Die lautlose Vermessung der Ewigkeit im Werk von On Kawara

Es gibt Künstler die den Lärm der Welt suchen um gehört zu werden und es gibt jene die in der absoluten Stille eine Resonanz erzeugen welche über Jahrtausende hinweg nachhallt. Zu dieser seltenen Spezies der leisen Giganten gehört On Kawara der im Jahr neunzehnhundertzweiunddreißig in Japan geboren wurde und dessen Name heute untrennbar mit der Entstehung der Konzeptkunst verbunden ist. In einer Ära in der die Malerei oft als Fenster zu emotionalen Abgründen oder politischen Manifesten diente wählte Kawara einen radikal anderen Pfad und konzentrierte sich auf das einzige was für jeden Menschen absolut und unumstößlich ist nämlich die Zeit. Sein Schaffen ist eine tiefgreifende Meditation über die Endlichkeit und die schiere Ausdehnung der Existenz im Vergleich zur Unermesslichkeit des Kosmos. On Kawara hat die Kunst geheilt indem er ihr die Last der Selbstdarstellung nahm und sie stattdessen zum reinen Zeugnis der Anwesenheit im Hier und Jetzt machte.

Die Today Serie und das Datum als heiliges Ritual

Wer an On Kawara denkt kommt an seinem monumentalen Lebenswerk der Today-Serie nicht vorbei welche im Jahr neunzehnhundertsechsundsechzig ihren Anfang nahm. In diesem Projekt das ihn bis kurz vor seinem Tod im Jahr zweitausendvierzehn in New York begleitete fertigte er Tausende von sogenannten Date Paintings an. Das Prinzip war von einer bestechenden Klarheit: Er malte das aktuelle Datum des Tages in weißer serifenloser Schrift auf einen einfarbigen Hintergrund. Doch hinter dieser scheinbar einfachen Übung verbarg sich ein strenges Regelwerk das an die Disziplin eines mönchischen Gebets erinnerte. Jedes Bild musste am selben Tag begonnen und vor Mitternacht vollendet werden. Gelang ihm dies nicht zerstörte er das angefangene Werk konsequent. Die Date Paintings sind somit keine bloßen Kalenderblätter sondern physische Manifestationen von Lebenszeit. In dieser Verwandlung der Zeit selbst zum Material der Kunst steht Kawara neben Christian Marclay, dessen The Clock ebenfalls die Zeit zum eigentlichen Gegenstand des Werks erhebt — wenn auch mit der Methode der filmischen Montage wo Kawara die Methode der malerischen Reduktion bevorzugte.

Reisen und die universelle Sprache der Zeitlichkeit

Die Mobilität wurde zu einem wesentlichen Bestandteil seiner künstlerischen Identität. Je nachdem an welchem Ort der Welt er sich gerade aufhielt passte er das Format des Datums an die jeweilige Landessprache und die lokalen Konventionen an. Ein Bild das in New York entstand sah daher anders aus als eines das in Tokio oder Berlin gefertigt wurde. Damit schuf er eine Verbindung zwischen der universellen Dimension der Zeit und der spezifischen Verortung des Individuums im Raum. Kawara bewies dass die Zeit die einzige Sprache ist die weltweit ohne Übersetzung verstanden wird.

One Million Years und die Perspektive der Menschheitsgeschichte

In den siebziger Jahren begann On Kawara mit der Arbeit an One Million Years das den Betrachter mit der Schwindel erregenden Skala der Zeit konfrontiert. In mehreren Bänden listet er nacheinander jedes einzelne Jahr einer Million Jahre auf unterteilt in die Vergangenheit und die Zukunft. Er rechnete vor dass wenn ein Blatt Papier für fünfhundert Jahre steht man für diese Arbeit zweitausend Blätter benötigt wobei die gesamte Geschichte der Menschheit sich lediglich auf den letzten zehn Seiten findet. Diese kühle mathematische Beobachtung offenbart die ganze Tragik und Schönheit unserer Existenz — eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft die an die kosmologische Demut erinnert die auch die Lichtinstallationen von James Turrell im Roden Crater anstreben. One Million Years ist kein Buch zum Lesen im herkömmlichen Sinne sondern ein Objekt zum Begreifen der eigenen Bedeutungslosigkeit und zugleich der Einzigartigkeit des Augenblicks.

Die Postkarten der Serie I Got Up und die Poesie des Erwachens

Zwischen neunzehnhundertachtundsechzig und neunzehnhundertneunundsiebzig entwickelte On Kawara die Reihe I Got Up bei der er täglich zwei Postkarten an Freunde oder Kollegen verschickte. Auf jeder Karte stempelte er den genauen Zeitpunkt seines Aufstehens und die Adresse seines aktuellen Aufenthaltsortes. Diese schlichte Information war ein Lebenszeichen und ein Beweis für seine fortwährende Präsenz in der Welt. In dieser Verwandlung einer minimalen persönlichen Geste in ein Kunstwerk der Verbundenheit steht Kawara neben Félix González-Torres, dessen Bonbon-Haufen und Lichterketten ebenfalls die Grenze zwischen privater Intimität und öffentlichem Raum aufheben — wenn auch mit der Poetik des Verschenkens wo Kawara die Poetik des Dokumentierens bevorzugte. I Got Up ist eine Feier des Neubeginns an jedem Morgen.

Internationale Anerkennung und die Präsenz in Kassel

On Kawara nahm während seiner großen Schaffenszeiten an zahlreichen Biennalen teil. Besonders hervorzuheben ist seine mehrfache Teilnahme an der Documenta in Kassel in den Jahren neunzehnhundertsiebenundsiebzig sowie neunzehnhundertzweiundachtzig und zweitausendzwei. In Kassel fanden seine kühlen und präzisen Arbeiten einen idealen Raum für den intellektuellen Diskurs. Kawara bewies dass Konzeptkunst nicht trocken oder abweisend sein muss sondern eine tiefe menschliche Wahrheit transportieren kann. Er war ein Künstler der keine Interviews gab und keine Fotos von sich erlaubte da er wollte dass allein seine Arbeit und die darin enthaltene Zeit für ihn sprechen.

Rituale in schwierigen Zeiten

In den letzten Jahren wirkt die Today-Serie von On Kawara aktueller denn je. Das tägliche Malen des Datums erscheint heute wie eine meditative Übung zur Bewältigung von Chaos und Angst. Es ist ein Akt der Selbstvergewisserung der uns sagt dass wir heute noch hier sind und dass dieser Tag zählt — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren. In einer Welt die oft außer Kontrolle zu geraten scheint bietet das Werk von Kawara eine Struktur der Beständigkeit an. Die Today-Serie erinnert uns daran dass jeder Tag ein Unikat ist das wir mit Bewusstsein füllen müssen bevor es für immer in der Geschichte verschwindet.

On Kawara hat uns ein Archiv der Existenz hinterlassen das uns auffordert die eigene Gegenwart ernst zu nehmen. Seine Bilder sind keine Dekorationen für Wände sondern Wegmarken für die Seele. Er hat die Kunst aus dem Gefängnis der Eitelkeit befreit und sie zu einem universellen Dienst an der Menschheit gemacht. Wer vor einem seiner Date Paintings steht sieht nicht nur ein Datum sondern den Herzschlag eines Künstlers der bereit war sein ganzes Leben in den Dienst der Zeit zu stellen. On Kawara ist der Architekt der Sekunden dessen Bauwerke aus Licht und Schatten für immer in unserem Gedächtnis bleiben werden.

Mehr Informationen unter: https://www.kunstaspekte.de/person/on-kawara

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler und ihre Vorläufer vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der Galerien in Berlin, unsere Porträts der wichtigsten Kuratoren und unsere eigenen Ausstellungen.