Subodh Gupta: Der Alchemist des indischen Alltags

In der weiten und oft unübersichtlichen Landschaft der globalen Gegenwartskunst gibt es nur wenige Stimmen die so kraftvoll und zugleich so tief verwurzelt in ihrer eigenen Herkunft klingen wie jene von Subodh Gupta. Wer heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf das beeindruckende Lebenswerk dieses Ausnahmekünstlers blickt erkennt sofort dass er weit mehr als nur ein Bildhauer ist. Er ist ein Chronist des Wandels und ein Alchemist des Alltäglichen der die Seele eines ganzen Subkontinents in glänzendes Metall und vergängliche Erde gegossen hat. Seine Reise die in den staubigen Straßen von Bihar begann und ihn bis in die prächtigsten Paläste von Venedig und die renommiertesten Galerien von New York führte ist eine Erzählung von Aufstieg und Transformation sowie von der unerschütterlichen Kraft der kulturellen Identität. Gupta hat es geschafft das Banale in das Sakrale zu überführen und dabei die sozioökonomischen Erschütterungen Indiens für ein weltweites Publikum physisch greifbar zu machen. Sein Werk ist ein glänzender Spiegel in dem sich die Träume der indischen Mittelklasse ebenso reflektieren wie die bittere Realität der ländlichen Armut. Er nutzt die Sprache des Materials um über Hunger und Überfluss sowie über Tradition und radikale Modernisierung zu sprechen wobei er stets eine tief empfundene Menschlichkeit bewahrt.

Die Wurzeln in Bihar und die Ästhetik der Knappheit

Um die Wucht und die Bedeutung der Kunst von Subodh Gupta wirklich zu begreifen muss man an den Ort seiner Herkunft zurückkehren. Er wurde im Jahr neunzehnhundertvierundvierzig in Bihar geboren einer Region die damals wie heute als eine der wirtschaftlich am wenigsten entwickelten Gegenden Indiens gilt. In einer Umgebung aufzuwachsen die von ländlicher Einfachheit und oft auch von Mangel geprägt war hinterließ tiefe Spuren in seiner künstlerischen Wahrnehmung. Als Sohn eines einfachen Eisenbahnarbeiters war Gupta Teil einer großen Familie mit insgesamt sechs Geschwistern. Das Leben in einem solchen Haushalt bedeutet dass das Teilen und die gemeinschaftliche Nutzung von Gegenständen keine Entscheidung sondern eine schiere Notwendigkeit sind. Die Geräusche von klapperndem Geschirr und der Anblick von aufgestapelten Tellern waren die Kulisse seiner Kindheit. Diese frühen Erfahrungen lehrten ihn den Wert der Dinge jenseits ihres rein materiellen Preises zu schätzen. In Bihar war die Eisenbahn zudem das Symbol für Verbindung und Mobilität aber auch für eine ferne Welt der Industrie die langsam in das dörfliche Leben einsickerte. Diese Spannung zwischen dem Statischen der Scholle und dem Dynamischen der Schiene sollte später zu einem zentralen Motiv in seinen großformatigen Installationen werden.

Der lange Weg zur Meisterschaft in Patna und Neu-Delhi

Die akademische Ausbildung von Subodh Gupta war kein geradliniger Prozess sondern ein Weg der von Ausdauer und einer stetigen Suche nach dem eigenen Ausdruck geprägt war. Er begann sein Studium am College of Arts und Crafts in Patna einer Institution die ihm zwar die handwerklichen Grundlagen vermittelte ihn aber auch mit den konservativen Vorstellungen der damaligen Kunstlehre konfrontierte. Dennoch schloss er dort im Jahr neunzehnhundertachtundachtzig zunächst seinen Bachelor ab. Es sollte jedoch noch ein weiteres Jahrzehnt vergehen bis er im Jahr neunzehnhundertachtundneunzig seinen Master of Fine Arts an derselben Hochschule erhielt. Diese lange Zeit der Reifung war entscheidend da er in dieser Phase begann die Kluft zwischen der ländlichen Tradition seiner Heimat und den globalen Trends der zeitgenössischen Kunst zu überbrücken. Nach seinem Studium zog es ihn nach Gurugram und schließlich in die indische Hauptstadt Neu-Delhi die bis heute sein primärer Arbeitsort geblieben ist. In dieser vibrierenden Metropole fand er die Reibung die er brauchte um seine Visionen zu schärfen. Hier begegnete er auch der britischen Künstlerin Bharti Kher die er schließlich heiratete. Diese Partnerschaft mit einer ebenfalls international hochangesehenen Künstlerin schuf ein kreatives Kraftzentrum das die indische Kunstszene maßgeblich beeinflusste und den Dialog zwischen westlichen und östlichen Perspektiven in seinem eigenen Werk vertiefte.

Die Magie der Erde und der Provokateur auf der heiligen Kuh

Bevor Subodh Gupta mit seinen Edelstahlskulpturen Weltruhm erlangte experimentierte er intensiv mit Materialien die direkt aus dem Herzen des ländlichen Indiens stammten. Er nutzte Asche und Kuhdung sowie Lehm um raumgreifende Werke zu schaffen die an die rituellen Praktiken seiner Heimat erinnerten. Für einen westlichen Betrachter mag die Verwendung von Kuhdung befremdlich wirken doch für Gupta ist dies ein Stoff von höchster spiritueller und funktionaler Bedeutung. Der Dung dient in indischen Dörfern als Brennstoff und Baumaterial sowie als Symbol für Fruchtbarkeit und Reinigung. In einer seiner frühen Arbeiten errichtete er ein Rundhaus aus Asche das mit getrockneten Kuhfladen verziert war ein Werk das die archaische Kraft der Erde und die zyklische Natur des Lebens feierte. In dieser Materialwahl steht Gupta in einer überraschenden Verbindung mit Sheela Gowda, die ebenfalls mit Kuhdung und Kumkum arbeitet und die sinnliche Erfahrung indischer Alltagskultur mit den formalen Fragen zeitgenössischer Skulptur verbindet. Ein Moment der absoluten Provokation und zugleich der tiefen Selbstreflexion war seine Fotografie mit dem Titel Cowboy aus dem Jahr zweitausendeins. Auf diesem Bild sieht man den Künstler nackt auf einer heiligen Kuh reiten. Es ist ein Werk das mit den westlichen Mythen des Cowboys und des einsamen Helden spielt und diese mit der tiefen Religiosität Indiens kollidieren lässt. Gupta zeigt sich hier als ein Künstler der bereit ist die eigenen Wurzeln zu befragen und dabei auch den Schock des Publikums als Mittel der Erkenntnis zu nutzen.

Edelstahlgeschirr als das glänzende Alphabet der indischen Moderne

Der eigentliche Wendepunkt in seiner Karriere der ihn schlagartig international bekannt machte war die Entdeckung des Edelstahlgeschirrs als sein primäres künstlerisches Medium. In den neunziger Jahren begann er damit die gewöhnlichen Küchenutensilien die in jedem indischen Haushalt zu finden sind in monumentale Installationen zu verwandeln. Für Gupta ist dieses Geschirr das er in riesigen Mengen auf Märkten kauft oder sammelt weit mehr als nur Metall. Es ist das Alphabet einer ganzen Gesellschaft. Edelstahl ist in Indien das Material der aufstrebenden Mittelklasse; es ist langlebig und glänzend und es hat die traditionellen Gefäße aus Ton oder Bronze weitgehend verdrängt. Wenn Gupta hunderte von Töpfen und Tellern sowie Schalen und Bechern zu gewaltigen Objekten aufhäuft dann spricht er über das kollektive Verlangen nach Wohlstand und über die massenhafte Produktion von Träumen. Seine erste große Installation dieser Art präsentierte er im Jahr zweitausend in der Galerie Nature Morte in New York ein Ereignis das seinen internationalen Durchbruch markierte. Diese Werke funktionieren wie soziale Plastiken — ein Konzept das auf Joseph Beuys zurückgeht — die eine Verbindung zwischen den verschiedenen Schichten der Gesellschaft schaffen. Jeder Topf trägt die Spuren des Gebrauchs und der Ernährung in sich und steht für die Millionen von Menschen die täglich daraus essen. Gupta hat das Geschirr aus der Küche geholt und es auf den Sockel der hohen Kunst gehoben wodurch er dem Alltäglichen eine neue fast schon epische Würde verlieh. In dieser Erhebung des Banalen zum Kunstwerk steht er in einer Tradition die von Marcel Duchamps Readymades über Jeff Koons‘ Staubsauger-Vitrinen bis zu Damien Hirsts Formaldehyd-Tiere reicht — aber Guptas Geste ist wärmer, persönlicher und kulturell spezifischer als bei seinen westlichen Vorgängern.

Very Hungry God und die Totenköpfe des globalen Konsums

Eines der spektakulärsten und zugleich am meisten diskutierten Werke von Subodh Gupta ist die monumentale Skulptur mit dem Titel Very Hungry God. Dieser gigantische Totenschädel der komplett aus tausenden glänzenden Edelstahlutensilien zusammengesetzt ist wurde unter anderem vor dem Palazzo Grassi am Canal Grande in Venedig ausgestellt. Die Wirkung dieses Werkes ist überwältigend da der Glanz des Metalls und die morbide Form des Schädels eine unheimliche Symbiose eingehen. Gupta thematisiert hier den unersättlichen Hunger einer globalisierten Welt die sich im Überfluss verliert während sie gleichzeitig von der eigenen Vergänglichkeit bedroht wird. Der Schädel fungiert als ein modernes Memento Mori das uns daran erinnert dass am Ende aller materiellen Anhäufung der Tod steht — eine Verwandtschaft mit Damien Hirsts diamantenbesetztem Totenschädel For the Love of God, der das gleiche Thema mit westlicher Dekadenz behandelt wo Gupta es aus der Perspektive des globalen Südens formuliert. Gleichzeitig verweist der Titel auf die spirituelle Ebene und die Opferrituale bei denen Götter durch Gaben besänftigt werden müssen. In der Kulisse von Venedig einer Stadt die selbst zwischen Pracht und Verfall schwebt und die als Schauplatz der Biennale die wichtigste Bühne der zeitgenössischen Kunst bietet entfaltete dieses Werk eine besondere Kraft. Der Erfolg dieses Werkes schlug sich auch auf dem Kunstmarkt nieder wo seine Skulpturen mittlerweile regelmäßig die Millionengrenze überschreiten was die enorme Wertschätzung seiner Arbeit unterstreicht.

Gandhis drei Affen und die Botschaft des Friedens in Bronze und Stahl

Ein weiteres zentrales Werk in seinem Schaffen ist die dreiteilige Monumentalinstallation mit dem Titel Gandhis Three Monkeys aus dem Jahr zweitausendsieben. In dieser Arbeit nutzt Gupta die ikonische Darstellung der drei Affen die nichts Böses hören und sehen oder sagen wollen um auf die politische Realität und die Suche nach Frieden in einer gewaltbereiten Welt aufmerksam zu machen. Er gestaltete die Köpfe in einer Weise die an militärische Helme erinnert und nutzte dabei erneut sein charakteristisches Edelstahlgeschirr um die Oberflächen zu strukturieren. Diese Skulptur wurde in der Galerie Nature Morte ausgestellt und für eine Million Euro verkauft was ihren Status als eines der wichtigsten politischen Kunstwerke der Gegenwart festigte. Gupta gelingt es hier die Ideale von Mahatma Gandhi in eine moderne Formsprache zu übersetzen die sowohl die historische Tiefe als auch die aktuelle Dringlichkeit des Themas betont. In dieser Verbindung von Kunst und Gesellschaft — der Frage wie Kunst politische Realitäten nicht nur abbildet sondern einfordert — steht Gupta neben Künstlern wie Ai Weiwei, der mit ebenso monumentalen Gesten den Widerstand gegen autoritäre Systeme formuliert.

Et tu Duchamp und die spielerische Kritik an der westlichen Kunstgeschichte

Obwohl seine Kunst tief in der indischen Realität verwurzelt ist scheut Subodh Gupta nicht den Dialog mit den Größen der westlichen Kunstgeschichte. Im Jahr zweitausendzehn präsentierte er in Wien die Installation Et tu Duchamp eine Bronzeskulptur die eine verfremdete Version der Mona Lisa zeigt. Der Titel ist eine direkte Anspielung auf Marcel Duchamp den Vater der Konzeptkunst der bereits im frühen zwanzigsten Jahrhundert die Mona Lisa mit einem Schnurrbart versah. Gupta führt dieses Spiel fort indem er die ikonische Figur in sein eigenes Materialsystem überführt und sie so für den indischen Kontext reklamiert. Damit stellt er die Frage nach der Vorherrschaft westlicher Kunstvorstellungen und beweist gleichzeitig seinen eigenen Platz in der Geschichte der Moderne. Er zeigt dass er die Regeln des Spiels beherrscht und dass er bereit ist die Heiligtümer der Kunstwelt mit einem Augenzwinkern zu dekonstruieren — eine Haltung die auch Maurizio Cattelan und Takashi Murakami auf je eigene Weise pflegen. In San Gimignano wurden ebenfalls zwei seiner Werke im öffentlichen Raum aufgestellt die zeigen wie harmonisch sich seine Edelstahlskulpturen in historische europäische Stadtlandschaften einfügen können. Seine Kunst ist ein permanenter Grenzgänger zwischen den Kulturen der uns zeigt dass die Themen Hunger und Sehnsucht sowie Gier und Spiritualität keine geografischen Grenzen kennen.

Sozioökonomische Verwandlung und der Spiegel der Gesellschaft

Im Kern geht es in der Kunst von Subodh Gupta immer um die Darstellung der sozioökonomischen Veränderungen die sein Heimatland in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat. Er ist der Maler und Bildhauer einer Gesellschaft die sich in einem rasanten Tempo von einer ländlich geprägten Struktur zu einer industriellen und digitalen Großmacht entwickelt hat. Gupta dokumentiert diesen Prozess indem er die Alltagsgegenstände als Zeugen dieser Verwandlung nutzt. Wenn er ein Fahrrad oder einen Motorroller mit aufgetürmten Milchkannen aus Edelstahl darstellt dann erzählt er die Geschichte der Migration vom Dorf in die Stadt und des mühsamen Aufstiegs der einfachen Arbeiter. Er macht die Widersprüche der indischen Gesellschaft sichtbar in der modernste Technologie und archaische Rituale oft unmittelbar nebeneinander existieren. Seine raumgreifenden Skulpturen sind Monumente für jene Menschen die in den Statistiken der Ökonomen oft nur als Zahlen auftauchen. Er gibt dem indischen Alltag ein Gesicht und eine Stimme die im globalen Chor der Kunstwelt nicht mehr überhört werden kann. Gupta bleibt dabei stets ein Beobachter der die ökonomische Verwandlung nicht nur feiert sondern sie auch kritisch hinterfragt. Er zeigt uns den Glanz der Fassaden aber auch die Hohlheit die manchmal dahinter verborgen liegt.

Ein Vermächtnis des Glanzes und der Bodenständigkeit

Heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig gilt Subodh Gupta als einer der erfolgreichsten und bedeutendsten indischen Künstler der Geschichte. Sein Werk hat den Weg für eine ganze Generation von Künstlern aus dem globalen Süden geebnet die nun mit neuem Selbstbewusstsein ihre eigenen Geschichten erzählen. Dass er seinen Erfolg zu Lebzeiten genießen kann und dennoch die Bodenhaftung nicht verloren hat ist ein Beweis für seine Integrität. Er arbeitet weiterhin unermüdlich in seinem Studio in Neu-Delhi und forscht nach neuen Wegen um die Komplexität der Welt in Formen zu fassen. Sein Vermächtnis liegt in der Erkenntnis dass Kunst dort am stärksten ist wo sie ehrlich ist und wo sie die Materialien nutzt die wir täglich in den Händen halten. Gupta hat uns gelehrt dass ein einfacher Kochtopf mehr über die Menschheit erzählen kann als viele dicke Bücher. Er bleibt der Alchemist des Edelstahls der uns durch den Glanz seiner Werke dazu einlädt die Tiefe unserer eigenen Existenz zu erkunden. In einer Zeit der flüchtigen digitalen Bilder bieten seine massiven und physisch präsenten Skulpturen einen Ort der Beständigkeit und der intensiven Auseinandersetzung. Er ist und bleibt der Meister der Verwandlung der uns zeigt dass die Welt ein Universum voller Wunder ist wenn man nur bereit ist den Glanz im Alltäglichen zu entdecken.

Mehr Informationen unter: https://naturemorte.com/artists/subodhgupta/

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen aus allen Bereichen modernen Schaffens — von Mainichi — Alltagswelt in Japan bis Cataclysmic Change.