Wer heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig die großen Museen der Welt betritt begegnet unweigerlich einem Phänomen das die Grenzen zwischen Kunst und Popkultur sowie Psychologie und Kommerz vollkommen aufgelöst hat. Die Rede ist von Yayoi Kusama der Hohepriesterin der Polka Dots und der unendlichen Netze. Ihr Werk das gleichermaßen provokativ wie meditativ wirkt ist das Ergebnis einer lebenslangen Auseinandersetzung mit den eigenen Dämonen und einer unbändigen Schöpferkraft die keine Grenzen kennt. Kusama ist weit mehr als eine Malerin oder Bildhauerin; sie ist eine Performerin und Filmemacherin die ihre gesamte Existenz in ein Gesamtkunstwerk verwandelt hat. Ihre Motive die sich in obsessiver Weise wiederholen rufen Themen wie Feminismus und Besessenheit sowie Sexualität und die ständige Spannung zwischen Schöpfung und Zerstörung hervor. Für Kusama ist die Kunst kein reiner Selbstzweck sondern ein Überlebensmechanismus eine Form der Selbsttherapie die es ihr erlaubt die Halluzinationen ihrer Kindheit in eine Form zu gießen die für andere greifbar wird. Sie lädt uns ein uns in ihren Spiegelräumen zu verlieren und die Erfahrung der Selbstauslöschung zu machen bei der das Individuum eins wird mit dem unendlichen Universum der Punkte.
Die Wurzeln des Wahnsinns und der Geist des Widerstands
Die Geschichte von Yayoi Kusama beginnt im Jahr neunzehnhundertneunundzwanzig in Matsumoto in Japan. Sie wuchs als jüngstes von vier Kindern in einer wohlhabenden aber extrem konservativen Familie auf. Das häusliche Klima war geprägt von der Untreue ihres Vaters und der emotionalen sowie physischen Härte ihrer Mutter. Diese erstickende Umgebung und die traumatischen Erlebnisse führten dazu dass Kusama bereits in jungen Jahren erste Halluzinationen erlebte. Sie sah Punkte und Netze die begannen die Realität um sie herum zu überlagern und sie mit einer Angst vor der Auflösung erfüllten. Als sie dreizehn Jahre alt war wurde sie im Zuge des Zweiten Weltkriegs in eine Militärfabrik geschickt um Fallschirme zu nähen. Diese Zeit der monotonen Arbeit unter extremen Bedingungen war prägend. Das Nähen der Fallschirme verlieh ihr jedoch auch eine praktische handwerkliche Fertigkeit die sie Jahre später für ihre berühmten weichen Skulpturen nutzen sollte. Die junge Künstlerin spürte jedoch dass sie in der engen japanischen Gesellschaft keine Zukunft hatte und so fasste sie den mutigen Entschluss ihr Glück in der Ferne zu suchen. Neunzehnhundertsiebenundfünfzig zog sie in die Vereinigten Staaten und ließ sich ein Jahr später in der Metropole New York nieder wo ihre eigentliche Karriere ihren rasanten Anfang nehmen sollte.
Die New Yorker Avantgarde und der Rausch der Unendlichkeit
In New York angekommen etablierte sich Kusama schnell als eine der radikalsten und produktivsten Stimmen der Avantgarde. In den sechziger Jahren arbeitete sie oft bis zu fünfzig Stunden ohne Pause an ihren Werken getrieben von einer inneren Besessenheit die sie kaum zur Ruhe kommen ließ. In dieser Zeit entstanden ihre ikonischen Infinity Nets riesige Gemälde die aus Millionen winziger sich wiederholender Pinselstriche bestehen. Diese Bilder waren eine visuelle Darstellung ihres Wunsches nach Unendlichkeit und gleichzeitig ein Versuch ihre eigenen Visionen zu bändigen. Sie stellte ihre Arbeiten neben Größen wie Andy Warhol und Claes Oldenburg aus und war an vorderster Front dabei als der Pop Art und der Minimalismus die Kunstwelt eroberten. Doch Kusama ging noch weiter; sie organisierte provokative Happenings und Performances bei denen sie nackte Menschen mit bunten Punkten bemalte um gegen den Vietnamkrieg oder die Verkrustungen der Gesellschaft zu protestieren. Ihr Schaffen umfasste auch die Mode und das Schreiben sowie spektakuläre Installationen. In dieser Verbindung von Kunst, Protest und Performativität stand sie neben Marina Abramović, die den Körper ebenfalls als Medium des Widerstands einsetzte, und neben Allan Kaprow, dem Erfinder des Happenings. Trotz ihres Ruhms kämpfte sie ständig mit finanzieller Unsicherheit und rassistischen sowie sexistischen Vorurteilen. Der Tod ihres engen Gefährten Joseph Cornell im Jahr neunzehnhundertzweiundsiebzig sowie ihre eigene psychische Erschöpfung führten schließlich dazu dass sie die USA verließ und nach Japan zurückkehrte.
Der Rückzug in die Stille und die Rückkehr als Weltstar
Anfang der siebziger Jahre kehrte Kusama in ein Japan zurück das für ihre radikale Kunst noch kaum bereit war. Ihre geistige Gesundheit verschlechterte sich und sie traf die Entscheidung sich in eine Nervenheilanstalt in Tokio zu begeben wo sie bis heute lebt und arbeitet. In dieser Phase geriet sie im Westen fast vollständig in Vergessenheit. Doch Kusama gab niemals auf; sie begann surreale Kurzgeschichten und Gedichte zu schreiben und arbeitete in ihrem Atelier in der Klinik unermüdlich an neuen Skulpturen und Gemälden. Die eigentliche Renaissance ihrer Karriere ereignete sich im Jahr neunzehnhundertdreiundneunzig als sie Japan auf der fünfundvierzigsten Biennale in Venedig vertrat. Ihr Auftritt dort war ein triumphaler Erfolg und rückte sie schlagartig wieder in das Bewusstsein der internationalen Kunstwelt. Von diesem Moment an kannte ihr Erfolg keine Grenzen mehr. Sie kehrte zu ihren früheren Themen zurück und entwickelte ihre berühmten Infinity Mirror Rooms weiter Räume voller Spiegel die das Licht und die Farben in das Unendliche multiplizieren. In ihrer Fähigkeit immersive Räume zu schaffen die den Betrachter vollständig umschließen steht sie neben Olafur Eliasson, dessen Weather Project in der Tate Modern eine vergleichbare Wirkung erzeugte, und James Turrell, dessen Lichträume ebenfalls die Wahrnehmung des Betrachters auflösen. Diese Installationen wurden zu einem globalen Phänomen und machten sie zur meistverkauften lebenden Künstlerin. Im Jahr zweitausendacht brach eines ihrer Werke aus der Serie der Infinity Nets alle Rekordpreise bei Auktionen und besiegelte ihren Status als Ikone der Moderne.
Kooperationen mit dem Luxus und der Einfluss auf die Nachwelt
Der Einfluss von Yayoi Kusama reicht weit über die Mauern der Galerien hinaus. Ihre Ästhetik hat die Welt der Mode und des Designs nachhaltig verändert. Besonders bemerkenswert sind ihre Kooperationen mit Luxushäusern wie Louis Vuitton oder Designern wie Marc Jacobs. Die charakteristischen Punkte schmückten Handtaschen und Kleider sowie ganze Schaufensterfronten in den Metropolen dieser Welt. Doch wichtiger als dieser kommerzielle Erfolg ist ihr immenser Einfluss auf nachfolgende Generationen von Künstlern. Popkünstler wie Andy Warhol ließen sich von ihrem Sinn für Wiederholung inspirieren und feministische Künstlerinnen wie Carolee Schneemann sahen in ihr eine Wegbereiterin für die körperbetonte Performancekunst. Auch moderne Größen wie Damien Hirst mit seinen Spot Paintings oder Takashi Murakami, der die Grenze zwischen Hochkunst und kommerziellem Design auf ähnliche Weise aufhebt, stehen in ihrer Schuld. Kusamas Stärke liegt darin dass sie ihrer Zeit immer einen Schritt voraus war und Bewegungen wie den Minimalismus oder die Konzeptkunst vorwegnahm bevor diese überhaupt einen Namen hatten. Und doch passt sie in keine dieser Schubladen wirklich hinein da ihre Kunst ein zutiefst persönliches Symptom und gleichzeitig das Heilmittel für ihre eigene Seele ist. Auf den großen Kunstmessen der Welt — von der Art Basel bis zur Frieze — sind ihre Werke heute Fixpunkte, die Sammler und Publikum gleichermaßen anziehen.
Die einsame Wölfin der Kunstgeschichte
Bis heute präsentiert sich Yayoi Kusama als eine unabhängige Avantgardistin die sich in der Rolle der einsamen Wölfin am wohlsten fühlt. Ihre Arbeit ist eine fortwährende Meditation über das Dasein und die Vergänglichkeit sowie die Sehnsucht nach Auflösung. In einer Welt die immer lauter und hektischer wird bieten ihre Punkte einen Ort der Konzentration und der inneren Einkehr. Sie hat uns gezeigt dass man die eigene Zerbrechlichkeit in eine monumentale Stärke verwandeln kann wenn man den Mut hat tief in die Abgründe der eigenen Psyche zu blicken — ein Thema das auch Louise Bourgeois ein Leben lang verfolgte, die ihre Kindheitstraumata ebenfalls in monumentale Skulpturen verwandelte. Kusama ist ein lebender Beweis für die heilende Kraft der Kreativität und die Unsterblichkeit einer Vision die in einem kleinen Dorf in Japan begann und schließlich die gesamte Welt eroberte. Ihre Spiegelräume sind Portale in eine Dimension in der die Zeit stillsteht und in der wir alle nur kleine Punkte in einem unendlichen Ozean aus Licht und Farbe sind. Sie bleibt die unbestrittene Königin der Wiederholung deren Werk auch in kommenden Jahrzehnten nichts von seiner faszinierenden Wirkung verlieren wird.
Mehr Informationen unter: http://www.artnet.com/artists/yayoi-kusama/biography
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die zwischen Obsession und Transzendenz oszillieren — von Helden der Popkultur bis Light with no Sound.
