Die Seismografie des Unbehagens: Die Berlin Biennale als Herzschlag einer zerrissenen Stadt

Man betritt diese Stadt und spürt sofort dass Berlin kein Ort der fertigen Fassaden ist sondern ein Palimpsest dessen Schichten ständig neu beschrieben und wieder abgekratzt werden. In diesem urbanen Dickicht hat sich seit dem Jahr 1998 ein Ereignis etabliert das den Puls der Gegenwart mit einer fast schon schmerzhaften Präzision misst. Die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst ist kein klassisches Ausstellungsformat das sich in die museale Geborgenheit zurückzieht; sie ist vielmehr eine temporäre Erschütterung die durch die Kieze und die Industrieruinen sowie durch die Hinterhöfe und die gläsernen Paläste der Macht vibriert. Es ist ein Laboratorium des Sehens das im Jahr 1998 von Klaus Biesenbach und Hans Ulrich Obrist sowie Nancy Spector ins Leben gerufen wurde um der Kunst einen Raum zu geben der so nervös und unfertig ist wie Berlin selbst.

Die Geburt einer Unruhe in den Trümmern der Geschichte

Die Anfänge der Berlin Biennale liegen in einer Zeit des radikalen Umbruchs als die Stadt nach dem Fall der Mauer noch nach ihrer neuen Identität suchte. Man wollte ein Format das sich deutlich von der behäbigen Tradition der Documenta oder der glanzvollen Inszenierung der Biennale von Venedig abhebt. Man wollte eine Biennale die nicht nur Kunst zeigt sondern die Stadt als einen aktiven Mitspieler begreift. Die Kuratoren bringen ihre eigenen Obsessionen mit nach Berlin um die Stadt für einige Monate in einen Resonanzraum für die brennenden Fragen der Epoche zu verwandeln.

Berlin als Bühne und als offene Wunde

Was die Berlin Biennale so einzigartig macht ist ihre Fähigkeit Orte zu besetzen die eine eigene Geschichte atmen. Man wandert nicht durch sterile Korridore sondern man steigt hinab in ehemalige Luftschutzbunker oder betritt leerstehende Plattenbauten und wandelt durch die Räume des KW Institute for Contemporary Art in der Auguststraße. Diese Orte sind keine neutralen Behälter; sie sind Komplizen der Kunst. In dieser Nutzung des städtischen Raums als eigentliches Material der Ausstellung berührt sich die Berlin Biennale mit dem Konzept der Kunst im öffentlichen Raum — von Beuys‘ 7000 Eichen in Kassel bis zu Gregor Schneiders labyrinthischen Rauminstallationen wird die Architektur selbst zum Träger der künstlerischen Aussage.

Eine Chronik der Gegenwart in wechselnden Gesichtern

Wenn man die Geschichte der Biennale seit dem Jahr 1998 Revue passieren lässt dann erkennt man eine Chronik der globalen Krisen und Sehnsüchte. Die dritte Ausgabe im Jahr 2004 unter der Leitung von Ute Meta Bauer setzte sich unter dem Titel Komplex Berlin intensiv mit der Geschichte der Hauptstadt auseinander. Die zehnte Ausgabe im Jahr 2018 unter Gabi Ngcobo mit dem Titel We don’t need another hero dekonstruierte die heroischen Narrative der westlichen Kunstwelt und schuf Platz für Stimmen des Globalen Südens. Von der Euphorie der Nachwendezeit bis hin zur kritischen Auseinandersetzung mit der digitalen Transformation und der Klimakatastrophe spiegelt die Biennale die intellektuelle Temperatur unserer Gesellschaft wider — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren.

Das Prekäre als Ästhetik des notwendigen Widerstands

Oft wird der Vorwurf laut dass zeitgenössische Kunst sich in einem elitären Elfenbeinturm isoliert. Die Berlin Biennale tritt an um diesen Vorwurf zu entkräften indem sie sich den sozialen Kämpfen stellt. Man begegnet Videos die von den Verwerfungen der globalen Migration erzählen oder Skulpturen die aus den Abfällen der Konsumgesellschaft geformt wurden. Diese Kunst ist nicht dazu da um zu gefallen sondern um zu stören. In dieser Ästhetik des Widerstands steht die Berlin Biennale neben Künstlern wie Santiago Sierra, dessen Performances die Strukturen der Ausbeutung sichtbar machen, und Doris Salcedo, deren politische Interventionen ebenfalls die Bequemlichkeit der Wahrnehmung aufbrechen.

Ein Ausblick auf die Zukunft der urbanen Intervention

Solange Berlin diese Stadt der Brüche und der Sehnsüchte bleibt wird die Biennale ihr notwendiges Korrektiv sein. Sie wird weiterhin die Orte suchen die weh tun und sie wird uns weiterhin die Künstler vorstellen die die Welt mit anderen Augen sehen. Die Berlin Biennale ist ein Geschenk an die Stadt und an alle die daran glauben dass die Freiheit des Geistes der höchste Wert unserer Zivilisation ist.

Mehr unter: https://www.berlinbiennale.de

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler und Ausstellungen unserer Zeit vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der Galerien in Berlin, die Porträts der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler und unsere eigenen Ausstellungen.