Massimiliano Gioni - einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit

Massimiliano Gioni und die Neudefinition des Enzyklopädischen im globalen Kunstsystem

Wenn man heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf die kartografische Entwicklung der zeitgenössischen Kunst blickt wird deutlich dass kaum ein Akteur die Strukturen des Kuratierens so nachhaltig geprägt hat wie Massimiliano Gioni. Der eintausendneunhundertdreiundsiebzig in Busto Arsizio geborene Italiener verkörpert jenen Typus des intellektuellen Weltbürgers der die Brücke zwischen der europäischen Tradition und der Dynamik des nordamerikanischen Kunstmarktes mit spielerischer Leichtigkeit schlägt. Gioni ist weit mehr als nur ein Organisator von Ausstellungen; er ist ein Geschichtenerzähler und ein Archivar der Träume der es versteht die verborgenen Strömungen unserer Kultur sichtbar zu machen. Sein Lebensmittelpunkt in New York City dient ihm dabei als strategische Basis von der aus er die Fäden eines globalen Netzwerks zieht das von Mailand bis Berlin und von Venedig bis Bozen reicht. In einer Branche die oft von schnellen Trends und oberflächlichem Spektakel dominiert wird setzt Gioni auf eine tiefe Recherche und eine fast schon obsessive Beschäftigung mit dem Material. Er gilt als absoluter Überflieger was nicht zuletzt an seiner beeindruckenden Karrieregeschwindigkeit liegt die ihn bereits in jungen Jahren an die Spitze der bedeutendsten Institutionen führte. Dabei ist er sich stets treu geblieben und bewahrt sich bis heute jene Neugier eines Entdeckers die ihn bereits als Kind auszeichnete.

Der Weg des Mailänder Wunderkindes von der Kritik zur Weltbühne

Die Initialzündung für diese beispiellose Laufbahn fand bereits in der frühen Jugend statt als der erst dreizehnjährige Gioni ein Buch über Pop Art in die Hände bekam. Diese Begegnung mit der radikalen Bildsprache eines Andy Warhol oder Roy Lichtenstein war für ihn ein Erweckungserlebnis das seinen Lebensweg determinierte. Während andere Jugendliche sich für Sport oder Musik begeisterten beschloss Gioni Kunstkritiker zu werden um die Mechanismen der visuellen Verführung zu verstehen und zu kommentieren. Er verfolgte diesen Traum mit einer für sein Alter ungewöhnlichen Konsequenz. Sein akademischer Weg und sein unbändiger Wissenshunger führten ihn schließlich im Jahr zweitausend nach New York wo er zum Herausgeber des renommierten Magazins Flash Art ernannt wurde. Diese Position im Zentrum des globalen Kunstdiskurses erlaubte es ihm seine theoretischen Ansätze zu schärfen und sich als scharfsinniger Beobachter der Szene zu etablieren. Er schrieb nicht nur für Flash Art sondern bereicherte auch Zeitschriften wie Parkett oder Domus mit seinen Analysen. Doch das reine Schreiben über Kunst genügte seinem Gestaltungswillen bald nicht mehr. Er wollte die Bilder nicht nur beschreiben sondern sie im Raum arrangieren um neue Bedeutungszusammenhänge zu stiften. Dieser Übergang vom Kritiker zum Kurator vollzog sich organisch und mit einer Brillanz die die Fachwelt in Erstaunen versetzte.

Die Nicola Trussardi Stiftung und die Kunst der nomadischen Präsenz

Ein wesentlicher Pfeiler seines Erfolgs ist seine langjährige Tätigkeit für die Nicola Trussardi Stiftung in Mailand bei der er seit dem Jahr zweitausenddrei als Kurator wirkt. Gemeinsam mit der Stiftungspräsidentin Beatrice Trussardi entwickelte er ein Modell das in der Kunstwelt als revolutionär gilt: das Museum ohne festen Standort. Anstatt Unsummen in den Bau und den Unterhalt eines statischen Gebäudes zu investieren nutzt die Stiftung die gesamte Stadt Mailand als Spielfläche. Gioni besetzt mit seinen Projekten vergessene Paläste ehemalige Kinos oder öffentliche Plätze und schafft so eine unmittelbare Begegnung zwischen der zeitgenössischen Kunst und der historischen Architektur. Diese nomadische Strategie erlaubt eine maximale Flexibilität und eine ortsspezifische Relevanz die in klassischen Institutionen oft verloren geht. Durch diese Arbeit hat Gioni bewiesen dass die Kraft der Kunst nicht an Mauern gebunden ist sondern an die Intensität der Intervention. Er brachte Weltstars wie Maurizio Cattelan oder Paul McCarthy in Kontexte die ihre Werke völlig neu aufluden. Diese Projekte in Mailand waren sein Laboratorium in dem er lernte wie man große Narrative im öffentlichen Raum inszeniert ohne dabei die intellektuelle Integrität zu opfern. Die Nicola Trussardi Stiftung wurde unter seiner Leitung zu einem Leuchtturm der Innovation der zeigt wie private Förderung und städtische Identität produktiv verschmelzen können.

Der Palast der Träume und die historische Zäsur in Venedig

Das Jahr zweitausenddreizehn markierte den endgültigen Aufstieg von Massimiliano Gioni in den Olymp der Kunstwelt. Er wurde zum Direktor der fünfundfünfzigsten Biennale von Venedig ernannt und war damit der jüngste Kurator der jemals diese monströse Aufgabe übernahm. Sein Konzept für die Hauptausstellung trug den Titel Il Palazzo Enciclopedico was übersetzt Der Enzyklopädische Palast bedeutet. Inspiriert wurde er durch den italienisch amerikanischen Autodidakten Marino Auriti der in den fünfziger Jahren ein Patent für ein fiktives Museum anmeldete das alles Wissen der Menschheit beherbergen sollte. Gioni nahm diese größenwahnsinnige Idee als Ausgangspunkt um über das menschliche Bedürfnis nach Ordnung und Erkenntnis nachzudenken. Er präsentierte eine Schau die die Grenzen zwischen professioneller Kunst und Außenseiterkunst zwischen wissenschaftlicher Dokumentation und spiritueller Vision radikal auflöste. Die Verantwortung für dieses Ensemble beschrieb er selbst als eine extreme Belastung die ihn eher mit Furcht als mit Stolz erfüllte. Dennoch meisterte er diese Herausforderung mit einer Souveränität die ihm weltweites Lob einbrachte. Er integrierte das Rote Buch von Carl Gustav Jung ebenso wie die Zeichnungen von Hilma af Klint und schuf so einen Parcours der die Besucher auf eine Reise durch das kollektive Unbewusste mitnahm. Diese Biennale ging als eine der bedeutendsten in die Geschichtsbücher ein da sie den Kanon der zeitgenössischen Kunst mutig erweiterte und die Neugier des Staunens zurück in die Lagunenstadt brachte.

Das New Museum und die visionäre Rolle der künstlerischen Direktion

Parallel zu seinen internationalen Projekten hat Massimiliano Gioni seine Position in New York City kontinuierlich ausgebaut. Als künstlerischer Direktor des New Museum of Contemporary Art hat er die Institution durch eine Phase des rasanten Wachstums und der globalen Vernetzung geführt. Er war maßgeblich an Ausstellungen beteiligt die heute als wegweisend gelten wie etwa After Nature im Jahr zweitausendacht oder The Keeper im Jahr zweitausendsechzehn. Im New Museum setzt er seine Untersuchung über das Sammeln das Bewahren und das Erzählen fort. Er nutzt die vertikale Architektur des Gebäudes in der Bowery um komplexe Themen in verschiedenen Kapiteln zu entfalten. Seine Arbeit dort zeichnet sich durch ein tiefes Verständnis für die New Yorker Kunstszene aus kombiniert mit einem untrüglichen Gespür für internationale Talente die er oft als Erster einem breiten Publikum vorstellt. Gioni begreift das New Museum als einen Ort der Reibung und der Entdeckung an dem die Kunst nicht nur präsentiert sondern in ihrer gesellschaftlichen Relevanz ständig neu verhandelt wird. Er hat es geschafft das Museum als eine unverzichtbare Stimme im Chor der großen New Yorker Häuser zu positionieren wobei er stets eine gewisse Unabhängigkeit und einen Mut zum Experiment bewahrt hat. Seine doppelte Perspektive als Europäer in Amerika erlaubt es ihm Trends frühzeitig zu erkennen und sie in einen historisch fundierten Kontext zu stellen.

Die verborgene Mutter und die literarische Dimension der Kunstkritik

Trotz seiner Erfolge als Kurator ist Massimiliano Gioni im Herzen immer auch ein schreibender Kritiker geblieben. Sein literarisches Werk ist eine wesentliche Ergänzung zu seinen Ausstellungen da es die theoretischen Fundamente seines Denkens offenlegt. In Büchern wie The Hidden Mother aus dem Jahr zweitausenddreizehn geht er der Frage nach wie Bilder entstehen und welche emotionalen oder psychologischen Kräfte hinter der Produktion von Kunst stehen. Er interessiert sich für die Ursprünge der Kreativität und für jene Momente in denen das Private zum Universellen wird. Ein weiteres bedeutendes Werk ist Good Dreams Bad Dreams American Mythologies aus dem Jahr zweitausendsiebzehn in dem er sich mit der Konstruktion nationaler Mythen und der dunklen Seite des amerikanischen Traums auseinandersetzt. Gioni schreibt mit einer Klarheit und einer Leidenschaft die verrät dass er die Kunst nicht als ein abstraktes System sondern als eine existenzielle Notwendigkeit begreift. Seine Texte zeichnen sich durch eine enorme Belesenheit aus wobei er mühelos Bezüge zur Literatur zur Philosophie und zur Populärkultur herstellt. Für ihn ist die Sprache ein Werkzeug um die Komplexität der visuellen Welt zu bändigen ohne sie ihrer Rätselhaftigkeit zu berauben. Dieses schriftstellerische Engagement zeigt dass er den Dialog mit der Öffentlichkeit ernst nimmt und dass er bereit ist seine kuratorischen Entscheidungen theoretisch zu untermauern.

Kooperationen und die Förderung der künstlerischen Infrastruktur

Massimiliano Gionis Einfluss erstreckt sich auch auf innovative Modelle der Kunstförderung und der künstlerischen Selbstorganisation. Er arbeitet unter anderem beim Artist Pension Trust in Berlin einer Initiative die Künstlern eine finanzielle Absicherung durch den Aufbau eines gemeinsamen Kunstpools ermöglicht. Dieses Engagement zeigt sein Interesse an der Verbesserung der Lebensbedingungen von Kulturschaffenden jenseits des reinen Ausstellungsbetriebs. Zudem ist er Mitglied im künstlerischen Beirat des Museion in Bozen wo er seine Expertise für die grenzüberschreitende Kunstvermittlung einbringt. Gioni ist ein Netzwerker der die Bedeutung von Institutionen und Infrastrukturen für die Entwicklung der Kunst genau kennt. Er ist kein isolierter Kurator sondern ein Teamplayer der oft mit langjährigen Partnern wie Maurizio Cattelan oder Ali Subotnick zusammenarbeitet. Berühmt wurde etwa die Wrong Gallery ein winziger Ausstellungsraum in New York der niemals geöffnet war und dennoch internationale Aufmerksamkeit erregte. Solche humorvollen und zugleich tiefgründigen Projekte zeigen seine Fähigkeit die Regeln des Kunstmarktes zu parodieren während er gleichzeitig in dessen Zentrum agiert. Diese Vielseitigkeit macht ihn zu einem Berater der weltweit geschätzt wird wenn es darum geht Museen für die Herausforderungen der Zukunft fit zu machen.

Das Vermächtnis des Überfliegers und die Zukunft des globalen Dialogs

Zusammenfassend lässt sich festhalten dass Massimiliano Gioni die Rolle des Kurators im einundzwanzigsten Jahrhundert neu definiert hat. Er hat bewiesen dass man durch eine Kombination aus intellektueller Strenge emotionaler Intelligenz und einem Sinn für das Wunderbare die Welt der Kunst verändern kann. Er ist ein Brückenbauer der keine Angst vor der Komplexität hat und der den Mut besitzt auch jene Stimmen zu hören die am Rande des etablierten Systems stehen. Sein Wirken in New York Mailand und Venedig hat Maßstäbe gesetzt die noch lange nachhallen werden. Gioni erinnert uns daran dass die Kunst der Ort ist an dem wir unsere tiefsten Ängste und unsere kühnsten Träume verhandeln können. Er nutzt seine Macht nicht zur Ausgrenzung sondern zur Öffnung von Räumen der Erkenntnis. In einer Welt die zunehmend von Algorithmen und binären Logiken bestimmt wird setzt er auf die Unvorhersehbarkeit des Menschlichen und auf die Kraft der enzyklopädischen Neugier. Sein Weg ist noch lange nicht zu Ende und die Kunstwelt wartet gespannt darauf welche neuen Narrative er in den kommenden Jahren entwerfen wird. Massimiliano Gioni bleibt das Wunderkind das erwachsen geworden ist ohne das Staunen zu verlieren. Er ist der Architekt einer Bildwelt die uns hilft uns selbst in der Unendlichkeit der Informationen wiederzufinden.

Seine Bedeutung liegt nicht zuletzt darin dass er das Kuratieren als eine Form der freien Forschung begreift die sich nicht den Gesetzen des Marktes unterwerfen darf. Er hat gezeigt dass man im Zentrum der Macht stehen kann ohne seine Seele an den Kommerz zu verkaufen. Seine Ausstellungen sind Plädoyers für die Freiheit des Geistes und für die Schönheit des Unvollkommenen. Wenn er über die Furcht vor der Verantwortung spricht dann ist dies Ausdruck einer tiefen Demut gegenüber der Aufgabe die Kunst in die Gesellschaft zu tragen. Massimiliano Gioni hat der Welt gezeigt dass ein einzelner Mensch mit einer klaren Vision und einem unbändigen Willen die Art und Weise verändern kann wie wir die Realität wahrnehmen. Er bleibt der rastlose Forscher der uns daran erinnert dass hinter jedem Bild eine Mutter verborgen liegt und dass jeder Traum es verdient erzählt zu werden. Wir dürfen gespannt sein welche Paläste er als nächstes für uns errichten wird.

Mehr Informationen unter: https://en.wikipedia.org/wiki/Massimiliano_Gioni

Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.