Gavin Turk ist ein Provokateur der ersten Stunde und ein Meister darin die Erwartungen des Kunstbetriebs ad absurdum zu führen. Er ist Bildhauer und Fotograf sowie ein scharfsinniger Analytiker der Mechanismen von Ruhm und Originalität. Wer heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf seinen Werdegang blickt stellt fest dass kaum ein anderer Künstler sein eigenes Scheitern so erfolgreich in einen Triumph verwandelt hat wie er. Sein Name ist untrennbar mit der Bewegung der Young British Artists verbunden jener Gruppe die in den neunziger Jahren die Kunstwelt mit Schocktaktiken und einer neuen Form der Popularität erschütterte. Doch während viele seiner Zeitgenossen auf das Spektakel des Physischen setzten konzentrierte sich Turk auf das Konzept und die Frage nach der Authentizität. Seine Arbeiten sind oft ironische Kommentare zu der Idee des genialen Künstlers und fordern uns heraus die Autorität des Schöpfers zu hinterfragen. Er nutzt Materialien wie Bronze und Wachs um Objekte zu schaffen die unsere Wahrnehmung täuschen und uns dazu zwingen die Natur der Dinge neu zu bewerten. Turk ist ein Sammler von Müll und ein Nachahmer von Ikonen der uns zeigt dass die Wahrheit in der Kunst oft nur eine gut inszenierte Behauptung ist.
Der geniale Fehlstart und die Legende von Cave
Die Geschichte von Gavin Turk beginnt mit einem der berühmtesten Skandale in der Geschichte der britischen Kunstausbildung. Er studierte von neunzehnhundertneunundachtzig bis einundneunzig am Royal College of Art in London nachdem er zuvor die Chelsea School of Art besucht hatte. Als es an die Abschlusspräsentation ging lieferte Turk eine Arbeit ab die seine Tutoren so sehr erzürnte dass sie ihm den postgradualen Abschluss verweigerten. Die Installation trug den Namen Cave und bestand aus absolut nichts anderem als einem leeren weiß getünchten Atelierraum. Das einzige physische Objekt in diesem Raum war eine blaue Gedenktafel an der Wand wie man sie in London an Häusern berühmter verstorbener Persönlichkeiten findet. Auf dieser Plakette stand geschrieben dass Gavin Turk hier von neunzehnhundertneunundachtzig bis einundneunzig gearbeitet hatte. Mit dieser Geste erklärte er sich selbst zu einer historischen Figur bevor er überhaupt seinen Abschluss in der Tasche hatte. Die Universität sah darin eine Unverschämtheit und eine Arbeitsverweigerung doch für die Kunstwelt war es ein Geniestreich. Turk hatte den Mythos des Künstlers auf den Punkt gebracht: Die Anwesenheit des Genies ist wichtiger als das Werk selbst. Dieser Eklat machte ihn über Nacht berühmt und führte dazu dass er von Charles Saatchi entdeckt wurde der ihn sofort in den Kreis der Young British Artists aufnahm.
Die Young British Artists und die Ästhetik des Schocks
Als Mitglied der Young British Artists fand sich Gavin Turk in einer Gesellschaft von Rebellen wieder die bereit waren die Museen zu stürmen. Diese Bewegung war bekannt für ihre Warehouse Shows und ihre Fähigkeit Kunst als Massenphänomen zu inszenieren. Turk passte perfekt in dieses Gefüge da er die Ironie und den Schockwert meisterhaft zu nutzen wusste. Er verstand dass in einer von Medien gesättigten Welt die Berühmtheit selbst eine Form von Material ist mit dem man arbeiten kann. Seine Installationen waren oft karg und forderten das Publikum heraus den Sinn hinter der Leere zu suchen. Während Künstler wie Damien Hirst Haie in Formaldehyd legten und Tracey Emin ihr ungemachtes Bett ausstellte sezierte Turk die Idee der Autorschaft. Er bezog sich dabei direkt auf die Tradition der Readymades von Marcel Duchamp. Wenn ein einfacher Gegenstand durch die Entscheidung des Künstlers zum Kunstwerk wird dann muss konsequenterweise auch der Raum in dem der Künstler arbeitet heilig sein. Turk trieb diese Logik auf die Spitze und bewies dass die Behauptung der Urheberschaft oft stärker ist als das handwerkliche Produkt. In dieser spielerischen Auseinandersetzung mit Autorschaft und Authentizität steht er neben Maurizio Cattelan, dessen an die Wand geklebte Banane Comedian die gleiche Frage stellt: Was macht ein Objekt zum Kunstwerk? Auch Jeff Koons operiert an dieser Grenze, wenn auch mit einer Hochglanzästhetik die Turks konzeptueller Kargheit diametral entgegensteht.
Nomad und die Magie der bemalten Bronze
Trotz seines konzeptionellen Ansatzes ist Gavin Turk ein begnadeter Bildhauer der die klassischen Techniken beherrscht und sie subversiv einsetzt. Eine seiner bekanntesten Skulpturen ist das Werk Nomad. Auf den ersten Blick sieht der Betrachter lediglich einen schmutzigen alten Schlafsack der lieblos in einer Ecke liegt und so wirkt als würde ein Obdachloser darin schlafen. Doch die Realität des Objekts ist eine völlig andere. Es handelt sich um eine massive Bronzeskulptur die mit einer unglaublichen Präzision so bemalt wurde dass sie jedes Detail des Stoffes und der Verschmutzung wiedergibt. Hier zeigt sich Turks Beschäftigung mit der bemalten Bronze einem Material das in der zeitgenössischen Skulptur heute als selbstverständlich gilt aber von ihm maßgeblich mitgeprägt wurde. Nomad ist ein Spiel mit dem Wert und der Wahrnehmung. Wir sehen etwas das wir normalerweise ignorieren würden oder das Abscheu erregt und erfahren dann dass es sich um ein kostbares und schweres Kunstwerk handelt. In dieser Trompe-l’oeil-Strategie der Skulptur berührt sich Turks Arbeit mit Ron Mueck, dessen hyperrealistische Figuren ebenfalls die Grenze zwischen Objekt und Illusion ausloten — wenn auch mit dem menschlichen Körper statt mit Alltagsgegenständen. Turk nutzt den Müll der Straße und erhebt ihn durch die Bronze in den Rang der Unvergänglichkeit. Diese Arbeit stellt grundlegende Fragen zur sozialen Identität und zur Rolle der Kunst in einem kapitalistischen System in dem der Schein oft wichtiger ist als das Sein.
Che Elvis und die Maskerade der Identität
Ein weiteres zentrales Motiv in der Arbeit von Gavin Turk ist die Verwendung seines eigenen Bildes zur Dekonstruktion von Berühmtheit. Er schuf eine Reihe von Siebdrucken die sofort an die ikonischen Poster von Che Guevara erinnern jene Bilder die weltweit als Symbole des Widerstands und der Revolution bekannt sind. Doch bei genauerem Hinsehen erkennt man dass das Gesicht unter der Baskenmütze nicht das des kubanischen Revolutionärs ist sondern das von Gavin Turk selbst. Er schlüpft in die Rollen von Ikonen wie Che oder Elvis Presley und nutzt sein eigenes Abbild anstelle der vertrauten Gesichter. Damit thematisiert er die Natur der Originalität und die Art wie Berühmtheiten in der Kunst konsumiert werden. Die Siebdrucktechnik selbst ist dabei eine direkte Referenz an Andy Warhol, den Meister der seriellen Reproduktion — doch wo Warhol die Ikonen der Populärkultur vervielfältigte, setzt Turk sich selbst an deren Stelle und entlarvt damit die Austauschbarkeit des Helden. Er fragt wer besitzt eigentlich das Bild einer Ikone? Und was passiert wenn der Künstler selbst zum Darsteller wird? Indem er sich selbst in die Pose des Helden wirft macht er die Inszenierung von Identität sichtbar und zeigt dass wir in einer Welt der Kopien leben in der die Authentizität nur noch eine ästhetische Kategorie ist.
Öffentlicher Raum und die Skulptur der zwölf Meter
Gavin Turk hat sich nicht nur in den geschlossenen Räumen der Galerien einen Namen gemacht sondern auch den öffentlichen Raum erobert. Im Mai zweitausendelf wurde eine seiner bedeutendsten Arbeiten enthüllt eine gewaltige zwölf Meter hohe öffentliche Skulptur in London. Der Standort zwischen dem modernen Einkaufszentrum One New Change des Architekten Jean Nouvel und der historischen St Paul’s Cathedral könnte symbolträchtiger nicht sein. Hier trifft die glatte Welt des Konsums auf die sakrale Tradition der Kirche und Turk setzt mit seiner Skulptur einen massiven visuellen Ankerpunkt. Diese Arbeit zeigt seine Fähigkeit seine Themen in einen monumentalen Maßstab zu übersetzen und sich mit der Architektur der Großstadt auseinanderzusetzen. Er bleibt dabei seinem Stil treu und nutzt Formen die vertraut wirken aber durch ihre Größe und Materialität eine neue Bedeutungsebene erhalten. Diese Skulptur ist ein Beweis dafür dass Turk die Sprache der zeitgenössischen britischen Bildhauerei entscheidend mitgeformt hat und dass seine Werke heute zum festen Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses gehören.
Politisches Engagement und die Stimme des Künstlers
Neben seiner künstlerischen Tätigkeit ist Gavin Turk auch als eine Person des öffentlichen Lebens präsent die zu gesellschaftlichen Fragen Stellung bezieht. Im August zweitausendvierzehn gehörte er zu jenen zweihundert Persönlichkeiten die einen Brief an die Zeitung The Guardian unterzeichneten. Darin sprachen sie sich im Vorfeld des Referendums gegen die Unabhängigkeit Schottlands aus. Dieses Engagement zeigt dass Turk seine Rolle als Künstler nicht isoliert von der Welt sieht sondern dass er seine Stimme nutzt um an den politischen Debatten seiner Zeit teilzunehmen — eine Haltung die das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berührt. Er begreift den Künstler als einen Akteur innerhalb der Gesellschaft der Verantwortung trägt und dessen Einfluss über das Atelier hinausgeht. Auch seine Teilnahme an Ausstellungen wie Bricks im Südosten Londons zeigt dass er den Kontakt zur lokalen Kunstszene sucht und sich nicht nur in den elitären Zirkeln der internationalen Kunstwelt bewegt. Turk ist ein Künstler der die Reibung mit der Realität braucht um seine philosophischen Fragen zur Identität und zur Originalität immer wieder neu zu formulieren.
Monografien und die Dokumentation einer Karriere
Das umfangreiche Werk von Gavin Turk wurde mittlerweile in mehreren Publikationen dokumentiert die seinen Einfluss auf die Kunstgeschichte würdigen. Im Jahr zweitausenddreizehn veröffentlichte der Prestel Verlag seine erste große Monografie die mehr als zwei Jahrzehnte seines Schaffens präsentiert. Ein Jahr später folgte bei Trolley Books das Werk mit dem spielerischen Titel This Is Not A Book About Gavin Turk. In diesem Buch setzen sich über dreißig Mitwirkende mit den Themen auseinander die mit der Arbeit des Künstlers verbunden sind ohne dabei eine klassische Biografie zu liefern. Diese Form der Publikation passt perfekt zu einem Künstler der die Autorschaft und das Wesen des Buches selbst in Frage stellt. Turks Arbeiten werden heute von vielen großen Museen auf der ganzen Welt gesammelt von den Niederlanden bis nach Berlin und Paris. Er hat bewiesen dass ein weißer Raum und eine blaue Plakette der Beginn einer Weltkarriere sein können wenn man bereit ist die Regeln des Spiels von Anfang an selbst zu schreiben.
Gavin Turk bleibt eine zentrale Instanz für alle die sich mit der Frage beschäftigen was Kunst heute eigentlich ist. Er erinnert uns daran dass die Originalität oft nur eine geschickte Rekombination des Vorhandenen ist und dass der Künstler selbst das wichtigste Readymade seiner eigenen Karriere darstellt. Seine Skulpturen aus Bronze und Wachs sowie seine Fotografien und Siebdrucke laden uns ein hinter die Kulissen der Kunstwelt zu blicken und die Mythen zu entlarven die wir so gerne glauben. Er ist der Mann der keinen Abschluss brauchte um die Geschichte der Kunst neu zu definieren und dessen bemalte Bronzen uns immer wieder aufs Neue über die Natur der Wirklichkeit täuschen.
Mehr Informationen unter: http://gavinturk.com
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Frage nach Originalität und Identität stellen — von Helden der Popkultur bis Auf Teufel komm raus.
