Wer Cecilia Alemani heute beobachtet sieht eine Frau die nicht bloß Ausstellungen organisiert sondern ganze Denkräume entwirft in denen die Wirklichkeit für einen Moment lang den Atem anhält. Geboren im Jahr 1977 in der pulsierenden norditalienischen Metropole Mailand trägt sie die philosophische Schwere ihrer Heimatstadt in die glitzernde Nervosität von New York wo sie heute ihren Lebensmittelpunkt gefunden hat. Es ist eine faszinierende Konstellation der Macht und der Intellektualität die sie mit ihrem Lebensgefährten dem Kunstkritiker und Kurator Massimiliano Gioni bildet mit dem sie seit dem Jahr 2011 liiert ist und einen gemeinsamen Sohn großzieht. Doch Alemani ist weit mehr als Teil eines kuratorischen Powerpaares; sie ist eine Phenomänologin des Raumes die den Mut besitzt das Unvorhersehbare zum Prinzip ihrer Arbeit zu machen. Ihr Weg begann an der Universität von Mailand wo sie ihren Bachelor in Philosophie abschloss eine Ausbildung die man in jeder ihrer kuratorischen Gesten spüren kann. Sie betrachtet die Kunst nicht als dekoratives Beiwerk sondern als ein erkenntnistheoretisches Werkzeug um die Welt in ihrer ganzen Brüchigkeit zu begreifen. Dieser akademische Grundstein wurde am Bard College in New York verfeinert wo sie ihren Master in Curatorial Studies erwarb und damit die Brücke zwischen der europäischen Denktradition und der amerikanischen Experimentierfreude schlug.
Die Verwandlung des öffentlichen Raumes durch die High Line
In den Jahren 2009 bis 2010 fungierte sie als kuratorische Direktorin der X Initiative in New York einer Organisation die so flüchtig wie radikal war. In diesem einjährigen Experiment lernte Alemani dass die Kunst dort am stärksten wirkt wo sie sich den institutionellen Zwängen entzieht. Diese Erfahrung brachte sie im Jahr 2011 zum High Line Art Programm dessen Leiterin sie bis heute ist. Auf der High Line einer ehemaligen Güterzugtrasse die sich wie ein grünes Band durch Manhattan zieht hat sie eine Expertise entwickelt die weltweit ihresgleichen sucht. Es geht hier um die Produktion und die Auftragsvergabe von Kunstwerken für Orte die niemals für die Kunst vorgesehen waren. Alemani nutzt diesen hybriden Raum um Gruppenausstellungen mit jungen aufstrebenden Künstlern wie Firelei Báez oder Max Hooper Schneider sowie Jon Rafman und Andra Ursuta zu organisieren. Wo Hans Ulrich Obrist das Kuratieren als enzyklopädischen Marathon betreibt und in seinen Gesprächen die gesamte Kunstgeschichte zu katalogisieren sucht arbeitet Alemani mit der konzentrierten Geste des ortsspezifischen Eingriffs und verwandelt einen einzigen Ort in ein philosophisches Laboratorium. Sie zeigt uns dass Kunst im öffentlichen Raum keine plumpe Dekoration sein muss sondern eine subtile Intervention die den Passanten dazu zwingt die Stadt mit anderen Augen zu sehen. Ein besonderer Höhepunkt dieser Arbeit ist das High Line Plinth das mit der monumentalen Skulptur von Simone Leigh eröffnet wurde einer Arbeit die die schwarze Weiblichkeit mit einer Wucht in den Stadtraum stellte die man kaum in Worte fassen kann.
Il Mondo Magico und die Wiederkehr des Verzauberten
Im Jahr 2017 übernahm Cecilia Alemani die Leitung des italienischen Pavillons auf der 57. Internationalen Kunstausstellung der Biennale in Venedig. Unter dem Titel Il Mondo Magico schuf sie eine Atmosphäre die tief in die Mythen und Fabeln eintauchte ohne dabei in billigen Kitsch zu verfallen. Sie präsentierte dort Arbeiten von Roberto Cuoghi und Giorgio Andreotta Calò sowie Adelita Husni Bey die jeweils auf ihre ganz eigene Art Fantasiewelten erschufen die zwischen Magie und existenzieller Notwendigkeit schwankten. Es war eine Schau die uns daran erinnerte dass die Ratio allein nicht ausreicht um die Komplexität unserer Existenz zu erklären. In den Jahren von 2012 bis 2017 kuratierte sie zudem die Frieze Projects jene Plattform der Frieze Art Fair die sich der Wiederherstellung geschichtlicher Ausstellungen und der Produktion aktueller Werke widmete. Alemani beweist hier ihre Fähigkeit zwischen den Zeiten zu wandern und die Vergangenheit so zu inszenieren dass sie für unsere Gegenwart brennend aktuell wird. Sie ist eine Archivarin der Träume die weiß dass jede neue Idee immer auch ein Echo einer alten Sehnsucht ist.
The Milk of Dreams und das Prisma der Vorstellungskraft
Der absolute Höhepunkt ihres bisherigen Schaffens war zweifellos die künstlerische Leitung der 59. Biennale in Venedig im Jahr 2022. Unter dem Titel The Milk of Dreams entwarf sie eine Ausstellung die auf dem gleichnamigen Buch der surrealistischen Autorin Leonora Carrington basierte. In diesem Werk wird eine Welt beschrieben in der das Dasein durch ein Prisma der Vorstellungskraft stets neu erfunden wird. Alemani gelang es eine Schau zu organisieren die den Menschen nicht mehr als das Maß aller Dinge betrachtete sondern als Teil eines viel größeren Geflechts aus Technologie und Natur sowie Mythos und Realität. Auch Gabi Ngcobo hat als Kuratorin der Berlin Biennale 2018 die westliche Perspektive radikal dezenriert und mit ihrem Konzept des Zusammenwirkens Stimmen aus dem Globalen Süden ins Zentrum gerückt doch während Ngcobo den institutionellen Rahmen der Biennale selbst in Frage stellte nutzte Alemani die Struktur der Biennale von Venedig als Bühne für eine poetische Neuerzählung in der Künstlerinnen wie Yayoi Kusama und Simone Leigh zu Schlüsselfiguren einer nicht mehr anthropozentrischen Weltanschauung wurden. In einer Zeit der globalen Krisen bot diese Biennale eine Vision der Verwandlung und der Hoffnung die weit über das Jahr 2022 hinausreichte. Sie stellte Fragen nach der Definition des Menschlichen und nach unserer Verantwortung gegenüber dem Planeten ohne dabei belehrend zu wirken. Es war eine Ausstellung der Zärtlichkeit und der radikalen Offenheit die bewies dass Cecilia Alemani die Gabe besitzt den Zeitgeist nicht nur zu spüren sondern ihn aktiv zu gestalten.
Die Unabhängigkeit als ästhetisches Prinzip
Neben ihren großen institutionellen Rollen hat sich Alemani immer eine Form der unabhängigen Beweglichkeit bewahrt. Als Mitbegründerin von No Soul For Sale einem Festival unabhängiger Organisationen zeigte sie dass die Kunstwelt auf die Energie derer angewiesen ist die sich nicht korrumpieren lassen. Ihre kuratorische Tätigkeit für Museen wie das Whitney Museum in New York oder Galerien wie Gió Marconi in Mailand zeugt von einer Vielseitigkeit die keine Genregrenzen kennt. Im Jahr 2018 wurde sie zudem künstlerische Leiterin der ersten Ausgabe von Art Basel Cities in Buenos Aires wo sie das kulturelle Ökosystem der Stadt zelebrierte und internationale Partnerschaften knüpfte die bis heute im Jahr 2026 nachwirken. Für die Art Basel 2019 beauftragte sie den Künstler Alexandra Pirici der mit 60 Performern den Messeplatz in einen Ort der fließenden Bewegungen und musikalischen Klänge verwandelte. Alemani versteht es die Kunst dorthin zu bringen wo die Menschen sind und sie nutzt die Macht der Institutionen um Räume der Freiheit zu schaffen.
Eine Kuratorin der leisen Töne und der großen Wirkungen
Cecilia Alemani ist eine Frau die das Schweigen in der Kunst ebenso schätzt wie das laute Spektakel. Ihre Arbeit ist geprägt von einer tiefen Empathie für die zeitgenössischen Künstler und einer unerschütterlichen Loyalität gegenüber der ästhetischen Qualität. Sie hat gezeigt dass man eine der mächtigsten Positionen der Kunstwelt innehaben kann ohne die eigene Integrität zu verlieren. In ihrer Phoenixhaftigkeit erfindet sie sich und ihre Projekte immer wieder neu und bleibt dabei stets der Überzeugung treu dass die Einbildungskraft das stärkste Werkzeug ist das wir besitzen. Wer heute im Jahr 2026 auf ihr Werk blickt sieht eine Chronistin unserer Zeit die uns lehrt dass die wahre Magie darin liegt die Welt nicht so zu sehen wie sie ist sondern so wie sie sein könnte. Sie bleibt die Hüterin der Träume die uns auffordert durch das Prisma der Vorstellungskraft zu blicken um die Schönheit in den Ruinen der Gegenwart zu finden.
Mehr Informationen unter: https://www.ceciliaalemani.com
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die wichtigsten Kuratoren und Museumsdirektoren der Gegenwart vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin, wie kuratorische Visionen Räume der Begegnung schaffen können.
