde. Hier begann er seine Theorie der sozialen Plastik zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Beuys war kein gewöhnlicher Lehrer der nur technische Fertigkeiten vermittelte; er forderte seine Studenten dazu auf die Welt als Ganzes zu betrachten. Er setzte sich für einen sozial erweiterten Kunstbegriff ein der Bildung und Recht sowie Wirtschaft als gestaltbare Bereiche der Gesellschaft ansah — eine Verbindung von Kunst und Gesellschaft die sein gesamtes Denken durchzieht. Seine Lehre war geprägt von der Idee dass die Kunst ein Werkzeug zur Befreiung des Menschen sein müsse. Diese radikale Erweiterung des Kunstbegriffs wirkt bis heute nach: In Rirkrit Tiravanijas Koch-Performances, in Reinaart Vanhoes Konzept des Also Space und in Doris Salcedos politischen Interventionen auf dem Bolívar-Platz lebt der Geist der sozialen Plastik in je eigener Form weiter.
Der Kampf um die Freiheit der Bildung und die Kündigung
Die Überzeugungen von Joseph Beuys waren nicht nur theoretischer Natur sondern er verteidigte sie mit vollem Körpereinsatz. Im Oktober 1971 besetzte er gemeinsam mit abgewiesenen Studenten das Sekretariat der Kunstakademie Düsseldorf um gegen die Zulassungsbeschränkungen zu protestieren. Als er diese Aktion im Jahr 1972 wiederholte reagierte das Ministerium mit Härte und sprach seine fristlose Entlassung aus. Was darauf folgte war eine beispiellose Welle der Solidarität. Beuys wehrte sich juristisch gegen diesen Rauswurf und am Ende durfte er seine Atelierräume in der Akademie weiter nutzen. Dieser Kampf festigte seinen Ruf als politischer Aktivist der die Freiheit der Kunst und des Geistes über alles stellte. In dieser kompromisslosen Verbindung von Kunst und politischem Aktivismus steht Beuys neben Ai Weiwei, der seine künstlerische Plattform ebenfalls für den Kampf um Menschenrechte und gegen staatliche Unterdrückung nutzt — wenn auch unter den ungleich gefährlicheren Bedingungen eines autoritären Staates.
Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt
Eines der spektakulärsten und am meisten diskutierten Werke von Joseph Beuys ist die Performance mit dem Titel Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt aus dem Jahr 1965. In dieser Aktion saß Beuys mit goldbeschichtetem Gesicht und einem toten Hasen im Arm in einer Galerie und flüsterte dem Tier Erklärungen zu seinen Zeichnungen ins Ohr. Das Gold symbolisierte den Geist und die Weisheit während der Hase für die Erde und die Intuition stand. Beuys wollte damit zeigen dass die Kunst nicht nur mit dem rationalen Verstand begriffen werden kann sondern dass sie eine tiefere vorsprachliche Kommunikation benötigt. Diese Performance wurde zu einem Meilenstein der Aktionskunst und zeigte Beuys als eine Art modernen Schamanen der durch rituelle Handlungen versucht die Verbindung zwischen Mensch und Schöpfung wiederherzustellen. In dieser schamanischen Dimension berührt sich sein Werk mit dem von Marina Abramović, die in ihren Performances ebenfalls den Körper als Ort der spirituellen Transformation begreift.
Das Rudel und die Symbolik des Überlebens
Ein weiteres bedeutendes Werk ist die Installation The Pack oder auch Das Rudel genannt. Sie besteht aus einem alten VW-Bus aus dessen Heck vierundzwanzig Schlitten wie eine flüchtende Meute herausströmen. Jeder dieser Schlitten ist mit einer Ausrüstung zum Überleben bestückt die aus Filz und Fett sowie einer Taschenlampe besteht. Beuys nutzte hier Materialien die für ihn eine existenzielle Bedeutung hatten. Er erzählte oft die Legende wie er im Krieg als Pilot über der Krim abgestürzt sei und von Tataren mit Fett und Filz gerettet wurde. Für Beuys waren diese Materialien Symbole für Wärme und Energie sowie für Schutz und Heilung. Das Rudel symbolisiert eine archaische Kraft die aus der technisierten Welt des VW-Busses ausbricht um in der Wildnis zu überleben.
Fett und Filz als Batterien des Geistes
Die Verwendung von Fett und Filz wurde zum absoluten Markenzeichen von Joseph Beuys. Fett war für Beuys ein Energieträger der zwischen einem festen und einem flüssigen Zustand wechseln kann was er als Analogie für den geistigen Prozess sah. Der Filz hingegen diente als Isolator der die Wärme speichert und schützt. Beuys betrachtete seine Objekte oft als Batterien die geistige Energie speichern und an den Betrachter abgeben sollten. In seinen Fettstühlen oder den Filzanzügen schuf er Werke die eine physische Wärme ausstrahlten und gleichzeitig eine spirituelle Tiefe besaßen. In dieser Aufladung einfacher Materialien mit symbolischer Bedeutung steht Beuys neben Künstlern wie Sheela Gowda, die in ihren Installationen Kuhdung und menschliches Haar zu politischen Aussagen verdichtet, und Jimmie Durham, der Stein und Tierknochen zum Material seiner postkolonialen Skulpturen macht — beide haben Beuys‘ Überzeugung verinnerlicht, dass die Wahl des Materials bereits eine ethische Entscheidung ist.
Die 7000 Eichen und der ökologische Impuls
Eines der langfristigsten und beeindruckendsten Projekte von Beuys war die Aktion 7000 Eichen — Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung die er im Jahr 1982 zur Documenta 7 in Kassel startete. Er ließ 7000 Basaltstelen auf dem Friedrichsplatz aufschichten und verkündete dass jede Stele nur dann entfernt werden darf wenn an ihrer Stelle eine Eiche gepflanzt wird. Beuys wollte damit ein dauerhaftes Zeichen für den Umweltschutz und für eine ökologische Erneuerung der Stadt setzen. Er begriff diesen Akt des Pflanzens als einen Teil der sozialen Plastik bei dem die Bürger aktiv an der Gestaltung ihrer Umwelt teilnehmen. Das Projekt dauerte mehrere Jahre und wurde erst nach seinem Tod im Jahr 1987 abgeschlossen. Heute prägen diese Bäume und Steine das Stadtbild von Kassel und erinnern an den unermüdlichen Tatendrang eines Künstlers der die Welt im wahrsten Sinne des Wortes grüner und lebendiger machen wollte. Es war eine Intervention im öffentlichen Raum die den Zeitgeist der aufkommenden Umweltbewegung perfekt einfing — und die in den ökologischen Projekten von Olafur Eliasson oder den gemeinschaftlichen Gartenprojekten von Rirkrit Tiravanija ihre zeitgenössische Fortsetzung findet.
Der Schamane der Moderne und sein Abschied
Joseph Beuys war eine Gestalt die polarisierte wie kaum eine andere. Er nutzte seine eigene Biografie und sein markantes Äußeres um eine Aura zu schaffen die ihn unverwechselbar machte. Der Filzhut war für ihn ein Schutzraum für den Geist und die Anglerweste ein Werkzeugkasten für den täglichen Einsatz in der sozialen Plastik. Beuys starb am 23. Januar 1986 im Alter von 64 Jahren in Düsseldorf an Herzversagen. Er hinterließ ein Werk das in seiner Komplexität und Radikalität bis heute eine Herausforderung für jeden Betrachter bleibt. Seine Asche wurde in der Nordsee verstreut doch sein Geist lebt in den Eichen von Kassel und in den Köpfen unzähliger Künstler weiter.
Sein Vermächtnis ist die Erkenntnis dass die Kunst keine abgegrenzte Sphäre ist sondern das Fundament auf dem wir unsere Gesellschaft aufbauen müssen. Beuys hat uns gelehrt dass Kreativität nicht das Privileg weniger Auserwählter ist sondern eine menschliche Grundvoraussetzung. Er bleibt der große Heiler der Kunstgeschichte der uns gezeigt hat dass wir mit Fett und Filz und vor allem mit unserem eigenen Geist die Welt verändern können. Joseph Beuys war ein Gigant des Geistes dessen Licht auch lange nach seinem Tod die Wege der zeitgenössischen Kunst erhellt.
Mehr Informationen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Beuys
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler und ihre Vorläufer vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der Galerien in Berlin, die Porträts der wichtigsten Kuratoren und unsere eigenen Ausstellungen.
