Wangechi Mutu und die Erschaffung neuer Welten aus den Trümmern der Geschichte

In der heutigen globalisierten Kunstwelt gibt es nur wenige Stimmen die eine so komplexe und vielschichtige Identität verkörpern wie die kenianische Künstlerin Wangechi Mutu. Wer sich im Jahr zweitausendsechsundzwanzig mit ihrem Werk befasst begegnet einer Frau die gleich drei oft marginalisierte Rollen in sich vereint und diese als Quelle einer unglaublichen schöpferischen Kraft nutzt. Sie ist eine Frau und sie ist schwarz und sie lebt als Ausländerin in den Metropolen des Westens. Diese Erlebniswelten bilden das Fundament ihrer Arbeit in der sie sich mit den tiefgreifenden Fragen von Geschlecht und Rasse sowie Herkunft auseinandersetzt. Mutu die heute als eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart gilt nutzt ein breites Spektrum an Medien um ihre Visionen zu materialisieren. Ob in monumentalen Collagen oder klassischen Bronzeskulpturen sowie in Filmen und Performances; ihr Werk ist eine ständige Suche nach der Wahrheit die sie durch eine Art magische Ästhetik in die Psyche der Betrachter einschleusen will. Ihre Kunst ist ein radikaler Akt der Selbstbehauptung und eine Neudefinition dessen was es bedeutet einen Körper zu bewohnen der von der Geschichte des Kolonialismus und der modernen Objektifizierung gleichermaßen gezeichnet ist.

Die Wurzeln in Nairobi und der akademische Weg in die Welt

Die Reise von Wangechi Mutu begann im Jahr neunzehnhundertzweiundsiebzig in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Bereits in ihrer frühen Kindheit zeigte sich eine tiefe Neugier auf die Welt der Formen und Farben die von ihren Eltern nach Kräften gefördert wurde. Eine besondere Rolle spielte dabei ihr Vater der beruflich im Papierimport tätig war. Diese familiäre Verbindung zu einem so grundlegenden Material der Kunst sollte später in ihren berühmten Collagen eine zentrale Rolle spielen da er sie stets mit den erforderlichen Papieren und Untergründen versorgen konnte. Von neunzehnhundertachtundsiebzig bis neunzehnhundertneunundachtzig besuchte sie die Mädchenschule Loreto Convent Msongari in ihrer Heimatstadt eine Zeit der Formung die ihr das Rüstzeug für ihren späteren akademischen Weg gab. Doch der Drang die Welt zu erkunden führte sie schon bald über die Grenzen Afrikas hinaus. Sie zog nach Großbritannien um in Wales am United World College Of The Atlantic zu studieren bevor es sie schließlich in die Vereinigten Staaten verschlug. In Manhattan am College The Cooper Union For The Advancement Of Science And Art legte sie den Grundstein für ihre künstlerische Karriere und erwarb ihren Bachelor-Abschluss. Den krönenden Abschluss ihrer Ausbildung bildete ein Studium an der Yale University wo sie im Jahr zweitausend ihren Master Of Fine Arts erhielt. Dieser beeindruckende Bildungsweg zwischen drei Kontinenten spiegelt sich in der hybriden Natur ihrer Werke wider die stets zwischen verschiedenen kulturellen Einflüssen oszillieren.

Die Magie der Collage und das Spiel mit den Fragmenten

Wangechi Mutu ist weltberühmt geworden für ihre großformatigen Collagen die den Betrachter zunächst durch ihre schiere Opulenz und Detailverliebtheit fesseln. Für diese Arbeiten nutzt sie oft Kunststofffolien als Untergrund auf denen sie Fragmente aus den unterschiedlichsten Quellen zu neuen Wesen zusammenfügt. Die Herkunft ihrer Materialien ist dabei ebenso provokant wie vielsagend. Sie bedient sich bei Hochglanzmagazinen der Modeindustrie und bei pornografischen Veröffentlichungen sowie bei Motorradzeitschriften und botanischen Fachbüchern. In diesem Aufeinanderprallen von Glamour und Schmutz sowie von Technik und Natur entstehen Bilder von einer unheimlichen Schönheit. Mutu sagt selbst dass sie der Wahrheit eine Art Magie verleihen möchte damit sie auch Menschen erreicht die ursprünglich nicht an dasselbe glauben wie sie. Die Technik der Collage erlaubt es ihr die bestehenden Bilder der Welt zu dekonstruieren und sie in einer Weise neu zusammenzusetzen die die verborgenen Strukturen der Macht und der Begehrlichkeit offenlegt. In dieser Strategie der Aneignung und Neuordnung von gefundenem Bildmaterial steht sie in einer Tradition mit Barbara Kruger, die die Ästhetik der Massenmedien nutzt um Machtstrukturen sichtbar zu machen, und Patrick Cariou, dessen Fotografie selbst zum Gegenstand künstlerischer Appropriation wurde. Jedes Fragment trägt seine eigene Geschichte in sich und in der Neukombination entstehen Erzählungen die weit über das ursprüngliche Bildmaterial hinausgehen. Es ist eine Kunst des Samplings bei der das fertige Werk ein vielstimmiger Chor aus verschiedenen Realitäten ist.

Hybridwesen und die Dekonstruktion der schwarzen Weiblichkeit

Ein zentrales Thema im Schaffen von Wangechi Mutu ist die Darstellung des weiblichen Körpers insbesondere des schwarzen Körpers im Kontext von Medien und Geschichte. Sie setzt sich intensiv mit der Frage auseinander wie Frauen von der Gesellschaft gesehen werden und wie diese Fremdwahrnehmung das eigene Selbstbild prägt. Mutu kritisiert die starke Objektifizierung schwarzer Frauen die oft als exotische Wesen oder rein körperliche Erscheinungen dargestellt werden. Um diesen Prozess der Objektwerdung zu thematisieren und gleichzeitig zu unterlaufen erschafft sie faszinierende Mischwesen. In ihren Collagen und Skulpturen verschmelzen menschliche Merkmale mit Elementen von Tieren und Pflanzen oder gar Maschinen. Diese kybernetischen und organischen Hybride entziehen sich einer einfachen Kategorisierung und fordern den Blick des Betrachters heraus. Die Frauen in Mutus Welt sind keine passiven Opfer sondern machtvolle Wesen die in einer phantastischen Natur existieren. In dieser Verbindung von feministischer Perspektive und visueller Überwältigung berührt sich ihre Arbeit mit Kara Walker, die mit ihren Scherenschnitt-Silhouetten die Geschichte der Sklaverei in verstörend schöne Bilder übersetzt, und Cindy Sherman, die in ihren inszenierten Fotografien die Konstruktion von Weiblichkeit sichtbar macht — wenn auch mit gänzlich anderen Mitteln. Die Künstlerin nutzt diese Strategie der Verfremdung um die Souveränität des Subjekts zurückzugewinnen und neue Räume für eine schwarze weibliche Identität zu schaffen die jenseits der kolonialen Stereotypen liegt.

Politische Zeugenschaft von Pin Up bis zu den Hundert Tagen

Neben der Erforschung von Identität widmet sich Wangechi Mutu auch den schmerzhaften Kapiteln der jüngeren Geschichte insbesondere den menschengemachten Katastrophen auf dem afrikanischen Kontinent. Im Jahr zweitausendeins entstand das erschütternde Werk Pin Up das sich mit dem elf Jahre währenden Bürgerkrieg in Sierra Leone auseinandersetzt. In einer Serie von zwölf Bildern greift sie die Ästhetik von Pin-Up-Darstellungen auf die traditionell der erotischen Unterhaltung dienen. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich das Grauen: Die Frauen in diesen Posen sind gezeichnet von Narben und fehlenden Gliedmaßen sowie anderen massiven Entstellungen die die Brutalität des Krieges widerspiegeln. Auf diese Weise bricht Mutu die voyeuristische Erwartung des Betrachters und zwingt ihn zur Auseinandersetzung mit der Realität von Gewalt und Trauma. Ein ähnliches Maß an politischer Dringlichkeit zeigt ihr Projekt 100 Days aus dem Jahr zweitausendvierzehn das in Zusammenarbeit mit der Dichterin Juliane Okot Bitek entstand. Hier thematisiert sie den hundert Tage dauernden Völkermord in Ruanda von neunzehnhundertvierundneunzig. Bemerkenswert ist dabei die Wahl des Mediums da sie für diese Arbeit die Plattform Instagram nutzte. Durch die Veröffentlichung im digitalen Raum erreichte sie ein globales Publikum und bewies dass die Kunst auch in den sozialen Medien als Ort des Gedenkens und der kritischen Reflexion fungieren kann. In dieser politischen Dringlichkeit steht Mutu neben Künstlern wie Ai Weiwei, der die Mittel der zeitgenössischen Kunst ebenfalls als Werkzeuge des Widerstands und der Erinnerung einsetzt, und Santiago Sierra, der Ausbeutungsverhältnisse nicht abbildet sondern reproduziert.

Africa’s Out und die Kraft des kollektiven Aktivismus

Für Wangechi Mutu endet die künstlerische Arbeit nicht an der Wand der Galerie oder auf dem Sockel der Skulptur. Sie begreift ihre Rolle auch als eine aktivistische Komponente die reale Veränderungen bewirken soll. Im Jahr zweitausendvierzehn gründete sie die Charity-Organisation Africa’s Out mit dem Ziel die Kraft von Kunst und Aktivismus zu bündeln. Die Organisation fördert Künstler und Initiativen sowie Organisationen in Afrika und in der afrikanischen Diaspora die sich mutig für die Freiheit des kreativen Ausdrucks einsetzen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Unterstützung von Menschen die aufgrund ihrer Identität oder ihrer politischen Überzeugungen Verfolgung ausgesetzt sind. Mutu zeigt hier dass sie ihre privilegierte Position in der internationalen Kunstwelt nutzt um Räume für andere zu öffnen und eine Infrastruktur des Widerstands und der Förderung aufzubauen. Africa’s Out ist ein lebendiger Beweis für ihre Überzeugung dass Kunst eine transformative soziale Kraft besitzt — eine Überzeugung, die auch das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft insgesamt prägt. Es ist die konsequente Fortführung ihrer Suche nach Wahrheit die nun auch in handfesten Förderprogrammen und solidarischen Netzwerken ihre Entsprechung findet.

Eine globale Präsenz zwischen Brooklyn und Nairobi

Heute ist Wangechi Mutu eine Weltbürgerin der Kunst die abwechselnd in Brooklyn und in ihrer Geburtsstadt Nairobi lebt und arbeitet. Im Jahr zweitausendsechzehn eröffnete sie in Nairobi ein Studio was ihre tiefe Verbundenheit mit ihren Wurzeln und ihren Wunsch unterstreicht die lokale Kunstszene vor Ort zu stärken. Ihre Werke sind mittlerweile in fast allen bedeutenden Museen und Sammlungen weltweit vertreten — vom Metropolitan Museum in New York, wo sie 2019 als erste Künstlerin überhaupt Skulpturen in den Fassadennischen der Fünften Avenue zeigte, bis zu den großen internationalen Kunstmessen und Biennalen. In ihren neueren Arbeiten wendet sie sich verstärkt der klassischen Bronze zu wobei ihre Skulpturen dieselbe hybride und kraftvolle Formensprache besitzen wie ihre früheren Collagen. Diese Bronzen wirken oft wie Relikte aus einer Zukunft in der Mensch und Natur zu einer neuen Einheit verschmolzen sind. In ihrer monumentalen Präsenz erinnern sie an die Skulpturen von Louise Bourgeois, deren Spinnen ebenfalls zwischen dem Archaischen und dem Futuristischen oszillieren. Mutu bleibt eine unermüdliche Forscherin die die Grenzen der Wahrnehmung immer wieder neu verhandelt. Sie zeigt uns dass die Kunst der Ort ist an dem wir die Scherben der Vergangenheit aufheben können um daraus eine magische und kraftvolle Gegenwart zu bauen. Ihr Vermächtnis liegt in der Souveränität mit der sie ihre Rollen als Frau und schwarze Künstlerin und Ausländerin annimmt und sie in eine universelle Sprache der Freiheit übersetzt.

Wer heute vor einer Arbeit von Wangechi Mutu steht spürt die Energie einer Künstlerin die keine Angst vor der Schönheit und keine Angst vor dem Schmerz hat. Sie erinnert uns daran dass die Umweltzerstörung und der Kolonialismus sowie die Globalisierung Themen sind die uns alle angehen und die wir durch die Linse der Kunst neu betrachten müssen. Ihre Bilder sind Einladungen zum Staunen und zum Nachdenken und sie bieten einen Ausweg aus der Lähmung durch die schiere Kraft der Vision. Mutu hat bewiesen dass die Magie ein notwendiges Werkzeug ist um die Wahrheit erträglich zu machen und sie tief in unser Bewusstsein zu pflanzen. In einer Welt die oft gespalten ist bietet ihre Kunst einen Raum der Heilung und der Neugier auf das was wir als Menschen gemeinsam erreichen können. Sie bleibt eine der wichtigsten Stimmen unserer Zeit deren Einfluss auch in kommenden Jahrzehnten ungebrochen bleiben wird.

Ihre Fähigkeit komplexe globale Zusammenhänge in eine haptische und visuell überwältigende Form zu bringen macht sie zu einer Ausnahmefigur der zeitgenössischen Ästhetik. Wangechi Mutu zeigt uns dass die Kunst niemals nur Dekoration ist sondern ein lebensnotwendiges Instrument um unsere eigene Existenz in einer oft feindlichen Welt zu behaupten. Ihre hybriden Wesen sind keine Monster sondern Wegweiser in eine Welt in der die Vielfalt nicht als Bedrohung sondern als Reichtum begriffen wird. Wer ihre Werke einmal gesehen hat wird die Welt fortan mit anderen Augen betrachten da die Magie ihrer Bilder den Blick schärft und das Herz öffnet für die unendlichen Möglichkeiten der Verwandlung.

Mehr Informationen unter: www.saatchigallery.com/artist/wangechi_mutu

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die kulturelle Grenzen überschreiten — von Mainichi — Alltagswelt in Japan bis Helden der Popkultur.