André Derain: Der wilde Meister der Farbe und die Erfindung der Moderne

In der Geschichte der modernen Kunst gibt es nur wenige Gestalten die das visuelle Empfinden so radikal erschüttert haben wie André Derain. Er war weit mehr als nur ein Maler; er war ein Alchemist des Lichts der die Farbe aus ihrer dienenden Rolle befreite und sie zur alleinigen Herrscherin über die Leinwand machte. Wer heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig durch die großen Galerien der Welt wandert erkennt in seinen Werken den mutigen Ursprung einer Freiheit die wir heute als selbstverständlich erachten. Geboren wurde er achtzehnhundertachtzig in Chatou einer malerischen Stadt die durch sein Wirken zu einem der Geburtsorte des Fauvismus wurde. Seine Ausbildung an der École des Arts Décoratifs und später an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris vermittelte ihm zwar die klassischen Grundlagen doch sein Geist verlangte nach einem Ausbruch aus den starren Konventionen des Realismus. Derain suchte nach einer Form des Ausdrucks die nicht die Welt kopierte sondern die Empfindungen des Künstlers direkt in die Augen des Betrachters schleuderte. Er verstand dass die Kunst nicht das Sichtbare wiedergibt sondern erst sichtbar macht was tief im Inneren verborgen liegt.

Die Geburtsstunde der Wilden und der Rausch der Primärfarben

Die entscheidende Wende in seinem Schaffen vollzog sich durch die enge Freundschaft und Zusammenarbeit mit Henri Matisse. Gemeinsam verbrachten sie den legendären Sommer neunzehnhundertfünf im Fischerdorf Collioure wo sie die Sonne und das Meer in reine Farberuptionen verwandelten. Diese Experimente führten schließlich zu der berühmten Ausstellung im Pariser Salon d’Automne im selben Jahr. Ein Kritiker der von der Wildheit der Farben schockiert war bezeichnete die Künstler als fauves also als wilde Bestien. Dieser Name wurde zum Ehrentitel einer Bewegung die den Fokus der Kunstwelt für immer verschob. Anstelle von akademischer Genauigkeit setzten Derain und seine Mitstreiter auf die suggestive Kraft von Tönen die oft nichts mit der natürlichen Erscheinung der Objekte zu tun hatten. In Werken wie Kahn in Chatou oder seinen Ansichten von London wie dem Pont de Charing Cross sehen wir ein flirrendes Mosaik aus unvermischten Farben. Derain verzichtete auf weiche Übergänge und nutzte stattdessen kräftige Pinselstriche die wie rhythmische Ausrufezeichen auf der Leinwand wirkten. Er war ein Architekt der Emotionen der bewies dass ein blauer Baum oder ein purpurroter Fluss mehr Wahrheit über die Stimmung eines Augenblicks aussagen können als jede fotorealistische Darstellung. Diese Befreiung der Farbe von ihrer abbildenden Funktion wirkt bis heute nach — in der expressiven Palette eines Gerhard Richter ebenso wie in den leuchtenden Farbfeldern von Mark Rothko.

Der Aufbruch in das Unbekannte zwischen Kubismus und Krise

André Derain war jedoch ein viel zu unruhiger Geist um sich auf dem Erfolg des Fauvismus auszuruhen. Er besaß eine unbändige Experimentierfreude die ihn dazu trieb ständig neue Ausdrucksformen zu erforschen. So wandte er sich zeitweise dem Kubismus zu und arbeitete eng mit Georges Braque und Pablo Picasso zusammen. Er war fasziniert von der Zerlegung der Formen in geometrische Strukturen und suchte nach einer neuen Festigkeit im Bildaufbau. Diese Phase seines Schaffens zeigt einen Künstler der die wilde Leidenschaft der Farben mit der kühlen Logik der Konstruktion zu versöhnen suchte. Auch der Futurismus hinterließ Spuren in seinem Denken da er von der Dynamik der neuen Zeit und der Geschwindigkeit der Moderne beeindruckt war. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs markierte jedoch eine schmerzhafte Zäsur. Derain arbeitete für die französische Regierung und dokumentierte die Landschaften im besetzten Nordfrankreich. Diese Jahre der Zerstörung und des Leids führten zu einer tiefen inneren Einkehr. Die grellen Farben seiner Jugend wichen einer gedämpfteren Palette und einer ernsteren Auseinandersetzung mit der menschlichen Figur und der Architektur. Der Krieg hatte ihn gelehrt dass die Kunst auch ein Ort der Beständigkeit und der Besinnung sein muss.

Die Rückkehr zur Ordnung und die zeitlose Eleganz des Klassizismus

Nach den Erschütterungen der Kriegsjahre vollzog André Derain eine Wendung die viele seiner Bewunderer überraschte. Er kehrte zu einer klassischeren Malweise zurück die heute oft als Rückkehr zur Ordnung bezeichnet wird. In dieser Phase seines Lebens suchte er die Harmonie in den Vorbildern der Renaissance und des Klassizismus. Werke wie La Danse oder La Musique zeugen von diesem Streben nach einer ausgewogenen Komposition und einer fast schon skulpturalen Klarheit der Formen. Er verzichtete auf die Provokation und suchte stattdessen die zeitlose Schönheit. Diese Entscheidung wurde von manchen als Verrat an der Avantgarde gedeutet doch für Derain war es die konsequente Weiterentwicklung seiner Suche nach Wahrheit. Er erkannte dass die Freiheit des Künstlers auch darin besteht sich gegen die Erwartungen des Publikums zu stellen und auch vermeintlich altmodische Wege neu zu beschreiten. Neben der Malerei widmete er sich auch dem Entwurf von Bühnenbildern und Kostümen für die Ballets Russes was seine Vielseitigkeit und sein Gespür für das Gesamtkunstwerk unterstrich. Er verstarb neunzehnhundertvierundfünfzig im Alter von vierundsiebzig Jahren in Garches und hinterließ ein Werk das durch seine enorme Bandbreite und seine unerschütterliche Qualität besticht.

André Derain bleibt ein Symbol für den Mut zur Veränderung und die unendliche Neugier des schöpferischen Geistes. Er hat uns gelehrt dass die Farbe eine eigene Sprache spricht und dass die Kunst ein ständiger Prozess der Neuerfindung ist. Heute gilt er als einer der wichtigsten Wegbereiter der Moderne dessen Einfluss bis in die Gegenwart reicht. Seine Bilder laden uns ein die Welt nicht nur mit den Augen sondern mit dem Herzen zu sehen und die magische Kraft der Farben in all ihrer Pracht zu feiern. Er war der stille Revolutionär der die Grundlagen für alles legte was wir heute an der modernen Malerei lieben. Seine Experimentierfreude und sein Streben nach neuen Ausdrucksformen machen ihn zu einem ewigen Vorbild für alle die an die schöpferische Kraft der Freiheit glauben. Er hat gezeigt dass ein Künstler sowohl wilder Rebell als auch bewahrender Klassiker sein kann solange er mit Aufrichtigkeit und Leidenschaft bei der Sache ist. André Derain ist und bleibt ein leuchtender Stern am Firmament der Kunstgeschichte dessen Licht auch im Jahr zweitausendsechsundzwanzig so hell strahlt wie am ersten Tag.

Mehr Informationen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/André_Derain

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit und ihre Vorläufer vor. Entdecken Sie auch unsere Porträts der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler, unsere Übersicht der Galerien in Berlin und unsere eigenen Ausstellungen.