Marc Quinn und die monumentale Erforschung des menschlichen Seins

In der weiten und oft von kühlen Konzepten geprägten Landschaft der zeitgenössischen Kunst gibt es nur wenige Stimmen die eine so unmittelbare und physisch spürbare Erschütterung beim Betrachter auslösen wie jene von Marc Quinn. Er ist weit mehr als nur ein prominentes Mitglied der Gruppe die als Young British Artists bekannt wurde. Quinn ist ein Künstler der das Fleisch und das Blut sowie den Marmor und das Metall nutzt um die fundamentale Frage zu stellen was es eigentlich bedeutet in der heutigen Zeit ein Mensch zu sein. Sein Werk ist ein mutiger Sturz in die Tiefe der eigenen Biologie und der kulturellen Identität wobei er konsequent Themen wie Schönheit und Vergänglichkeit sowie die Transformation des Körpers verhandelt. Wer vor einem seiner Werke steht begegnet einer Kunst die keine Distanz zulässt da sie aus den Stoffen besteht die uns alle am Leben erhalten. Marc Quinn hat die Gabe das zutiefst Private in etwas Universelles zu verwandeln das die Menschen weltweit im Kern berührt. Sein Aufstieg vom jungen Rebellen der Londoner Szene zum international gefeierten Bildhauer markiert eine der faszinierendsten Karrieren der modernen Kunstgeschichte.

Die frühen Jahre und der Weg durch die Geschichte in Cambridge

Der Ursprung dieser außergewöhnlichen künstlerischen Kraft liegt im Jahr neunzehnhundertvierundsechzig als Marc Quinn in London geboren wurde. Seine Jugend war geprägt von den kulturellen Einflüssen der Metropolen da er einen bedeutenden Teil seiner frühen Jahre in Paris verbrachte. Diese Zeit in Frankreich schärfte sicherlich seinen Blick für die klassische Ästhetik und die europäische Tradition der Bildhauerei die er später so radikal hinterfragen sollte. Bevor er sich jedoch ganz der praktischen Kunst widmete suchte er sein Fundament in der Theorie. Er studierte Kunstgeschichte und Geschichte am Robinson College in Cambridge. Diese akademische Ausbildung verlieh ihm eine intellektuelle Tiefe die in jedem seiner Werke spürbar ist. Er ist kein Künstler der nur aus dem Bauch heraus agiert; vielmehr sind seine Arbeiten das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte von der Antike bis zu den modernen Meistern. In Cambridge lernte er die Bedeutung von Symbolen und die Macht der historischen Erzählung kennen was ihm später erlaubte die klassische Formensprache für seine Zwecke zu dekonstruieren. Er begriff früh dass Kunst ein Dialog mit der Vergangenheit ist der im Jetzt geführt werden muss.

Die Serie Self und die gefrorene Essenz der Biologie

Im Jahr neunzehnhunderteinundneunzig präsentierte Marc Quinn ein Werk das die Kunstwelt augenblicklich in Aufruhr versetzte und seinen Namen weltweit bekannt machte. Unter dem Titel Self schuf er ein Selbstporträt das aus seinem eigenen Blut besteht. Etwa neun Liter dieser lebensnotwendigen Flüssigkeit wurden über einen Zeitraum von mehreren Monaten entnommen und schließlich in einer Form seines Kopfes eingefroren. Das Ergebnis ist eine tiefrote glänzende Skulptur die nur durch eine ständige Kühlung in ihrer Form gehalten werden kann. Quinn begann mit diesem Werk eine Serie die er alle fünf Jahre wiederholt um seine eigene körperliche Transformation und das Altern zu dokumentieren. Es ist ein biologisches Archiv das die Vorstellung von Porträts als bloße Repräsentation eines inneren Selbst radikal hinterfragt. In dieser Verbindung von Kunst und Wissenschaft — der Nutzung biologischer Prozesse als ästhetisches Material — steht Quinn neben Damien Hirst, dessen in Formaldehyd konservierte Tiere ebenfalls die Grenze zwischen Labor und Atelier aufheben. Das Werk ist eine Erinnerung an unsere eigene Fragilität und an die Abhängigkeit von technologischen Systemen denn würde die Kühlung versagen würde das Kunstwerk buchstäblich dahinschmelzen und seine Form verlieren. Self ist mehr als nur ein Schockeffekt; es ist eine Meditation über die Zeit und die Substanz aus der wir bestehen.

Young British Artists und der Sturm der Ausstellung Sensation

In den neunziger Jahren wurde Marc Quinn zu einer der zentralen Figuren der Bewegung die als Young British Artists bekannt wurde. London erfand sich als vibrierende Kulturhauptstadt neu und Quinn stand im Zentrum dieses medialen Sturms. Im Jahr neunzehnhundertdreiundneunzig war seine Arbeit Teil der Gruppenausstellung The Saatchi Collection: Young British Artists II die von dem einflussreichen Mäzen Charles Saatchi organisiert wurde. Ein absoluter Höhepunkt war schließlich die Ausstellung Sensation im Jahr neunzehnhundertsiebenundneunzig in der Royal Academy in London. Hier wurde das Blutporträt Self einer breiten Öffentlichkeit präsentiert und erhielt eine mediale Aufmerksamkeit die Rekorde brach. Neben Quinn waren dort unter anderem Damien Hirst, Tracey Emin, die Chapman Brothers, Sarah Lucas und Jenny Saville vertreten — eine Generation die den britischen Kunstbetrieb auf den Kopf stellte. Die Ausstellung wanderte später in das Brooklyn Museum in New York sowie nach Berlin und festigte Quinns Ruf als internationaler Superstar. Quinn thematisierte den Konflikt zwischen dem Natürlichen und dem Kulturellen der den modernen Menschen im Griff hat und betonte immer wieder die oft distanzierte Beziehung die wir zu unserem eigenen Körper pflegen.

Alison Lapper Pregnant und die Macht der sichtbaren Wahrheit

Ein Werk das Marc Quinn weit über die Grenzen der Kunstszene bekannt machte war die monumentale Skulptur Alison Lapper Pregnant aus dem Jahr zweitausend. Quinn nutzte hierfür edlen weißen Marmor ein Material das seit der Antike für die Darstellung von Göttern und Heroen reserviert war. Er porträtierte Alison Lapper eine Künstlerin die mit verkürzten Beinen und ohne Arme geboren wurde im achten Monat ihrer Schwangerschaft. Die Skulptur war Teil des Fourth Plinth Programms auf dem Trafalgar Square in London und thronte dort ab dem Jahr zweitausendvier vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Mit diesem Werk forderte Quinn die Bestrebungen griechischer und römischer Statuen heraus die stets ein idealisiertes Ganzes darstellten. Er zeigte dass Schönheit und Würde auch in Körpern existieren die nicht der klassischen Norm entsprechen. In ihrer radikalen Sichtbarmachung des nicht-normierten Körpers im öffentlichen Raum steht diese Skulptur neben den Figurengruppen von Antony Gormley, dessen Another Place ebenfalls den öffentlichen Raum nutzt um die menschliche Existenz in all ihrer Verletzlichkeit zu zeigen. Alison Lapper Pregnant ist ein Manifest für die Sichtbarkeit und eine radikale Kritik an den oberflächlichen Schönheitsidealen unserer Gesellschaft.

Marmorskulpturen und die Umdeutung der antiken Trümmer

Quinns Beschäftigung mit dem menschlichen Körper führte ihn zu einer Serie von Marmorskulpturen von Amputierten bei denen er die Darstellung eines idealisierten Ganzen neu interpretierte. Er ließ sich dabei von der Beobachtung leiten dass wir antike Statuen im Museum bewundern obwohl sie oft Arme oder Beine verloren haben. Wir akzeptieren das Fragment in der Kunstgeschichte als vollkommenes Meisterwerk während wir im realen Leben Menschen mit körperlichen Einschränkungen oft mit Unbehagen begegnen. Quinn kehrte diesen Prozess um indem er lebende Menschen die Gliedmaßen verloren hatten im Stil der klassischen Antike verewigte. In dieser Verbindung von Marmor und körperlicher Wahrheit berührt sich seine Arbeit mit Ron Mueck, dessen hyperrealistische Figuren den menschlichen Körper ebenfalls in all seiner Unvollkommenheit zeigen — wenn auch in Silikon statt in Stein. Quinn zeigt uns dass der Körper ein sich ständig veränderndes Gebilde ist das durch kulturelle Projektionen und persönliche Erfahrungen geformt wird — Fragen die auch das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft insgesamt berühren.

Flower Paintings und das Paradoxon der ewigen Blüte

Ab dem Jahr zweitausendsieben begann Marc Quinn eine Serie die auf den ersten Blick dekorativer wirkte aber eine tiefe philosophische Ebene besaß: Die Flower Paintings. In diesen großformatigen Gemälden stellt er tropische Blumen und Totenköpfe in extrem lebhaften und fast schon künstlichen Farben dar. Diese Bilder verweisen auf die traditionellen Memento-Mori-Stilleben des Barock die an die Vergänglichkeit des Lebens erinnern. Quinn stellt jedoch fest dass diese exotischen Pflanzen in unserer heutigen Zeit der Globalisierung jederzeit leicht erhältlich sind. Er thematisiert wie unser Verlangen nach ewiger Schönheit und ständiger Verfügbarkeit die Natur manipuliert. Er friert oft echte Blumen in Silikonöl ein um ihre Blütezeit künstlich zu verlängern was wiederum eine Form der Konservierung darstellt die an seine biologischen Arbeiten erinnert. Die Flower Paintings sind ein Kommentar zur Distanz die wir zur Natur aufgebaut haben und zeigen wie menschliches Begehren die natürliche Ordnung verändert.

Die Vielfalt der Materialien als Sprache der Gegenwart

Die Arbeit von Marc Quinn zeichnet sich durch eine unglaubliche Experimentierfreude im Umgang mit Materialien aus. Er beschränkt sich nicht auf eine einzige Technik sondern nutzt alles was ihm geeignet erscheint um seine Visionen auszudrücken. Er fertigte Skulpturen aus Brot die im Laufe der Zeit verschimmelten um den biologischen Prozess des Verfalls zu visualisieren. Er arbeitet mit Blut und Blei sowie mit Glas und Edelstahl. Jedes Material trägt eine eigene Bedeutungsebene in sich. Quinn macht Kunst darüber was es heißt ein in der Welt lebender Mensch zu sein und nutzt die Materialität um die Verbindung zwischen unserem inneren Erleben und der äußeren Realität zu untersuchen. Seine Vielseitigkeit hat ihn zu einem international gefeierten Künstler gemacht dessen Werke in den bedeutendsten Museen und auf den großen Kunstmessen der Welt zu finden sind.

Der menschliche Konflikt zwischen Natur und Kultur

Die Grundlage der Arbeit von Marc Quinn bleibt bis heute eng mit der Frage verbunden wie wir uns als Menschen in einer Welt verorten die immer stärker technologisch und kulturell überformt wird. Er befasst sich oft mit der distanzierten Beziehung die wir zu unserem eigenen Körper haben und zeigt wie der Konflikt zwischen dem Natürlichen und dem Kulturellen unsere Psyche beeinflusst. Quinn ist eine aktive Kraft der Kunstgeschichte der uns daran erinnert dass unsere Identität niemals statisch ist sondern ein fließender Prozess aus biologischen Fakten und sozialen Konstrukten. Auch in seinen neueren Arbeiten bleibt er seinem Prinzip der absoluten Ehrlichkeit treu und nutzt seine Kunst als ein Werkzeug um die Komplexität unserer Existenz begreifbar zu machen. Er hat sich seinen eigenen Platz in der Geschichte erkämpft indem er die Tabus der Körperlichkeit besiegt und die Wahrheit über das Leben in Bilder und Objekte verwandelt hat. Marc Quinn ist und bleibt eine unersetzliche Stimme der Gegenwart die uns dazu auffordert mutig zu sein und die eigene Existenz mit Stolz zu hinterfragen. Sein Vermächtnis ist eine befreite Kunst die keine Angst vor der Vergänglichkeit hat weil sie weiß dass die Wahrheit über das Menschsein am Ende immer die stärkste Kraft ist.

Mehr Informationen unter: http://marcquinn.com

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die den Körper als Material und Metapher begreifen — von Faces III bis Demons.