Carsten Höller und die experimentelle Grenzerfahrung der menschlichen Wahrnehmung

In der zeitgenössischen Kunstwelt gibt es nur wenige Akteure die so konsequent die Grenze zwischen dem sterilen Laborraum und der weißen Galerie verwischen wie Carsten Höller. Der im Jahr neunzehnhunderteinundsechzig in der belgischen Hauptstadt Brüssel geborene Künstler ist eine faszinierende Ausnahmeerscheinung da er seine Karriere nicht in einem Atelier sondern in den Feldern der Naturwissenschaften begann. Als Sohn von Angestellten der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft in Belgien aufgewachsen zog es ihn nach seinem Schulabschluss ins deutsche Kiel wo er sich den Agrarwissenschaften widmete. Seine akademische Laufbahn war von einer beeindruckenden Stringenz geprägt die im Jahr neunzehnhundertdreiundneunzig in einer Promotion und einer anschließenden Habilitation gipfelte. Er spezialisierte sich auf die Insektenkunde und untersuchte dabei insbesondere die komplexen Wege der Insektenkommunikation über chemische Reize und Gerüche. Diese wissenschaftliche Akribie und das tiefe Verständnis für verhaltensbiologische Prozesse bilden bis heute das unsichtbare aber extrem stabile Fundament seines künstlerischen Schaffens. Höller ist kein Träumer der nach Inspiration sucht sondern ein Forscher der Versuchsaufbauten konstruiert um die menschliche Wahrnehmung in all ihrer Fragilität bloßzustellen. Wenn wir heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf seine Installationen blicken sehen wir die perfekte Symbiose aus analytischem Verstand und künstlerischer Freiheit die den Betrachter aus der passiven Rolle des Konsumenten reißt und ihn zum Probanden eines ästhetischen Experiments macht.

Die Symbiose aus Insektenforschung und bildender Kunst

Der Übergang vom Naturwissenschaftler zum weltweit gefeierten Künstler vollzog sich bei Carsten Höller nicht über Nacht sondern als ein schleichender Prozess der gegenseitigen Befruchtung. Bereits während seiner aktiven Zeit als Forscher in den achtziger Jahren begann er sich intensiv mit der Kunst auseinanderzusetzen wobei die Zusammenarbeit mit seiner damaligen Partnerin Rosemarie Trockel eine entscheidende Rolle spielte. Es ist eine bemerkenswerte Randnotiz seiner Biografie dass er bereits im Jahr seiner Promotion auf der renommierten Biennale in Venedig ausstellte während er parallel dazu noch bis neunzehnhundertvierundneunzig offiziell als Insektenforscher tätig war. Diese Doppelidentität zwischen Kunst und Wissenschaft prägt sein Werk bis heute da er die Methodik des wissenschaftlichen Experiments als sein primäres künstlerisches Mittel begreift. Für Höller ist das Kunstwerk kein statisches Objekt das man aus der Ferne bewundert sondern eine beeinflussende Umgebung die den Teilnehmer dazu zwingt eine eigene physische oder emotionale Erfahrung zu machen. Er nutzt seine Kenntnisse über Reiz und Reaktion um Situationen zu schaffen die unsere gewohnten Gewissheiten erschüttern. Höller hat die kühle Objektivität des Labors in die emotionale Welt der Kunst überführt und damit eine ganz eigene Form der Partizipation geschaffen.

Relationale Ästhetik als Fundament des sozialen Experiments

In den neunziger Jahren wurde Carsten Höller zu einem der profiliertesten Vertreter der sogenannten Relationalen Ästhetik. Gemeinsam mit Weggefährten wie Andrea Zittel oder Rirkrit Tiravanija rückte er die Gesamtheit der menschlichen Beziehungen und deren sozialen Zusammenhang in das Zentrum seiner Arbeit. In dieser Strömung fungiert der Künstler nicht mehr als der einsame Schöpfer eines genialen Werks sondern eher als ein Katalysator der soziale Interaktionen ermöglicht. Doch während Tiravanija durch das gemeinsame Kochen und Essen in der Galerie eine offene und gemeinschaftliche Atmosphäre schuf und die soziale Situation selbst zur Skulptur erhob blieb Höller stets der kühle Analytiker: Er nutzte seinen naturwissenschaftlichen Hintergrund um technisch anspruchsvolle Installationen zu bauen die als Instrumente der Selbsterfahrung dienen bei denen nicht die Gemeinschaft sondern die individuelle Verunsicherung im Zentrum steht. In seinen Arbeiten geht es oft um die Frage wie wir uns im sozialen Raum verhalten wenn unsere Sinne getäuscht oder unsere gewohnten Wege blockiert werden. Der Betrachter wird bei Höller zum aktiven Mitwirkenden dessen Reaktionen das eigentliche Kunstwerk erst vervollständigen.

Das Kunstwerk als Ort des kontrollierten Kontrollverlusts

Höllers Repertoire an Mitteln zur Wahrnehmungsveränderung ist ebenso vielfältig wie ungewöhnlich. Seit seinen Anfängen nutzt er eine breite Palette von Objekten die von Fahrzeugen und Spielzeugen bis hin zu Betäubungsmitteln und Tieren reicht. Er setzt blinkende Lichter und Spiegel oder spezielle Brillen ein um die sensorische Gewissheit des Publikums zu untergraben. Ein zentrales Element in seinem Werk sind die korkenzieherartig gewundenen Rutschen die er unter anderem in der Tate Gallery in London installierte. Auch Olafur Eliasson hat die Turbinenhalle der Tate Modern in einen Ort der sensorischen Transformation verwandelt und mit seinem Weather Project eine kollektive Erfahrung von Wärme und Staunen inszeniert doch während Eliasson den Betrachter in eine kontemplative Gemeinschaft einbindet und die Wahrnehmungsverschiebung als poetisches Geschenk darbietet konstruiert Höller Apparate des kontrollierten Kontrollverlusts in denen der Einzelne auf sich allein gestellt durch eine silberne Röhre geschleudert wird und die Euphorie des Fallens am eigenen Leib erfahren muss. Diese riesigen silbernen Röhren sind für ihn weit mehr als nur ein Spielplatz für Erwachsene. Höller bezeichnet sie als Skulpturen in denen man reisen kann. Beim Rutschen geht es ihm um den Moment des Loslassens und den damit verbundenen kontrollierten Kontrollverlust.

Die Mythologie des Fliegenpilzes und die Grenzen des Bewusstseins

Seit der Mitte der neunziger Jahre tauchen in Höllers Installationen immer wieder Fliegenpilze auf die oft als riesige rot weiße Skulpturen von der Decke hängen oder sich im Raum drehen. Für den Künstler ist der Fliegenpilz weit mehr als nur ein visuelles Symbol für Märchen oder den Wald. Er ist fasziniert von den psychoaktiven und halluzinogenen Substanzen die in diesem Pilz enthalten sind und von deren ritueller Verwendung durch Schamanen in Sibirien oder vedische Priester in Indien berichtet wird. Der Fliegenpilz steht bei Höller für die Erweiterung des Bewusstseins und den Zugang zu verborgenen Wissenswelten.

Soma: Ein transdisziplinäres Experiment im Hamburger Bahnhof

Die wohl bekannteste und zugleich komplexeste Arbeit von Carsten Höller war die Ausstellung Soma im Jahr zweitausendzehn im Hamburger Bahnhof in Berlin. Dieses monumentale Projekt war eine perfekte Umsetzung seiner Idee vom künstlerischen Versuchsaufbau. Die Installation bestand aus zwölf Rentieren und vierundzwanzig Kanarienvögeln sowie acht Mäusen und zwei Fliegen die in den weitläufigen Hallen des Bahnhofs lebten. Ein Teil der Rentiere erhielt Futter das mit Fliegenpilzen versetzt war was dazu führte dass sich die psychoaktiven Wirkstoffe im Urin der Tiere sammelten. In der Mitte der Halle thronte eine gewaltige pilzförmige Plattform auf der Besucher für die stolze Summe von eintausend Euro übernachten konnten. Diese Übernachtungsgäste wurden selbst zu Probanden in einem Raum in dem die Grenze zwischen Wissenschaft und Mythos sowie zwischen Mensch und Tier vollkommen aufgehoben war. Soma war ein Gesamtkunstwerk das die Besucher mit den Themen Heilung und Rausch sowie mit der Kontrolle über lebende Organismen konfrontierte und eine Debatte über die Ethik und die Ziele der Kunst im Zeitalter der Biotechnologie auslöste.

Globale Präsenz zwischen Köln und der Küste Ghanas

Carsten Höller ist heute einer der international gefragtesten zeitgenössischen Künstler dessen Arbeiten in den bedeutendsten Institutionen weltweit zu sehen sind. Von der Biennale in Venedig über die Documenta in Kassel bis hin zur Tate Modern in London hat er das Publikum überall mit seinen interaktiven Installationen herausgefordert. Trotz dieses globalen Erfolgs hat Höller sich eine gewisse Erdung bewahrt. Er lebt und arbeitet abwechselnd im urbanen Köln und im nordischen Stockholm. Im Winter zieht es ihn jedoch oft an einen ganz anderen Ort: den Fischerort Biriwa an der Küste von Ghana in Westafrika. Dort besitzt er gemeinsam mit seinem Künstlerkollegen Marcel Odenbach ein Refugium das ihm die notwendige Distanz zum hektischen Kunstmarkt bietet.

Seine Reise von der Insektenforschung zur bildenden Kunst hat Carsten Höller zu einem einzigartigen Grenzgänger gemacht der uns zeigt dass die Wahrheit oft in dem Moment liegt in dem wir den Boden unter den Füßen verlieren. Er nutzt die Instrumente der Wissenschaft um die Kunst zu befruchten und nutzt die Freiheit der Kunst um die Wissenschaft zu hinterfragen. Seine Installationen bleiben Experimente mit offenem Ausgang bei denen der Teilnehmer selbst das wichtigste Messergebnis ist. In einer Welt die immer mehr auf Sicherheit und Vorhersehbarkeit setzt ist seine Kunst eine notwendige Erinnerung an die Kraft des Experiments und die Schönheit des Zweifels.

Mehr Informationen unter: https://gagosian.com/artists/carsten-holler/

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Grenzen der Wahrnehmung und die Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft befragen.