In der Landschaft der zeitgenössischen Kunst gibt es nur wenige Gestalten die den physischen Raum so radikal umgestalten und ihn in eine Bühne für das Unbewusste verwandeln wie Mike Nelson. Der am zwanzigsten August neunzehnhundertsiebenundsechzig in England geborene und dort aufgewachsene Künstler hat eine Form der Installationskunst perfektioniert die den Betrachter nicht nur als Beobachter begreift sondern ihn als aktiven Teil eines räumlichen Narrativs verschlingt. Nelson ist ein Meister der Konstruktion von Orten die scheinbar aus der Zeit gefallen sind und die eine Atmosphäre von Trostlosigkeit sowie Verlust und Verlassenheit ausstrahlen. Seine Arbeiten sind keine bloßen Dekorationen oder ästhetische Arrangements; sie sind psychologische Landschaften die den Körper und den Geist gleichermaßen fordern. Wenn man heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf sein bisheriges Schaffen blickt erkennt man eine tiefe Auseinandersetzung mit der hinfälligen Natur der menschlichen Existenz und den materiellen Überresten unserer Zivilisation. Nelsons Weg führte ihn von den akademischen Hallen der Reading University an der er von neunzehnhundertsechsundachtzig bis neunzehnhundertneunzig studierte bis hin zum renommierten Chelsea College of Art and Design wo er sein Studium zwischen zweiundneunzig und dreiundneunzig abschloss. Diese formative Zeit legte den Grundstein für sein Verständnis von Raum als einer instabilen und zugleich erzählerischen Materie. Er wurde zu einem der bedeutendsten Installationskünstler und Bildhauer seiner Generation wobei sein Markenzeichen die Schaffung von ortsspezifischen Konstruktionen wurde die oft nach dem Ende einer Ausstellung wieder vernichtet wurden was die Vergänglichkeit seines Werks noch unterstrich.
Das Labyrinth als Prüfung für die menschliche Wahrnehmung
Ein zentrales Element in der künstlerischen Sprache von Mike Nelson ist das Labyrinth. Diese uralte Form nutzt er um den Betrachter in einen Zustand der Orientierungslosigkeit zu versetzen. In seinen Konstruktionen ist der Eingang und der Ausgang oft nur unter großen Schwierigkeiten zu finden was dazu führt dass man sich als Gast in seinen Welten unmittelbar verliert. Dieses Gefühl des Verlorenseins ist kein Zufall sondern ein gezieltes künstlerisches Mittel. Der Besucher wird zum Teil des Kunstwerkes da er durch seine eigenen Entscheidungen und seine physische Bewegung durch die engen Gänge die Installation erst vervollständigt. Es geht Nelson darum eine Situation zu schaffen in der man sich nicht mehr auf die gewohnten Navigationshilfen der modernen Welt verlassen kann. In seinen Labyrinthen verschwimmen die Grenzen zwischen der Realität und der Fiktion. Man betritt Räume die so wirken als wären sie gerade erst von ihren Bewohnern verlassen worden; doch diese Bewohner bleiben unsichtbare Geister in einem Konstrukt aus Staub und Dämmerlicht. In diesem Interesse am begehbaren Raum als psychologische Erfahrung berührt sich Nelsons Arbeit mit Künstlern wie Gregor Schneider, der in seinem Projekt Haus u r ganze Wohnhäuser in verstörende Kunstwerke verwandelte, und Cristina Iglesias, die mit ihren architektonischen Skulpturen ebenfalls Zwischenräume schafft — wenn auch mit einer poetischen Leichtigkeit, die Nelsons düsterer Schwere diametral entgegensteht.
The Coral Reef und die fünfzehn Räume der Verlorenheit
Die wohl bekannteste und vielleicht auch einflussreichste Installation von Mike Nelson ist das Werk mit dem Namen The Coral Reef. Dieses monumentale Projekt war zwischen dem Jahr zweitausend und dem Jahr zweitausendelf in der Tate Britain zu bewundern und setzte neue Maßstäbe für die immersive Kunst. Von außen war die Dimension des Werks kaum zu erahnen; es wirkte fast unscheinbar. Doch sobald die Besucher das Innere betraten fanden sie sich in einem Komplex aus insgesamt fünfzehn Räumen wieder. Der Beginn der Reise war ein Zimmer das einem gewöhnlichen Wartezimmer täuschend ähnlich sah. Von dort aus konnten sich die Menschen frei durch die Räume bewegen was jedoch durch die schlechte Beleuchtung und die staubigen Gänge erschwert wurde. Jeder dieser Räume widmete sich einem speziellen Thema oder einer fiktiven sozialen Gruppe. Man stieß auf Räume die wie provisorische Büros aussahen oder wie Orte des Gebets oder wie Werkstätten in denen seltsame Apparaturen standen.
Das Licht in The Coral Reef war so fein justiert dass andere Besucher nur als Schatten wahrgenommen wurden oder gar nicht zu sehen waren. Dies verstärkte das Gefühl der Isolation und der Einsamkeit inmitten einer großen Institution wie der Tate Britain. In den Räumen befanden sich unzählige unterschiedliche Gegenstände und Möbel die alle den Eindruck erweckten aus einem Secondhand-Laden oder von einem Müllhaufen zu stammen. Mike Nelson nutzte diese Fundstücke um Geschichten zu erzählen die niemals zu Ende geführt werden. Der absolute Clou dieser Arbeit war jedoch der letzte Raum. Nachdem man sich durch das Dickicht der staubigen Kammern und korridorähnlichen Gänge gekämpft hatte landete man in einem Zimmer das exakt so aussah wie das erste Wartezimmer. Diese kreisförmige Struktur suggerierte dass es keinen echten Ausbruch gibt und dass man in einer endlosen Schleife aus Warten und Suchen gefangen ist. Es war eine geniale Dekonstruktion der Zeit und des Raumes die den Betrachter zutiefst verunsicherte.
Die Befreiung und die Geduld in den Ruinen von Venedig
Im Jahr zweitausendeins feierte Mike Nelson einen weiteren internationalen Triumph als sein Werk Die Befreiung und die Geduld auf der Biennale in Venedig präsentiert wurde. Er wählte als Ort für diese Installation keine schicke Galerie sondern eine ehemalige Brauerei was perfekt zu seinem Interesse an industriellen Brachen und verlassenen Orten passte. Auch hier baute er eine komplexe Abfolge von Räumen die tief in die Architektur des Gebäudes eingriffen. Die Atmosphäre war geprägt von der Geschichte Venedigs und gleichzeitig von einer globalen Trostlosigkeit. Nelson nutzte kulturelle Bezüge um Fragen nach Identität und Glaube zu stellen ohne jemals eindeutige Antworten zu geben. Diese Arbeit brachte ihm die erste Nominierung für den prestigeträchtigen Turner Preis ein und festigte seinen Ruf als einer der wichtigsten Erneuerer der britischen Kunstszene. Er bewies dass er in der Lage ist die spezifische Geschichte eines Ortes aufzunehmen und sie in eine universelle Sprache des Raumes zu übersetzen. Diese Fähigkeit, den Genius Loci in Kunst zu verwandeln, verbindet ihn mit Künstlern wie Doris Salcedo, deren ortsspezifische Installationen ebenfalls die Geschichte eines Ortes in physisch erfahrbare Erfahrungen übersetzen.
New York und die mobile Melancholie der Quiver Arrows
Nelsons Drang zum Experimentieren führte ihn im Jahr zweitausendsieben nach New York wo er ein Projekt auf dem alten Street Market realisierte. Er nutzte die raue Umgebung des Marktes um seine Ideen von Handel und Verfall sowie von menschlicher Interaktion weiterzuentwickeln. Ein weiteres wichtiges Werk in seiner Laufbahn ist die Installation Quiver Arrows die er im Jahr zweitausendzehn in London vorstellte. Hier verließ er die festen Wände von Gebäuden und nutzte vier Oldtimeranhänger als Träger seiner Vision. Diese Wohnwagen konnten von den Besuchern betreten werden und boten ein Bild des Schreckens und der Nostalgie zugleich. Die Innenräume waren dunkel und recht schmuddelig und man hatte das Gefühl in die Privatsphäre von Menschen einzudringen die sich auf einer ewigen Flucht befinden. Die Wagen waren vollgestopft mit Reisebüchern und alten Kassetten sowie Bordkarten und anderen Relikten des Unterwegsseins. Nelson schuf hier ein Denkmal für die Mobilität und die damit verbundene Heimatlosigkeit. Die Enge der Wohnwagen verstärkte die klaustrophobische Atmosphäre die so typisch für sein Werk ist. Man spürte förmlich den Geruch von altem Staub und verbrauchtem Leben was die Installation zu einer fast schon körperlichen Erfahrung machte.
Amnesiac Hide und die Poetik des Strandguts
In Toronto präsentierte Mike Nelson im Jahr zweitausendvierzehn die Ausstellung mit dem Titel Amnesiac Hide. Diese Schau war eine umfassende Werkschau die verschiedene Aspekte seines Schaffens vereinte. Neben der Installation Quiver of Arrows zeigte er hier auch die Arbeit Gang of Seven welche in Zusammenarbeit mit der Contemporary Art Gallery entstand. Ein weiterer Bestandteil war die Fotoarbeit mit dem Namen Eighty Circles through Canada sowie Beiträge für die Phillips Galerie in Banff. Besonders interessant ist die Arbeit Gang of Seven für die der Künstler Material an Stränden gesammelt hatte. Er sammelte Flaschen und Seile sowie Treibholz und Tierschädel oder Plastik und fügte diese Teile zu einem komplexen Bild zusammen. In der 303 Gallery in New York ausgestellt wirkte dieses Werk wie die Hinterlassenschaft eines Schiffbrüchigen. Nelson schuf aus dem Müll der Weltmeere eine Szenerie die eine seltsame Romantik ausstrahlte. Obwohl das Thema der Umweltverschmutzung offensichtlich war ging es ihm primär um die Geschichte der Dinge und die Spuren die das Wasser an ihnen hinterlassen hatte. Er nutzte Kunststoffstücke um ein kleines Feuer nachzustellen was dem Ganzen eine fast schon magische und zugleich traurige Note verlieh. Die Arbeit war eine Meditation über das Überleben und die Fähigkeit aus den Trümmern der Zivilisation etwas Neues zu schaffen — ein Thema, das auch unsere eigene Suche nach einer Tjipetir Platte für die geplante Ausstellung Myths of the Unknown antreibt: Objekte, die Jahrzehnte im Ozean verbracht haben und als materielle Überreste einer vergangenen Epoche an unsere Strände gespült werden.
Kulturelle Bezüge und die Anerkennung durch den Turner Preis
Mike Nelson arbeitet in fast allen seinen Werken mit tiefen kulturellen Bezügen die er oft verschleiert oder nur andeutet. Er ist ein Kenner der Literatur und der Geschichte und nutzt dieses Wissen um seine fiktiven Welten mit einer Tiefe aufzuladen die weit über das Visuelle hinausgeht. Seine Nominierungen für den Turner Preis im Jahr zweitausendeins und erneut im Jahr zweitausendsieben unterstreichen seine herausragende Stellung in der Kunstgeschichte des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Er hat die Installationskunst von einer rein ästhetischen Übung zu einer existenziellen Erfahrung weiterentwickelt. In dieser Ambition steht er neben Künstlern wie Matthew Barney, dessen Cremaster-Zyklus ebenfalls ganze Welten aus Skulptur, Film und Performance konstruiert, und Thomas Hirschhorn, der mit seinen aus billigen Materialien gebauten Monumenten eine verwandte Ästhetik des Prekären verfolgt. Seine Arbeiten sind Mahnmale gegen das Vergessen und gleichzeitig Zeugnisse einer tiefen Skepsis gegenüber dem Fortschritt. Er zeigt uns die dunklen Ecken unserer Gesellschaft und die Orte die wir normalerweise lieber ignorieren würden. Die Kraft seiner Werke liegt in ihrer Fähigkeit uns unsere eigene Sterblichkeit und die Hinfälligkeit unserer Umgebung vor Augen zu führen ohne dabei belehrend zu wirken.
Ein Erbe aus Staub und Schatten
Nelsons Bedeutung liegt auch in der Radikalität mit der er die temporäre Natur seiner Kunst akzeptiert. Dass viele seiner aufwendigen Konstruktionen nach der Ausstellung wieder abgebaut und vernichtet werden verleiht ihnen eine Aura der Einzigartigkeit. Man muss dort gewesen sein um das Werk wirklich zu begreifen; eine Fotografie kann die physische Schwere und den Geruch seiner Räume niemals vollständig wiedergeben. Er ist ein Künstler der für den Moment und für den Raum schafft und der dabei keine Kompromisse eingeht. Heute arbeitet Mike Nelson weiterhin an Projekten die unsere Wahrnehmung herausfordern und uns in die Tiefen seiner labyrinthischen Fantasie entführen. Er bleibt der Architekt der verlorenen Träume der uns zeigt dass die Wahrheit oft in den staubigen Gängen und in den schmuddeligen Innenräumen verlassener Gebäude verborgen liegt. Sein Werk ist eine ständige Einladung den sicheren Pfad zu verlassen und sich dem Unbekannten zu stellen auch wenn der Ausgang nur sehr schwer zu finden ist. In einer Welt die immer mehr nach Klarheit und Transparenz strebt bietet die Kunst von Mike Nelson einen notwendigen Raum für das Geheimnis und die Melancholie.
Man kann Nelsons Werk als eine Form der archäologischen Fiktion betrachten. Er gräbt nicht nach echten Relikten sondern er erschafft sie selbst um uns über unsere eigene Gegenwart nachdenken zu lassen. Seine Labyrinthe sind Spiegelbilder unserer komplexen Gesellschaft in der wir oft den Überblick verlieren und uns nach einem Wartezimmer sehnen in dem wir für einen Moment zur Ruhe kommen können. Die fünfzehn Räume von The Coral Reef stehen symbolisch für die vielen Facetten unserer Identität die alle unter einer Schicht aus Staub begraben liegen. Er erinnert uns daran dass wir alle Schiffbrüchige auf der Suche nach einem Sinn sind und dass das Material unserer Existenz oft nur aus Flaschen und Seilen sowie Treibholz und Plastik besteht. Mike Nelson ist ein Visionär der die Stille nutzt um laut über den Zustand der Menschheit zu sprechen und dessen Werk auch in Zukunft eine Quelle der Inspiration und der Verwirrung bleiben wird.
Seine Fähigkeit mit minimalem Licht und maximaler Materialität eine solche Wirkung zu erzielen macht ihn zu einem Unikat der zeitgenössischen Ästhetik. Wer einmal durch einen seiner staubigen Korridore gelaufen ist wird die Welt fortan mit anderen Augen sehen da er die Schönheit im Verfall und die Poesie im Verlust erkannt hat. Mike Nelson bleibt der stille Beobachter der Ruinen der Moderne der uns zeigt dass jedes Kunststoffstück und jeder Tierschädel eine Geschichte zu erzählen hat wenn man nur bereit ist ihm in die Dunkelheit zu folgen.
Mehr Informationen unter: https://www.303gallery.com/public-exhibitions/mike-nelson4/press-release
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die den Raum selbst zum Thema machen — von Cave bis Dark Ages.
