In den schattigen Winkeln der Pariser Kunstwelt erhob sich Mitte der sechziger Jahre eine Stimme die das Schweigen der Geschichte in eine tiefgreifende visuelle Erfahrung verwandelte. Christian Boltanski der im Jahr neunzehnhundertvierundvierzig in eine von den Wirren des Krieges gezeichnete Stadt hineingeboren wurde verstand es wie kaum ein anderer die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz zum Thema seiner monumentalen Installationen zu machen. Sein Schaffen ist untrennbar mit den kollektiven Traumata des Zwanzigsten Jahrhunderts verbunden insbesondere mit den Echos des Holocaust und der Suche nach der eigenen Identität in einer Welt voller Verluste. Er war kein Maler im klassischen Sinne sondern ein Archäologe der Erinnerung der mit den banalsten Dingen des Lebens hantierte um die großen Fragen von Leben und Tod zu stellen. Seine Kunst ist ein permanentes Archiv des Flüchtigen bei dem jeder abgelegte Mantel und jedes unscharfe Foto zu einem Mahnmal gegen das Vergessen wird.
Die Rekonstruktion der Kindheit und die Magie der Vitrinen
Im Jahr neunzehnhundertsiebenundsechzig begann Boltanski damit einfache Vitrinen mit Objekten zu bestücken die auf den ersten Blick vollkommen wertlos erschienen. Er sammelte kleine Spielzeuge und Stofffetzen sowie Alltagsgegenstände um damit eine typisch bürgerliche Kindheit nachzustellen. Diese Kästen wirkten wie Reliquienschreine des profanen Lebens in denen die Zeit stillzustehen schien. Boltanski erkannte dass das Ding an sich eine Geschichte erzählen kann die über seine rein materielle Beschaffenheit hinausreicht. In dieser Verwandlung wertloser Alltagsobjekte in Träger der Erinnerung steht Boltanski neben Cornelia Parker, deren An Exploded View ebenfalls die Fragmente des Alltags zu poetischen Monumenten der Abwesenheit erhebt — wenn auch mit der Dynamik der Explosion wo Boltanski die Stille des Vitrinen-Schreins bevorzugt.
Die Materialität des Absenten und die Macht der Fotografie
Im Zentrum seiner Installationen standen oft Fotografien die er aus anonymen Quellen bezog. Boltanski vergrößerte diese Bilder oft bis zur Unkenntlichkeit und beleuchtete sie mit einfachen Glühbirnen die an religiöse Altäre erinnerten. Die Gesichter auf den Fotos blieben namenlos und wurden zu Stellvertretern für alle Menschen die jemals gelebt haben und wieder verschwunden sind. Boltanski nutzte zudem riesige Berge von Altkleidern um die physische Abwesenheit des Menschen spürbar zu machen. In dieser Methode die Abwesenheit des Menschen durch seine zurückgelassenen Objekte spürbar zu machen steht Boltanski neben Doris Salcedo, deren mit Zement gefüllte Möbel ebenfalls die Leerstelle des verschwundenen Menschen zum eigentlichen Gegenstand der Kunst erheben, und neben Félix González-Torres, dessen schwindende Bonbon-Haufen ebenfalls das langsame Verschwinden eines geliebten Menschen in eine materielle Form übersetzen. In seinen Installationen wie etwa bei der monumentalen Präsentation im Grand Palais in Paris schuf er Landschaften aus Kleidung die wie Massengräber wirkten — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren.
Die Erfindung der Wahrheit und die universelle Kindheit
Christian Boltanski war ein Meister der narrativen Täuschung. Er gab offen zu dass er so oft die Unwahrheit über seine Kindheit gesagt habe dass er selbst keine reale Erinnerung mehr an diese Zeit besitze. Für ihn wurde seine Kindheit zu einer universellen Kindheit die jeder Mensch nachempfinden konnte. In dieser Methode der fiktionalisierten Dokumentation — der bewussten Vermischung von Fakt und Erfindung im Dienst einer größeren Wahrheit — berührt sich Boltanskis Arbeit mit der von Walid Raad, dessen fiktive Archive der Atlas Group ebenfalls die Grenze zwischen historischer Dokumentation und poetischer Erzählung aufheben. Er sah sich als ein Schöpfer von Mythen der die Lücken in den Lebensläufen mit Fantasie füllte um dem Verschwinden entgegenzuwirken.
Schattenspiele und die Architektur des Gedenkens
Das Spätwerk von Christian Boltanski ist geprägt von einer tiefen Auseinandersetzung mit der Spiritualität und der räumlichen Inszenierung von Geschichte. Für bedeutende Gebäude wie die Akademie der Künste in Berlin oder das Deutsche Reichstagsgebäude schuf er ständige Rauminstallationen. Eines seiner poetischsten Werke ist der Totentanz zwei aus dem Jahr zweitausendzwei im Zentrum für Internationale Lichtkunst in Unna. Mit einfachen Kupferfiguren die durch ein Lichtspiel riesige Schatten an die Wände werfen schuf er eine Szenerie von archaischer Kraft. Das Kunstwerk besteht nicht aus der Materie sondern aus dem Schatten den sie wirft. In dieser Nutzung des Schattens und des Lichts als eigentliches Material der Kunst steht Boltanski neben Christian Marclay, der in The Clock ebenfalls die Vergänglichkeit der Zeit zum Gegenstand einer monumentalen Installation macht.
Globale Anerkennung und das Erbe der Konzeptkunst
Der Einfluss von Christian Boltanski auf die zeitgenössische Kunst kann kaum überschätzt werden. Im Jahr zweitausendsechs erhielt er den Praemium Imperiale in der Sparte Skulptur eine Auszeichnung die als der Nobelpreis der Künste gilt. Boltanski stand in der Tradition von Konzeptkünstlern wie Joseph Beuys mit dem ihn das Interesse an der Heilungskraft der Kunst und an der sozialen Verantwortung des Künstlers verband. Trotz seines Ruhms blieb er ein bescheidener Beobachter der zusammen mit seiner Frau der Künstlerin Annette Messager im Pariser Vorort Malakoff lebte und arbeitete.
Das Archiv der Herzschläge und der Abschied
Auf der japanischen Insel Naoshima schuf er ein dauerhaftes Archiv in dem man die Herzschläge tausender Menschen hören kann. Für Boltanski war der Herzschlag das persönlichste und zugleich universellste Zeichen der Existenz. Als er im Juli zweitausendeinundzwanzig im Alter von sechsundsiebzig Jahren verstarb hinterließ er eine Welt die durch seine Visionen ein Stück weit wacher geworden ist. Er hat uns gelehrt dass jedes Leben eine Aufzeichnung verdient und dass die Kunst die Kraft besitzt die Kälte des Vergessens zu überwinden. Boltanski war der Magier der Schatten dessen Licht auch nach seinem Tod in den Herzen derer weiterleuchtet die seine Installationen erlebt haben.
Mehr Informationen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Boltanski
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler und ihre Vorläufer vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Erinnerung und Vergänglichkeit verhandeln — von Dark Ages bis Light with no Sound.
