In der weiten Welt der zeitgenössischen Bildhauerei gibt es kaum einen Namen der so untrennbar mit der Erforschung der Leere und der Manipulation der menschlichen Wahrnehmung verbunden ist wie Anish Kapoor. Er gilt als einer der bedeutendsten britisch-indischen Künstler seiner Generation und hat die Sprache der Abstraktion um eine zutiefst spirituelle und zugleich physisch spürbare Dimension erweitert. Wer vor einem seiner Werke steht begegnet nicht nur einem Objekt sondern einer Erfahrung die den Raum und die Zeit sowie das eigene Körpergefühl in Frage stellt. Kapoor der im Jahr 1954 in Mumbai zur Welt kam hat es geschafft einen modernistischen Sinn für reine Materialität mit einer fast schon magischen Faszination für die Form zu verbinden. Seine Arbeiten sind keine statischen Monumente sondern vielmehr Portale in eine andere Realität in der die Gesetze der Physik außer Kraft gesetzt scheinen. Ob er mit leuchtenden Pigmenten arbeitet oder riesige Spiegel aus poliertem Edelstahl erschafft immer geht es ihm darum den Betrachter aus der alltäglichen Logik zu reißen und ihn mit dem Unendlichen zu konfrontieren.
Von den Wurzeln in Mumbai zur Ankunft in London
Die Geschichte von Anish Kapoor beginnt in der pulsierenden Metropole Mumbai wo er als Sohn eines indischen Vaters und einer irakisch-jüdischen Mutter geboren wurde. Schon als kleiner Junge zeigte er ein großes Interesse an der kreativen Arbeit seiner Mutter. Sein Weg führte ihn zunächst nach Israel wo er in einem Kibbuz lebte und arbeitete. Doch der Ruf der Kunst war stärker. Im Jahr 1973 entschloss er sich nach Europa zu trampen und ließ sich schließlich in London nieder um am Hornsey College of Art zu studieren. Nach seinem Aufbaustudium an der Chelsea School of Art wagte er den mutigen Schritt seine Karriere als freier Künstler zu beginnen.
Die New British Sculptors und der Glanz des Pigments
In den frühen achtziger Jahren geriet Anish Kapoor in den Fokus der Aufmerksamkeit als er Teil der New British Sculptors wurde. Kapoor begann mit organischen und abstrakten Skulpturen die er oft mit reinen und leuchtenden Farbpigmenten überzog. Ein bekanntes Beispiel aus dieser Phase ist die Serie 1000 Names bei der die Objekte wie aus dem Boden gewachsene Gebilde wirken die durch ihre intensive Farbigkeit eine fast schon sakrale Präsenz besitzen. Die Verwendung von Pigmenten erlaubte es ihm die Oberfläche der Skulptur so zu veredeln dass sie wie eine samtige Haut wirkte die das Licht absorbierte und gleichzeitig eine unglaubliche Tiefe suggerierte. In dieser Fähigkeit durch reine Farbigkeit eine spirituelle Dimension zu erzeugen steht Kapoor neben Yayoi Kusama, deren Infinity Rooms ebenfalls die Auflösung des Raums in reine Wahrnehmung anstreben — wenn auch mit der obsessiven Wiederholung des Punktes wo Kapoor die organische Leere bevorzugt.
Der Triumph in Venedig und die Eroberung der Leere
Das Jahr 1990 markierte einen absoluten Höhepunkt als er Großbritannien auf der 44. Biennale in Venedig vertrat. Nur ein Jahr später wurde ihm der renommierte Turner Prize verliehen. Während dieser Zeit begann Kapoor sich intensiv mit dem Begriff der Leere auseinanderzusetzen. Er schuf Werke die in die Ferne zu rücken scheinen oder in Wänden und Böden verschwinden. Ein bekanntes Beispiel ist Descent into Limbo bei dem ein tiefschwarzes Loch im Boden den Betrachter dazu einlädt in eine scheinbar bodenlose Finsternis zu blicken. Die Leere ist für Kapoor nicht einfach ein Nichts sondern ein Raum voller Möglichkeiten und metaphysischer Bedeutung. In dieser Erforschung des Verschwindens und der Auflösung des Raums berührt sich sein Werk mit dem von James Turrell, dessen Perceptual Cells und Ganzfelds ebenfalls die Grenze zwischen physischer Realität und subjektiver Wahrnehmung aufheben — wenn auch mit dem Medium des Lichts wo Kapoor die Abwesenheit des Lichts sucht.
Spiegelwelten und die Poesie der Reflexion
Ein wesentliches Merkmal im Schaffen von Anish Kapoor ab den späten neunziger Jahren war der Einsatz von hochglanzpoliertem Edelstahl. Mit Werken wie Sky Mirror oder dem ikonischen Cloud Gate in Chicago schuf er Skulpturen die ihre Umgebung nicht nur besetzen sondern sie aktiv in sich aufnehmen und verzerren. Cloud Gate das oft liebevoll als „die Bohne“ bezeichnet wird wurde zu einem der bekanntesten öffentlichen Denkmäler der Welt. Die spiegelnde Oberfläche erlaubt es den Menschen sich selbst und die Skyline der Stadt in einer vollkommen neuen Weise wahrzunehmen. In dieser Nutzung der spiegelnden Oberfläche als Mittel der Partizipation steht Kapoor neben Olafur Eliasson, dessen Weather Project in der Tate Modern ebenfalls den Betrachter zum Teil des Kunstwerks macht — wenn auch mit dem Medium des Lichts und des Nebels wo Kapoor die reine Reflexion bevorzugt. Kapoor zeigt uns dass die Oberfläche eines Objekts eine eigene Poesie besitzen kann die uns dazu einlädt über unsere eigene Position im Raum nachzudenken.
Vantablack und die Kontroverse um das absolute Schwarz
Im Jahr 2014 sorgte Anish Kapoor für weltweite Schlagzeilen als er die exklusiven Rechte an Vantablack erwarb. Vantablack ist eine Substanz die aus Kohlenstoffnanoröhren besteht und bis zu 99,96 Prozent des sichtbaren Lichts absorbiert was sie zum dunkelsten Material macht das jemals von Menschenhand geschaffen wurde — eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft die neue Fragen über die Grenzen der Wahrnehmung aufwirft. Kapoors Entscheidung sich die alleinigen Rechte für die künstlerische Nutzung dieses Materials zu sichern löste heftige Debatten in der Kunstwelt aus. Doch für Kapoor bot Vantablack die ultimative Möglichkeit den Begriff der Leere zu radikalisieren. Wenn ein Objekt mit diesem Schwarz überzogen wird verliert es jegliche Dreidimensionalität für das menschliche Auge und wirkt wie ein zweidimensionales Loch im Raum.
Monumentale Interventionen und der Geist von Versailles
Anish Kapoors Fähigkeit den Raum auf monumentale Weise zu besetzen zeigte sich eindrucksvoll in seiner großen Ausstellung in den Gärten des Schlosses von Versailles im Jahr 2015. Er platzierte dort gewaltige Skulpturen die in einen spannungsreichen Dialog mit der barocken Architektur traten. Besonders das Werk Dirty Corner löste heftige Reaktionen und sogar Vandalismus aus. Kapoor provozierte bewusst indem er organische und scheinbar ungeordnete Formen in die künstliche Ordnung des königlichen Gartens brachte — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren. In der Monumentalität seiner öffentlichen Interventionen steht Kapoor neben Ernesto Neto, dessen Leviathan Thot im Pariser Panthéon ebenfalls einen historischen Monumentalraum durch eine organische Skulptur transformierte.
Anish Kapoor als Weltbürger der Kunst
Abschließend lässt sich sagen dass Anish Kapoor als ein wahrer Weltbürger der Kunst begriffen werden muss. Er verbindet sein östliches Erbe mit westlichen Einflüssen und schafft dadurch eine Kunst die wirklich international ist. Seine ikonischen öffentlichen Denkmäler sind auf der ganzen Welt zu finden und veranschaulichen dass seine Kunst vom Menschsein spricht im einfachsten und alltäglichsten Sinne. Er nutzt die Skulptur um uns an das Wunder der Existenz und an die Geheimnisse des Universums zu erinnern. Kapoor bleibt ein Visionär der uns zeigt dass die Leere nicht das Ende ist sondern der Anfang von allem. Er hat die Bildhauerei in den Adelsstand der Metaphysik erhoben und uns gezeigt dass ein Objekt mehr sein kann als die Summe seiner Teile. Sein Vermächtnis ist eine befreite Form die keine Angst vor der Unendlichkeit hat weil sie weiß dass wir alle Teil eines großen und wunderbaren Ganzen sind.
Mehr Informationen unter: https://anishkapoor.com
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Raum und Wahrnehmung verhandeln — von Cave bis Light with no Sound.
