In der heutigen Kunstwelt des Jahres zweitausendsechsundzwanzig gibt es kaum eine Erfahrung die den Betrachter so unmittelbar aus der digitalen Hektik reißt wie das Betreten einer Installation von Ernesto Neto. Der im Jahr eintausendneunhundertvierundsechzig in Rio de Janeiro geborene Künstler hat eine Form der Bildhauerei erschaffen die nicht mehr nur betrachtet werden will sondern die bewohnt werden muss. Neto begreift den Raum als eine Erweiterung des menschlichen Körpers und nutzt weiche sowie elastische Materialien um Architekturen zu bauen die atmen und duften sowie auf jede Berührung reagieren. Seine Werke sind keine statischen Monumente sondern lebendige Organismen die den Besucher dazu einladen die eigene physische Präsenz in einer völlig neuen Weise wahrzunehmen. Neto ist ein Meister der Entgrenzung der die Barriere zwischen dem Ich und der Außenwelt durch hauchdünne Membranen aus Nylon und Lycra ersetzt. Wer seine biomorphen Landschaften betritt verlässt den festen Boden der alltäglichen Logik und taucht ein in eine Welt der totalen Immersion in der das Riechen und Fühlen sowie das Hören und Sehen zu einer einzigen sinnlichen Erfahrung verschmelzen. Er ist der Architekt einer neuen Menschlichkeit die den Körper als den eigentlichen Tempel der Erkenntnis feiert.
Die Metamorphose vom harten Eisen zur elastischen Haut
Die künstlerische Reise von Ernesto Neto begann in den achtziger Jahren in einer Zeit in der die brasilianische Kunst noch stark von den Nachwirkungen der industriellen Moderne geprägt war. Neto studierte zwischen neunzehnhundertvierundneunzig und neunzehnhundertsiebenundneunzig an der Escola de Artes Visuais do Parque Lage in Rio de Janeiro sowie am Museu de Arte Moderna de São Paulo. In seinen frühen Jahren experimentierte er noch mit Materialien die weit entfernt von der Weichheit seiner heutigen Werke lagen. Er schuf Skulpturen aus Eisen mit harten Kanten und massiven Formen die fest im Raum standen. Doch schon bald spürte er dass diese Materialien nicht in der Lage waren die fließenden Prozesse des Lebens und die Zerbrechlichkeit der Existenz abzubilden. Er suchte nach einem Weg die Skulptur zu öffnen und sie für den menschlichen Körper zugänglich zu machen. Dieser radikale Wechsel vollzog sich Mitte der neunziger Jahre als er begann elastische Stoffe wie Nylon für seine Arbeiten zu entdecken. Er ersetzte die starren Strukturen durch dehnbare Röhren und Säcke die er mit Styropor oder Sand füllte. Diese Transformation markierte die Geburtsstunde seines einzigartigen Stils bei dem die Schwerkraft und die Elastizität zu den eigentlichen Bildhauern seiner Werke wurden.
Das Erbe der Neokonkreten und die Befreiung des Körpers
Um das Werk von Ernesto Neto in seiner vollen Tiefe zu verstehen muss man seinen Bezug zur brasilianischen Kunstgeschichte betrachten. Er steht in der direkten Nachfolge der neokonkreten Bewegung die in den fünfziger und sechziger Jahren durch Künstler wie Lygia Clark und Hélio Oiticica begründet wurde. Diese Pioniere der brasilianischen Avantgarde wollten die Kunst von der Leinwand befreien und sie in das Leben integrieren. Sie sahen den Betrachter als einen Teilnehmer der das Werk erst durch seine Interaktion vervollständigt — eine Idee die auch Rirkrit Tiravanija in seinen Koch-Performances weiterführt, wenn auch mit Reis und Curry statt mit Nylon und Gewürzen. Neto hat diese Ideen aufgegriffen und sie in das einundzwanzigste Jahrhundert übersetzt. Er nutzt das Konzept der Anthropophagie bei dem fremde Einflüsse aufgesogen und in etwas eigenständiges Brasilianisches verwandelt werden. Seine Installationen sind Räume der Freiheit in denen die westliche Strenge des Minimalismus auf die tropische Sinnlichkeit und die Wärme seines Heimatlandes trifft. Er schafft eine organische Architektur die versucht die innere Landschaft des menschlichen Körpers darzustellen. Die Röhren und Netze erinnern an Adern und Nervenbahnen sowie an das Gewebe unserer eigenen Haut. Neto macht das Innere sichtbar und erlaubt es uns in unsere eigene Biologie einzutauchen während wir durch seine Labyrinthe wandeln.
Geruch und Gewicht — die Alchemie der Gewürze
Ein charakteristisches Merkmal der Arbeiten von Ernesto Neto ist die Einbeziehung des Geruchssinns. Er nutzt Gewürze wie Kurkuma und Nelken sowie schwarzen Pfeffer und Ingwer um seine Skulpturen nicht nur visuell sondern auch olfaktorisch aufzuladen. Die Gewürze werden in große tropfenförmige Säcke gefüllt die von der Decke herabhängen und durch ihr Gewicht den Stoff dehnen. Das feine Pulver dringt durch die Poren des Gewebes und verbreitet einen intensiven Duft der den gesamten Raum erfüllt. Für Neto ist der Geruch eine Form der Erinnerung und eine direkte Verbindung zu unserem vegetativen Nervensystem. In dieser multisensorischen Erfahrung steht Neto neben Olafur Eliasson, der mit Licht, Nebel und Temperatur ebenfalls alle Sinne anspricht — wenn auch mit einer nordischen Kühle die Netos tropischer Wärme diametral entgegensteht. Durch den Einsatz dieser organischen Materialien verleiht er seinen Werken eine zeitliche Dimension da sich der Duft über die Dauer der Ausstellung verändert. Die Besucher reagieren oft instinktiv auf diese Reize und werden durch den Geruch in einen Zustand der Meditation und der Ruhe versetzt. Neto zeigt uns dass die Kunst nicht nur den Kopf ansprechen muss sondern dass sie über die Nase und die Haut direkt in unsere Seele eindringen kann.
Leviathan Thot — ein technologisches und organisches Wunder im Panthéon
Im Jahr zweitausendsechs schuf Ernesto Neto sein wohl ambitioniertestes Werk für das Panthéon in Paris. Unter dem Titel Leviathan Thot realisierte er eine ortsspezifische Installation die die gesamte Dimension des neoklassizistischen Monuments ausnutzte. Er spannte riesige weiße Nylonsäcke die mit Styropor gefüllt waren von der sechzig Meter hohen Kuppel bis hinunter zum Boden. Die Architektur des Panthéons das als Ort des rationalen Denkens und der nationalen Ehre gilt wurde durch diese organische Intervention vollkommen transformiert. Die weichen und fließenden Formen des Leviathans wirkten wie ein gigantischer Körper der in dem steinernen Gebäude atmete. Diese Arbeit war eine Verhandlung zwischen der Monumentalität der Geschichte und der Lebendigkeit der Gegenwart — eine Intervention im öffentlichen Raum die zeigt, wie organische Formen die Strenge historischer Architektur unterwandern können. In ihrer ortsspezifischen Radikalität erinnert sie an Anish Kapoors Leviathan im Grand Palais, der denselben Pariser Monumentalraum mit einer gewaltigen aufblasbaren Skulptur füllte. Neto bewies dass er in der Lage war die strengen Gesetze der Architektur durch die Poesie der organischen Form herauszufordern. Die Installation war so erfolgreich dass ihm in Anerkennung seines Beitrags zur französischen Kultur der Rang eines Chevalier im Ordre des Arts et des Lettres verliehen wurde.
Die Huni Kuin und die Rückkehr zum heiligen Ursprung
In den letzten Jahren hat sich das Werk von Ernesto Neto in eine noch spirituellere und gemeinschaftlichere Richtung entwickelt. Er hat eine tiefe Verbindung zum Volk der Huni Kuin im brasilianischen Amazonasgebiet aufgebaut und arbeitet eng mit deren Schamanen und Künstlern zusammen. Diese Begegnung hat seine Sicht auf die Welt und auf die Rolle der Kunst grundlegend verändert. Seine Arbeiten sind heute oft bunter und verwenden traditionelle Webtechniken der indigenen Kulturen. Er begreift seine Installationen nun als heilige Räume für Heilung und für den Austausch von Wissen. In Werken wie The Sacred Secret nutzt er das Wissen über Heilpflanzen und über die spirituelle Verbindung zur Natur um Räume der Besinnung zu schaffen. Neto ist davon überzeugt dass die westliche Welt viel von der Weisheit der Urvölker lernen kann um die ökologische und soziale Krise unserer Zeit zu bewältigen — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren. Die Kunst dient ihm dabei als ein Medium der Versöhnung zwischen der modernen Zivilisation und den Wurzeln unserer Existenz.
Partizipation als Heilung — der Grenzverlust zwischen Ich und Welt
Das Herzstück der Philosophie von Ernesto Neto ist die Aufforderung zur Partizipation. In seinen sensorischen Labyrinthen gibt es keine Absperrungen und keine Verbotsschilder. Die Menschen dürfen die meisten seiner Kunstwerke anstupsen und berühren und sogar durch sie hindurchgehen. Einige Arbeiten bestehen aus weichen Bodenskulpturen auf denen man liegen oder kriechen kann. Dieser physische Kontakt ist essenziell um die Wirkung seiner Kunst zu verstehen. Wenn wir uns in die elastischen Membranen lehnen spüren wir den Widerstand und die Wärme des Materials. Wir werden uns unserer eigenen Bewegung und unserer eigenen Atmung bewusst. Neto möchte dass wir die Kontrolle aufgeben und uns auf die Unsicherheit des Raums einlassen. Der Grenzverlust zwischen dem eigenen Körper und dem Kunstwerk führt zu einem Gefühl der Verbundenheit das in unserer individualistischen Gesellschaft oft verloren gegangen ist. Die Kunst von Neto ist somit eine Form der sozialen Heilung die uns zeigt dass wir alle aus derselben weichen Materie bestehen und dass wir durch die Berührung miteinander in Kontakt treten können. Er schafft Räume der Empathie in denen die harten Kanten des Egos zugunsten einer kollektiven Erfahrung aufgeweicht werden.
Die globale Reise eines brasilianischen Visionärs
Die internationale Anerkennung von Ernesto Neto spiegelt sich in seinen zahlreichen Einzelausstellungen in den bedeutendsten Museen und Galerien der Welt wider. Er vertrat Brasilien im Jahr zweitausendeins auf der neunundvierzigsten Biennale in Venedig und zeigte dort eindrucksvoll wie die brasilianische Kunst die globalen Diskurse bereichern kann. Ausstellungen im Guggenheim Museum Bilbao in Spanien sowie im Nasher Sculpture Center in Dallas und im Faena Arts Center in Buenos Aires machten seine biomorphen Umgebungen einem Millionenpublikum zugänglich. Überall auf der Welt reagieren die Menschen mit derselben Faszination auf seine Arbeiten da sie eine universelle Sprache der Sinne sprechen. Heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig sind seine Werke in fast allen großen Museumssammlungen vertreten und gelten als Schlüsselwerke für das Verständnis der Kunst des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Neto ist es gelungen die traditionelle Bildhauerei zu revolutionieren indem er sie vom Sockel holte und sie in den Dienst der menschlichen Erfahrung stellte. Er bleibt ein unermüdlicher Forscher der ständig neue Materialien und Formen ausprobiert um die innere Landschaft unserer Seele sichtbar zu machen.
Ernesto Neto zeigt uns dass die Kunst die Kraft hat die Welt zu verwandeln indem sie uns daran erinnert wie es sich anfühlt wirklich lebendig zu sein. Seine atmenden Architekturen sind Orte der Hoffnung in einer oft kalten und technisierten Welt. Er lehrt uns dass die wahre Stärke in der Zerbrechlichkeit liegt und dass wir durch die Offenheit für unsere Sinne zu einer tieferen Erkenntnis über uns selbst und über unsere Umwelt gelangen können. Sein Vermächtnis ist eine Kunst der Liebe und der Gemeinschaft die weit über den Moment der Betrachtung hinausstrahlt. Wer einmal in einem seiner sensorischen Labyrinthe gestanden hat wird den Raum und den eigenen Körper fortan mit anderen Augen sehen. Neto bleibt der Magier des Nylons und der Gewürze der uns den Weg zurück zu unseren eigenen Sinnen weist.
Mehr Informationen unter: https://ocula.com/artists/ernesto-neto/
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die den Raum als sinnliche Erfahrung begreifen — von Cave bis Dramaturgien des Zwischenraums.
