Manche Namen leuchten so hell dass sie die Zeit selbst zu überdauern scheinen und die Grenzen zwischen der reinen Kunst und dem alltäglichen Leben vollkommen auflösen. Andy Warhol der mit bürgerlichem Namen Andrej Warhola hieß ist eine solche Figur die wie keine andere die Ästhetik des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt hat. Er war nicht bloß ein Maler oder ein Grafiker sondern ein Seismograf für die Sehnsüchte und die Oberflächlichkeiten einer Gesellschaft die sich im Rausch des Konsums und der medialen Selbstdarstellung neu erfand. Geboren am sechsten August im Jahr neunzehnhundertachtundzwanzig in der Industriestadt Pittsburgh im Bundesstaat Pennsylvania trug er die Erfahrungen einer harten Kindheit und den Geist der Einwanderung in sich. Warhol begriff früher als viele andere dass in einer Welt der Massenproduktion das Bild selbst zur Ware wird und dass die Kunst sich dieser Realität nicht entziehen kann sondern sie umarmen muss.
Die schillernde Maschine aus Pittsburgh
Der Weg von Andy Warhol begann in den rauchigen Straßen einer Stadt die vom Stahl und von der harten Arbeit geprägt war. Während seiner Kindheit war er oft kränklich und verbrachte viel Zeit im Bett was ihm die Möglichkeit gab sich intensiv mit Zeichnungen und der Welt des Kinos zu beschäftigen. Nach seinem Schulabschluss entschied er sich für ein Studium am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh wo er von neunzehnhundertfünfundvierzig bis neunzehnhundertneunundvierzig Malerei und Design studierte.
Der Aufstieg in der Stadt der Träume
Nach dem Ende seines Studiums zog es Andy Warhol nach New York City. In Manhattan angekommen musste er sich zunächst mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. In den fünfziger Jahren entwickelte sich seine Karriere im kommerziellen Bereich rasant. Er entwickelte eine besondere Technik bei der er mit Tusche und Tinte arbeitete und seine Malerei mit Löschpapier auf neue Blätter übertrug. Diese Methode der einfachen Vervielfältigung war eine frühe Form des Siebdrucks. Warhol war am Ende der fünfziger Jahre einer der bestbezahlten Grafikdesigner in Manhattan doch der Erfolg in der Werbebranche war ihm nicht genug.
Die Ästhetik der Wiederholung und das Antlitz der Ikonen
Der eigentliche Durchbruch als Künstler gelang Andy Warhol als er begann die Symbole des täglichen Lebens und die Gesichter der Berühmtheiten in seine Werke zu integrieren. Er blieb der Technik des Siebdrucks treu da sie ihm erlaubte Motive in Serie zu produzieren. Sein wohl bekanntestes Werk ist das Porträt von Marilyn Monroe. Über viele Jahre hinweg verarbeitete er dieses Motiv in einer schier endlosen Vielzahl von Varianten wobei er mit grellen Farben und bewussten Fehlern im Druckprozess spielte. Damit thematisierte er nicht nur die Schönheit der Schauspielerin sondern auch ihre Transformation in ein unsterbliches Produkt der Medienindustrie. In dieser Überführung des Alltagsobjekts und des Medienbildes in den Rang der Kunst ebnete Warhol den Weg für Jeff Koons, der seine Staubsauger und Ballonhunde mit derselben Strategie der Veredelung des Banalen in die Galerien der Welt brachte, und für Takashi Murakami, der die japanische Otaku-Kultur mit Warhols Factory-Prinzip verband.
Die Factory als Epizentrum der New Yorker Avantgarde
In den frühen sechziger Jahren schuf Andy Warhol einen Ort der weit mehr als nur ein Atelier war. Die Factory war ein riesiges Filmstudio und eine Begegnungsstätte mitten in Manhattan die zum Anziehungspunkt für die gesamte New Yorker Künstlerszene wurde. In der Factory wurde die Kunst zur sozialen Praxis und das Leben selbst zum Material für die Kameras die dort unermüdlich liefen. In dieser Verschmelzung von Kunstproduktion und sozialem Leben als untrennbarer Einheit steht Warhols Factory neben den Koch-Performances von Rirkrit Tiravanija, der diese Idee der Kunst als gemeinschaftlicher Praxis in den 1990er Jahren weiterführte — wenn auch mit der bescheidenen Geste des gemeinsamen Essens statt des glamourösen Spektakels der Factory.
Der stumme Blick der Kamera und die Entdeckung der Langsamkeit
Neben seiner Arbeit als Maler widmete sich Andy Warhol mit großer Leidenschaft dem Film. Seine Filme waren oft geprägt von einer unbewegten Kamera die stundenlang auf ein einziges Motiv gerichtet blieb. In Werken wie Empire oder Sleep forderte er die Geduld des Zuschauers heraus indem er die Zeit selbst zum eigentlichen Thema machte. In dieser radikalen Zeitdehnung und der Verweigerung jeder Dramaturgie steht Warhol neben Bill Viola, der die Technik der extremen Zeitlupe zum Kern seiner spirituellen Videokunst machte, und neben Christian Marclay, dessen The Clock ebenfalls die Zeit als Material der Kunst begreift. Für Warhol war der Film eine Erweiterung seiner Siebdrucke eine Möglichkeit die Realität in ihrer monotonen Schönheit festzuhalten.
Die Philosophie der Oberfläche und der demokratische Geist
Man kann Andy Warhol nur verstehen wenn man seine Philosophie der Oberfläche begreift. Er demokratisierte die Ästhetik indem er die Suppendose ebenso wichtig nahm wie das Porträt einer Königin. In seiner Welt war alles gleichermaßen wertvoll und gleichermaßen flüchtig. Diese radikale Gleichheit der Motive war ein Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft — eine Verbindung von Kunst und Gesellschaft die sein gesamtes Denken durchzieht. In dieser Strategie der Aneignung und der ironischen Verfremdung von Massenbildern steht Warhol neben Barbara Kruger, die ebenfalls die visuelle Sprache der Konsumkultur gegen sich selbst wendet — wenn auch mit der politischen Schärfe des feministischen Slogans wo Warhol die kühle Neutralität der Wiederholung bevorzugte.
Der Einfluss auf die nachfolgenden Generationen
Der Einfluss von Andy Warhol reicht weit über die Grenzen der bildenden Kunst hinaus. Er hat den Weg geebnet für eine Welt in der die Grenzen zwischen Kommerz und Kultur vollkommen fließend sind. Heutige Phänomene wie die sozialen Medien und die ständige Selbstinszenierung lassen sich als eine konsequente Weiterführung seiner Ideen begreifen. In der Provokation des guten Geschmacks durch die Veredelung des Kitschs wirkt sein Erbe in Martin Kippenberger weiter, der die Factory-Ästhetik mit dem deutschen Neo-Dadaismus verband, und in Paul McCarthy, der Warhols Obsession mit der amerikanischen Konsumkultur ins Groteske und Verstörende steigerte. Viele zeitgenössische Künstler beziehen sich direkt oder indirekt auf seine Methoden der Vervielfältigung und der Aneignung von Massenbildern.
Andy Warhol bleibt eine rätselhafte und zugleich faszinierende Figur deren Bedeutung mit der Zeit eher noch zuzunehmen scheint. Er hat die Welt in leuchtende Farben getaucht und uns gezeigt dass wir alle Teil einer großen Show sind. Sein Leben war ein Kunstwerk voller Widersprüche das uns auch in Zukunft dazu bringen wird über das Wesen der Schönheit und die Macht der Medien nachzudenken. Er hat das zwanzigste Jahrhundert wie kein anderer visuell definiert und uns eine Sprache hinterlassen die wir auch heute noch fließend sprechen.
Mehr Informationen unter: https://www.dw.com/de/wie-andy-warhol-die-kunst-mit-pop-art-revolutionierte/
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler und ihre Vorläufer vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der Galerien in Berlin, unsere Porträts der wichtigsten Kuratoren und unsere eigenen Ausstellungen.
