Der im Jahr eintausendsiebenhundertdreiundsechzig in Leeds geborene Marcus Harvey gehört zu jenen Figuren der britischen Kunstwelt die den Begriff der Provokation nicht als bloße Pose sondern als eine notwendige Konfrontation mit der gesellschaftlichen Realität begreifen. Wer heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf seine Karriere blickt erkennt einen Künstler der den beschwerlichen Weg von der Arbeiterstadt im Norden bis in die Zentren der Londoner Avantgarde mit einer bemerkenswerten Zähigkeit zurückgelegt hat. Harveys Weg zum Ruhm war keineswegs geradlinig oder von frühem Erfolg gesegnet. Nachdem er Ende der achtziger Jahre seinen Abschluss am renommierten Goldsmiths College gemacht hatte befand er sich in einer existenziellen Schwebe die für viele junge Kreative dieser Generation typisch war. Um seine künstlerischen Ambitionen zu finanzieren und gleichzeitig den Verpflichtungen des Alltags gerecht zu werden arbeitete er sieben Jahre lang in einem erschöpfenden Rhythmus. Nachts war er als Krankenpfleger tätig und sorgte für Menschen in ihren verletzlichsten Momenten während er den Tag in seinem Atelier verbrachte um an seiner Vision zu feilen. Diese doppelte Existenz zwischen der harten Realität des Pflegedienstes und der geistigen Freiheit der Kunst prägte seine Wahrnehmung des menschlichen Körpers und der materiellen Welt zutiefst. In dieser Zeit durchlief er zudem private Turbulenzen die von Heirat und Vaterschaft bis hin zu Scheidung und neuen familiären Bindungen reichten. Diese persönlichen Erfahrungen von Verlust und Neubeginn flossen in eine Kunst ein die niemals gefällig sein wollte sondern die den Anspruch erhob den Betrachtern den Tag zu versauen und sie aus ihrer Komfortzone zu reißen.
Die Lehrjahre zwischen Pflegedienst und Leinwand
Die Zeit am Goldsmiths College gilt heute als die Geburtsstunde der sogenannten Young British Artists einer Bewegung die den Kunstmarkt der neunziger Jahre mit einer Mischung aus Arroganz und Genie sowie einer radikalen neuen Materialität erschütterte. Marcus Harvey war Teil dieser wegweisenden Generation doch sein persönlicher Hintergrund unterschied ihn von vielen seiner Zeitgenossen. Während andere sich früh im Glanz der Galerien sonnten musste Harvey die harte Schule des Lebens absolvieren. Die sieben Jahre als Krankenpfleger waren keine verlorene Zeit sondern ein Studium der menschlichen Physis unter extremen Bedingungen. Wer nachts Kranke pflegt entwickelt einen Blick für das Fleischliche und das Vergängliche sowie für die Schmerzpunkte der Existenz. Als er schließlich die Pflege aufgab um sich als Vollzeitkünstler zu etablieren trug er diese ungeschönte Perspektive in seine Malerei. Er war kein Ästhet der nach Harmonie suchte sondern ein Arbeiter der die Leinwand als ein Schlachtfeld begriff. Sein Weg war wackelig und von Unsicherheit geprägt doch gerade diese Instabilität verlieh seinen frühen Arbeiten eine Dringlichkeit die in der glatten Welt der kommerziellen Kunst selten geworden war. Harvey war bereit alles zu riskieren um eine Stimme zu finden die über das Rauschen der Massenmedien hinausgehörte.
Myra und der Sturm der Entrüstung im Burlington House
Der Name Marcus Harvey ist für die meisten Menschen untrennbar mit einem einzigen Werk verbunden das im Jahr eintausendsiebenhundertsiebenundneunzig die britische Öffentlichkeit in einen Zustand kollektiven Entsetzens versetzte. Im Rahmen der legendären Ausstellung Sensation in der Royal Academy in London präsentierte er sein monumentales Porträt Myra. Das Bild zeigt das Gesicht der berüchtigten Serienkindermörderin Myra Hindley basierend auf dem polizeilichen Fahndungsfoto das sich tief in das nationale Gedächtnis Großbritanniens eingebrannt hatte. Was das Werk jedoch so unerträglich für viele Betrachter machte war nicht nur das Motiv selbst sondern die Technik seiner Entstehung. Harvey hatte das Gesicht aus tausenden winzigen Handabdrücken von Kindern zusammengesetzt. Diese bewusste Verknüpfung der Unschuld der Opfer mit dem Antlitz der Täterin wurde als ein Akt unentschuldbarer Grausamkeit wahrgenommen. Die Reaktion der Öffentlichkeit war gewaltig und von einer Feindseligkeit geprägt die selbst die abgehärteten Kuratoren der Royal Academy überraschte. Eine Gruppe von Müttern unter der Führung von Winnie Johnson deren eigener Sohn eines der Opfer von Hindley war stürmte die Ausstellung und forderte die sofortige Entfernung des Bildes.
Die Emotionen kochten so hoch dass es zu tätlichen Angriffen auf das Kunstwerk kam. Im Burlington House dem ehrwürdigen Sitz der Akademie wurden Fensterscheiben eingeschlagen und das Gemälde wurde von wütenden Demonstranten mit Eiern und Tinte beworfen. Harvey selbst war von der Heftigkeit dieser Reaktion wie vor den Kopf gestoßen. Er hatte das Werk nicht als eine Verherrlichung des Verbrechens geplant sondern als eine Untersuchung über die Macht von Bildern und die Art wie das Böse in der medialen Wahrnehmung ikonalisiert wird. Trotz seines eigenen Schreckens über die Feindseligkeit blieb er seiner künstlerischen Überzeugung treu. Er war schon immer der Meinung gewesen dass Kunst konfrontieren muss und kein Ort für angenehme Ablenkungen sein darf. Das Porträt wurde nach den Angriffen vorübergehend entfernt und restauriert bevor es hinter schützendem Plexiglas und unter der Bewachung von Sicherheitsleuten wieder zugänglich gemacht wurde. Myra blieb eines der umstrittensten Kunstwerke der neunziger Jahre und machte Harvey schlagartig bekannt obwohl er diesen Ruhm niemals in der Weise suchte wie es manche seiner Kollegen taten.
Die Stille nach dem Skandal und die Verweigerung des Rampenlichts
Nach dem gewaltigen Echo der Sensation Ausstellung hätte Marcus Harvey die Welle der Berühmtheit reiten können um sich als Enfant terrible der Kunstwelt zu inszenieren. Doch er wählte einen anderen Weg. Während viele seiner Zeitgenossen das Rampenlicht suchten zog sich Harvey in sein Atelier zurück und arbeitete in aller Stille weiter. Er weigerte sich beharrlich Interviews zu geben und mied die öffentliche Bühne Großbritanniens für eine lange Zeit. Diese Verweigerung war kein Akt der Arroganz sondern eine notwendige Maßnahme um die Integrität seiner Arbeit zu schützen. Er wollte nicht als der Mann mit dem Hindley Bild abgestempelt werden sondern als Maler ernst genommen werden der sich mit den komplexen Schichten der Identität und der Geschichte auseinandersetzt. In dieser Phase der Abgeschiedenheit verfeinerte er seine Techniken und suchte nach neuen Wegen um die physische Schwere der Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Er blieb ein Außenseiter der Kunstwelt der zwar international in Galerien wie Mary Boone in New York oder der Galleria Marabini in Bologna ausstellte aber in seiner Heimat eine fast phantomhafte Präsenz behielt. Seine Themen blieben jedoch weiterhin provokant und setzten sich mit den dunklen Flecken der britischen Seele auseinander.
Inselaffen und die skulpturale Dekonstruktion der Eisernen Lady
Ein weiterer Meilenstein in Harveys Schaffen war die Ausstellung mit dem provokanten Titel Inselaffen. Hier setzte er seine Untersuchung der britischen Identität fort und nahm sich eine der polarisierendsten Figuren der jüngeren Geschichte vor: Margaret Thatcher. Eines der herausragenden Werke dieser Schau war eine lebensgroße Skulptur der nackten Premierministerin die in Begleitung eines Schweins und einiger Ferkel dargestellt wurde. Diese Arbeit war ein brachialer Kommentar zu den Auswirkungen der Thatcherschen Politik und zum Zustand der Nation. Doch Harvey beschränkte sich nicht auf die Bildhauerei. Er schuf zudem ein monumentales Schwarz Weiß Porträt mit dem Titel Maggie das in seiner technischen Komplexität alles bisherige in den Schatten stellte. Für dieses Werk goss er über fünfzehntausend skulpturale Objekte in Gips darunter Gemüse und Dildos sowie Masken und Schädel oder Hände. Diese Abgüsse wurden anschließend auf der Leinwand befestigt um das Gesicht der Eisernen Lady zu formen. Unter den Objekten findet sich auch eine Maske von Tony Blair sowie zahlreiche andere Verweise auf die britische Geschichte und die Symbole nationaler Identität. Die schiere Masse des Materials führt dazu dass das Gemälde über eine Tonne wiegt und mehr als tausend Stunden Arbeitszeit in Anspruch nahm. Es ist ein Werk von einer fast schon erdrückenden physischen Präsenz das die Geschichte nicht nur abbildet sondern sie materiell greifbar macht.
Turps Banana und die Stimme der Malerei
Neben seinem eigenen künstlerischen Werk hat Marcus Harvey einen bedeutenden Beitrag zur Kultur der Malerei geleistet indem er das Magazin Turps Banana gründete und als Mitherausgeber fungierte. Dieses schillernde Magazin wurde zu einer wichtigen Plattform für Malerinnen und Maler da es von Praktikern für Praktiker gemacht wird. Es verzichtet auf den oft kryptischen Jargon der Kunstkritik und konzentriert sich stattdessen auf die handwerklichen und theoretischen Fragen der Malerei. Durch Turps Banana schuf Harvey einen Raum für den Diskurs der jenseits der großen Markttrends existiert. Er förderte den Austausch zwischen den Generationen und setzte sich für die Relevanz der Malerei in einer Zeit ein die oft von digitalen Medien dominiert wird. Diese Arbeit unterstreicht sein Selbstverständnis als ein Künstler der tief in der Tradition seines Mediums verwurzelt ist und der die Malerei als eine lebensnotwendige Ausdrucksform begreift. Turps Banana ist Ausdruck seiner Überzeugung dass Kunst ein kollektives Gespräch ist das Mut zur Ehrlichkeit und zur Reibung erfordert.
Ein Werk von tonnenschwerer Bedeutung
Marcus Harvey bleibt im Jahr zweitausendsechsundzwanzig eine Ausnahmeerscheinung der zeitgenössischen Kunst deren Einfluss eher in der Tiefe als in der Breite der Bekanntheit wirkt. Seine Teilnahme an wichtigen Gruppenausstellungen wie Some Went Mad Some Ran Away in der Serpentine Gallery oder eben Sensation hat seinen Platz in der Kunstgeschichte gesichert. Doch es sind seine Einzelausstellungen in Orten wie dem White Cube in London oder bei Tanya Bonakdar in New York die zeigen dass sein Werk eine beständige Relevanz besitzt. Harvey ist ein Künstler der Schwere der sowohl die Last der Geschichte als auch die Last des Materials nutzt um uns mit den unbequemen Wahrheiten unserer Existenz zu konfrontieren. Seine Bilder und Skulpturen sind keine Dekoration für schöne Wohnzimmer sondern monumentale Zeugnisse einer ungeschönten Sicht auf die Welt. Wer vor seinen tonnenschweren Porträts steht spürt die Anstrengung und den Schmerz sowie die Leidenschaft die in jede einzelne Form geflossen sind. Marcus Harvey hat bewiesen dass man auch dann ein wichtiger Künstler sein kann wenn man sich weigert den Regeln des Marktes und der Medien zu folgen. Er bleibt der unermüdliche Arbeiter der uns mit seinen Inselaffen und seinen provokanten Porträts den Spiegel vorhält und uns daran erinnert dass die Kunst der Ort ist an dem die schwierigsten Kämpfe ausgefochten werden müssen.
Seine Geschichte ist die eines Mannes der sich von den Nachtschichten im Krankenhaus bis an die Spitze der internationalen Kunstwelt vorgekämpft hat ohne dabei seinen Kompass zu verlieren. Er nutzt das Material um die Zeit anzuhalten und uns zur Reflexion zu zwingen. Seine Werke sind Palimpseste der britischen Seele in denen sich Verbrechen und Politik sowie Alltag und Mythos zu einer dichten Masse vermengen. Wer heute vor Maggie steht sieht nicht nur eine Politikerin sondern die Schichten einer Nation die aus tausenden von kleinen Fragmenten besteht. Marcus Harvey erinnert uns daran dass wir alle aus diesen Fragmenten zusammengesetzt sind und dass es die Aufgabe der Kunst ist diese Verbindung sichtbar zu machen auch wenn es wehtut.
Mehr Informationen unter: https://www.saatchigallery.com/artist/marcus_harvey
Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.
