In der Geschichte der zeitgenössischen Kunst gibt es kaum eine Figur die das Unbehagen der amerikanischen Vorstadt so präzise und zugleich so verstörend eingefangen hat wie Mike Kelley. Er war der unangefochtene Meister der Konzeptkunst der die Grenzen zwischen der hohen akademischen Theorie und den tiefsten Abgründen der Populärkultur vollkommen auflöste. Wer sich mit seinem Werk befasst betritt eine Welt in der flauschige Stofftiere nicht mehr für Trost stehen sondern eine Atmosphäre des Unheimlichen und des Traumatischen heraufbeschwören. Kelley der im Jahr 1954 in einem Vorort von Detroit in Michigan geboren wurde nutzte seine Herkunft aus einer Arbeiterfamilie als Treibstoff für eine radikale künstlerische Praxis. Er war ein Visionär der das Banale und das Abgründige sowie das Komische und das Tragische in gewaltigen Installationen und Performances miteinander verwebte. Sein Einfluss auf die Kunstwelt von Los Angeles war so massiv dass er die Stadt im Alleingang zur globalen Kunsthauptstadt beförderte und einer ganzen Generation den Weg ebnete.
Die Jugend in Detroit und der Geist von Destroy All Monsters
Die Wurzeln von Mike Kelleys Schaffen liegen in der industriellen Tristesse von Michigan. Als jüngstes von vier Kindern wuchs er in einem Umfeld auf das weit entfernt von den glitzernden Galerien der Ostküste lag. Im Jahr 1973 während seines Studiums an der University of Michigan bewies er bereits seinen rebellischen Geist als er die Impro-Noise-Band Destroy All Monsters mitbegründete. Diese musikalische Erfahrung war entscheidend für seine spätere multimediale Arbeit da er hier lernte dass Lärm und Chaos legitime Mittel des Ausdrucks sind. In dieser Grenzüberschreitung zwischen Musik und bildender Kunst steht Kelley neben Christian Marclay, der ebenfalls die Trennung zwischen akustischem und visuellem Erlebnis aufhebt — wenn auch mit der eleganten Montage des Archivars wo Kelley den rohen Lärm des Punks bevorzugte. Die Band war ein Laboratorium für den radikalen Bruch mit Konventionen. Für Kelley gab es nie eine klare Trennung zwischen den Disziplinen; alles war Material für seine philosophischen Untersuchungen der zeitgenössischen Gesellschaft.
CalArts und die Weichenstellung an der Westküste
Im Jahr 1976 traf Mike Kelley eine Entscheidung die den Verlauf der amerikanischen Kunstgeschichte verändern sollte indem er sich am California Institute of the Arts kurz CalArts einschrieb. Nach seinem Abschluss im Jahr 1978 entschied er sich bewusst gegen die Verlockungen der New Yorker Kunstwelt und blieb in Kalifornien. In Los Angeles fand er den Raum um seine multimediale Arbeit weiterzuentwickeln die von der Performance über die Installation bis hin zur Fotografie und Zeichnung reichte. Er begann seine eigene Stimme zu finden die von den Konzeptkünstlern der 1960er Jahre inspiriert war aber eine neue dunklere und humorvollere Note besaß.
Die Stofftiere und das Konzept des Unheimlichen
Mitte der 1980er Jahre begann Mike Kelley damit gefundene Objekte in seine Installationen zu integrieren die heute untrennbar mit seinem Namen verbunden sind: gebrauchte und oft schmutzige Stofftiere sowie Häkeldecken und Puppen. Diese Souvenirs der Kindheit die er auf Flohmärkten fand wurden in seinen Händen zu Trägern psychologischer Themen. Er arrangierte sie in gewaltigen Haufen oder nähte sie zu bizarren Skulpturen zusammen die eine Atmosphäre des Unheimlichen verströmten. Für Kelley waren diese Objekte keine niedlichen Spielzeuge sondern traumatische Überreste einer Gesellschaft die ihre Kinder mit materiellen Gütern überhäuft während sie gleichzeitig emotionale Kälte ausübt. In dieser Verwandlung von Alltagsobjekten in Träger des Unheimlichen steht Kelley neben Mona Hatoum, deren Küchengeräte mit Stacheldraht und Doris Salcedos mit Zement gefüllte Möbel eine verwandte Strategie der Verfremdung des Vertrauten verfolgen — wenn auch aus dem Kontext politischer Gewalt statt psychologischer Traumatisierung. Die Schmutzflecken auf den Kuscheltieren erzählten Geschichten von Vernachlässigung und verdrängten Erinnerungen.
Der Aufstieg in den 1990er Jahren und Helter Skelter
Das Jahr 1992 erwies sich als ein absolutes Wendejahr für seine Karriere. Er nahm an der wegweisenden Gruppenausstellung Helter Skelter: LA Art in the 1990s im Los Angeles Museum of Contemporary Art teil. Zusammen mit Weggefährten wie Paul McCarthy und Chris Burden sowie Jim Shaw und Raymond Pettibon präsentierte er eine Kunst die aggressiv und dreckig sowie intellektuell brillant war. Diese Ausstellung markierte den Moment in dem Los Angeles endgültig aus dem Schatten von New York heraustrat. In der Zusammenarbeit von Kelley und McCarthy — die gemeinsam einige der verstörendsten Performances der 1990er Jahre schufen — verbanden sich Kelleys intellektuelle Schärfe und McCarthys karnevaleske Brutalität zu einer Kraft die den gesamten Kunstbetrieb erschütterte. Kelley wurde zum Gesicht einer neuen kalifornischen Ästhetik die sich weigerte schön oder gefällig zu sein.
Biographie und die Konstruktion des Selbst
In den 1990er Jahren gewannen Themen der Biographie und Autobiographie in seinem Werk zunehmend an Bedeutung. In Projekten wie Educational Complex untersuchte er die Räume seiner Erziehung und stellte fest dass die Architektur selbst ein Werkzeug der sozialen Kontrolle sein kann. Er kombinierte persönliche Einblicke mit fiktiven Elementen und schuf so absurde Darstellungen der amerikanischen Mittelklasse. Kelley war fasziniert von der Idee dass unsere Identität aus Bruchstücken von Erlebnissen und kulturellen Einflüssen besteht die wir niemals vollständig kontrollieren können — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren. Er nutzte den Comic-Stil um diese ernsthaften Themen mit einem galligen Humor zu brechen. In dieser autobiografischen Radikalität steht Kelley neben Tracey Emin, die ebenfalls die traumatischen Reste der eigenen Biografie zum Material ihrer Kunst macht — wenn auch mit der intimen Verletzlichkeit des Tagebuchs wo Kelley die analytische Kälte der Konzeptkunst bevorzugte.
Das tragische Ende und das Vermächtnis
Im Jahr 2012 beging Mike Kelley im Alter von 57 Jahren Selbstmord in seinem Haus in Los Angeles. Sein Tod schockierte die Kunstwelt zutiefst. Er hinterlässt ein Erbe das weit über seine physischen Werke hinausreicht. Er war die führende Persönlichkeit die Los Angeles auf die Landkarte der zeitgenössischen Kunst setzte. Sein Eintreten für die Westküste und seine Weigerung sich den Regeln von New York zu unterwerfen führten zu einem internationalen Aufstieg von Los Angeles als Kunstmetropole. Er ebnete den Weg für Generationen zukünftiger Künstler. Er lehrte uns dass man den Dreck nicht fürchten muss wenn man die Wahrheit finden will und dass der Humor die einzige Waffe gegen die Absurdität des Daseins ist. Seine Retrospektive die schließlich posthum stattfand wurde zu einem triumphalen Zeugnis seiner visionären Kraft. Mike Kelley bleibt der Architekt des Unheimlichen dessen Stimme uns auch heute noch daran erinnert dass hinter jeder normativen Fassade ein komplexes Geflecht aus Trauma und Verlangen wartet.
Er hat gezeigt dass die Konzeptkunst nicht trocken und akademisch sein muss sondern dass sie Fleisch und Blut und sogar Schmutz besitzen kann. Sein Werk ist eine ständige Mahnung an die Zerbrechlichkeit der Zivilisation und an die Notwendigkeit die eigenen Schatten zu umarmen. Kelley war ein Gigant der Moderne dessen Licht noch lange Zeit über die Hügel von Los Angeles und weit darüber hinaus strahlen wird.
Mehr Informationen unter: https://www.theartstory.org/artist/kelley-mike/life-and-legacy/
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das Unheimliche im Alltäglichen freilegen — von Dark Ages bis Demons.
