Sean Scully und die Architektur des emotionalen Gitters

In der weiten Welt der zeitgenössischen Malerei gibt es nur wenige Künstler die eine so kraftvolle und zugleich zutiefst menschliche Sprache gefunden haben wie Sean Scully. Der im Jahr 1945 in Dublin geborene Maler hat es geschafft die kühle und oft abweisende Ästhetik des Minimalismus mit einer emotionalen Dichte und einer malerischen Sinnlichkeit aufzuladen die ihresgleichen sucht. Wer vor einem seiner monumentalen Gitterbilder steht begegnet keiner mathematischen Formel sondern einer Architektur aus Farbe und Licht sowie einer Geschichte aus Schichten und Pinselstrichen. Scully ist ein Künstler der die Abstraktion nicht als Flucht vor der Realität begreift sondern als ein Werkzeug um die grundlegenden Strukturen des menschlichen Daseins zu untersuchen. Sein Werk das sich über Jahrzehnte hinweg stetig weiterentwickelt hat ist ein Plädoyer für die Relevanz der Malerei in einer zunehmend digitalen Welt. Er hat den Streifen und das bemalte Band zu seinem Schicksal gemacht und innerhalb dieser scheinbar engen Grenzen eine unendliche Freiheit gefunden.

Die Kindheit zwischen Dublin und London und der frühe Ruf der Kunst

Die Lebensgeschichte von Sean Scully beginnt in den rauen Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Jahr 1949 entschied sich seine Familie die grüne Insel zu verlassen und nach England auszuwandern. In London angekommen ließen sie sich zunächst in einer irischen Gemeinde in Islington nieder. Schon im zarten Alter von 9 Jahren traf der junge Sean die Entscheidung Künstler zu werden. Diese Entschlossenheit war bemerkenswert für ein Kind aus einfachen Verhältnissen.

Der harte Weg durch die Arbeitswelt und die ersten Studienjahre

Er verließ die Schule bereits im Alter von 15 Jahren und musste sich durch viele verschiedene Jobs schlagen. Doch der Wunsch nach künstlerischer Bildung blieb ungebrochen. Er belegte Abendkurse an der Central School of Art in London und interessierte sich in dieser Phase besonders für die figurative Malerei. Im Jahr 1964 sah er in der Tate Gallery das Gemälde Der Stuhl von Vincent van Gogh. Die emotionale Wucht und die ehrliche Einfachheit dieses Werkes zeigten ihm dass die Kunst weit mehr sein kann als eine bloße Abbildung der Realität.

Newcastle und die Entdeckung der Abstraktion

An der Newcastle University ereignete sich die nächste große Transformation in seinem künstlerischen Denken. Er entdeckte den Abstrakten Expressionismus für sich und war besonders tief beeindruckt von einer Ausstellung mit Gemälden von Mark Rothko in der Whitechapel Art Gallery in London. Die Art und Weise wie Rothko Farbe und Raum nutzte um spirituelle und emotionale Zustände zu evozieren führte dazu dass sich Scully allmählich von der Figuration verabschiedete und den Weg in die Abstraktion einschlug. Er begann die Leinwand als einen Raum zu begreifen in dem sich physische Präsenz und metaphysische Tiefe begegnen können.

Der Sprung über den Atlantik und die Eroberung von New York

Im Jahr 1975 entschied sich Sean Scully für einen radikalen Neuanfang und zog nach New York City. Die Metropole am Hudson River war damals das Epizentrum der internationalen Kunstwelt. Doch während viele seiner Zeitgenossen eine kühle und fast maschinelle Ästhetik verfolgten behielt Scully seinen rauen und malerischen Pinselstrich bei. In Manhattan entwickelte er seinen charakteristischen Stil der Gitterbilder und Streifenkompositionen. Er baute seine Gemälde wie Mauern aus dicken Farbschichten auf wobei er oft mehrere Paneele miteinander verband. Diese Mehrteiligkeit verlieh seinen Werken eine skulpturale Qualität. In dieser Verbindung von geometrischer Strenge und malerischer Leidenschaft steht Scully neben Gerhard Richter, der in seinen abstrakten Gemälden ebenfalls die Spannung zwischen Zufall und Kontrolle auslotet — wenn auch mit dem Rakel statt dem Pinsel. Scully bewies dass die Geometrie nicht kalt sein muss wenn sie mit der Leidenschaft und der Energie eines suchenden Geistes ausgeführt wird.

Die Philosophie des Streifens und die Komplexität der Einfachheit

Obwohl Sean Scully fast seine gesamte Karriere mit der Idee des Streifens verbracht hat ist sein Werk alles andere als eintönig. Für Scully ist der Streifen ein universelles Symbol das sowohl für die Ordnung der Zivilisation als auch für die Rhythmen der Natur stehen kann. Seine mehrschichtigen Gemälde sind Zeugen eines langwierigen Entstehungsprozesses bei dem die unteren Farblagen oft noch an den Kanten durchschimmern und so eine zeitliche Tiefe erzeugen. In dieser Obsession für die Schichtung und die Materialität der Farbe berührt sich Scullys Arbeit überraschend mit der von Anselm Kiefer, der in seinen monumentalen Gemälden ebenfalls die Leinwand wie ein geologisches Feld aus Schichten und Ablagerungen behandelt — wenn auch mit Blei und Stroh wo Scully die reine Ölfarbe bevorzugt.

Marokko und der Dialog mit Henri Matisse

Eine wichtige Inspirationsquelle für Scullys Umgang mit Licht und Farbe waren seine Reisen nach Nordafrika. Besonders bedeutsam war eine Reise im Jahr 1992 die er unternahm um einen Film für die BBC über den großen französischen Maler Henri Matisse zu drehen. Matisse hatte Marokko in den Jahren 1912 und 1913 besucht und dort eine neue Klarheit in seinem Werk gefunden. Scully begab sich auf die Spuren dieses Meisters und suchte nach der Verbindung zwischen der nordafrikanischen Architektur und der Lichtstimmung des Südens. Er lernte von Matisse wie man Farbe nutzt um Raum zu definieren und wie man die ornamentalen Strukturen des Orients in eine moderne Bildsprache übersetzt.

Akademische Ehren und die Joseph Beuys Lectures

In den Jahren 1989 und 1993 wurde Sean Scully jeweils für den Turner Prize nominiert. Im Jahr 1995 wurde er eingeladen die renommierten Joseph Beuys Lectures zu halten die ihn durch Großbritannien und Europa sowie die Vereinigten Staaten führten. Diese Vorträge boten ihm die Gelegenheit seine theoretischen Überlegungen zur Malerei einem breiten Publikum zu präsentieren. Im Jahr 2013 wurde er zum Royal Academician gewählt. Scully wurde zu einem wichtigen Botschafter für die Kraft der Abstraktion und bewies dass er nicht nur ein begnadeter Maler sondern auch ein tiefgründiger Denker ist.

Die Klöster von Montserrat und die globale Präsenz

Ein besonderes Projekt das Scullys tiefes Interesse an der Verbindung von Kunst und Spiritualität verdeutlicht ist die permanente Installation für das restaurierte Kloster Santa Cecilia de Montserrat in der Nähe von Barcelona. Er vollendete dieses Werk im Jahr 2015 und schuf damit einen Ort der Besinnung und der Stille. Neben seinem Atelier in New York unterhält Scully auch Arbeitsräume in Barcelona und Berlin sowie ein zweites Zuhause in der bayerischen Landschaft südlich von München. Diese verschiedenen Standorte erlauben es ihm zwischen der Hektik der Weltstädte und der Ruhe der Natur zu wechseln.

Der Einfluss auf die nächste Generation und die Zukunft der Abstraktion

Sean Scully hat mit seinem wichtigen Beitrag zur amerikanischen und europäischen abstrakten Kunst den Weg für viele nachfolgende Maler geebnet. Er hat bewiesen dass die Abstraktion keine Sackgasse ist sondern ein Feld mit endlosen Möglichkeiten für die Erforschung der menschlichen Existenz. Er hat eine Generation von Malern dazu ermutigt der Versuchung der reinen Figuration zu widerstehen und stattdessen eine zutiefst persönliche und lyrische Form der Abstraktion zu suchen. Scully bleibt eine zentrale Figur im Diskurs über die Malerei.

In einer Welt die oft von schnellen Reizen und oberflächlichen Effekten dominiert wird bietet die Kunst von Sean Scully einen Ort der Beständigkeit und der Tiefe. Er lehrt uns dass Schönheit in der Wiederholung und in der sorgfältigen Schichtung von Erfahrung liegen kann. Seine Gemälde sind wie Mauern die uns schützen und wie Fenster die uns neue Ausblicke auf die Welt eröffnen. Er hat den irischen Geist der Erzählung mit der amerikanischen Weite der Abstraktion verbunden. Sean Scully bleibt der Baumeister des Lichts und der Farbe dessen Gitterbilder uns daran erinnern dass wir alle aus Streifen von Licht und Schatten gewebt sind.

Mehr Informationen unter: https://www.theartstory.org/artist/scully-sean/life-and-legacy/

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Kraft der Farbe und der Abstraktion feiern — von Light with no Sound bis Cave.