In der weitläufigen und oft unübersichtlichen Landschaft der zeitgenössischen Malerei gibt es nur wenige Stimmen die eine so tiefe und zugleich melancholische Resonanz erzeugen wie jene von Peter Doig. Er ist ein Künstler der sich konsequent jeder einfachen Einordnung entzieht und stattdessen als ein Wanderer zwischen den Welten des Traums und des Echos sowie der harten Realität fungiert. Wer heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig vor einem seiner großformatigen Leinwände steht spürt sofort eine Sogwirkung die den Betrachter in mystische und oft vollkommen traumverlorene Sphären entführt. Geboren wurde dieser außergewöhnliche Visionär am siebzehnten April des Jahres neunzehnhundertneunundfünfzig in der schottischen Hauptstadt Edinburgh. Doch die nebligen Hügel Schottlands sollten nicht lange seine Heimat bleiben denn bereits ein Jahr nach seiner Geburt zog es die Familie über den Ozean in die Karibik nach Trinidad. Diese frühen Jahre unter der intensiven Sonne der Tropen hinterließen einen bleibenden Abdruck in seiner visuellen Wahrnehmung auch wenn die Reise der Familie bald weiterging. Es folgten Stationen in Kanada und schließlich in London wobei insgesamt neun verschiedene Schulen und unzählige Umzüge seine Kindheit und Jugend prägten. Diese ständige Bewegung und das damit verbundene Gefühl des permanenten Fremdseins wurden zum zentralen Treibstoff für sein späteres Schaffen das oft von einer tiefen Sehnsucht nach Verortung und einer gleichzeitigen Feier der Isolation durchzogen ist.
Der nomadische Geist und die prägenden Studienjahre in der Metropole London
Zum ersten Mal so etwas wie eine bewusste Sesshaftigkeit erlebte Peter Doig als er im Jahr neunzehnhundertneunundsiebzig nach London zog um an der renommierten St Martins School of Art das Handwerk der Malerei zu studieren. In dieser Zeit brodelte die britische Hauptstadt vor kreativer Unruhe und der junge Schotte begann seine eigene künstlerische Sprache in einem Umfeld zu entwickeln das sich gerade erst von den strengen Dogmen der Konzeptkunst zu befreien begann. Doch der nomadische Geist blieb ein Teil seines Wesens und so zog es ihn im Jahr neunzehnhundertsechsundachtzig erneut zurück nach Kanada bevor er drei Jahre später wieder nach London zurückkehrte um dort am Chelsea College of Arts seinen Abschluss als Master of Arts zu machen. In einer Ära in der viele seiner Zeitgenossen die Malerei bereits für tot erklärt hatten blieb er dem Bild und der Darstellung der sichtbaren Welt treu. Er fand sein Sujet in der Verbindung von Landschaft und menschlicher Präsenz wobei er Einflüsse von großen Meistern wie Goya und Beckmann sowie Picasso in sein Werk integrierte. Die raue und oft bedrohliche Kälte Kanadas und die leuchtende aber ebenso mysteriöse Hitze der Karibik fließen in seinen Bildern zusammen und erzeugen eine atmosphärische Dichte die das Publikum weltweit fasziniert.
Die Mystik der unbezähmbaren Natur in den rätselhaften Landschaften der Erinnerung
Ein zentraler Einfluss auf das Werk von Peter Doig war die Begegnung mit der Kunst der Group of Seven einem losen Zusammenschluss kanadischer Landschaftsmaler des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Künstler hatten es sich zur Aufgabe gemacht die Wildnis Kanadas in ihrer rohen und unberührten Schönheit festzuhalten und Doig nutzte ihre Werke oft als eine Art ästhetische Vorlage für seine eigenen Schöpfungen. Auch Anselm Kiefer hat die Landschaft als Trägerin von Erinnerung und Geschichte begriffen und seine monumentalen Leinwände mit den Sedimenten der Vergangenheit aufgeladen doch während Kiefer die Landschaft unter der Schwere von Blei und Asche begräbt und sie zum Schauplatz kollektiver Schuld macht verwandelt Doig sie in einen Ort des Geheimnisses und der Sehnsucht in dem die Natur nicht von Geschichte erdrückt sondern von Erinnerung durchleuchtet wird. Seine Bilder sind keine Abbildungen der Natur im klassischen Sinne sondern vielmehr visuelle Meditationen über das Verhältnis des Menschen zur unendlichen Weite. Wer tief in seine rätselhaften Landschaften eintaucht meint die fast unheimliche Stille zu hören die von seinen Malereien ausgeht. Doig gelingt es die Natur als einen Ort des Geheimnisses und der Gefahr darzustellen in dem architektonische Bruchstücke wie kleine Hütten oder Häuser oft verloren und deplatziert wirken.
Ikonen der Isolation: Das Kanu als zentrales Motiv der existenziellen Reise
Das Motiv des Kanus auf einsamen und oft spiegelglatten Gewässern entwickelte sich schnell zum wohl bekanntesten Markenzeichen von Peter Doig. Es ist eine Ikone der Stille und zugleich ein Symbol für die Reise in das Unbewusste. Sein berühmtestes Werk in diesem Kontext ist zweifellos das Weiße Kanu zu dem er sich kurioserweise von einer Szene aus dem Horrorfilm Freitag der Dreizehnte aus dem Jahr neunzehnhundertachtzig inspirieren ließ. Diese Verbindung von klassischer Landschaftsmalerei und den düsteren Motiven der Populärkultur ist bezeichnend für Doigs Herangehensweise. Das Bild zeigt ein weißes Boot das auf einer dunklen Wasseroberfläche treibt die von den Reflexionen des Ufers und des Himmels fast wie ein abstraktes Farbfeld wirkt. Dieses Werk wurde im Jahr zweitausendsieben für die sagenhafte Summe von fünf komma sieben Millionen Pfund versteigert was Doig völlig überraschend für kurze Zeit zum teuersten lebenden Künstler der Welt machte. Das Kanu fungiert als ein Gefäß der Melancholie das den Betrachter auf eine Reise schickt bei der das Ziel ungewiss bleibt und das Wasser zum Spiegel der eigenen Seele wird.
Das Spiel mit der Düsternis und die Faszination für die facettenlose Figur
Peter Doigs Vorliebe für eine gewisse atmosphärische Düsternis tritt vor allem dann zutage wenn er sich der Darstellung von Menschen widmet. In seinen Werken finden sich meist Figuren die ohne ein erkennbares Gesicht dargestellt werden und die einsam und in sich versunken in weiten Landschaften verharren. Sie wirken oft wie Traumwandler die sich in einer Welt bewegen die ihnen ebenso fremd ist wie dem Betrachter selbst. Als Vorlage für diese Kompositionen dienen dem Maler überwiegend Fotografien oder Videostills aus seinem persönlichen Archiv die er gesammelt hat wie andere Menschen Briefmarken oder Münzen. Auch Gerhard Richter hat die Fotografie als Ausgangsmaterial für die Malerei zum Programm erhoben und private Schnappschüsse sowie Pressebilder in eine Malerei überführt die die Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion systematisch verwischt doch während Richter das Foto durch die berühmte Unschärfe seines Rakels in ein Feld der Ambiguität überführt und den Gegenstand im Nebel der Übermalung verschwinden lässt schärft Doig die fotografische Vorlage in eine halluzinatorische Intensität in der die Farben glühen und die Landschaft lebendiger wird als die Realität es je sein könnte. Er nutzt diese flüchtigen Fragmente der Realität um sie in eine malerische Welt zu überführen die zwischen Kitsch und Katastrophe balanciert.
Zwischen kommerziellem Rekordwert und der Last der kulturellen Verantwortung
Heute wird Peter Doig als einer der international einflussreichsten zeitgenössischen Maler gefeiert und seine Werke sind in den renommiertesten Museumssammlungen des Planeten zu finden. Von der Tate Gallery in London über das British Museum bis hin zum Musee National d Art Moderne im Pariser Centre Pompidou oder dem MoMA in New York gibt es kaum eine bedeutende Institution die seine Arbeiten nicht zu ihren Schätzen zählt. Auch in Deutschland ist sein Wirken tief verankert was sich unter anderem in seiner langjährigen Professur an der Kunstakademie in Düsseldorf widerspiegelte. Dort prägte er eine ganze Generation von jungen Malern und trug dazu bei dass der Diskurs über die figurative Malerei lebendig blieb. Die Nominierung für den renommierten Turner Preis im Jahr neunzehnhundertvierundneunzig war ein früher Beleg für seine außergewöhnliche Stellung innerhalb der britischen Kunstszene.
Die Rückkehr zu den Wurzeln und die bleibende Relevanz der karibischen Inspiration
Nach langen Aufenthalten in den Metropolen London und Montreal sowie in Düsseldorf ist Peter Doig schließlich an den Ort seiner frühen Kindheit zurückgekehrt. Heute lebt und arbeitet er mit seiner Familie wieder auf der Insel Trinidad wo das besondere Licht der Karibik und die üppige Vegetation weiterhin seine Farben und Motive inspirieren. Diese Rückkehr zu den Wurzeln markiert eine neue Phase in seinem Werk in der die Farben leuchtender und die Kompositionen oft noch offener geworden sind. Peter Doig bleibt ein Suchender der uns durch seine Bilder daran erinnert dass die Welt hinter dem Sichtbaren oft viel größer und geheimnisvoller ist als wir es uns in unserem rationalen Alltag vorstellen können. Seine Malerei ist ein Plädoyer für die Langsamkeit des Sehens und für die Kraft der Imagination die in der Lage ist aus einer flüchtigen Erinnerung oder einem Videostill ein zeitloses Meisterwerk zu schaffen.
Doig zeigt uns dass die Malerei auch im digitalen Zeitalter eine unverzichtbare Kraft besitzt um die Komplexität der menschlichen Seele und ihre Verbindung zur Natur auszudrücken. Er bleibt der stille Regisseur von Welten die uns bekannt vorkommen und die uns doch immer wieder aufs Neue überraschen. Sein Vermächtnis liegt in der radikalen Subjektivität seiner Sichtweise und in der unerschütterlichen Liebe zum Medium der Farbe die er nutzt um die Stille der Welt hörbar zu machen.
Mehr Informationen unter: https://www.fondationbeyeler.ch/ausstellungen/vergangene-ausstellungen/peter-doig
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Kraft der Malerei und die Poesie der Landschaft feiern — von Light with no Sound bis Cave.
